Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: alien

Georg Klein

Erst jetzt, als er mit einem ärgerlichen Schnauben auf die alte Bank gesunken ist, spürt Peter in seiner linken, seit langem dem gerade nicht Verstaubarem anheimgegebenen Hosentasche das Pieksen. Unmöglich, so weiss ich jetzt, und das bräuchte mein säuselnder Spitzmund keinem sagen, der sich bereits auf die eine oder andere Weise mit stechenden Hosentaschen abzuquälen hatte, unmöglich handelt es sich dabei um eine gewöhnliche Quittung oder das Knautschpapier eines Kaugummis. Peter lüpft den Schenkel einige Zentimeter. Es verschiebt sich im Textilinneren und entlastet die Druckstelle auf Kosten einer weit empfindlicheren. Endlich, zögerlich und schuldbewusst, als würde er einem anderen die Überraschung verderben können, langt er hinein und ich schiele ihm über die Schultern, bis mein Schnäuzchen seinen Hals kitzelt. Es muss diesmal besonders quälend sein, dass es ein Niedersinken abverlangt. Aber noch ist er nicht so weit! Das Hervorzubringende ruht zwischen den Fingerbeeren, sie ertasten ein Kantiges, Dünnes. Zweimal rutscht es ihm aus dem Griff und die Finger zappeln ohne Beute ans Tageslicht. Erst ein Hinaufschieben von der Aussenseite, ein Hochdrücken des Jeansstoffs und das schliessliche Herauszwicken mit Zeigefinger und Daumen bringen den Eindringling hervor. Eibein Stibift! In der ausgepolsterten Kindersprache ruft Anja, mit adlerscharfen Augen von weitem das zum Vorschein Kommende erkennend, den Sommer voll. Peter hält ihr den Kugelschreiber verwundert entgegen, das linke Lid gepresst, so dass aus ihrem Gesicht ein grosser Metallzahn zu wachsen scheint.
Ich lächle einfach mit. Ich lächle wie der Unbekannte über uns, der den Sommergeruch der Wiesen auf sich trägt. So kommt’s manchmal plötzlich. Der Kugelschreiber ist kein gewöhnlicher, denn er, wer sonst, hat das Raumschiff gerufen. Anjas Haare wehen, Peters Hand lässt den nach oben gerichteten Stift nicht los, als es brummt und tuckert über ihnen. Es ist ankündigungslos still geworden in der Landschaft, bis auf das Maschinendröhnen. Mein Schnäuzchen weht im Druck der Düsen, warum nicht, es ist ein starker Wind. So stark, dass ein Kastanienblatt schnell von einem dünnen Ast des Parks geweht, durch die Luft gewirbelt wird und an verschiedenen Orten landet. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Peter Derartiges am eigenen Leibe erfahren muss, aber es ist das erste Mal, dass es ihn soviel kostet. Gerade bereit, seinen Fund wieder einzustecken, bevor ihn die Ablenkung von oben unachtsam werden lässt, steuert die Flugkurve des Blatts auf das rechte Auge zu. Aus heiterem Himmel!
Anja hat mit ihren dünnen Händen schon Flinkeres angestellt und verknäueltere Knoten gelöst, und doch ist beachtlich, wie behände sie dem Blindgewordenen seinen Fund aus den Fingern rupft und wie eiswürfelkalt sie dem Raumschiff den Rücken zugewandt hält, wie stolz sie noch ist, den Kugelschreiber ihrer Jugendtage wiederzufinden, selbst als dafür und für die Freude darüber nicht mehr viel Zeit ist. Die Tintenfarbe eines anderen hat ihr selbst für ein messerdünnes Krakeln nie ausgereicht und das Tagebuch lag seinen Rücken, bäuchlings an der Stelle, an der sie zuletzt mit dem bereits fast leergemelkten Stift noch einige Worte eingekerbt hatte, zehn Jahre oder mehr wund. Hier, als sie schon im Himmel davonzuckelte, lächelt sie. Sie triumphiert, mit dem Stift ausgestreckt und dem hochklappenden Rock. Das aufgebrachte Antlitz von Peter erhält nun eine sehr lange, kantigdünne, metallische Nase, die anschwillt wie gestossen. Winken kann sie noch genug, aber sie tut es nicht, sondern hebt die Hand mit ausgestreckter Handfläche zu einem alten, noch nicht verwundenem Gruss, der wie eine Schwanzsteuer die Richtung in den Platinbauch des Fluggeräts lenkt. Peters Hose, die traurig von seinen Hüften hängt, ist schon viel bequemer. Ich lächle einfach mit.


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Peter Weiss

Ich sah Peter auf dem Balkon, wie er sich mit der rechten grobgeäderten, schwieligen Hand, um nach unten zu schielen, indem er sich auf die Zehenspitzen stellte, die unter ihm körnig knackten, auf dem kalten Geländer aufstützte und mit dem anderen Arm, zum Ellbogen eingeklappt, der unter dem bis zum ersten Ausdehnen des Bizeps aufgerollten Hemdärmel faltig und knittrig hervorknisterte, einen Ort zum Aufstützen suchte, keinen Halt für den Knorpel fand. Er stellte die Beine etwas zurück und legte schliesslich den Oberarm statt des Ellbogens auf das Geländer, um seine rechte Wange in die Faust zu stemmen. Neben ihm stand Anja, die, die Hand auf seinem Rücken, sich links, indem sie die Achse der Schultern, während die Beine entgegenstrebend verankert sind, fast in den rechten Winkel zum Zimmer drehte, und dessen Inneres durch die geöffnete Tür betrachtete. Im sähmigen Schimmer des Abendlichts leuchteten ein Couchtisch, ein knisterndes Sofa, eine Leselampe, ein Wandschrank, ein staubiges Brettspiel und gebeiztes Parkett auf. Sie bewegte ihren Mund, und ihre Mundwinkel, die von Natur aus nach unten fallen möchten, wurden in den Worten, die sie schusterte, nach oben gezwungen und ich vermeinte durch die deutliche, aber stumme Lippenbewegungen ihr Gesagtes vernehmen zu können. Oben, selten gesehen, vielleicht eine Wolke, schnell mal, ich dir sagen, vielleicht was anderes, viel zu gross. Und Peters Maul, das, nach unten zur Strasse gewandt, sich verzog und nur wenig für mich Verständliches hervorbrachte; daran glaube ich nicht, auch Vögel, verspreche ich dir, die Baustelle.
Nachdem sich Anja mit ausgestreckten Armen gewehrt hatte, nachdem sie nach dem Geländer gegriffen hatte, nachdem sie nach oben gezogen worden, nachdem das Raumschiff über ihnen erschienen war, begann sie zu rufen, strampelte sie, schlug sie die Handgelenke gegen den Stahl, verschwand sie im Bauch des Schiffs. Peter schwenkte die Arme in der Luft, äusserte einen gellen Schrei und einen matten zweiten und klemmte den Schuh unter das Geländer, um nicht hinunterzufallen, während sein Blick unnachgiebig an den Hausmauern vorbei nach oben auf die Scharniere, Düsen, Kühlerrohre, vergilbten Fluglichter, auf die kleinen Lüftungsklappen unter stählernen Verriegelungen zielte.
Peter zog die Beine wieder nach vorne, reihte sie nebeneinander auf, schob die Hand in die rückwärtige Hosentasche, wühlte darin und zog ein Taschentuch hervor, entknitterte es, atmete unter Zuhilfename eines Fingers durch das linke, dann das rechte Nasenloch seinen Schleim aus, hob das Taschentuch ratlos, winkte dem UFO zum Abschied, machte einen Schritt zurück, drehte eine Runde auf dem Steinbalkon, senkte den Blick und sah zum Geländer, hinter dem dreissig Meter Absenkung, an dreissig Verösungen eines Metallrohrs entlang, nach unten zur Baustelle auf der Strasse führten. Und dann sah ich, wie sich sein Schatten aus den zackigen Schroffen der Balkonkanten löste und wie sich der Schatten von Peter mit den ausgestreckten Armen in den Schatten der gegenüberliegenden Häusermauer einkerbte, während die Schatten seiner Beine zuckend daraus hervorsprangen. Der Schatten wogte noch im Balanceversuch und wühlte sich in das Gitter der Balustrade und füllte seine Rechtecke mit dem wankenden Körper von Peter, während die Schatten der Beine in die Hocke gingen, den Körper zusammenklappten, ihn verkürzten, stauchten, übereinanderhievten und schliesslich in einen grossen dunklen Schatten eingehen liessen, der plötzlich wieder den ganzen, ausgestreckten, nun hinwegspringenden Körper gebar. Auch sah ich, wie sich dieser hervorspringende Schatten von den anderen Schatten löste und von ihnen davon stürzte, aus dem Gitter des Geländers sich befreiend, hastig am Metallrohr entlang, tiefer zur Baustelle hinab.


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Michel Foucault

Das Paar ist zunächst eines, das sich in die Ordnungen der Umwelt und ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse fügt. Es setzt Zeichen: Herzen in Baumstämme; gemeinsame Lieder auf der Strasse; Fotografien; Zeichnungen; Bekundungen öffentlicher («<3», Facebook, Twitter), halböffentlicher und privater Art. Vom morgenlichen Verabschiedungskuss, der «quälsamer pünktlich ist, als selbst die Soldaten am frühen Nachmittag durch die Stadt marschieren», berichtet der Nachbar Thibault Chérome; «Panja» war ein gebräuchlicher Doppelname für die beiden. In dieser bis in die Zärtlichkeiten koordinierten und disziplinierten Glückseligkeit, die strukturell auf das sich verfestigende Bürgertum des späten 18. Jahrhundert zurückweist, befinden sich die beiden Geliebten. Es ist der Zustand einer idealisierten und zugleich effizient eingerichteten Turteltaubenhegemonie. Die Liebschaft des 21. Jahrhunderts tritt deutlich daraus hervor: die Frau ist nicht mehr nur Geliebte, Liebende, Lächelnde, sondern wird einer gesellschaftlichen Ökonomie wegen diesen Stellungen allmählich entrissen und von den vormaligen Positionen getrennt; der Mann, einst «der von jedem festen Glauben an die Zukunft ins Büro und der umso stärkeren Liebe nach Hause getriebene» Verlobte, wird zum Wrack, zum Schweigsamen, zum Tatlosen. Diese Wandlung vollzieht sich relativ plötzlich, aber wenig koordiniert. Es sind Ereignisse, die sich sowohl gegenseitig zu bedingen, als auch zu entstammen scheinen: Die Veränderung ist nicht linear, sondern ein Netz von sich gegenseitig verschiebenden biologischen, soziologischen, ökonomischen Ideen. In der Liebschaft des 21. Jahrhunderts lassen sich aus der Vielzahl ihrer oszillierenden Veränderungen einige der weitreichendsten Folgen herauslösen.
1. Die Liebschaft ist nun neben der öffentlichen, der halböffentlichen und der privaten Betrachtung auch dem Kosmischen ausgesetzt. Die bis ins späte 20. Jahrhundert hineinführende Vorstellung des eigenen Bereichs verengt sich noch, der gepflegte Vorgarten wird zum Landeplatz, das Dachfenster zum Guckloch, durch das ständige Überwachung möglich wird, die Fernsehantenne, früher ein Empfänger von harmlosen Nachrichten, wird auf einmal zu einem möglichen Sender, der selbst das Intimste dem aussetzt, was aus dem Himmel hinunterblickt. Die Liebschaft hat sich also in den Manövern und Disziplinen nicht mehr nur vor dem irdischen, sondern auch dem kosmischen Publikum zu inszenieren.
2. Die Frau, in territorialer und emotionaler Beziehung, wird zur Entführten. Trotz der Überwindung des veralteten Rollenbildes einer stets in Küche und Heim stehenden Gattin, dominierte doch bis weit über das Millenium hinaus die Idee, dass sie zumindest in gewisser Weise dem Haus angehörig sein und sich ohne Meldung nicht zu weit und lang davon entfernen sollte. «Ein Mensch, der, ersteinmal aus der Matte vor seinem Haus enthoben, alles unter sich schrumpfen gesehen hat und in den Himmel aufgeht, kehrt so schnell nicht dahin zurück, wo er herkommt.» In jenem Jahr sind von 42 Raumschiffentführungen 1%, im nächsten 4% (56), im übernächsten 0.5% (52) zur Erde zurückgekehrt, meistens in einem Zustand, der die Betreffenden nicht ohne weiteres in die Regeln und Gesetzmässigkeiten der früheren Gesellschaftsordnungen eingliedern liess.
3. Das Umcodieren der Beziehung wird in der Folge einen immer grösseren Raum in Planung und Psychologie derer einnehmen, die zurückgeblieben sind. «Das Geheule ist kaum auszuhalten, meine Frau schaudert beim blossen Zuhören, und es sind schon zwei Monate und mehr», «jeden Morgen steht er auf und mäht den Rasen, früher als die Tiere aufwachen. Wenn die Sonne aufgeht, lässt er den Rasenmäher stehen, tritt ihn mit dem linken Fuss, dass er verstummt, wischt sich mit dem Ärmel seines Shirts von rechts nach links die Stirn und atmet zwischen vier und fünf Mal ein und aus, bevor er ins Haus geht und mit der Aktentasche heraustretend zur Arbeit fährt». Der Verlassene richtet sich nach dem Verlust aus, nicht indem er ihn verarbeitet, wie das die Psychoanalyse des vorigen Jahrhunderts verlangt hätte, auch nicht, indem er ihn verdrängt, ihn ignoriert oder über ihn hinwegkommt, sondern indem er sich den Verlust durch eine ökonomische, die bisherige Sichtbarmachung übertreffende Reglementierung abbezahlt. Die Zeichenhaftigkeit seines letzten und abschliessenden Auftritts musste also sowohl jener ihrer früheren Liebschaft, als auch dem Kosmischen und dem Zustand der Entführten Rechnung tragen, indem er eine Botschaft formulierte und sie dem ausgewählten Publikum zusandte: «Als ich ihn gefunden habe, war er von einem Streifen Blut umkränzt… aus dem ersten Stock gesprungen …, ich sah nur seinen Rücken und die Arme, die, wie eine Ziffernuhr, Fünf vor Zwölf zeigen mussten, wenn man von oben heruntersah.»


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Arno Schmidt

In alln Ecken & Winkln rucklt’s und verschtrömt’s 1 dumpffen Gruch : grosse Schpuren hint=erlassen aufm Weg durch die Höfe —. / Da bleibt sie steen, ganz Torso=Apollos, und lauscht den Fögln (ich hätts nicht schöner gekonnt), als sie, ein allerdinx ärgerlicher Umschtand, ein Butterbrot kaute & zer=malmte (ein Mäh=drescher in der Nähe erb=lasste vor Neid : ich hätts auch nicht wilder gekonnt). «Sag EtssDu, iss das nich ein Kranich ? — Oder was isses…» / «N Kran=nich», mutmasste ich im Bruschtton der Überzeugunk, fink wie eine Fleddamaus die Sinjale mit meijn Ohren ap. «Aber das Gegenteil auch nich… — — .» ( & süss-verwirrt : «Wasenn Gegenteil?» // «Na, Kran kanns auch haben.

      …mussDich sogar in 8 nehmen.» (Der Mondbewohner sah fest & streng in mein Gesicht // Hat wohl zu lang keins gesehen, dachte ich. Oder zu selten keines (das soll es ja auch geben, dachte ich und würgte, während ich den Kopff einer Dorftante aus dem Gesichte (so vollumfänglich 18. Jahrhundertbegriff, wie man es aushält : aus dem bedrängten Sichtfeld all=so) schob == (Platz gibt es eben auch nicht viel, iss ja auch kleiner’r Mond, sagt man).).) «Die Dame müsstens mer lassn», : Näselnd & mit Griff nach der Anja, die sich 1nfach nicht wehrt / Profokatzion an mich ( «Lass du mick ma stehl´n von wem ich will» : ebn nicht 2.s Geschlecht, ganz ´s Selbst, das die Frau neuerdinx ist.) Schon weg isse, kaum fahrn mir die Augn nach obm, & still über=All — — Nichts Niemand Nirgends Nie !


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Das Nicken der Besucher von Lesungen

Nach langer Reise sah sich das Alien um und wunderte sich über die Dichte an Menschen und ihre grauen Haare. Noch verstand es nicht, dass es im Publikum einer Lesung gelandet war, und weil es unhörbar in ihrer Mitte aufgetaucht war, hatten sich nicht einmal die Köpfe zu ihm umgedreht. Die Blicke waren nach vorne gerichtet und stierten auf ein kleines, weisses Pult, an dem zwei Herren sassen, aus ihren Mündern hingen, wie Rüssel oder Fühler, schwarze Mikrophone. Gespannt richtete das Alien seine Aufmerksamkeit auf die beiden. Der grössere, hagere Mann mit dem bleichen Gesicht führte den anderen ein, stellte ihn vor, lobte ihn und übergab dann andächtig das Wort dem Schriftsteller, der sich räusperte und mit tiefer, langsamer Stimme zu lesen begann. Das Alien hörte einige Minuten zu und war fasziniert vom Ereignis, zugleich aber verspürte es den Drang, erste Untersuchungen zu machen, die die physikalischen Bedingungen der Erde und die körperlichen Zustände ihrer Bewohner beschreiben konnten. Andererseits traute es sich nicht, sich zu bewegen, in der Furcht aufzufallen. Die Köpfe waren in Demut gesenkt, die Lider geschlossen und manchmal konnte man darunter die Augäpfel tanzen sehen, wenn sich die Zuhörer das Gehörte verbildlichten. Fast alle Männer, ältere und abgemagerte, deren Haut selten ans Sonnenlicht gelangte, hatten ihre Finger um die Münder gelegt oder auf sie gepresst, während die Augen an der Decke herumtasteten. Die zahlreicheren Frauen waren grauhaarig und gepflegt, sie trugen Brillen, die an Bändeln um ihre Hälse befestigt waren, und pressten Handtaschen auf ihren Schoss. Dem Alien wurde unwohl, die geringe Schwerkraft war es sich nicht gewöhnt und es erschien ihm seltsam, dass alle Menschen Hilfsmittel benötigten, um auf dem Planeten zu leben: Gläser auf den Augen, Taschen auf den Schössen, Rüssel an den Mündern und diejenigen, die auf solche Rüssel verzichten mussten, pressten, als fehlte ihnen etwas, die Finger auf den Mund, während ihre Blicke wie in Qual an der Decke umherglitten.
Der Schriftsteller las aus seinem Kriegsdrama, bei dem durch den Krieg zwei Liebende auseinandergetrieben werden, welche sich nach langer Zeit nur zögerlich und in einer wilden Jagd über den Globus wieder einander annähern können. Durch das Publikum ging ab und zu ein Raunen, worauf das Alien seine Aufmerksamkeit schärfte, doch es konnte nichts Bedrohliches entdecken, niemand sprang auf und die Lesung nahm ihren Lauf. Irgendwo entdeckte das Alien einen kleinen Jungen, der auch mitgeschleppt worden war, und zuckte zusammen, als es bemerkte, dass er seine Blicke direkt auf es gerichtet hatte. Wohl schien es dem Jungen ähnlich zu gehen, auch er sah aus dem Fenster, kurz zum Alien und dann wieder zur Tür, als würde bald das erlösende Ende kommen, das sie wieder in Freiheit entliesse und es möglich machen würde, die Hose zurechtzuzupfen, die auf den harten Stühlen unbequem hinaufgerutscht war. All das war auch dem hochintelligenten Alien reichlich langweilig geworden, innert weniger Minuten hatte es verstanden, was hier vor sich ging, hatte begriffen, dass es hier einen Kulturbetrieb gab — und Kunst — hatte bemerkt, dass die Frau vor ihm eigentlich nur in den Schriftsteller verliebt war und gar nicht recht zuhörte, und wusste auch schon — im Gegensatz zu den anderen im Publikum —, dass die beiden Liebenden sich in Guatemala wiederfinden und ein zwar zerrüttetes, aber dennoch trautes Leben führen würden, noch bevor sie in der vorgelesenen Geschichte Paris verlassen hatten.
Es wäre jetzt gerne nach draussen gegangen und hätte den Rest der Welt, der ihm viel spannender dünkte, kennengelernt, hätte die Natur ausgemessen und allgemeine Daten gesammelt und versucht einzuschätzen, wie lange die Spezies noch leben würde. Aber die Tür war noch geschlossen und es war sehr unhöflich, als Fremder eine Lesung zu verlassen; vor allem hatte es Angst, der Schriftsteller könnte in Tränen ausbrechen. Daher blieb es im unbequemen Stuhl zwischen den ergrauten oder kahlen Köpfen sitzen, wechselte von Zeit zu Zeit mit dem Jungen einen spöttischen Blick und starrte nach vorne auf die schwarz-rüssligen Männer in Anzügen, die auf der Bühne sassen. Der wahre Grund, weshalb es noch nicht gegangen war, war indes ein anderer. Etwas verstand das Alien immer noch nicht und es konnte dieses Unverständnis nicht ertragen: Warum nickten die Zuhörer während der Lesung?
Sie nickten an den abenteuerlichsten Stellen, bei Nebensätzen, bei Pauschalaussagen (»Polizisten sind strenge Leute«) oder Vergleichen (»Ihr Atem zitterte wie das Blatt eines Brombeerbusches im Fahrtwind eines dahinrauschenden Güterzugs«). Wollten sie ihre Zustimmung kundtun? Aber womit konnte man einig sein, welche Sache verlangte dabei einer Zustimmung? Es waren einfache Sätze, normalste Beschreibungen der Geschichte, sie aber verhielten sich, als wären es Fragen und nickten gutmütig und heftig. Hatten sie vielleicht Selbiges auch schon gedacht? Aber natürlich hatten sie das, sonst täte der Text seine Wirkung ja nicht, das brauchten sie ja auch niemandem mitzuteilen — ausserdem wusste das Alien natürlich, dass Menschen fast immer dasselbe dachten und ihre verschiedenen Gedanken an den Fingern einer Alienhand abzählbar waren. Nickten sie, um zu zeigen, dass sie zuhörten? Aber der Schriftsteller sah gar nie auf, als würde er sich vor dem Nicken schämen. Warum nickten sie auch bei den Ausführungen des Moderators, wenn er sagte, welche Bücher der Schriftsteller schon geschrieben hatte? Weshalb nickten sie besonders heftig, wenn der Schriftsteller auf die Fragen antwortete (»Früh morgens schreibe ich, um halb Fünf stehe ich auf« oder »Aber natürlich haben alle Texte auch diesen autobiographischen Gehalt«)? War es, dass sie die darin ausgesprochene Wahrheit so berauschend fanden, so poetisch selbst diese Antworten? Oder hielten sie es für Geschwätz und nickten nur, weil sie es tausend Mal gehört hatten: Ja, das haben andere auch schon gesagt…
Das Alien kam der Lösung des Rätsels nicht näher und je länger es dasass, desto unwohler wurde ihm. Wurde das Nicken vielleicht durch die Erschütterung der Erdkruste ausgelöst? Woher kam es? Statt die Natur zu untersuchen, beschäftigte es sich die folgenden Monate mit dem Phänomen, setzte sich in Lesungen und rechnete bis zur Erschöpfung, aber es liess sich keine Systematik finden, die belegte, wann genickt wurde und wann nicht. Sobald ein Schriftsteller aus seinen Texten vorlas, ging es los, überall schickte man sich Zustimmung durch den Raum, raunte, seufzte, lächelte versonnen und nickte und nickte — als hätte der Text genau das — obwohl es freilich nicht möglich war — ausgesprochen, was in ihnen und nur in ihnen verborgen gewesen war.

Platon

Der Athener. Und diese Glückseligkeit, wie könnte sie sich besser beschreiben lassen als in der Glückseligkeit der Familie, der zwei Gestalten sich zugehörig fühlen und machen, von denen die eine eine Frau und die andere ein Mann ist? Welches grössere Heil gäbe es, als wenn diese beiden jung wären und überdies froh, noch ohne dass der Mann die Form und die Frau die Materie zu etwas hätten geben können, das ihr Kind werden sollte?
Kleinias. Keines.
Der Athener. Aber steigerte sich nicht in dem Masse, wie das Heil sich in der geraden Bewegung durch das Glück junger Menschen vervielfältigt nicht auch das Unheil?
Kleinias. Hilf mir, das zu verstehen.
Der Athener. Das grosse Heil und die Glückseligkeit im Moment ist, solange es währt, gross, doch solange es währt, droht es auch nicht mehr zu sein, daher ist das Unheil ebenso gross wie das Heil gross ist. Nimmt nicht die Angst vor dem Verlust bei allen Menschen zu, sobald ihnen der Besitz wächst, und schwindet sie ihnen nicht gar, wenn sie bettelnd und unbekümmert unter den Platanen liegen?
Kleinias. Wie könnte sie nicht?
Der Athener. Solange keine Unterbrechung hereinbricht, von der ein Klopfen an der Tür ausgenommen wäre, ist die Glückseligkeit unbeschränkt.
Kleinias. Wie steht es jedoch, wenn das Klopfen an der Tür eintrifft, von dem du sprichst?
Der Athener. Nun, Kleinias, ist es nur wahrscheinlich und nicht sogar notwendig, dass einer, wenn es bei ihm an der Türe klopft und er sich dem Glückseligen hinzuwendet, doch sie öffnen ginge?
Kleinias. Es ist notwendig, meine ich.
Der Athener. Doch was hat er entgegenzuhalten, wenn der Urheber des Klopfens eindringen will. Trifft es zu, dass der, der öffnet, weiss, dass er nichts weiss?
Kleinias. Wie auch nicht, wenn er tatsächlich so klug und glückhaft ist, wie du schilderst.
Der Athener. Wie aber soll er so wissen, wie er sich zu wehren hätte, gegen jemanden, der in den Kreis des Hauses eindringt und sich seine Glückseligkeit zu eigen macht. Denn es ist jeder Teil des Nichtgrämlichen und des Grämlichen, die zu beiden Teilen in uns bewahrt sind, von einer solchen Beschaffenheit, dass sich die Kräfte der Galle weigert, die Glückseligkeit mit Gewalt aufrecht zu erhalten. Das ist ganz unmöglich.
Kleinias. Wieso?
Der Athener. Mit Gewalt in die Glückseligkeit einzugreifen, muss doch unweigerlich dazu führen, dass die Glückseligkeit zusammenfällt. Schaue dir die Menschen an, die sich mit Düften der Orakel in Zustände der Ekstase versetzen und wie es ihnen, sobald sie dem Dunstkreis enthoben sind, wieder grämlich werden. Muss es nicht einem so ergehen, dem seine Frau, die seine Kinder gebären könnte, genommen wird?
Kleinias. Ja, allerdings.
Der Athener. Wenn es so ist, dass diese Frau nicht in ein anderes Land, sondern in den Himmel gezogen wird, so schmälert dies die Gram etwa?
Kleinias. Wie könnte es?


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In der Schlucht

Ich wanderte durch die Schlucht. Die Sonne warf noch im Untergehen ihr Licht bis an die Wände hoch. Kleine Amseln versteckten sich im Kar, das sich unter einem Überhang gebildet hatte, um ein wenig Schatten zu suchen. Ich setzte meine Füsse so vorsichtig wie möglich und achtete darauf, dass ich nicht umfiel. Das Gewicht auf meinem Rücken war schwer. Der Schweiss rann mir ins Auge. Ich war nach vorne gebückt, um den Körper stemmen zu können, und hielt mit den Händen vor meiner Brust die Arme zusammen. Manchmal fürchtete ich, sie könnten ausreissen, so dünn waren die grünen Ärmchen, doch es überstand sogar einen Sturz, als ich stolperte. Vor meinen Augen erschienen Phantasmen, schwarze Ringe, die die Anstrengung durch das Gesichtsfeld stäupte, zwangen mich mehrmals zum Innehalten. Manchmal rief ich ein paar Worte in die Schlucht. Nicht um Hilfe zu holen, sondern um mich zu vergewissern, dass ich noch unterwegs und nicht längst in einen Traum versunken war. Der Kopf, seltsam ausgebeult, lag auf meiner Schulter. Manchmal fürchtete ich, er könnte plötzlich wach werden und mir ins Ohr schreien, doch ein Blick zur Seite genügte, um zu sehen, dass es um das ohnmächtige Alien nicht gut genug bestellt war. Endlich erreichte ich eine kleine Anhöhe. Weiter hinten rauchte ein Kamin eines einsamen Hauses, das sich an die Schluchtwand anschmiegte. Viele kleine Treppenstufen führten an einem Wasserfall vorbei hinauf zu der mächtigen Holzpforte. Oben war eine kupferne Glocke angebracht. Es musste ein Kloster sein. Ich glaubte sogar, eine Nonne auf der Bank zu erkennen. Ich richtete meine Last neu und zottelte los.