Leibspeise

von Cedric Weidmann

Erpicht auf alles ausser Weintrauben. Aber Weintrauben auf dem Teller. Und hinter ihnen winken verlockende Würstchen. Statt Hände heisser Dampf, der in der Ferne winkt. Fatamorganisch. Aber davor diese Weintrauben und überall sind sie, gegen den Tellerrand gekollert. Der Blick auf weiter Dahinterliegendes durch die Entrückung fast getrübt. Die Würstchen wiegen sich auf Kartoffelstock, das lässt sich ausmachen. Neben ihnen betupfte Erbsen, von einander abgewandt, wie nach einem Zerwürfnis verstreut. In der Wölbung des Tellers gefangen: die Weintrauben, und noch ist die Stunde des Tellers voll, und mit der Mühe wird sie dreiviertel, halb, schliesslich noch zwanzig verbleibende Minuten, auf denen sie sich türmen, der Rest der Stunde ist blankes Keramik, und von den Würstchen noch keine Spur. Auch der Kartoffelstock berührt nur in Ansätzen die Gabel und schmiert bruchteilartig die Zungenspitze ein. Die Erbsen zotteln leise davon, niedergeschlagen: Noch eine Viertelstunde, auf der sie sich zusammenzwängen und jetzt ist der Wall der Weintrauben endültig Geschichte. Die Würstchen auf die Gabel. Es schmeckt eigentlich wie Spinat und das ist es auch. Spinat, gar keine Würstchen. Nach den Weintrauben erpicht auf alles ausser Spinat. Statt dem Kartoffelstock Pilzrahmsauce — alles ausser Pilzrahmsauce –, doch der Würgreiz bleibt aus. Es liesse sich ja ausmalen, es wäre Kartoffelstock oder es wären Würstchen oder noch Besseres. Es wäre alles ausser Weintrauben, alles ausser Spinat oder Pilzen. Endlich hat die Stunde geschlagen. Ein stolzes Aufblicken. Ein Beifall des Erstaunens. Geschafft, trotz des Würgens, trotz der Weintrauben, den Pilzen, dem Spinat. Eigentlich gar nicht so schlecht, wenn es erst einmal weg ist. Alles kann wahrhaftig sein. Man muss nur ein Auge zudrücken.