Man kann auch nicht

von Cedric Weidmann

Und wenn du erkältet bist, scheidet deine Nase Schleim aus, von dem du nicht glauben kannst, dass das alles von dir kommt. Man kann ins Nastuch sehen und sagen: Ich bin schöpferisch tätig. Ich habe etwas geleistet, kann mich ausdrücken, kann hervorbringen. Was wir nicht alles vermögen, oder vermögen würden, wenn wir nicht immer nur alles zu tun geruhten und zu tun zu geruhen gedenkten. Zum Beispiel habe ich einen unbeantworteten Brief aus meiner Kindheit, der einmal der Grundstein für eine Brieffreundschaft hätte werden können. Ich sehe ihn dort in der Schublade, eingefasst in ein dunkelgrünes Couvert von einem 11-jährigen Jungen aus Wien, der mir vor seinem Schultag noch ein paar Zeilen hingeworfen hatte und auf meine Antwort wartete. Ich wollte ihm schreiben. Ich will ihm heute noch schreiben. Gleich wenn ich so weit bin.
Er ist längst kein 11-jähriger Junge mehr, er wohnt auch nicht mehr an der gleichen Adresse. Er hat einen Beruf gewählt und zieht sich morgens einen Anzug an. Er hat keine Zeit, Briefe zu beantworten, und vielleicht liegen auf seinem Mail-Account selber zwei Dutzend unbeantwortete Nachrichten und seine Freundin gibt ihm einen Kuss auf den Mund, während er nach draussen in die Stadt tritt und ich bei der offenen Schublade stehe und hineinsehe auf das dunkelgrüne Couvert. Ich weiss nicht, ob ich diese Zeilen schreibe oder nur denke, aber ich weiss, dass es nicht darum geht, was wir Menschen tun und ob wir es heute oder morgen erledigen. Es geht nicht darum, dass wir es überhaupt erledigen. Taten und Errungenschaften verblassen manchmal, aber eigentlich leuchten sie gar nicht. Man kann auch nichts tun. Man kann auch einfach nichts tun.
Es geht aber auch nicht darum, dass wir denken, träumen. Es ist nicht so, dass wir in unseren Vorstellungen Ersatz fänden und die versäumten Dinge sühnten. Man kann die Dinge nicht anders erleben, als sie zu erleben.
Vielleicht geht es um überhaupt gar nichts. Ich lache so oft und so herzlich. Ich bin noch nicht fertig mit dem blauen Antwortbrief. Er ist bald 800 Seiten lang und ich freue mich, dass ich nicht stolz darauf bin. Vielleicht bin ich bald fertig, vielleicht breche ich ihn auch irgendwann ab. Und ich werfe ihn ein oder auch nicht und es spielt keine Rolle. Aber es ist nicht selber ein Spiel, es geht nicht um den Reiz der Ungewissheit, nicht um den Stolz des Verkannten, nicht um das Schreiben, es geht um nichts. Ich werfe ihn ein und ich werfe ihn nicht ein. Versteh mich nicht falsch: Es spielt eben wirklich keine Rolle.