24

von Cedric Weidmann

Es soll Menschen geben, die an ihrem Geburtstag gestorben sind, geschieden wurden, einen lebensgefährlichen Infekt an ihrer Party entdeckt haben und sich dann die Hand amputieren lassen mussten. Andere Menschen soll es geben, die ihre Geburtstage einfach geniessen. Obwohl das eine das andere ja nicht zwingend ausschliesst. Es gibt auch Menschen, die ihre Geburtstage vergessen. Es sind dies fast immer Figuren aus Büchern, wie Nick Carraway oder Harry Potter. Wenn man an seinem Geburtstag früh aufsteht, wird man mit einem Sonnenaufgang belohnt, sofern das Wetter nicht schlecht ist. Wenn man früh schlafen geht, hat man sich die Unwichtigkeit eines einzelnen Tages und den eigenen entspannten Umgang mit dem Alter bewiesen. Manche lesen an ihrem Geburtstag ein Buch, vielleicht weil sie es geschenkt bekommen haben und es aus Höflichkeit anfangen. Es gibt viel Streit an Geburtstagen und Tränen fliessen überdurchschnittlich viel. Aber eigentlich sind Geburtstage etwas Schönes. Das darf man nicht vergessen, und wenn man darüber oder über etwas Misslungenes an diesem Tag weint, hat man über etwas Schönes geweint. Vielleicht auch nur deshalb, weil man nicht damit einverstanden ist, dass die Gesellschaft gerade dieses für schön halten will oder weil das Schöne in der Erwartung, die es mit sich bringt, immer alles vernichtet, was auf Gefühle, Wohlwollen und abgemessene Feinfühligkeit angewiesen ist. Das Schöne ist, wie Geburtstage, ziemlich stur und ohne viel Humor.
Man kann an einem Geburtstag oft Geschenke auspacken, wofür man, wenn man denn kann, sehr dankbar sein sollte, und um der Verlegenheit anderer Menschen aus dem Weg zu gehen, packt man sie lieber zu Hause aus, aber nur weil einem an diesem Tag alles irgendwie selbst in Verlegenheit bringt. Man wacht schon geziert auf und drückt die rot angelaufenen Wangen ein wenig ins Kissen, bevor man aus Scham, es noch schlimmer zu machen, doch endlich aufsteht. Geburtstage sind überaus peinlich und weil man den Umgang mit peinlichen Situationen, peinlichen Menschen und peinlichen Bemerkungen, die jemandem herausgerutscht sind, besser geübt ist als den Umgang mit peinlichen Tagen, ist die Fahrigkeit, mit der wir uns rasieren und mit der wir bereits durch den Korridor schielen, als wäre er an diesem Tag ein anderer, besonders ausgeprägt und selbst schon wieder irgendwie peinlich.
Es soll auch Menschen geben, denen Geburtstage nicht peinlich sind, zum Beispiel, weil bei ihnen doch alles perfekt läuft, sie von morgens bis abends ein Lächeln auf dem Gesicht haben, in Überraschungsparties stolpern, an denen sie mit alten Freunden endlich wieder Witze machen können, den besten Kuchen aller Zeiten essen und abends in den Armen ihrer Liebsten einschlafen. Aber diesen Menschen ist überhaupt nichts peinlich. Und die meisten würden zumindest irgendwann dazwischen, wenn sie gerade auf der Toilette sitzen, wegen des ganzen Kitsches und darüber, wie sehr alles gelungen ist, das Gesicht verzerren, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Dagegen lässt sich nichts machen.
Wenn man zum Beispiel 24 wird, dann ist das schon ziemlich peinlich, man möchte gerne wegsehen, 23 ist jetzt auch nicht viel besser, 38 erst recht nicht, aber irgendwie wäre es einem doch im Moment lieber, ausgerechnet der 24. scheint sich gerade so wichtig zu nehmen und aufzudrängen. Aber, bewahre!, man werde darauf nicht angesprochen. Das wäre so, als hätte man sich im Chemieunterricht eine Augenbraue versehentlich blau gefärbt und alle täten, als würde es ihnen nicht auffallen. Manche Menschen schämen sich so sehr vor dem Schämen, dass sie lieber an ihrem Geburtstag sterben würden, als aufzuwachen. Aber die trifft es meistens einen Tag oder zwei später, und das ist auch ganz richtig so, denn wenn sie in der Arztpraxis stünden und jemand ihre Identitätskarte verlangte; wenn die Angehörigen den Totenschein und später den Grabstein ausstellen müssten; wenn sie die Krankenkassenkarte für den Infekt an ihrer Hand zücken müssten; würde wieder eine Stimme, vielleicht die der Frau an der Rezeption oder die des Assistenzarztes, das Geburtsdatum vorlesen oder zumindest murmeln und sie wüssten dann nicht einmal wohin schauen, weil alle Umstehenden schon zu den unverfänglichen Stellen des Zimmer schauen aus lauter Beschämung. Da würde man den Geburtstag doch lieber vergessen, aber man ist ja nicht aus einem Buch. Niemand ist aus einem Buch. Ausserdem sind Geburtstage in Büchern schon sehr traurig. Da sind mir meine doch etwas lieber.