Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: Philosophie

Nilpferde

Dann, wenn die Nilpferde, die gefährlichsten Tiere der Welt, endlich von unserem Erdboden verschwunden sind, wird sich die ökologische Infrastruktur merklich verbessern. Wir werden alle nackt durch die Pfützen springen können und Schlammbäder in den Steppen nehmen, ohne Gefahr, von einem Hippo erdrückt zu werden. Auch Wasserbüffel werden sich die Bäuche streicheln lassen und dabei verzückt mit den Hufen zappeln. Die Löwen müssten sich endlich nicht mehr in dieses graue, zähe Fleisch vergraben, wenn sie eine Beute erlegen wollten, und würden spürbar ausgeglichener im federnden Schritt. Die Fische könnten sich etwas gemächlicher durch die Flüsse bewegen und die Ufer würden weniger verschlammt, wofür die Flamingos mehr Schlick hätten, in dem sie nach Essen wühlen könnten. Wir wären alle so glücklich, und deshalb haben wir alles Recht zu hoffen auf die Evolution mit ihrem hufestampfenden Fortschritt. Sie kann schlagartig eintreffen, hat das früher schon getan. Die Flügel der Nilpferde sind in greifbarer Nähe.

Humes Picknick an der schottischen Küste

Er steht auf der Klippe und streichelt seinen Oberlippenbart. Mit der Fussspitze scharrt er einen Kiesel auf die Kante, dann stösst er ihn darüber. Der Stein scheint für einen Moment zu zögern, als würde er sich entscheiden wollen. Dann schwirrt er durch die Luft und schrammt beim Vorbeischiessen seine Wange. Das sirrende Geräusch verliert sich im blauen Himmel. Hume betrachtet das Blut, das von seiner Wange an den Fingern klebt. Das war also der Ausreisser. Er streichelt seinen Oberlippenbart.

Kamera

Was ist, wenn die Kamera noch läuft, was tust du dann? Du weisst, ich habe nichts zu verheimlichen: nichts zu verheimlichen habe ich, weisst du: du weisst, zu verheimlichen habe ich nichts: zu verheimlichen, weisst du, habe ich nichts: ich habe nichts, weisst du, zu verheimlichen: du weisst nichts, ich habe zu verheimlichen.

Man kann auch nicht

Und wenn du erkältet bist, scheidet deine Nase Schleim aus, von dem du nicht glauben kannst, dass das alles von dir kommt. Man kann ins Nastuch sehen und sagen: Ich bin schöpferisch tätig. Ich habe etwas geleistet, kann mich ausdrücken, kann hervorbringen. Was wir nicht alles vermögen, oder vermögen würden, wenn wir nicht immer nur alles zu tun geruhten und zu tun zu geruhen gedenkten. Zum Beispiel habe ich einen unbeantworteten Brief aus meiner Kindheit, der einmal der Grundstein für eine Brieffreundschaft hätte werden können. Ich sehe ihn dort in der Schublade, eingefasst in ein dunkelgrünes Couvert von einem 11-jährigen Jungen aus Wien, der mir vor seinem Schultag noch ein paar Zeilen hingeworfen hatte und auf meine Antwort wartete. Ich wollte ihm schreiben. Ich will ihm heute noch schreiben. Gleich wenn ich so weit bin.
Er ist längst kein 11-jähriger Junge mehr, er wohnt auch nicht mehr an der gleichen Adresse. Er hat einen Beruf gewählt und zieht sich morgens einen Anzug an. Er hat keine Zeit, Briefe zu beantworten, und vielleicht liegen auf seinem Mail-Account selber zwei Dutzend unbeantwortete Nachrichten und seine Freundin gibt ihm einen Kuss auf den Mund, während er nach draussen in die Stadt tritt und ich bei der offenen Schublade stehe und hineinsehe auf das dunkelgrüne Couvert. Ich weiss nicht, ob ich diese Zeilen schreibe oder nur denke, aber ich weiss, dass es nicht darum geht, was wir Menschen tun und ob wir es heute oder morgen erledigen. Es geht nicht darum, dass wir es überhaupt erledigen. Taten und Errungenschaften verblassen manchmal, aber eigentlich leuchten sie gar nicht. Man kann auch nichts tun. Man kann auch einfach nichts tun.
Es geht aber auch nicht darum, dass wir denken, träumen. Es ist nicht so, dass wir in unseren Vorstellungen Ersatz fänden und die versäumten Dinge sühnten. Man kann die Dinge nicht anders erleben, als sie zu erleben.
Vielleicht geht es um überhaupt gar nichts. Ich lache so oft und so herzlich. Ich bin noch nicht fertig mit dem blauen Antwortbrief. Er ist bald 800 Seiten lang und ich freue mich, dass ich nicht stolz darauf bin. Vielleicht bin ich bald fertig, vielleicht breche ich ihn auch irgendwann ab. Und ich werfe ihn ein oder auch nicht und es spielt keine Rolle. Aber es ist nicht selber ein Spiel, es geht nicht um den Reiz der Ungewissheit, nicht um den Stolz des Verkannten, nicht um das Schreiben, es geht um nichts. Ich werfe ihn ein und ich werfe ihn nicht ein. Versteh mich nicht falsch: Es spielt eben wirklich keine Rolle.

Unsichere Philosophen

Vor einiger Zeit habe ich mit Yoshi ein Gespräch darüber geführt, wie Philosophen einen bedrängen.

Denk das

Yoshis Beobachtung

Tatsächlich haben die grössten Philosophen immer noch den einen Fehler, dass sie behaupten — auch wenn das vielleicht nur strategisch ist —, dass ihre Meinung die richtige sei. Dieser Mangel könnte eine weitere Hürde sein, die zu nehmen wäre, um der Wahrheit gerecht zu werden, denn es gehört zu einem guten Argument, dass es nicht immer gilt. Dubito ergo sum, Ich weiss, dass ich nichts weiss, dürften ja eigentlich nicht leere Phrasen gewesen sein und sich nicht nur auf das Ausserhalb des Philosophierens beziehen.
Um dieses Gedankenexperiment durchzuspielen, habe ich an den Texten grosser deutscher Philosophen gefummelt und ihnen (die typisch schweizerische) Unsicherheit angehängt. Erst dachte ich, man müsste da mit einem Makro schnipseln, aber ein einfaches »Suchen & Ersetzen« tut seinen Dienst völlig. Daher in chronologischer Reihenfolge die Philosophen mit dem eingestandenen Zweifel:

Kant: Kritik der reinen Vernunft (Schlüsse aus diesen Begriffen)

a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde, oder den Dingen als objektive Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn man von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahiert; denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre, glaube ich irgendwie. Was aber das zweite betrifft, so könnte sie als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung nicht vor den Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen, und a priori durch synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden, glaube ich irgendwie.
[…]

Hegel: Phänomenologie des Geistes (Vorrede)

Eine Erklärung, wie sie einer Schrift in einer Vorrede nach der Gewohnheit vorausgeschickt wird – über den Zweck, den der Verfasser sich in ihr vorgesetzt, sowie über die Veranlassungen und das Verhältnis, worin er sie zu andern frühern oder gleichzeitigen Behandlungen desselben Gegenstandes zu stehen glaubt – scheint bei einer philosophischen Schrift nicht nur überflüssig, sondern um der Natur der Sache willen sogar unpassend und zweckwidrig zu sein, glaube ich irgendwie. Denn wie und was von Philosophie in einer Vorrede zu sagen schicklich wäre – etwa eine historische Angabe der Tendenz und des Standpunkts, des allgemeinen Inhalts und der Resultate, eine Verbindung von hin und her sprechenden Behauptungen und Versicherungen über das Wahre –, kann nicht für die Art und Weise gelten, in der die philosophische Wahrheit darzustellen sei, glaube ich irgendwie.
[…]

Marx: Der 18. Brumaire des Louis Napoleon (I)

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen, glaube ich irgendwie. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden, glaube ich irgendwie. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen, glaube ich irgendwie. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793-1795 zu parodieren, glaube ich irgendwie.
[…]

Nietzsche: Der Wille zur Macht (Vorrede)

1.
Große Dinge verlangen, daß man von ihnen schweigt oder groß redet: groß, das heißt cynisch und mit Unschuld, glaube ich irgendwie.

2.
Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte, glaube ich irgendwie. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus, glaube ich irgendwie. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Nothwendigkeit selbst ist hier am Werke, glaube ich irgendwie. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt, glaube ich irgendwie.
[…]

Adorno: Negative Dialektik (Einleitung)

Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward, glaube ich irgendwie. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloss interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt misslang, glaube ich irgendwie. Sie gewährt keinen Ort, von dem aus Theorie als solche des Anachronistischen, dessen sie nach wie vor verdächtig ist, konkret zu überführen wäre, glaube ich irgendwie. Vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den praktischen Übergang verhiess, glaube ich irgendwie. Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie hing, lässt nicht theoretisch sich prolongieren, glaube ich irgendwie.
[…]

Nachhaltig

„YOLO“, rief er, und füllte die Steuererklärung aus.

Der Satz (XLVI)

Denn schön ist alles, sieht man es mit Liebe an,
und alles, was man liebt, ist klug.

Charles Perrault, Riquet à la houppe

Jeden Augenblick

»Jeder Augenblick ist kostbar«, sagte er und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. Dabei glitt seine Hand zärtlich, fast fröstelnd, über den Schenkel. Der Blick war auf den Horizont gerichtet, umkränzt von stämmigen Augenfalten, er selbst stark in der Haltung, herausfordernd im Ausdruck und den einen Arm leicht ausgestreckt, wie um das Vorbeiziehende erhaschen zu können. Er seufzte, sein Blick war — ganz kurz — düster umwölkt, oder verschwand wie der belaubte Boden eines späten Herbstes, dann klärte er sich wieder auf, blitzte keck hervor, die Geheimratsecken zuckten, Säbelrasseln mimischer Schwerenöter — und geformten Sinnes entschied er sich entschieden für die nächsten Worte. Den Mund öffnete er, gab ihm Zeit, dass sich ein Laut darin ausdehnen konnte.
»Jeder Augenblick ist kostbar«, sagte er. Und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. Dabei glitt seine Hand zärtlich, fast fröstelnd, über den Schenkel. Der Blick war auf den Horizont gerichtet, umkränzt von stämmigen Augenfalten, er selbst stark in der Haltung, herausfordernd im Ausdruck und den einen Arm leicht ausgestreckt, wie um das Vorbeiziehende erhaschen zu können.