Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: essen

2000 Blätter

Und da, da liegen noch 2000 unbeschriebene Seiten auf deinem Pult. Neben einer Packung alter M&Ms, die du seit vier Monaten dort liegen hast. Sie zeichnen sich in der Dunkelheit fast gar nicht ab. Nur ihre Konturen sind Ahnungen, schwarze Schatten in schwarzen Schatten. Mehr als den Kopf heben magst du nicht, und du schielst über deinen Körper hinab und siehst die Socken, die du nicht mehr ausgezogen hast, bevor du eingeschlafen bist. Dunkle Schweissflecken zeichnen fremde Landkarten auf deine Füsse. Von draussen dringt ein Glimmen hinein, das sich manchmal aufhellt, wenn die Scheinwerfer eines Autos die Fassade streifen. Du kannst dich nicht bewegen, und du bist zu müde, dich daran zu erinnern, was du dir am Abend vorgenommen hast. Sie erscheinen dir jetzt schon lächerlich, jene Vorsätze, geboren aus einem naiven Überschwang, der die Unausweichlichkeit des Daseins kompensierend begleitet. Nur den Kopf magst du zur Seite drehen und die Uhr erkennen, deren Ziffern einen hellen Schimmer auf die PET-Flasche werfen, die daneben steht. Von dort dringt ein Abklatsch des Schimmers auf die 2000 Blätter, die gestapelt auf dem Pult liegen und darauf warten, gefüllt zu werden. So viele leere Blätter, was für eine Verschwendung! und die M&Ms!, aber von denen nimmst du eins.

Leibspeise

Erpicht auf alles ausser Weintrauben. Aber Weintrauben auf dem Teller. Und hinter ihnen winken verlockende Würstchen. Statt Hände heisser Dampf, der in der Ferne winkt. Fatamorganisch. Aber davor diese Weintrauben und überall sind sie, gegen den Tellerrand gekollert. Der Blick auf weiter Dahinterliegendes durch die Entrückung fast getrübt. Die Würstchen wiegen sich auf Kartoffelstock, das lässt sich ausmachen. Neben ihnen betupfte Erbsen, von einander abgewandt, wie nach einem Zerwürfnis verstreut. In der Wölbung des Tellers gefangen: die Weintrauben, und noch ist die Stunde des Tellers voll, und mit der Mühe wird sie dreiviertel, halb, schliesslich noch zwanzig verbleibende Minuten, auf denen sie sich türmen, der Rest der Stunde ist blankes Keramik, und von den Würstchen noch keine Spur. Auch der Kartoffelstock berührt nur in Ansätzen die Gabel und schmiert bruchteilartig die Zungenspitze ein. Die Erbsen zotteln leise davon, niedergeschlagen: Noch eine Viertelstunde, auf der sie sich zusammenzwängen und jetzt ist der Wall der Weintrauben endültig Geschichte. Die Würstchen auf die Gabel. Es schmeckt eigentlich wie Spinat und das ist es auch. Spinat, gar keine Würstchen. Nach den Weintrauben erpicht auf alles ausser Spinat. Statt dem Kartoffelstock Pilzrahmsauce — alles ausser Pilzrahmsauce –, doch der Würgreiz bleibt aus. Es liesse sich ja ausmalen, es wäre Kartoffelstock oder es wären Würstchen oder noch Besseres. Es wäre alles ausser Weintrauben, alles ausser Spinat oder Pilzen. Endlich hat die Stunde geschlagen. Ein stolzes Aufblicken. Ein Beifall des Erstaunens. Geschafft, trotz des Würgens, trotz der Weintrauben, den Pilzen, dem Spinat. Eigentlich gar nicht so schlecht, wenn es erst einmal weg ist. Alles kann wahrhaftig sein. Man muss nur ein Auge zudrücken.

Sokrates, Phagos

Sokrates. Du scheinst müde und hungrig zu sein, mein lieber Phagos.
Phagos. Das ist wahr, Sokrates, meine Reise war lang. Erst heute Morgen habe ich Athens Stätte betreten.
Sokrates. Ist es nicht so, mein Freund, dass der Hunger mit der Müdigkeit die grösste Gemeinsamkeit aufweist?
Phagos. Erkläre mir das.
Sokrates. Hunger ist doch wohl ein grässliches Gefühl?
Phagos. Das grässlichste.
Sokrates. So sehr der Hunger grässlich, so erfreulich wird das Essen, das nichts anderes als das Stillen des Hungers ist.
Phagos. Sehr richtig.
Sokrates. Und da der Hunger mit der Zeit zunimmt, so folgt daraus, dass es dem grossen Glück förderlich wäre, lange nichts zu essen, bis der Hunger gross genug ist.
Phagos. Jawohl.
Sokrates. Und da dasselbe vom Schlaf zu sagen ist — so ist es der schnellste Weg zum Glück, weder zu essen noch zu schlafen?
Phagos. Mhm.
Sokrates. Bist du nicht auch schon in der Nacht aufgewacht? Und war dir dadurch nicht die Nacht und der Schlaf viel klarer ins Bewusstsein getreten, als wenn du durchgeschlafen hättest?
Sokrates. Ist es nicht so, dass das Essen sich durch das Ausmass der Hungerns verbessert, das Schlafen durch die Unruhe, die wach hält?
Sokrates. Und da dem so ist, müsste es doch das Beste sein, statt eine Nacht lang zu schlafen, oder eine Mahlzeit zu essen, nur viele, kurze Nickerchen zu machen und kleine Bissen zu verzehren?
Sokrates. Wirst du also nicht zugeben, dass es der Glückseligkeit am ehesten zureichte, das Essen in seine kleinsten Teile zu spalten und den Schlaf in seine kürzesten Phasen zu trennen, so dass man im Stehen und Liegen, in der Schlacht und auf dem Marktplatz immerzu ein wenig schläft und ein wenig isst, ohne sich jedoch in grossen Portionen satt zu knabbern, noch wach zu schlafen?
Sokrates. Würdest du, Phagos, daher nicht behaupten, dass das kleine Mass in jedem Fall die Müdigkeit und den Hunger bei Stange hält und somit für das Essen und den Schlaf am zuträglichsten sind?
Sokrates. Phagos?
Sokrates. Phagos?!
Sokrates. Es wäre zumindest höflich, nicht so viele Pinienkerne auf einmal in den Mund zu nehmen, damit du mir noch Antwort geben könntest.
Phagos. Verzeih, werter Sokrates, der Hunger…!