Wrag!

Cédric Weidmann, 28, schreibt.

Tag: Kurzgeschichte

Kurzgeschichte in entwürfe

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Gewonnen habe ich leider nicht, aber als Jüngster der acht Literaturwettbewerb-Finalisten freue ich mich sehr über den Abdruck in der wichtigen Zeitschrift entwürfe. Wie ich bereits erwähnt habe, liegt mir „Das Shoppingcenter“ am Herzen, weil ich mich lange mit der Frage nach der sprachlich angemessenen Charakterdarstellung auseinandergesetzt habe. Keine leichte Aufgabe, wenn alle Figuren Typen sind, denen man eigentlich ungerne begegnen würde. Ich hoffe allerdings, dass mir da ein, zwei Dinge geglückt sind.

Was steckt drin? Ein bisschen meine früheren Texte, ein bisschen George, ein bisschen Kafka und ein bisschen Herrndorf, dessen erschreckend ähnlichen Text ich aber — ich schwör — erst nach der Einreichung gelesen habe. War übrigens ein unheimliches Erlebnis.

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Der Verkehrskundeunterricht

«Und was seht ihr hier?», fragte der Fahrlehrer und sah über die Schulter auf das sich von rechts hereinschiebende Bild der Präsentation. Eine gerade Strasse mit einem entgegenkommenden Fahrzeug, hinter dem ein zweites leicht versetzt zum Überholen auszuheben schien. Zu beiden Seiten breitete sich mattes Gras mit vereinzelten Apfelbäumen. Der Gelbstich und die pelzige Frisur des Fahrzeugfahrers ergänzten das Foto aus den 80er-Jahren.
«Zwei Autos», rief Andrea, die Älteste.
«Gut. Ist das eine gefährliche Situation für uns, wenn wir auf der Strasse fahren?», fragte der Fahrlehrer und zupfte an seinem Spitzbärtchen. Er schwenkte den Blick zu den vorderen Reihen der Schüler, in der Hoffnung, dass auch sie etwas sagten. Insbesondere um die eine — eine junge Fahrschülerin, die sich auch in den Stunden sehr einsilbig gab — war er besorgt.
«Klar», sagte schliesslich, als wäre es ein ins Kauen des Kaugummis eingefügtes Geräusch, der Junge neben ihr.
«Klar! Richtig! Aber warum?»
«Weil wir nichts tun können», rief Andrea aus der hintersten Reihe. «Wir sterben.»
Der Fahrlehrer lächelte. «Nicht unbedingt. Könnte sein. Es wird auf jeden Fall eng. Für uns und ihn. Ausweichen ist auch nicht gut, wenn man die Bäume sieht. Ausserdem könnte er dasselbe machen. Was also tun?»
«Signale geben. Lichthupe», rief Andrea.
«Genau, oder?»
«Langsamer fahren, vorsichtiger schauen, notfalls eben langsam ausweichen.»
«Genau. Aber eigentlich: können wir hier fast gar nichts mehr machen.»
«Wir sterben.»
Der Fahrlehrer zupfte sich am Spitzbärtchen und schlug eine laut hämmernde Taste seines Computers an. Die altmodische Präsentation löste sich in grosse Pixel auf, die sich zu einem neuen Foto zusammensetzten.
«Und was seht ihr hier?», fragte er.
«Menschen! Trams. Ein Schild.»
«Genau, was ist das für ein Schild?» Er zeigte auf Yan, den kauenden Jungen.
«Ein Nicht-Parkieren-Schild.»
«Seht ihr sonst noch was?»
«Ja, da, ein Kind im Schatten.»
«Richtig, Andrea. Auf die Kinder müssen wir achten, auf die Schatten, auf die Schilder, denn wo Nicht-Parkieren-Schilder sind, sind entweder die Wege sehr eng oder es könnten Einfahrten vorhanden sein. Fahren wir hier schnell durch?»
«Nein, langsam», rief es von hinten.
«Genau. Also, was müsst ihr bei einer solchen Situation beachten?»
«Vorsichtig fahren, verschiedene Verkehrsteilnehmer im Blick haben. Die Tramgleise beachten, wegen Velofahrer und so.»
«Genau», murmelte der Fahrlehrer und wollte schon auf die laute Taste hauen, um den nächsten Slide einzublenden. Doch dann fuhr die Hand neben Yan hoch. Es war die schweigsame Anita.
«Aber da ist doch noch etwas…», sagte sie langsam und so leise, dass sich Andrea hinten über den Tisch lehnte.
«Wo denn?», fragte der Fahrlehrer sie freundlich ermutigend und drehte sich zum Bild.
«Na da, hinter dem Sicherungskasten…»
Die ganze Klasse beugte sich vor, um einen deutlicheren Blick zu haben. Dort, neben der Allee, im Schatten hinter dem Kind, ragte etwas hinter dem Sicherungskasten hervor. Erst schien es nur eine Täuschung, aber bei stärkerem Hinsehen war die Deutlichkeit nicht zu bestreiten, und die Konturen zeichneten sich, wie beim Aufwachen in der Dunkelheit, mit fast brennender Genauigkeit, ab. Andrea stiess einen gellenden Schrei aus. Yan murmelte etwas. Der Fahrlehrer war bleich geworden und rupfte grob an seinem Spitzbärtchen. Seine Hand glitt wie automatisch zur Taste, um das Bild weiterzuschalten, aber sie verharrte zehn Zentimeter über der Tastatur und bewegte sich nicht. Immer noch sahen sie das handartige, umgestülpte, grausige Gebilde auf dem dreissig Jahre alten Foto an, neben dem der normale Tagesbetrieb auf der Strasse herrschte. Ein Geräusch erklang, als ein Junge in Ohnmacht, sein Kopf hart auf den Tisch und sein New Era-Cap zu Boden fiel.

Der Bergkönig

Der Bergkönig legte sich unter den Baum und liess sich die Nüsse in den Schoss rieseln. Die Krone juckte und er legte sie neben sich, während er sein Schwert wegschleuderte, dass es schirrend in den Boden fuhr. Ein Murmeltier schnuppert an seiner Zehe und leckte kurz daran, verzog sich darauf hastig in eine Höhle. Das UFO kam, als es dämmerte, und grüne Wesen sprangen zu Boden.
Bleiben Sie sitzen, machen Sie sich keine Umstände, sagten sie, und der Bergkönig lachte und grüsste höflich, als sie schon fast wieder verschwunden waren. Der Regen kam, als der König schlummerte. Ein Rinnsal verschlang weitere zu einem kleinen Strom, und die Krone wurde sanft, wobei sie nach einigen Zentimetern innehielt, als möchte sie die letzte Möglichkeit bieten, nach ihr zu greifen, weggetrieben. Als der Bergkönig erwachte, war er kein König mehr und seine Kleider dampften in der Sonne. Er klopfte sich auf den Bauch und sah sich um. Niemand war zu sehen. Ein anderer wurde Bergkönig, der sich an die Berge schmiegte und den man an den Säumen der Wanderwege im hohen Gras liegen sah. Das Schwert, früher oder später entdeckt, hing an seinem Gurt. Auf dem Gipfel erklomm er den höchsten Felsen und überblickte von oben die weiss beschäumten Täler, die sich vor ihm erstreckten. Er warf sich oft müde in einen Karst und stapelte Steine. In den Wäldern wanderte er rauschend durch das Laub. Manchmal sah er nach oben, wenn laute Rotoren über seinem Kopf erklangen. Der Bergkönig spielte mit den jungen Steinböcken und kämpfte mit ihnen um Knochen, um ihre Stärke zu erproben. Immer häufiger sah er die grünlichen Wesen durch das Tal ziehen, doch wenn er ihnen zurief, schreckten sie zusammen und kehrten um. Regen konnte sich in Sekundenschnelle zusammenbrauen und heftig niederprasseln, doch eine sichere Höhle war nie weit entfernt.

Zwei lesen, einer lacht

Auf einer Bank unter einem Birnbaum sitzen zwei Männer. Beide lesen, einer lacht. Sie tragen täglich frische Anzüge und schlagen die Beine übereinander. Der Lachende kommt meist am späten Vormittag und klappt sein dickes Buch auf. Er schmunzelt, manchmal geschieht es früher, manchmal später, aber immer im Laufe der Lektüre. Das Schmunzeln breitet sich auf seinem rasierten Gesicht, während seine Augen über die Seiten fliegen, Zeile für Zeile weiter aus, bis es schliesslich zum Grinsen wird, das den baldigen Ausbruch seines hellen, durch den Park fliehenden Lachens ankündigt.
Sein Nachbar zur Linken ist oft schon am Morgen da und liest unbewegt. Nur selten spitzen sich seine blassen Lippen und entspannen sich wieder nach wenigen umgeschlagenen Seiten. Er bleibt nachmittags eine halbe Stunde alleine dort, bevor er nach Hausegeht.
Der Lachende sucht den Blick der Umstehenden, vielleicht um sich zu entschuldigen oder um sich zu erklären. Der Stille schielt knapp über den Buchrücken, erwidert seinen Blick, zieht die Mundwinkel bekräftigend nach oben und fährt mit dem Lesen fort.
»Entschuldigen Sie«, rief der Lachende unter Tränen. »Ich störe sie immer.«
»Überhaupt nicht«, versetzte der andere und las weiter.
Der Lachende verstummte höflich und sah seinen Nachbarn neugierig an. Eine Weile beobachtete er, wie dessen Blick stumm über die Buchstaben glitt, ohne die geringste Regung auf dem Gesicht zu zeitigen.
»Entschuldigen Sie meine Frage: Aber was lesen eigentlich Sie?«
Der Stille klappte das Buch zu und verdeckte es mit der anderen Hand. »Nichts besonderes«, sagte er.
»Ach?« Der Lachende überlegte sich, ob er von seinem Buch erzählen sollte, aber der andere sah ihn kühl an, und er wollte nicht wie ein alter Mann wirken, der unaufgefordert aus seinem Leben ausplauderte. Er verabschiedete sich am Nachmittag und der Stille lächelte zum Abschied. Eine Woche später sassen sie wieder auf der Bank und wieder lasen zwei und einer lachte.
»Lesen Sie immer noch das gleiche Buch?«, fragte der Lachende, nachdem sein lautes Johlen verebbt war.
»Ja, ja.«
»Immer noch den Novalis?«, denn er hatte beim letzten Abschied auf den Umschlag gelinst, und den Titel Autor erkannt.
Der andere ruschte auf der Bank hin und her. »Ja…«
»Sie lesen seit einer Woche dasselbe Buch?«
»Ja…«
»Oder lesen Sie es erneut?«
»Ja…«
Der Lachende hatte sein Buch zur Seite gelegt und lehnte sich mit dem ganzen Körper hinüber, dem Stillen auf den Leib rückend. »Und immer noch die gleiche Seite? Oder habe ich ihr Blättern übersehen?«
»Eigentlich lese ich gar nicht darin«, erwiderte der andere, unangenehm berührt..
Der Lachende machte ein verblüfftes Geräusch. »Sie lesen gar nicht im Buch?.«
Einige Sekunden druckste der andere herum und gestand dann: »Ich lese in Ihrem Buch.«
»In meinem — ?«
»Ich lese nie in meinem Novalis.« Er diene nur als Ablenkung, wenn er in den Büchern von anderen lese. Es sei immer etwas Neues dabei und spare Bibliothekskosten. »Ausserdem interessierte mich, was Sie so lustig finden..«
»Sie haben aber nie gelacht«,stellte der Lachende, nun ernst und nachdenklich, fest.
»Nun ja«, sagte der Stille, »so einer bin ich nicht.«

Katzen folgen

Er schleicht den Katzen nach und folgt den Spuren, die sie durch die Nachbarschaft treibt. Er hüpft über die Holzlatten eines niederen Zaunes und streift den Hausmauern entlang. Wenn man eine Katze sieht, ist seine Gestalt nicht fern, mit der Brille auf dem Gesicht und dem kleinen Hut, der ihn vor heftiger Mittagssonne schützt. Zwischen Stauden raschelt es hörbar, wenn er einen Riegel auspackt und ihn isst. Auch auf Bäumen will man ihn, der in der Gegend wohnt, gesehen haben. Die Katzen nehmen ihn wie einen Umweltfaktor hin: Eine Temperaturschwankung oder gelegentliche Trockenheit. Manchmal bricht ein Lachen aus ihm heraus, das den Anwohnern verrät, wo sich ihre Schützlinge aufhalten. In diesem Viertel ist noch nie ein Haustier verschwunden.

Der Stollen

Die Dämmerung drang in das erste Schwächeln des Abendlichts und legte sich an den Berg. Ich setzte den Helm auf, betrat den Stollen und leuchtete mit der Lampe in meiner Rechten den niederen Gang aus. Zwei Fledermäuse flatterten nach draussen und ein helles Tropfen hallte aus der Finsternis. Mit geschulterter Spitzhacke bestieg ich den Lorewagen und ruckelte langsam durch Korridore, die sich in unvermittelte Hallen aufbrachen. In ihnen flog ein Geräusch einen Pulsschlag haltlos, bevor es an den Wänden stöhnend zerscholl. Als er an sein Ende kam, beleuchtete das Licht eine karstige Wand, an der ich mit Schürfen begann.
Am nächsten Abend brach ich direkt vom Wirtshaus auf und traute mich erneut in das jahrmillionenalte Dunkel, das der Fels in sich barg. Wieder ging ich in den Stollen, doch diesmal war meine Lampe ein Gedanke und ich das Unheimliche, Beseitigungswürdige, das er mit sich herumschleppt.

Zins

«Ich frage mich, an welche Frau du deine Worte freigiebig ausspenden wirst, die du an mir sparst, und womit sie es verdient», hatte seine Exfreundin gesagt. Manche hielten ihn für melancholisch, andere für stumpfsinnig. Er besass eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Stadt. Ein kleiner Gedanke, der mit vier pappdünnen Wänden begrenzt war. Zwei ausgestreckte Arme konnten die Tapeten berühren. Die Geräusche drangen von beiden Seiten so mühelos durch sie hindurch, dass man wohl glaubte, das Zimmer, in dem er wohnte, sei gar nicht vorhanden. Er arbeitete in einem Plattenladen und versuchte, sich hochzuarbeiten. Er wusste nicht, wohin genau er sich hocharbeiten wollte, und die Vorstellung, er könnte befördert werden, machte ihm eigentlich Sorgen. Die Frau vom Vertrieb, die wie ein Gerümpel im Hinterzimmer lag und der aus dem Mundwinkel ein schwarzes Telefonkabel baumelte, war sehr dick und er fürchtete, selber dick zu werden. Er sah schon prüfend an sich herunter. Zum Glück gab es keinen Anlass zur Annahme, er könnte befördert werden. Wenn er im Bett lag, betrachtete er den Staub, der im Licht der Strassenlaterne aufleuchtete, das durch eine lockere Jalousie hineinschlüpfte. Es beschäftigte ihn, dass sein Körper dem Staub in seinem Zimmer Platz wegnahm und er versuchte, soviel wie möglich einzuatmen, so dass sich die Partikel in seinem Körper wie im Zimmer ausbreiten konnten, wenn er nicht da war.
Im Hinterhof gab es eine Laube, unter der er rauchte und zu den erleuchteten Fenstern der oberen Wohnungen blickte. Mit einer älteren Frau in einem der warm strahlenden Vierecken hatte er eine Affäre. Die meisten Tage der Woche war ihr Mann zu Hause und er durfte sich nicht blicken lassen. Das fiel Leif nicht schwer, er liess sich eigentlich ungerne blicken, oder gerne nicht blicken, und vieles wies darauf hin, dass er diese Affäre eigentlich abbrechen wollte, aber er sagte nichts.
«Fick dich!», rief ihm jemand zu, als er den Supermarkt mit zwei Aprikosen, zwei Gurken und einer Packung Fischstäbchen verliess. Er drehte sich um, blinzelte das Licht der Mittagssonne weg und sah den Rufer an die Wand gelehnt. Der etwa Sechzehnjährige spuckte zu Boden. Sein kleiner, blonder Kumpel blickte der Spucke prüfend nach, als könnte sie unerwartet Haken schlagen. «Ja, dich meine ich», rief der Junge argwöhnisch. Die Jungs starrten auf den Ort, wo die Spucke in den Asphalt aufging, und Leif starrte auch. Er machte eine ratlose Handbewegung. Der Junge blickte auf. «Ja, fick dich einfach», sagte er, während er mit dem ausgestreckten Zeigefinger das Nasenpiercing berührte.
Er las kaum, denn es machte ihm Kopfschmerzen. Er spielte ein Videospiel zum zweiten Mal durch, bei dem es darum ging, giftspeienden Chamäleons unbemerkt falsche Eier unterzujubeln. Aus matter Gleichgültigkeit sprang ihn manchmal ein Verwundern darüber an, dass er keine Musik hörte und weder Boxen noch Kopfhörer besass, obwohl er im Plattenladen arbeitete. Dann war ihm plötzlich klar, weshalb er nicht befördert wurde, und fühlte sich seiner Misserfolge schuldig. Nach dem Rauchen hatte er sich meistens versöhnt. Einmal im Monat ass er bei seinen Eltern Saltimbocca und übernachtete im frisch bezogenen Kinderbett. Wie die eines Kindes rieben seine Beine über das Leintuch, die die Weichheit und den Geruch der Wäsche gar nicht fassen konnten. Zwei Kanarienvögel, die Kinder derer, die er selber gehegt hatte, lebten dort und erwiderten morgens seinen verschlafenen Blick. Kanarienvögel konnten, wie Papageien, Stimmen nachahmen, doch er hatte ihnen nie etwas beigebracht. Der Lärm des im Wasser aufplätschernden Urins war ihm zuwider, und wenn er merkte, zulange auf die rechte Seite der Schüssel zu pissen, schwenkte er aus Symmetriegründen auf die linke um. Seine Mutter fragte nach den Frauen in seinem Leben, aber weil er nichts von der Nachbarin erzählten wollte, schaufelte er sich Corn Flakes in den Mund und las die Packungsrückseite.
«Fick dich!», rief eine Stimme, als über den Bahnhof lief. Es waren die gleichen Jungs und der eine fasste sich mit dem Zeigefinger an das Piercing: Er schien erschrocken darüber, dass es noch an seinem Platz war. Leif wäre auf sie zugegangen, aber sie waren zu weit weg, und es wäre lächerlich gewesen, hundert Meter auf jemanden zuzulaufen, den man nicht kannte. Ausserdem wirkte er von der Nähe noch weniger einschüchternd als auf Distanz. Rasch duckte er sich unter die Leute und verschwand.
Es regnete sehr, und er fühlte sich trotz der Dunkelheit wach. Er öffnete die Gartentür, und ging unter die Laube. Die oberen Fenster waren alle verschlossen. Er wollte rauchen, aber die Zigarette erlosch. Er fühlte sich zu Verschwendung aufgelegt, war jedoch zu müde, um etwas aus seinen Vorräten zu holen. Zwei Vögel sassen unter einem schützenden Ast und warteten darauf, dass der Platzregen versiegte. «Nein, nein», murmelte Leif, «fick dich», und verstummte. Der Regen hatte nicht aufgehört, es schien erst nur so, weil er leiser geworden war. Die Vögel waren verschwunden.

Der Planet der Gleichungen

Übrigens, wir sind tatsächlich die einzigen Lebewesen in diesem Universum. Der Grund dafür liegt darin, dass wir unentwegt nach Lebewesen suchen, obwohl es anderes gibt, das ist, das west und das lebt, das sich jedoch nicht oder nur mit Mühe in den Begriff von Leben fügen lässt. Betrachten wir einmal den Planet der Gleichungen. Bevor wir über das Erscheinungsbild der Einwohner und ihre genaue Lokalisierung zu sprechen kommen (worauf wir nicht zu sprechen kommen werden), müssen zwei, drei Voraussetzungen neu getroffen werden. Die Lebewesen, die wir hier der Einfachheit halber «Gleichungen» nennen, und die weder Tiere, noch Menschen, noch Bakterien, noch Pilze, noch Zellen, also eigentlich keine Lebewesen sind, existieren bereits seit Urzeiten. Tatsächlich sind sie weniger physikalische Entität, als Gleichungen: platonische Gegenstände. Diese Gleichungen, die jenen der menschlichen Mathematik auffallend ähneln, ändern im Laufe der Zeit ihre Werte und Variabeln. Es wurde deshalb eingehend über die Frage diskutiert, ob es sich wirklich um Gleichungen und nicht um Funktionen handelt, doch der Begriff der Gleichungen hat sich durchgesetzt, weil sie die meiste Zeit tatsächlich als normale Gleichungen vorherrschen und sich nur gelegentlich wandeln oder ihre Variabeln parametrisieren. Dies geschieht in der Regel im Einklang mit allen übrigen Gleichungen, die sich nach denselben Variabeln richten müssen. Die Gesamtzahl der Gleichungen muss also aufgehen — es kann nicht sein, um ein ganz einfaches Beispiel zu nennen, dass eine dieser Gleichung «a * s + x + c^df = 2k + m * t/h» parallel mit einer anderen «a * s + 2x + c^df = k + m * t/h» existiert. Um dieses Problem zu umgehen, kennt das System, in dem sich diese Gleichungen bewegen, mehrere Möglichkeiten: Erstens, die beiden Gleichungen nehmen alle ihre Kräfte zusammen, um die ihnen eingeschriebenen Faktoren zu transformieren, und pendeln sich in kurzer Zeit auf einem Wert ein, der sich in sie einfügen lässt, indem sie die rechte oder die linke Seite verändern. Eine andere, weniger aufwendige Möglichkeit, besteht darin, dass eine dritte Gleichung hinzukommt, die Variabeln definiert und mit «x = -k» wieder richtigstellt. Freilich sind das Anschauungsbeispiele, denn so kurze Gleichungen kommen auf diesem Planeten fast nicht vor. Die Gleichungen entstehen als lange Reihen von Variabeln und Zahlen, die mit der Zeit erst abnehmen. Dies ist jedoch ein langwieriger Prozess und kann nur durch die Hilfe der anderen Gleichungen gelingen, welche mithilfe von Vereinfachungen der Faktoren und Variabeln ein Kürzen ermöglichen. Da es also breite Unterstützung sowie lange Erfahrung erfordert, kurz zu werden, zollt man den kurzen Gleichungen überall Respekt. Sie gelten als die Ranghöchsten.
Die Gleichungen existieren nicht in Köpfen von anderen Lebewesen, auch sind sie physikalisch nicht direkt messbar, denn sie haben keinen Körper und wirken nicht auf Materie. Man hat sie nur dadurch entdecken können, weil man bemerkt hat, dass auf dem Planet der Gleichungen andere logische Gesetze vorherrschen. Man hat Signale zu diesem unbewohnten Exoplaneten gesendet und das Signal, das meistens zurückkam, in bestimmten, von dichten Gasen überwölbten Himmelskörpern aber auch verschluckt werden konnte, tat beides: Es kam zurück und es kam nicht zurück. Ein Aufschrei fuhr durch die Forschergemeinschaft. Man hatte etwas entdeckt, das nicht möglich war. Lange versuchte man das Problem auf physikalische Hindernisse zurückzuführen. Als das misslang, gedachte man der Möglichkeit, dass hier die physikalischen Gesetze anders sind und deshalb solche Störungen hervorriefen, man deutete es als verzerrte Echos, die sich der Raumzeit wegen überlagern. Erst später erfuhr man von der Gemeinschaft der Gleichungen, die auf dem Planeten lebt und die direkt die logischen Gesetze beeinflusst. Dies scheint einem sich damit wenig beschäftigenden Menschen unwahrscheinlich: Wie können die logischen Gesetze ausser Kraft gesetzt werden? Sie gelten immer und überall im Universum, denn sie sind doch Kategorien des Menschen: Er findet dieses und jenes logisch.
Dies ist jedoch nicht korrekt. Die Differenz im logischen System, also die Eigenschaft, die die sogenannte Logosphäre jenes Himmelskörpers von unserer unterscheidet, ist die Aufhebung des Ausgeschlossenen Dritten. Das Gesetz des Ausgeschlossenen Dritten ist eine Regel in der irdischen Logosphäre, die mit den physikalischen Eigenschaften auf der Erde korrespondiert: «Es regnet» kann wahr sein oder «es regnet nicht» kann wahr sein. Es ist jedoch unmöglich, dass beides zugleich wahr ist oder dass beides falsch ist — es gibt nichts Drittes. Man mag einwenden, dass es noch Graupel gäbe, und Hagel und Schnee, und dass man sagen könnte: Es regnet ein bisschen oder es herrscht 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das stimmt, aber auch diese Fälle sind entscheidbar: Entweder es ist Regen oder Graupel, Luftfeuchtigkeit, Schnee etc. Das klingt in der sprachlichen Formulierung klar, wenn man jedoch durch schlechtes Wetter stackst wird deutlich, dass es nicht so einfach ist: Es gibt unscharfe Trennlinien, Vagheiten, die man jedoch nicht verwendet, wenn man vom Wetter spricht. Die sprachlichen Anforderungen der Menschen verlangen, dass auf Vagheiten verzichtet wird, sie bestenfalls verdrängt werden, um Klarheit zu schaffen. Seit gut fünfzig Jahren ist auch bekannt, dass die Begriffe des Menschen Voraussetzung dafür sind, was der Mensch wahrnimmt. Also fasst der Mensch auch in seiner Wahrnehmung sehr viele Witterungen unter «Regen», deren Unterschiede ihm, seit es das Wort «Regen» gibt, nicht mehr bekannt sind. Daher stehen die Logosphäre und die Atmosphäre in Wechselwirkung: der Begriff von «Regen» und der physikalische Regen passen sich auf der Erde gegenseitig so an, dass die Regel des Ausgeschlossenen Dritten gültig ist. Dies ist auf dem Planet der Gleichungen nicht eingetreten: Das Signal der Forscher kam zurück und es kam nicht zurück, weil es dort Signale geben und es sie nicht geben kann. Man kann es in unserer Sprache (noch) nicht besser erklären und wir können es nicht verstehen, solange wir uns in unserer Logosphäre bewegen.
Die Gleichungen auf dem Planeten lassen sich aus den physikalischen Besonderheiten ableiten. Es gibt erkennbar Verzerrungen in der Logosphäre, die uns davon ausgehen lassen, es herrschten logische Knäuel, Verschlingungen innerhalb der Gruppen von Gleichungen. Das wiederum kann nur dann eintreffen, wenn sie ihre rechte oder linke Seite kürzen oder Variabeln verändern. Sogleich geht grosse Bewegung durch die Allgemeinheit der Gleichungen, die sich den anderen anpassen müssen. Da das Gesetz des Augeschlossenen Dritten nicht herrscht, kann eine Gleichung falsch und nicht falsch sein. Um diese Falschheit mit Inbrunst zu vertreten, bedarf es einer gewissen Dreistigkeit oder Aufmüpfigkeit, die nur wenige aufzubringen im Stande sind. Ein solches Gegen-den-Strom-Schwimmen kommt einem politischen Umsturz gleich, bei dem mehrere Gleichungen dazu überzeugt werden müssen, die fremde Anpassung vorzunehmen. Mit Durchhaltewille ist es möglich, dass die übrigen Gleichungen von eigentlich ‹falschen› Gleichung überzeugt werden und alle in den Modus der Falschheit wechseln (zum Beispiel so: eine Implikation bestimmt, dass sie nur dann richtig ist, wenn die Bedingung wahr und die Konsequenz falsch ist, oder: 3 = -3). So kommt es zu gewaltigem Wandel, dessen Ausformungen und Komplexitäten von den irdischen Mathematikern noch nicht vollständig verstanden wurden. Für die meisten ist der Planet der Gleichungen aber nicht relevant. Manche sprechen ihm das Leben, andere gleich seine Existenz ab. Ich würde nicht so weit gehen, unterstütze aber eine gesunde Skepsis. Auch wissen wir leider noch zu wenig über den «Mond der Mengen».