Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: delirium

Kleines Herbstupdate

Während ich mich die letzten Wochen durch ein Buch von Garrett P. Serviss gequält habe, «Edison´s Conquest of Mars» von 1898, einer inoffiziellen Fortsetzung von H.G. Wells´ The War of the Worlds, wo sich die Menschen nun unter Anleitung von Edison, «Herr Roentgen» und Lord Kelvin an den Marsbewohnern rächen — ein unfreiwillig witziges, aber unglaublich zähes Stück voller aufgebauschter Stilüberdrehungen: Der Text erschien ursprünglich in einem Serial, als Fortsetzungsgeschichte in Zeitschriften, und man kann sich leicht denken, was daran so nervtötend ist: Man braucht sich nur vorzustellen, welche Ermüdungserscheinungen HBO- oder Netflixserien heute schon mit ihrem von Folge zu Folge zu hangelnden Spannungsbogen verursachen, der stetig mehr abflacht bis er irgendwann den Punkt vom «Jumping the shark» erreicht, und welche potenzierte Geschmacklosigkeit genau dieser Effekt hundert Jahre später darstellen wird (es gibt durchaus Ausnahmen, Gombrowiczs Die Besessenen zum Beispiel.) — während ich also dieses Buch unter meinem Kopfkissen hin und hergeträumt habe, sind einge Dinge passiert, zu deren Veröffentlichung auf dem Blog ich gar nicht gekommen bin.

Pro Infirmis

Im Juli habe ich für Pro Infirmis ein Porträt über einen grossartigen jungen Mann geschrieben, der seit Geburt an starkem Gedächtnisverlust leidet. Von Herausforderung kann gar nicht die Rede sein, es ist völlig unmöglich dieser Aufgabe gerecht zu werden. Menschenleben zu porträtieren ist immer eine Gewalttat, und manche Leben sind komplexer als andere. Der Text wurde in einer Begleitbroschüre zu den Jubiläen von Pro Infirmis Aargau und Solothurn publiziert.

Delirium-Party

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Am Donnerstag, 1. Oktober, feierte delirium N°5 sein Erscheinen. Statt der klassisch umstrittenen Vernissage, die prinzipiell auf Autorenlesungen verzichtet und die immer wieder von Gegnern und Fans als Argumente für oder gegen das Heft ins Feld geführt werden, haben wir die Feier in die Alte Kaserne verlagert und eine grosse Party gemacht. Mit der Unterstützung der virtuosen Balkanband Sebass, einer dann doch noch pflichtschuldigen Veranstaltung unsererseits — eine Parodie auf den Bachmannpreis, an dem unter anderem der delirium-Hausautor Gian Fermat teilgenommen hat — und DJs haben wir den Raum unseres Hefts etwas grösser machen wollen: Potenzial, so denken wir, hat die Zeitschrift viel. Für Literatur, über die sich diskutieren lässt, gibt es ein Interesse über die Studentenschaft hinaus. Und die steigenden Facebookfans (die sich im letzten halben Jahr verdoppelt haben), der Artikel in der NZZ vom 1. Oktober über uns («Literaturkritik mit dem Zweihänder»), unsere Taschen, die man als Abonnent gleich zum Heft dazukriegt, helfen uns in diesem Versuch. Ich bin doch ein bisschen stolz darauf, im umstrittensten Literaturmagazin der Schweiz zu sein, oder, wie wir gerne sagen: dem raffiniertesten. Und ich bin — es ist diesmal ja kein Text, dafür genug Konzeptionelles von mir drin — sehr zufrieden mit dem Resultat.
Von lockeren Gedichten, über Splatterartiges und dunkle Jazzreflexionen bis zu beissend satirischer Sezierung aller bisherigen Hefte und sehr verwinkelten Selbstreflexionen des Texts, über seinen Willen oder Unwillen im delirium zu erscheinen, streuen die literarischen Beiträge ein unglaubliches Spektrum, das durch die eigenwilligen Kritiken abgeholt wird. Versenkt euch im N°5! Dank des Stammbaums, wo wir die Verbindungslinien der Texte und ihrer Motive durch die 5 Ausgaben hindurch aufgezeichnet haben, gewinnt man rasch einen Einblick in die Funktionsweise des Hefts. Mittlerweile kann man doch einige Stündchen mit seiner Lektüre verbringen.
Jetzt geht es darum, das Heft an die Leute zu bringen. Wer noch ein Gönner-Abo lösen will, gerne unter:

http://www.delirium-magazin.ch/abonnements.php

Treppentexte

Am Freitag, dem 8. Oktober, war delirium einer der unterstützenden Gruppen, die Treppentexte wieder ins Leben gerufen haben. Es handelt sich um eine Offene Bühne in einem Keller des Niederdorfs, wo man Bier, Absinth oder Wein trinkt, in Sofas sitzt, und zuhört, sobald jemand einen Text präsentiert, und immer die Chance hat, selbst einen zu lesen. Das Schöne am Anlass ist, dass neben delirium alle Gruppen des untergrund.s dabei sind. untergrund. ist ein neuer Newsletter, der jeden Monat über die Veranstaltungen im Raum Zürich, die von nicht-kommerziellen und partizipativen Literaturgruppen gemacht werden, informert. Einschreiben lohnt sich:

http://www.untergrund.info

PLAYLAND

Am Donnerstag, dem 15. Oktober, ist die Premiere des Theaters. «Eine theatrale Nachtschwärmerei» heisst es und findet in der Telli, meinem Lieblingsort in Aarau, statt — dem Industriequartier, wo neben dem Kiff auch ein Membersclub, die AZ-Redaktion, eine Westernbar und die Bowlinghalle ‹Playland› steht. Für letztere habe ich die Szene geschrieben. Das war noch im Mai, unter Beratung des Autors Jens Nielsen, der übrigens sehr witzige Kommentare geschrieben hat.

Frage: Warum findet der Langbärtige die Todesart des Bruders schrecklich
Oder findet er einfach schrecklich dass er gestorben ist
Ich gebe zu ich hatte beim Lesen das Bild dass er in einen Schredder fiel und verhäxelt wurde
Ruth gefiel aber das Bild der verschleppten Blutvergiftung sehr gut
Und mir auch – nach Verabschiedung des Horrorbildes
Aber schrecklich ist die Todesart nicht wirklich – im Verhältnis sagen wir zu andern
Vielleicht meint er es ironisch – das wäre natürlich okay

Es geht um einen Mann, der für seinen Bruder die High Score an allen Spielautomaten der Stadt knacken möchte. Mit ein paar Hindernissen. Und einem Arcade-Spiel, auf dessen Umsetzung ich sehr gespannt bin. Ein Figurentheater ist übrigens auch dabei. Ein Besuch dürfte sich also lohnen: An der Umsetzung selbst war ich aber nicht beteiligt. Das Stück wird nur diese und nächste Woche aufgeführt.

Am 8. Dezember lese ich den Text noch im Aargauer Literaturhaus, am 14. Januar im Literaturhaus Basel.

Orte-Literaturmagazin

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Der Text wurde im orte N°138 publiziert. Leider ohne die Spielbeschreibung, mit einem doofen Bild und informellen Kommentaren, die für die Theatermacher gedacht waren. (In der Regieanweisung stehen Sachen wie
«8bit-Sounds wären cool».) Trotzdem freue ich mich, in der historisch gesehen bedeutensten Literaturzeitschrift der Schweiz veröffentlicht zu haben, und der Text ist so belustigend funktional unter den anderen, sprachlich verwinkelten.

DRALL

Unsere erste Literatursendung geht in den Äther. Das wollte ich immer schon einmal schreiben: In den Äther. DRALL wird am 17. Oktober um 18:00 Uhr und am 21. Oktober um 21:00 Uhr auf Kanal K ausgestrahlt. Trotz einiger Unbeholfenheiten des ersten Versuchs ist die Stunde gefüllt mit knackigen Sachen, ich empfehle euch sehr den TRACK — János Mosers Text wurde von der Aargauer Band Pinut vertont —, die Buchsprechung über Rolf Lapperts neues Buch und den Rückblick auf den A4 gewinnt-Wettbewerb. Ich werde auch informieren, sobald es das Ganze als Podcast gibt.

Wochenrückblick

delirium hat die Eingaben für die 5. Ausgabe erhalten. Es waren viele sehr überzeugend mit überraschend klaren Bezügen. In einer langen Nacht haben wir in der Redaktion die anonymisierten Texte diskutiert und ausgewählt.
Wegen zahlreicher Missverständnisse in der letzten Ausgabe wird ein Teil unserer Bemühungen darauf verwendet werden, das Projekt verständlich zu machen. Der erste Schritt ist ein Disclaimer, der in Erinnerung ruft, dass die Kritiken im Heft, extern und nicht von der Redaktion sind. Der zweite Schritt besteht darin, die Beziehungen zu früheren Ausgaben zu verdeutlichen, einerseits in Übersichtsdarstellungen andererseits indem die Kritiker_innen angeleitet werden, die Bezüge offenzulegen.
Lektorat und die Suche nach Kritiker_innen stehen an.

Das Clowd-Magazine macht einen Aufruf zum Crowdfunding: Sie suchen nach Geldern, damit die Schreibenden ihrer Ausgaben finanziell eine kleine Entschädigung erhalten. Das Projekt ist grossartig. Ich werde schauen, dass ich 100€ reinschmeissen kann.

Ausserdem habe ich gerade ein Narr-Abo gekauft. Empfehle es natürlich gerne weiter, der Service ist schnell und die Heftchen wirklich wunderschön

Und dann kam noch das hier:

Lesetipps

Ich empfehle keine Nachrufe, deshalb nichts von Harry Rowohlt. Dafür wieder einmal ein Zizek-Interview gelesen, das grossen Spass gemacht hat:

Wir glauben, die Araber zu kennen. Aber was wissen wir schon? Die Liberalen mögen es eben, sich schuldig zu fühlen. Deshalb geben sie beispielsweise dem Neokolonialismus die Schuld an den Massakern in Ruanda – als wären Schwarze zum Sadismus gar nicht fähig.

Und zum Verlagswesen:

Sogar die Verlagshäuser, die meine Bücher veröffentlichen, machen mir oft einen Strich durch die Rechnung. Die Leute vom Penguin-Verlag strichen bei „Trouble in Paradise“ (2014) einfach das Wort „Kommunismus“ aus dem Untertitel, erpressten mich mit der Ansage, andernfalls werde das Buch nicht erscheinen. Mit Suhrkamp bin ich auch unzufrieden, daher steige ich jetzt zu Fischer um. Suhrkamp brachte 2014 ein Buch heraus, das ich gar nicht mag: „Zizek’s Jokes“.

Auch die Süddeutsche macht sich übrigens über Herrndorfs Ausstellung her, ein bisschen weniger wollüstig als die Zeit, aber naja: «Probieren, was geht»

Wochensicht

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Finde nur ich, dass das etwas Obszönes hat?

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Jung im All produziert.
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Aus dem Dictionary of Minor Planet Names.

Kleines Frühlingsupdate

1. Denkbilder, das Germanistik-Magazin der Uni Zürich, veröffentlichte letzten Donnerstag einen Text von mir. Gewissenhaften Blog-Lesern dürfte „Ein Irrer im Dunkeln“ bekannt vorkommen. In ihm war der „Zwang“ (so das Thema des Hefts) schon immer angelegt. Manche kluge Geschmäcker mögen diesen besser als den Delirium-Text. Mir geht es nicht so. Aber ich habe in vielen Geschmacksangelegenheiten — und ich bin einer der Wenigen, die das ernst meinen — auch wirklich keine Ahnung.

2. Ich freue mich, dass ich mit der Kurzgeschichte „Widerstand“ in die Endauswahl (die ersten 10) des Literaturpreises Prenzlauer Berg gewählt wurde. Nun gibt es eine Kampflesung am 18. Mai, von der ich mir noch nicht sicher bin, ob ich sie in Berlin abhalten kann. Nur die ersten Drei gewinnen (500€, 250€, 250€) und es ist eine kostspielige Angelegenheit. (Falls jemand so verrückt wäre, mich finanziell unterstützen zu wollen, darf er oder sie mich gerne kontaktieren). Es freut mich aber, bereits so weit in diesem renommierten Wettbewerb gekommen zu sein.

3. Nun wird auch noch das Lasso-Magazin einen, den Blog-Lesern ebenfalls flüchtig bekannten, aber stark überarbeiteten Text abdrucken: „Eine effiziente Stadt“. Nettes Heft-Thema: „Schöne, neue Welt“. (Von einer Kurzgeschichte im nächsten NaRr habe ich ja kürzlich schon berichtet.)

4. Zwei Texte von mir sind im aktuellen Delirium N°2 vor wenigen Tagen erschienen. Es handelt sich um eine Kurzgeschichte und einen Essay. Die Ausrichtung von Delirium verdient besondere Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu anderen Literaturzeitschriften möchte es eine Plattform schaffen, in der Literatur verhandelt wird. Das heisst: Hier wird nicht für sich geschrieben oder für den erhofften Erfolg in der Sphäre gestandener Schriftsteller, sondern die Texte beziehen sich aufeinander, spielen mit sich, erschaffen ein Forum. Deshalb wird jede Kurzgeschichte von einer Kritik begleitet. Meine Kurzgeschichte „Drei Geometrieaufgaben“ entzündet sich an einem Text der ersten Ausgabe, steht aber durchaus für sich allein: In drei formal unterschiedlichen, inhaltlich aber überschneidenden Teilen geht es um die Themen „Helix“, „Tesserakt“ und „Symmetrie“. Der Kritiktext lässt mich erglühen vor Stolz: „Verkorkst“ sei meine Geschichte, ein „surreales Labyrinth“, „spielerisch“, eine „Übersetzung“ und ihr Hauptmotiv sei — es hat mich selbst überrascht, aber sofort überzeugt — das „Mittagessen“.
Ausserdem gibt es den Essay zum Thema „Literatur: Ausdruck oder Programm?“ im zweiten Heftteil, wo theoretische Themen diskutiert werden. In „Verbuggte Literatur“ erkläre ich, dass der Ausdruck nicht aus dem Inneren des Autors kommt, „sondern aus der Systemlogik eines Programms, dessen Tiefenstruktur bis zur Unerreichbarkeit vergraben ist.“ Ausdruck ohne jemanden, der sich ausdrückt? Wer wirklich wissen will, wie ich über Literatur denke, sollte sich diesen kurzen Essay anschauen.

Link.

5. Ich bin in der Endauswahl (die ersten 8) des entwürfe-Literaturwettbewerbs, im Rahmen dessen der Text „Das Shoppingcenter“ auch Eingang in die Mai-Ausgabe von entwürfe findet. Dieser Text ist über Monate hinweg entstanden und ist für mich noch wichtiger als „Drei Geometrieaufgaben“. Ich habe lange gerungen, bis ich zufrieden war, also verdient er meine wärmste Empfehlung.

6. Die Webseite von Georg Klein — ziemlich berühmter, vor allem aber unglaublich sprachbegabter Schriftsteller — hat mein Ein-Satz-Review zu „Die Zukunft des Mars“, seinem neuen Roman, publiziert. Der Untertitel übersetzt rührend: „Cédric Weidmann, Rezension in einem Satz“. (Herzlich Dank an Dunja für den Hinweis.)

7. Die Webseite des Rotpunktverlags hat in einer Stellungnahme zum Saladin-Buch meine Rezension verlinkt. Die Affäre hat sich durch den fast zeitgleich mit meiner Empfehlung erschienenen Blick-Artikel zugespitzt. Eine wachsende Liste von Unterstützenden mit Lehrern, Schülern, namhaften Professoren, Schriftstellern und allen möglichen anderen Berufen (alles und in geraumer Zahl auch in weiblich!) formiert sich als Widerstand gegen die Zensur und den tendenziösen Diskurs der Medien. Ich stehe mit Überzeugung auf dieser Liste. Für alle, die etwas Gutes tun oder sich gegen diese Formen der Unterdrückung wehren wollen: Schreibt einen Kommentar unter diesen Post und ich werde euch einen Platz auf der Unterstützerliste vermitteln.