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Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: Deutsch

Ein-Satz-Review (In Stahlgewittern)

In StahlgewitternIn Stahlgewittern by Ernst Jünger
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Jünger, ein Meister des Gegenteils vom Erlebnisbericht, das sich noch in jedem Nebensatz als solchen ausgibt, ich wollte sagen, «beschreibt», aber das ist falsch, «erzählt», «konstruiert», Unsinn, dieser Text ist nicht auf eine solche Weise gemacht, er liest sich nur wie Honig.

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Prüfung fürs Leben

Ich erinnere mich
einer Prüfung im Sommer, als ich
dreizehn, fünfzehn war.
Es war in Chemie und unser Chemielehrer
war ein begnadeter und weitherum bekannter
Heissluftballonfahrer.
Jedes Mädchen in unserer Klasse war
in ihn verliebt, und er lachte mit einem Grunzen.

Meine Eltern waren in diesem Sommer dabei,
ihren Hühnerstall auszubauen,
sie glaubten nicht, dass ich das Semester bestünde.
Ich zog mich ins Zimmer zurück, lauschte
dem Poltern und Gackern,
ohne ein Heft aufzuschlagen,
und dabei spitzelte ich
die Zehen unter den Teppich.

Am hellsten Tag war die Prüfung.
Ich zog mein bestes Hemd an.
Ich sah nach oben und kein Flugzeug
Kein Zeppelin, kein Raumschiff
und kein Ballon flogen am Himmel.
Alle im Klassenzimmer murmelten und
trampelten, bis der Lehrer uns
die Blätter verteilte.

Eigentlich möchte ich Buchhändler werden.
Man grunzte und wünschte uns Glück.
Es raschelt im Papier, erstickt —
Und plötzlich hört man tickende Zeiger.

Niemand hat gesagt,
es wird leicht.
Und doch
wird es leicht.

Stark abgekürzt zusammengefasst

Ich gehe, zusammengefasst, durch die Strassen. Ich hebe die Hände in die Luft wie ein Jubelnder und habe die Naht meines Ärmels unter den Achseln eingeklemmt. Meine Fäuste ragen weit über mir, ich lache, die Leute schauen mich an und so weiter, zwei Erinnerungen, eine vergangene Liebe, kurz, ein Fuchs hatte sich zwischen zwei Tanksäulen eingeklemmt und humpelte, als ihn die Angestellte am Morgen befreite, über den Parkplatz davon. Vor dem Hintergrund dieser Angelegenheiten suche ich lange nach meinem Rückweg und eine Frau liegt in der Wiese, die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben, vor dem Hintergrund all dessen sind die Lider nur scheinbar unbeweglich wie über Kinder gelegte Decken geschlossen, ein paar summende Fliegen, ein summender alter Mann und dann all das vor dem Hintergrund davon. Im Licht des Vorangegangenen, etwa des Morgens, setze ich mich auf einen Stein und so weiter. Hinter Hecken plätschert Wasser, die Hände sind noch in der Luft, angesichts von ihnen werde ich heiter. An einer spinnenförmigen Wäschestange winken sich kleine rote und orange Kleider zu. Man werde nicht jetzt hineingehen können, so eine Mutter, das Gewitter bahne sich erst an. Das schliesse sich aus dem Vorangegangenen, stark abgekürzt. Die Sonne sieht lustig aus, so ich. Zwei Fensterläden klatschen sich in den Windstössen gegenseitig zu, man könnte wie ein Flipperkastenball zwischen ihnen hindurchschlüpfen, aber es wäre schwierig. Ich erinnere mich gerne an sie, wie sich abschliessend feststellen lässt. Dann schlendere ich, «schlendere», und nehme die Fäuste kurz herunter, schwinge sie dicht an meinem Körper, sie bewegen sich langsam haftreibend durch die Luft. Ich setze mich hin, öffne den Rucksack und so weiter, ich bin, kurz, der glücklichste Mensch aller Zeiten. Das ist allgemein bekannt. Ich habe es herumerzählen gehört. So denke ich, während ich auf dem Stein sitze und ein Güterzug fährt vorbei. Ich nage, stark abgekürzt zusammengefasst, an einem Wassermelonendrittel.

Kain und Abel

Er näherte sich zögerlich, während er mit der Hand den Rauch vor dem Gesicht vertreiben wollte, als wäre er eine Fliege. Im Profil sah sein Bruder mehrere Jahre jünger aus und er erinnerte sich, dass er ihm gezeigt hatte, wie man aus Stroh eine Pappfigur bastelte und wie man Frauen erschreckte. Kain schritt langsam näher, achtete auf das Krachen der trockenen Zweige unter seinen Sohlen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er versuchte so zu tun, als käme er beiläufig und würde das Feuer des Bruders erst jetzt sehen.
«Hast du ~?» Er räusperte sich. Abel sah auf und lächelte, als er ihn sah. Von vorne schien er erwachsener und kräftiger: ein markantes, kantiges Gesicht in den besten Jahren.
«Hey, hab dich gar nicht gehört, tut mir leid.» Abel bot ihm etwas Wein an und er trank davon, um seine ausgeräucherte Lunge zu besänftigen. «Was gibt´s?», fragte er freundlich.
«Hast du Feuer?»
«Wie bitte?»
«Hast du…» Kain blickte um sich, als hätte es jemand anders gesagt. «Du warst so ein süsses Kind.»
Hatte er das wirklich gesagt? Er wich dem fragenden Blick aus. Das war ihm peinlich, und er hätte ihm gern die Hand geschüttelt, um die Begrüssung noch einmal von vorne zu beginnen. Er suchte in seiner Tasche nach einem Geldstück, das er ihm in die Hand drücken konnte, damit ihm noch einmal verziehen würde, hatte aber sein letztes unterwegs ausgegeben. Er hatte auch kein Mitbringsel, das den letzten Satz vorübergehend vergessen machen konnte. Kain drückte seinen Rücken durch, um sich die Beschämung nicht anmerken lassen, und ihm fiel ein, wie er sehr zerstreut und absichtslos einen schön glänzenden Stein auf dem Weg gefunden und mitgenommen hatte.
«War ich das?», fragte Abel mit kritisch zusammengekniffenen Augen. «Ein süsses Kind?»
Kain schwieg peinlich berührt, blickte in das Feuer, dessen Qualm sich schwarz aus sich selber entwirrte, wie ein rollendes Fadenknäuel.
«Sag mal, wolltest du nicht etwas von mir?»
Da er nichts anderes hatte, blieb ihm nichts anderes übrig. Er holte den Stein aus der Hosentasche und prügelte auf Abel ein. Das vor Anstrengung pochende Blut in seinem Kopf verdeckte die Schamröte, während er ihn betrachtete, der jetzt mit schreiendem Mund so viel älter aussah, gar nicht mehr wie jener, mit dem er einst Datteln geklaut hatte — da hielt er inne. Aber die Erinnerung des kleinen Jungen kam wieder zurück, wie sie nach dem Dattelfressen unter den Bäumen gelegen hatte, sich windend unter Bauchschmerzen, und gefurzt hatten, dass man es bis ins Tal hinunter hören konnte, und er umarmte ihn und schlug noch härter zu, bis der Hinterkopf zerplatzte.

Als ich kleiner war

Als ich kleiner war, hatte ich einen Freund,
den ich später nicht mehr hatte.
Ich sagte, er sei abstossend,
als er aus Versehen
auf mein Bett gespuckt hatte.
Ich sagte wirklich abstossend,
glaube ich.
Wer aus deinem Leben als Erster verschwindet,
hat es als Erstes geschafft.
Nach ihm wirst du suchen
wie man einen schlechten Geruch
zu erschnuppern gezwungen ist.
Auf einer Bank im Wald
zwischen den Feuerstellen
sitzt manchmal ein Labrador
verschüchtert, ohne Besitzer.
ngstschw, so viele Konsonanten hintereinander
denke ich, so viele Konsonanten hintereinander.
Ich sitze drinnen, erinnere,
alles scheint mir momentan
und von hier aus zu schwierig.
Aber ich könnte schreiben, tue es,
das T-Shirt klebt
Sexgeräusche
Tastatur kalte Finger
überüberall Perlen von
Einflussangstschweiss.
So viel so viel hintereinander, aber
die Hälfte von allem vergesse ich
und die andere Hälfte
habe ich schon vergessen.
Ich bin zufällig durchschnittlich, denke ich,
aber das Geräusch die Spucke
der Labrador.
Und so, eine Hand auf dem Ohr,
rück ich weiter auf dem Blatt vor.

Nilpferde

Dann, wenn die Nilpferde, die gefährlichsten Tiere der Welt, endlich von unserem Erdboden verschwunden sind, wird sich die ökologische Infrastruktur merklich verbessern. Wir werden alle nackt durch die Pfützen springen können und Schlammbäder in den Steppen nehmen, ohne Gefahr, von einem Hippo erdrückt zu werden. Auch Wasserbüffel werden sich die Bäuche streicheln lassen und dabei verzückt mit den Hufen zappeln. Die Löwen müssten sich endlich nicht mehr in dieses graue, zähe Fleisch vergraben, wenn sie eine Beute erlegen wollten, und würden spürbar ausgeglichener im federnden Schritt. Die Fische könnten sich etwas gemächlicher durch die Flüsse bewegen und die Ufer würden weniger verschlammt, wofür die Flamingos mehr Schlick hätten, in dem sie nach Essen wühlen könnten. Wir wären alle so glücklich, und deshalb haben wir alles Recht zu hoffen auf die Evolution mit ihrem hufestampfenden Fortschritt. Sie kann schlagartig eintreffen, hat das früher schon getan. Die Flügel der Nilpferde sind in greifbarer Nähe.

Kurzgeschichte in entwürfe

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Gewonnen habe ich leider nicht, aber als Jüngster der acht Literaturwettbewerb-Finalisten freue ich mich sehr über den Abdruck in der wichtigen Zeitschrift entwürfe. Wie ich bereits erwähnt habe, liegt mir „Das Shoppingcenter“ am Herzen, weil ich mich lange mit der Frage nach der sprachlich angemessenen Charakterdarstellung auseinandergesetzt habe. Keine leichte Aufgabe, wenn alle Figuren Typen sind, denen man eigentlich ungerne begegnen würde. Ich hoffe allerdings, dass mir da ein, zwei Dinge geglückt sind.

Was steckt drin? Ein bisschen meine früheren Texte, ein bisschen George, ein bisschen Kafka und ein bisschen Herrndorf, dessen erschreckend ähnlichen Text ich aber — ich schwör — erst nach der Einreichung gelesen habe. War übrigens ein unheimliches Erlebnis.

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Der Bergkönig

Der Bergkönig legte sich unter den Baum und liess sich die Nüsse in den Schoss rieseln. Die Krone juckte und er legte sie neben sich, während er sein Schwert wegschleuderte, dass es schirrend in den Boden fuhr. Ein Murmeltier schnuppert an seiner Zehe und leckte kurz daran, verzog sich darauf hastig in eine Höhle. Das UFO kam, als es dämmerte, und grüne Wesen sprangen zu Boden.
Bleiben Sie sitzen, machen Sie sich keine Umstände, sagten sie, und der Bergkönig lachte und grüsste höflich, als sie schon fast wieder verschwunden waren. Der Regen kam, als der König schlummerte. Ein Rinnsal verschlang weitere zu einem kleinen Strom, und die Krone wurde sanft, wobei sie nach einigen Zentimetern innehielt, als möchte sie die letzte Möglichkeit bieten, nach ihr zu greifen, weggetrieben. Als der Bergkönig erwachte, war er kein König mehr und seine Kleider dampften in der Sonne. Er klopfte sich auf den Bauch und sah sich um. Niemand war zu sehen. Ein anderer wurde Bergkönig, der sich an die Berge schmiegte und den man an den Säumen der Wanderwege im hohen Gras liegen sah. Das Schwert, früher oder später entdeckt, hing an seinem Gurt. Auf dem Gipfel erklomm er den höchsten Felsen und überblickte von oben die weiss beschäumten Täler, die sich vor ihm erstreckten. Er warf sich oft müde in einen Karst und stapelte Steine. In den Wäldern wanderte er rauschend durch das Laub. Manchmal sah er nach oben, wenn laute Rotoren über seinem Kopf erklangen. Der Bergkönig spielte mit den jungen Steinböcken und kämpfte mit ihnen um Knochen, um ihre Stärke zu erproben. Immer häufiger sah er die grünlichen Wesen durch das Tal ziehen, doch wenn er ihnen zurief, schreckten sie zusammen und kehrten um. Regen konnte sich in Sekundenschnelle zusammenbrauen und heftig niederprasseln, doch eine sichere Höhle war nie weit entfernt.