Das Nicken der Besucher von Lesungen

von Cedric Weidmann

Nach langer Reise sah sich das Alien um und wunderte sich über die Dichte an Menschen und ihre grauen Haare. Noch verstand es nicht, dass es im Publikum einer Lesung gelandet war, und weil es unhörbar in ihrer Mitte aufgetaucht war, hatten sich nicht einmal die Köpfe zu ihm umgedreht. Die Blicke waren nach vorne gerichtet und stierten auf ein kleines, weisses Pult, an dem zwei Herren sassen, aus ihren Mündern hingen, wie Rüssel oder Fühler, schwarze Mikrophone. Gespannt richtete das Alien seine Aufmerksamkeit auf die beiden. Der grössere, hagere Mann mit dem bleichen Gesicht führte den anderen ein, stellte ihn vor, lobte ihn und übergab dann andächtig das Wort dem Schriftsteller, der sich räusperte und mit tiefer, langsamer Stimme zu lesen begann. Das Alien hörte einige Minuten zu und war fasziniert vom Ereignis, zugleich aber verspürte es den Drang, erste Untersuchungen zu machen, die die physikalischen Bedingungen der Erde und die körperlichen Zustände ihrer Bewohner beschreiben konnten. Andererseits traute es sich nicht, sich zu bewegen, in der Furcht aufzufallen. Die Köpfe waren in Demut gesenkt, die Lider geschlossen und manchmal konnte man darunter die Augäpfel tanzen sehen, wenn sich die Zuhörer das Gehörte verbildlichten. Fast alle Männer, ältere und abgemagerte, deren Haut selten ans Sonnenlicht gelangte, hatten ihre Finger um die Münder gelegt oder auf sie gepresst, während die Augen an der Decke herumtasteten. Die zahlreicheren Frauen waren grauhaarig und gepflegt, sie trugen Brillen, die an Bändeln um ihre Hälse befestigt waren, und pressten Handtaschen auf ihren Schoss. Dem Alien wurde unwohl, die geringe Schwerkraft war es sich nicht gewöhnt und es erschien ihm seltsam, dass alle Menschen Hilfsmittel benötigten, um auf dem Planeten zu leben: Gläser auf den Augen, Taschen auf den Schössen, Rüssel an den Mündern und diejenigen, die auf solche Rüssel verzichten mussten, pressten, als fehlte ihnen etwas, die Finger auf den Mund, während ihre Blicke wie in Qual an der Decke umherglitten.
Der Schriftsteller las aus seinem Kriegsdrama, bei dem durch den Krieg zwei Liebende auseinandergetrieben werden, welche sich nach langer Zeit nur zögerlich und in einer wilden Jagd über den Globus wieder einander annähern können. Durch das Publikum ging ab und zu ein Raunen, worauf das Alien seine Aufmerksamkeit schärfte, doch es konnte nichts Bedrohliches entdecken, niemand sprang auf und die Lesung nahm ihren Lauf. Irgendwo entdeckte das Alien einen kleinen Jungen, der auch mitgeschleppt worden war, und zuckte zusammen, als es bemerkte, dass er seine Blicke direkt auf es gerichtet hatte. Wohl schien es dem Jungen ähnlich zu gehen, auch er sah aus dem Fenster, kurz zum Alien und dann wieder zur Tür, als würde bald das erlösende Ende kommen, das sie wieder in Freiheit entliesse und es möglich machen würde, die Hose zurechtzuzupfen, die auf den harten Stühlen unbequem hinaufgerutscht war. All das war auch dem hochintelligenten Alien reichlich langweilig geworden, innert weniger Minuten hatte es verstanden, was hier vor sich ging, hatte begriffen, dass es hier einen Kulturbetrieb gab — und Kunst — hatte bemerkt, dass die Frau vor ihm eigentlich nur in den Schriftsteller verliebt war und gar nicht recht zuhörte, und wusste auch schon — im Gegensatz zu den anderen im Publikum —, dass die beiden Liebenden sich in Guatemala wiederfinden und ein zwar zerrüttetes, aber dennoch trautes Leben führen würden, noch bevor sie in der vorgelesenen Geschichte Paris verlassen hatten.
Es wäre jetzt gerne nach draussen gegangen und hätte den Rest der Welt, der ihm viel spannender dünkte, kennengelernt, hätte die Natur ausgemessen und allgemeine Daten gesammelt und versucht einzuschätzen, wie lange die Spezies noch leben würde. Aber die Tür war noch geschlossen und es war sehr unhöflich, als Fremder eine Lesung zu verlassen; vor allem hatte es Angst, der Schriftsteller könnte in Tränen ausbrechen. Daher blieb es im unbequemen Stuhl zwischen den ergrauten oder kahlen Köpfen sitzen, wechselte von Zeit zu Zeit mit dem Jungen einen spöttischen Blick und starrte nach vorne auf die schwarz-rüssligen Männer in Anzügen, die auf der Bühne sassen. Der wahre Grund, weshalb es noch nicht gegangen war, war indes ein anderer. Etwas verstand das Alien immer noch nicht und es konnte dieses Unverständnis nicht ertragen: Warum nickten die Zuhörer während der Lesung?
Sie nickten an den abenteuerlichsten Stellen, bei Nebensätzen, bei Pauschalaussagen (»Polizisten sind strenge Leute«) oder Vergleichen (»Ihr Atem zitterte wie das Blatt eines Brombeerbusches im Fahrtwind eines dahinrauschenden Güterzugs«). Wollten sie ihre Zustimmung kundtun? Aber womit konnte man einig sein, welche Sache verlangte dabei einer Zustimmung? Es waren einfache Sätze, normalste Beschreibungen der Geschichte, sie aber verhielten sich, als wären es Fragen und nickten gutmütig und heftig. Hatten sie vielleicht Selbiges auch schon gedacht? Aber natürlich hatten sie das, sonst täte der Text seine Wirkung ja nicht, das brauchten sie ja auch niemandem mitzuteilen — ausserdem wusste das Alien natürlich, dass Menschen fast immer dasselbe dachten und ihre verschiedenen Gedanken an den Fingern einer Alienhand abzählbar waren. Nickten sie, um zu zeigen, dass sie zuhörten? Aber der Schriftsteller sah gar nie auf, als würde er sich vor dem Nicken schämen. Warum nickten sie auch bei den Ausführungen des Moderators, wenn er sagte, welche Bücher der Schriftsteller schon geschrieben hatte? Weshalb nickten sie besonders heftig, wenn der Schriftsteller auf die Fragen antwortete (»Früh morgens schreibe ich, um halb Fünf stehe ich auf« oder »Aber natürlich haben alle Texte auch diesen autobiographischen Gehalt«)? War es, dass sie die darin ausgesprochene Wahrheit so berauschend fanden, so poetisch selbst diese Antworten? Oder hielten sie es für Geschwätz und nickten nur, weil sie es tausend Mal gehört hatten: Ja, das haben andere auch schon gesagt…
Das Alien kam der Lösung des Rätsels nicht näher und je länger es dasass, desto unwohler wurde ihm. Wurde das Nicken vielleicht durch die Erschütterung der Erdkruste ausgelöst? Woher kam es? Statt die Natur zu untersuchen, beschäftigte es sich die folgenden Monate mit dem Phänomen, setzte sich in Lesungen und rechnete bis zur Erschöpfung, aber es liess sich keine Systematik finden, die belegte, wann genickt wurde und wann nicht. Sobald ein Schriftsteller aus seinen Texten vorlas, ging es los, überall schickte man sich Zustimmung durch den Raum, raunte, seufzte, lächelte versonnen und nickte und nickte — als hätte der Text genau das — obwohl es freilich nicht möglich war — ausgesprochen, was in ihnen und nur in ihnen verborgen gewesen war.