Kain und Abel

von Cedric Weidmann

Er näherte sich zögerlich, während er mit der Hand den Rauch vor dem Gesicht vertreiben wollte, als wäre er eine Fliege. Im Profil sah sein Bruder mehrere Jahre jünger aus und er erinnerte sich, dass er ihm gezeigt hatte, wie man aus Stroh eine Pappfigur bastelte und wie man Frauen erschreckte. Kain schritt langsam näher, achtete auf das Krachen der trockenen Zweige unter seinen Sohlen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er versuchte so zu tun, als käme er beiläufig und würde das Feuer des Bruders erst jetzt sehen.
«Hast du ~?» Er räusperte sich. Abel sah auf und lächelte, als er ihn sah. Von vorne schien er erwachsener und kräftiger: ein markantes, kantiges Gesicht in den besten Jahren.
«Hey, hab dich gar nicht gehört, tut mir leid.» Abel bot ihm etwas Wein an und er trank davon, um seine ausgeräucherte Lunge zu besänftigen. «Was gibt´s?», fragte er freundlich.
«Hast du Feuer?»
«Wie bitte?»
«Hast du…» Kain blickte um sich, als hätte es jemand anders gesagt. «Du warst so ein süsses Kind.»
Hatte er das wirklich gesagt? Er wich dem fragenden Blick aus. Das war ihm peinlich, und er hätte ihm gern die Hand geschüttelt, um die Begrüssung noch einmal von vorne zu beginnen. Er suchte in seiner Tasche nach einem Geldstück, das er ihm in die Hand drücken konnte, damit ihm noch einmal verziehen würde, hatte aber sein letztes unterwegs ausgegeben. Er hatte auch kein Mitbringsel, das den letzten Satz vorübergehend vergessen machen konnte. Kain drückte seinen Rücken durch, um sich die Beschämung nicht anmerken lassen, und ihm fiel ein, wie er sehr zerstreut und absichtslos einen schön glänzenden Stein auf dem Weg gefunden und mitgenommen hatte.
«War ich das?», fragte Abel mit kritisch zusammengekniffenen Augen. «Ein süsses Kind?»
Kain schwieg peinlich berührt, blickte in das Feuer, dessen Qualm sich schwarz aus sich selber entwirrte, wie ein rollendes Fadenknäuel.
«Sag mal, wolltest du nicht etwas von mir?»
Da er nichts anderes hatte, blieb ihm nichts anderes übrig. Er holte den Stein aus der Hosentasche und prügelte auf Abel ein. Das vor Anstrengung pochende Blut in seinem Kopf verdeckte die Schamröte, während er ihn betrachtete, der jetzt mit schreiendem Mund so viel älter aussah, gar nicht mehr wie jener, mit dem er einst Datteln geklaut hatte — da hielt er inne. Aber die Erinnerung des kleinen Jungen kam wieder zurück, wie sie nach dem Dattelfressen unter den Bäumen gelegen hatte, sich windend unter Bauchschmerzen, und gefurzt hatten, dass man es bis ins Tal hinunter hören konnte, und er umarmte ihn und schlug noch härter zu, bis der Hinterkopf zerplatzte.