Prüfung fürs Leben

von Cedric Weidmann

Ich erinnere mich
einer Prüfung im Sommer, als ich
dreizehn, fünfzehn war.
Es war in Chemie und unser Chemielehrer
war ein begnadeter und weitherum bekannter
Heissluftballonfahrer.
Jedes Mädchen in unserer Klasse war
in ihn verliebt, und er lachte mit einem Grunzen.

Meine Eltern waren in diesem Sommer dabei,
ihren Hühnerstall auszubauen,
sie glaubten nicht, dass ich das Semester bestünde.
Ich zog mich ins Zimmer zurück, lauschte
dem Poltern und Gackern,
ohne ein Heft aufzuschlagen,
und dabei spitzelte ich
die Zehen unter den Teppich.

Am hellsten Tag war die Prüfung.
Ich zog mein bestes Hemd an.
Ich sah nach oben und kein Flugzeug
Kein Zeppelin, kein Raumschiff
und kein Ballon flogen am Himmel.
Alle im Klassenzimmer murmelten und
trampelten, bis der Lehrer uns
die Blätter verteilte.

Eigentlich möchte ich Buchhändler werden.
Man grunzte und wünschte uns Glück.
Es raschelt im Papier, erstickt —
Und plötzlich hört man tickende Zeiger.

Niemand hat gesagt,
es wird leicht.
Und doch
wird es leicht.