Wrag!

Cédric Weidmann, 28, schreibt.

Tag: Philosophie

Der Satz (XLV)

Keine starken Muckis, keine grosse Narbe
Ich beweise meine Härte durch Befürworten der Todesstrafe

Edgar Wasser, Krass

Die effiziente Stadt

Diese Stadt scheint, als ob man die neurologischen Prozesse gekühlt hätte, um sich dem entropischen Zustand anzunähern. Es ist, als ob eine kaum bekannte, aber nicht durchwegs unbedeutende Instanz beschlossen hätte, dass das Verbrauchen wertvoller Lebensgeister durch das Denken ein ineffzienter Vorgang ist. Tatsächlich ist der energetische Verschleiss nicht zu leugnen, der sich nur schon beim Wechseln verschiedener Gedankengänge ergibt, und dieses Wechseln ist bei den einströmenden Sinneseindrücken eines normalen Lebens kaum abzuwehren, schliesslich gilt es mal in die, mal in die andere Richtung zu assoziieren. Die naheliegende Lösung ist also, die neurologischen Prozesse zu verlangsamen und sich selbst gewissermassen mental-integrierte Scheuklappen anzulegen, die die meisten neurologischen Prozesse unterbinden und sie nur auf jene beschränken, die zum Ausführen einer bestimmten Tätigkeit wirklich benutzt werden. Selbst wenn solche Menschen klagten, die immer klagen: Man dürfe nicht alles der Effizienz unterordnen. Kreativität sei dadurch gefährdet und so weiter. So sind das doch eigentlich unvernünftige Einwände im Hinblick auf die Tatsache, dass Effizienz nicht ein moralischer, sondern ein rein ästhetischer Wert ist, der — wie die Schönheit der Kunst — im Namen des Moralischen funktionieren oder ihm auch das Handwerk legen kann, sowie im Hinblick auf die Überflüssigkeit von Kreativität eines Originalgenies: Echte Kreativität entsteht nicht durch die Engführung der beiden Hälften in einem Gehirn, es ist die Verknüpfung hunderter Gehirnhälften, weshalb eine Kettengeschichte in jedem Fall kreativer ist, als ein von einem irren Kopf geschmiedetes Opus Magnum, das nur zum hohen Preis von zerstörter Ordnung und Energie entsteht und im Endeffekt meistens nur weiter gedankliche Unordnung stiftet.
Hat man die Übermacht dieser Argumente erst einmal verstanden, begrüsst man auch die Bemühungen zur Entschleunigung der Denkvorgänge, solange unwichtige Tätigkeiten vonstatten gehen: Es ist wirklich nicht nötig, Sprech-, Sex- oder Rechenareale zu aktivieren, wenn ein Schüler in der Geschichtsstunde sitzt. Es ist ihm natürlich keineswegs verboten, darauf zu beharren, aber vernünftige Überlegung und Ekel vor der Verschwendung werden auch ihn zu dem Bewusstsein geleiten, dass sich das Leben bequemer gestalten lässt, wenn er abends zum Spielen mehr Kräfte zur Verfügung hat. Das entschleunigte Denken — oder auch Scheuklappendenken — in der Gesellschaft, scheint auf den ersten Blick widersinnig: Es ist zumindest nicht logisch, dadurch Effizienz zu zeitigen, dass Denkvorgänge gelähmt werden, schliesslich müssen im Verlaufe des Tages immerzu Entscheidungen getroffen, Pläne geschmiedet, Abläufe vorbereitet werden.
Dieses Element der neurologischen Kapazität ist selbstverständlich unabdingbar. Durch eine besondere Spaltung der Aufgabenbereiche lassen sich aber auch diese Forderungen erfüllen, ohne dass das Gehirn der Ablenkung und dem Denkverschleiss verfällt. Gegen zwei Uhr in der Nacht, während die Bürger an die Entschleuniger angeschlossen sind, bietet sich ihnen ein ausgiebiger Zeitraum, indem ein jeder die Möglichkeit wahrnimmt, den Tagesablauf von morgen zu planen. Während diesen maximal zwei Stunden — in der Regel reichen zehn Minuten — schreibt der Betreffende den Denkplan in sein Buch, der unwiderruflich ausgeführt wird. Es ist wichtig, dieses Buch sorgfältig und gewissenhaft auszufüllen, im Gegenzug lässt sich dadurch die Lebensqualität ungemein steigern: Wenn man will, steht man morgens um sechs auf, um mit dem Frühsport zu beginnen, kocht sich ein gesundes Frühstück, setzt sich pünktlich zur Arbeit, denkt auf dem Weg an seinen Geliebten — natürlich nur, wenn dies so geschrieben wurde — und arbeitet pflichterfüllt und konzentriert, damit man sich abends ein Bad einlassen und nach der Lieblingsserie zu Bett gehen kann. Sagenhafterweise lassen sich so alle Vorsätze erfüllen und es widerfährt einem nie wieder die kleinste Verführung oder Entgleisung, die einen aus der Bahn wirft. Alle Lebensträume können dadurch besser erfüllt werden, weil sich keine Widerstände bilden, die nicht aus dem Weg geräumt werden können.
In dieser Stadt scheint es deshalb oft so, als ob Zombies unterwegs wären, die nichts denken und nur zur Arbeit fahren, in Wirklichkeit aber sind es die ambitioniertesten, ehrgeizigsten und durchtriebensten Köpfe, die sich ihre Energie für ganz klar festgelegte Zeiten aufsparen, in denen sie ihre Gedanken kanalisieren können.
Was in vielen Fällen dennoch zu Missbilligung führt, ist die unbefriedigende Ausführung des Gesellschaftslebens, an der weiterhin umtriebig geforscht wird. Während sich gezeigt hat, dass die gesellschaftlichen Kontakte automatisch und mit voller Zustimmung der Beteiligten zurückgegangen waren, als man einander nicht mehr am Arbeitsplatz ablenken konnte oder auf der Strasse belästigt wurde, erhebt sich von Zeit zu Zeit dennoch Unmut über die Schwierigkeit, sich zu bereichernden Gesprächen niederzusetzen. Klagen solcher Art kommen gerüchteweise vor allem von Frauen, es ist aber Fakt, nur gesellschaftlich verschwiegener, dass sich die Männer ebenso über den Mangel an sexuellen Kontakten ereifern. Beschämt nehmen sie wahr — können es aber nicht verhindern —, wie sie nackt mit der Matratze kopulieren, während ihre Frau den Plan geändert hat, weil sie noch Überstunden machen musste oder lieber ins Spa ging. Derlei Situationen sind für die Betroffenen manchmal traumatisch, es ist allerdings nur eine Sache der ausgewogenen Planung und des partnerschaftlichen Austauschs, mit der man sich ohnehin anfreunden sollte. Der Verkehr, also auch der nichtgeschlechtliche, wurde demgemäss entschleunigt, um das Gefahrenpotential einzudämmen. Stau herrscht zur grösseren Sicherheit auf den Strassen, damit alle in ihr Heft schreiben können: Fahren, wenn vorne gefahren wird. Es ist selbstverständlich, dass zur Bildung solcher Staus die Stadt keinen Aufwand scheut, um schon am Morgen eigene Bremswagen einzusetzen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Gefahr durch Amokläufe und andere Greueltaten, weil alle Menschen ungeschützt in den Zügen sitzen und sich selbst dann nicht regen würden, wenn jemand mit einer Pistole auf ihren Kopf zielt. Das ist ärgerlich, und deshalb ist für die Bürger ein gelegentlicher Bruch in der Routine empfehlenswert — Gehen Sie zu Fuss! Nehmen Sie den Stau! —, um einem allfälligen Verfolger Finten zu schlagen und unvorhersehbar zu bleiben.

Sokrates, Phagos

Sokrates. Du scheinst müde und hungrig zu sein, mein lieber Phagos.
Phagos. Das ist wahr, Sokrates, meine Reise war lang. Erst heute Morgen habe ich Athens Stätte betreten.
Sokrates. Ist es nicht so, mein Freund, dass der Hunger mit der Müdigkeit die grösste Gemeinsamkeit aufweist?
Phagos. Erkläre mir das.
Sokrates. Hunger ist doch wohl ein grässliches Gefühl?
Phagos. Das grässlichste.
Sokrates. So sehr der Hunger grässlich, so erfreulich wird das Essen, das nichts anderes als das Stillen des Hungers ist.
Phagos. Sehr richtig.
Sokrates. Und da der Hunger mit der Zeit zunimmt, so folgt daraus, dass es dem grossen Glück förderlich wäre, lange nichts zu essen, bis der Hunger gross genug ist.
Phagos. Jawohl.
Sokrates. Und da dasselbe vom Schlaf zu sagen ist — so ist es der schnellste Weg zum Glück, weder zu essen noch zu schlafen?
Phagos. Mhm.
Sokrates. Bist du nicht auch schon in der Nacht aufgewacht? Und war dir dadurch nicht die Nacht und der Schlaf viel klarer ins Bewusstsein getreten, als wenn du durchgeschlafen hättest?
Sokrates. Ist es nicht so, dass das Essen sich durch das Ausmass der Hungerns verbessert, das Schlafen durch die Unruhe, die wach hält?
Sokrates. Und da dem so ist, müsste es doch das Beste sein, statt eine Nacht lang zu schlafen, oder eine Mahlzeit zu essen, nur viele, kurze Nickerchen zu machen und kleine Bissen zu verzehren?
Sokrates. Wirst du also nicht zugeben, dass es der Glückseligkeit am ehesten zureichte, das Essen in seine kleinsten Teile zu spalten und den Schlaf in seine kürzesten Phasen zu trennen, so dass man im Stehen und Liegen, in der Schlacht und auf dem Marktplatz immerzu ein wenig schläft und ein wenig isst, ohne sich jedoch in grossen Portionen satt zu knabbern, noch wach zu schlafen?
Sokrates. Würdest du, Phagos, daher nicht behaupten, dass das kleine Mass in jedem Fall die Müdigkeit und den Hunger bei Stange hält und somit für das Essen und den Schlaf am zuträglichsten sind?
Sokrates. Phagos?
Sokrates. Phagos?!
Sokrates. Es wäre zumindest höflich, nicht so viele Pinienkerne auf einmal in den Mund zu nehmen, damit du mir noch Antwort geben könntest.
Phagos. Verzeih, werter Sokrates, der Hunger…!

Am Ende meines Körpers ist mein Körper am Ende

An meiner Schulter habe ich einen Arm. Am Ende dieses Arms habe ich eine Hand und am Ende meiner Hand habe ich fünf Finger und am Ende dieser Finger habe ich Kuppen und am Ende dieser Kuppen habe ich Papillarleisten, die für meinen Fingerabdruck sorgen. Ich bin nicht enttäuscht, wenn dich das nicht überrascht. Vermutlich hast du das auch. Es sei denn du hast Lepra oder deine Hand bei einem Unfall verloren oder keine fünf Finger oder du leidest unter Adermatoglyphie, weshalb dir ein Fingerabdruck fehlt. Aber da das sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist, hast du wahrscheinlich dasselbe wie ich, was an deiner Schulter so hängt.

Ich habe also Papillarleisten und am Ende dieser Papillarleisten habe ich eine dünne Hautoberfläche, die Epidermis, und am Ende der Epidermis bin ich übersät mit Schweissdrüsen und am Ende dieser Schweissdrüsen entweicht ununterbrochen ein wenig kaliumnitrathaltiges Wasser. Am Ende bin ich also Wasser, aber das Wasser ist so gering, dass es sofort verdunstet, wiewohl es noch gar nicht ganz aus mir ausgestossen ist, und deshalb habe ich am Ende meiner Schulter, über meinen Arm und meine Hand und die Finger und die Fingerkuppen, die Papillen und die Epidermis genaugenommen Gas an mir dran. Und da das alles ich bin, bin ich eigentlich ein bisschen Gas, das heisst — niemand kann sagen, dass ich das nicht mehr sei, denn ständig sind die Moleküle der Haut in Bewegungen — wie alle Moleküle in ständiger Bewegung sind. Und die Moleküle, die auf der Kante von mir tanzen, sind manchmal so nah bei mir, dass ich sagen könnte, sie gehörten zu mir, dann wieder sind sie den Luftmolekülen, die ich nicht zu mir zähle, so nah, dass ich sie nicht als mein eigen betrachten will und genaugenommen tragen sie ja nichts von mir, sondern nur die biologische Zusammensetzung aus organischen Verbindungen, die aus ein paar Elementen besteht, nicht etwas, was ich von deinen Molekülen mit Leichtigkeit unterscheiden könnte.

Andere Menschen stählen ihre Muskeln und gehen an die Grenze, um Körper und Geist in Einklang zu bringen — als sei der Geist diszipliniert, klar und einheitlich, und der Körper müsste erst so weit gebracht werden. Bei mir sind Geist und Körper in Einklang, nur sitzt mein Körper gern ein wenig abseits, wenn ich mit dem Geist Gassi gehe. Auf diese Weise geraten sie beide ein wenig ins rechte Diffundieren.

Ara

Nur ein Ara sein. Und an dem Schillern des Gefieders sich erfahren. Dieser Regenbogen stäubt über beigen Daunen in tausend changierenden Tönen auseinander. All diese Schwingen sein, an den Flanken vor Schönheit klaffen, es mit der Zeit aufnehmen, Auge in Auge, Blicke verkettend. Nur die wissenden Augen stehen zurück, lauern böse in den Höhlen, weil die Schönheit sie dorthin blendet. Singen. Sogar das Gehorchen, sogar gezähmt, sogar dressiert, erscheint als Herrschaft in dieser Pracht. Nur dieses Gefieder tragen. Nur eine Minute. Nur die Farbe in Vollkommenheit. Nicht frei, nur ein Ara sein. Nicht ein Vogel, nur die Hülle sein. Nicht sein, nur die Erscheinung.

Nur noch Plagiate und unauthentische Doktortitel? — Endlich!

Die Postmoderne — wenn es so etwas überhaupt gibt — schreibt man gerne den Geisteswissenschaften zu. Die Literaturtheoretiker mit ihrer Dekonstruktion oder dem New Historicism, die die Auflösung der authentischen Geschichte in Bruchstücke von bereits Geschriebenem erkannten. Oder die Philosophen, die aus diesem Zerbrechen jeder Authentizität, jeder ersten Natur, jeder Struktur — wie auch immer man es nennen mag — eine pluralistische Welt, mit verschiedenen Wahrheiten und Falschheiten, mit verschiedenen Wirklichkeiten bastelten.

Neuerdings stellt sich aber heraus, dass die Geisteswissenschaftler eigentlich hängen geblieben sind. Ihre Wissenschaft ist immer noch darum bemüht, Diskurse und Paradigmenwechsel zu entdecken, während andere Studiengänge offenbar die Postmoderne nicht mehr analysieren — sondern sie ausleben: Die Mediziner und Medizinhistoriker. Christoph Mörgerli gerät in Kritik, seine Doktoranden fremdsprachige Dissertationen vorgesetzt zu haben, die sie nur zu übersetzen brauchten.

Mit ihrer Transkription, die offenbar bei medizinischen Dissertationen Gang und Gäbe ist (wie der Tages-Anzeiger schreibt), beweisen sie erst, was Forschung eigentlich ist. Sie ist beileibe kein Fortschritt im eigentlichen Sinn, sondern das ewige Durchwälzen der immer gleichen Erkenntnisse. Es wäre nicht unvorstellbar, dass Christoph Mörgeli aus seiner ominösen »Schublade« einem Doktoranden einmal einen italienischen Text zur Übersetzung vorlegt, die selbst eigentlich nur eine Transkription aus der deutschen Sprache ist. Also etwa das, was passiert, wenn man mit Google Translator Texte hin- und herübersetzt. Texte werden nur noch übersetzt. Aber nicht im Versuch, etwas zu verstehen, weil Texte ohnehin nicht verstanden werden können, sondern nur um mit ihnen irgendwie umzugehen. Man kann Texte ja nicht lesen, weil sie gar nicht gelesen oder verstanden werden wollen. Auch medizinische Texte wollen nicht verstanden werden. Auch Dissertationen. Und zeigen die rapide auftauchenden Fälle von Plagiate nicht, dass wir längst an diesem Punkt angekommen sind, dass wir es nur noch nicht akzeptiert haben? Sloterdjik könnte es verstanden haben.

Die Mediziner zeigen damit ganz konkret, was ein Nicht-Akademiker von allen Wissenschaftlern längst vermutet: Dass jene nur Texte über Texte schreiben und sich nur Gedanken über Gedanken machen. Damit haben sie nämlich völlig recht, nur vergessen das viele Akademiker. Es ist allerdings, das wissen hingegen die wenigstens, nichts Schlechtes. Es ist eben die Postmoderne. Und die Mediziner führen die Postmoderne sozusagen bei ihrer Doktorarbeit performativ aus. Das ist viel angemessener, als so zu tun, als könne man von oben herab auf die Postmoderne blicken, als würde man trotzdem heute noch »Erkenntnisse« finden können, obwohl wir längst eines besseren belehrt werden.

Wir alle müssen von Christoph Mörgeli lernen. Und in 50 Jahren werden wir in den Literaturseminaren die Weltliteratur nur noch nach dem Hin- und Herübersetzen aus Google Translator interpretieren. Wie? Aber natürlich freue ich mich darauf!

Macht Lyrik dick?

Sind Schönheitsoperationen kreditwürdig? Haben Videospiele ein zu emanzipiertes Frauenbild? Kann man Juckreiz verdienen? Wer kann Zufälle verantworten? Schadet die Gesundheit dem Rauchen? Sind Autos zu langsam? Wieso kann man Erkenntnisse nicht vermieten? Ist Singen eigentlich Bronze? Wer verschweigt mir etwas? Bezeichnet ein „Geheimnis“ die private Angelegenheit oder das Erzählen dieser Angelegenheit? Lieben Menschen zu viel? Darf man Berufungen künden? Machen künstliche Befruchtungen frigide? Kann man Dankbarkeit teilen? Habe ich Zeit für Ungeduld? Fressen Geschichten ihre Helden? Hören wir gerne Ratschläge? Muntern manche Werbeprospekte auf? Ist Einkaufen gefährlich? Darf man Demokratie hassen? Ist es im allgemeinen zu befürworten, laut mit sich selber zu reden? Kommt Hochmut vor dem Fall oder folgt der Fall auch zwingend auf den Hochmut? Wovor ekeln sich Schnecken? Haben wir zu selten Hunger? Welches ästhetische Befinden haben Nacktmulle? Lesen die Menschen zu viele Bücher? Ist Natur klimaneutral? Vermissen wir die Mumifizierung in unserer Gesellschaft? Warum werden Kunden nicht gekrönt? Darf man wegen Kunst kotzen? Und wenn man sich falsche Hoffnungen machen kann, was ist eine richtige Hoffnung?

Zentripetalkraft

Das Pony kann hier nicht weiter. Es ist an der Leine angebunden und kreist um das Scharnier am Boden, an dem sie festgebunden ist, tatenlos herum. Es scheint fast, als könne es hier nicht weg. Es schaut die Vorbeiziehenden an, klappt die Ohren in Richtung der sanften Musik, die aus der Ferne zu ihm dringt. Sein Blick glimmt, als möchte es nachschauen, worum es sich handelt. Nur ungerne bleibt es stehen, wo es ist. Doch weshalb zerrt es nicht am Seil? Manchmal spannt sich die Leine ein wenig, die von den Zügeln am Mund bis zum Scharnier reicht. Sie spannt sich nie ganz durch, sondern nur bis zu scheinbarem, ersten Druck. Sofort lässt das Pony ab, dreht den Kopf wieder gegen die Mitte und das Seil lockert sich. Genaugenommen ist es wohl gar nicht angebunden, denn es zerrt nicht am Seil, die Leine singt nicht, während das Pony mit aller Kraft daran reisst. Natürlich musste es lange Anpassung davon abhalten, wie ein wildes Tier dagegen zu rebellieren, es ist ohnehin zwecklos. Obwohl das Pony den Druck selbst bestimmen kann und er nicht heftiger als ein lässiges Lehnen gegen die Wand sein muss, scheint es sich vor ihm zu fürchten. Weil es dieses Durchstrecken konsequent vermeidet, büsst das Pony einen grossen Teil seines Umkreisradius ein. Es scheint so noch stärker gefangen, weil die Schritte um das Scharnier am Boden noch enger gesetzt sind. Der Platz, der ihm für sein Kreisen bleibt, ist dadurch stark zusammengeschrumpft. Das Tier wird durch die Furcht vor dem Spüren der Leine scheinbar stärker gefangen, enger gefesselt.
Aber schau, es ist ja gar nicht gefangen. Die Leine bindet das Pony nicht zurück. Sie verhindert nie gewaltsam sein Fortkommen. Die Leine verhindert nichts, ist auch gar keine. Sie ist ja auch ein wenig Pony.