Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: Review

Das Buch

Der Song heisst After the Thaw.

Der Morgen ist so frisch, dass der Junge, als er am Altersheim vorbeigeht, die Jacke enger zuzieht. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und es ist keine Spur von ihr zu sehen, aber der Junge schaut zu den Hügeln hinüber. Er weiss wo sie auftauchen wird. Auf der Strasse liegt eine umgefallene Mülltonne, er hüpft drüber, er zieht die Finger in der Jackentasche zusammen, bis die Gelenke knacken. Als er in den Zug steigt, setzen sich ihm seine Freunde gegenüber, sie holen ihre Handys hervor, hören auf einem Ohr Musik oder verfallen in eine beängstigende Dämmrigkeit. Ob er von der Prüfung gehört habe, die heute unangekündigt stattfinden solle. Jemand habe davon gesprochen. Der Junge schüttelt den Kopf. Man solle nicht immer alles glauben, sagt er, und seine Freunde erwidern, dass es bis jetzt aber immer gestimmt habe, wenn sich das herumgesprochen habe. Und während er sich darüber austauscht, was sie alle nicht können, und dass sie das Buch nicht gelesen hätten, gleitet der Blick des Jungen, wie versehentlich nach draussen, zu den vorbeiziehenden Lichtern der beleuchteten Küchen und Schlafzimmern, zu den roten Polkapunkten der im Stau stehenden Autos und den von Tau glitzernden Feldern. Eine Wolke scheint sich aus dem grossen Wolkenmeer herauszukämpfen und streckt den Kopf nach unten. Ausnahmsweise habe er sich vorbereitet, gibt der Junge zu. Das Cover hat ihn angesprochen. Mal sehen, ob ihm das etwas bringt, wenn es eine Prüfung gibt. Aber nur schon das — dass er das Buch gelesen habe — überzeuge ihn, dass es heute keine Prüfung gebe, so sei das nun einmal. Die anderen nehmen die Bücher hervor, manche lassen auch die Arme vor der Brust verschränkt und wollen ihn ausfragen, aber nachdem er es in wenigen Sätzen zusammengefasst hat, beharrt er darauf, dass sein Wissen erschöpft sei. Die Wolke schlenkert nun allein in der Luft, sie scheint ihm zuzurufen: Ich habe es geschafft, und so hässlich ich jetzt bin, ich bin etwas anderes. Das ist mein Jenseits, mein Himmel: Der Himmel aus dem Himmel der anderen heraus.

Der Junge schiebt den Freunden das Buch mit seinen Notizen zu, aber sein Blick schiesst an ihnen vorbei und bleibt am Sitzmuster der Stühle hängen. Ein Satz aus dem Buch schwirrt ihm durch den Kopf und das Bild eines kleinen Bauernsohns, das Aufbäumen gegen alles, was sich ihm widersetzt, steigt vor sein Blickfeld. Er spürt auf der Haut noch die Wildheit jener Person, die die Langeweile und die Umständlichkeit altmodischer Sätze nicht so recht dämpfen konnte, die von ihr berichteten. Es ist ihm, als sässe dieser andere Junge Rücken an Rücken zu ihm im nächsten Abteil und er spürt ihn durch die Lehne hindurch. Diese Prüfung wird er nicht bestehen, er ist sich sicher. Aber das Buch vergisst er nicht, er hat es irgendwie gemocht, und etwas daran macht ihm Angst. Denn er wird wegen ihnen, diesen Sätzen, nie mehr seine Freunde anschauen können, ohne durch sie hindurchzusehen. Vielleicht wird er gar nichts mehr wirklich ansehen können. Aber sein Körper fühlt sich besser an. Die Wolke leuchtet plötzlich auf, die Strahlen der Sonne, die noch hinter dem Hügel steckt, berühren sie vor den anderen. Der Junge spürt einen Stich in der Region seines Herzens, aber er verschwindet unverzüglich wieder. Draussen sieht er auf der Strasse keine Sekunde einen einzigen Menschen, aber ein Haufen in der Kälte stehenden Dinge, die aussehen, wie Dinge, die zu lange in der Kälte gestanden haben. Er schüttelt die Jacke aus, bevor er sie anzieht. Der Satz ist noch da.

sonntagabendsong

Das Dritte Reich (Ein-Satz-Review)

Das Dritte ReichDas Dritte Reich by Roberto Bolaño
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Im Kern eine Spielerei mit dem Vorwurf von Faschismus, den der Leser dem Deutschen Udo Berger, Weltmeister im Brettspiel „Das Dritte Reich“ und junger Bildungsbürger im Urlaub mit seiner Freundin Ingeborg, gerne machen würde und doch nicht ganz kann — ausserhalb des Kerns ein Mantel von unheimlichen Begegnungen in einem verschachtelten Hotel, die so unverständlich wie bei Kafka, so voll unguter Ahnungen wie bei Clemens Setz sind und Udo in eine ständige Alarmbereitschaft versetzen (warum nur sagt Hanna nicht, dass sie vergewaltigt wurde? Warum lügen alle darüber, wie böse die Welt ist?) — und in der zarten Hülle eine fiese Sprache, hochtrabend im Tagebuchstil, gleichzeitig lakonisch platt in Schilderungen und in manchen Kapiteln wie «Meine Lieblingsgeneräle» eine perfekte Gratwanderung zwischen Jux und Ernst, Antifaschismus und Anti-Antifaschismus, in einem schwebenden Zustand politischer und moralischer Gleichgültigkeit aufgelöst.

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Hunger (Ein-Satz-Review)

HungerHunger by Knut Hamsun
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Eigentlich ein Wunder, dass das Buch nicht Durst heisst, so viel wie der weint.

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Der Traum der roten Kammer (Ein-Satz-Review)

Dream of the Red ChamberDream of the Red Chamber by Cao Xueqin

My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

«Wir sind doch schon, wer weiss wie lange, unterwegs, sollten wir immer noch nicht aus unserem Park heraus sein?», fragt Pao Yü im Traum, indem er gleichermassen das Klaustrophobische, Unheilvolle und das Friedliche, Leichtsinnige dieser im Fürstenpark spielenden Geschichte anspricht, die den Ursprung der Soap Opera bildet, eines der schönsten Beispiele von allmählich verfallendem Reichtum zeigt und daher nicht zu Unrecht eines der meist gelesenen Bücher überhaupt ist.

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Becketts Erzählungen (Ein-Satz-Review)

Erzählungen.Erzählungen. by Samuel Beckett
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Die letzten Erzählungen Becketts sind radikale Einschnitte in die Prosa, sprachliche Bauten aus Floskeln und Details, Pionierexperimente; seine ersten sind noch wunderbarer, ein junges, kochendes Etwas, virtuos und witzig, stilistisch den einfühlsamen Dubliner-Joyce noch einmal verspielter ausspielend; nur die Texte dazwischen, vergessen wir die einfach mal.

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Sand (Ein-Satz-Review)

SandSand by Wolfgang Herrndorf
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein bisschen wie Thomas Pynchons „Inherent Vice“ — oder anders gesagt: die etwas dümmliche Verfasstheit des Protagonisten aus „Kiss Kiss Bang Bang“, verschmolzen mit dem überhöhten Plot und den Perspektivwechseln aus „Burn After Reading“ — oder anders gesagt: ein perfides Spiel mit Gattungen, Klischees und etwas, was vielleicht das Ende der Postmoderne darstellt — oder anders gesagt: klare Sprache trifft durchdachten, verehrungswürdigen Plot — anders gesagt: Folterung trifft auf Witz, und — kurz gesagt — ein Eindruck für die zeitgenössische deutschsprachige Literatur.

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Madame Bovary (Ein-Satz-Review)

Madame BovaryMadame Bovary by Gustave Flaubert
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Die Geschichte des Ehebruchs findet man schöner in Effi Briest, aber ohne die Selbstermächtigung, die Emma Bovary auszeichnet und sie zur faszinierenden Figur macht und die schliesslich ihre Nebenfiguren — der Apotheker, ihr Mann Charles und Léon — zu Abklatschen degradiert; dann wiederum ist es eigentlich gar keine Geschichte des Ehebruchs, sondern die nirgendwo quälender aufgerollte Geschichte der Verschuldung und eines unweigerlichen ökonomischen Abstiegs — Emma Bovary ermächtigt sich durch Geld und nicht durch Betrug.

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Wir (Ein-Satz-Review)

WeWe by Yevgeny Zamyatin
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Was genau hier passiert, kann ich nicht sagen, aber es ist bestimmt etwas Grosses, wenn sich in die Welt der mathematischen Perfektion plötzlich Metaphern einschreiben, die völlig unkontrolliert sind, Metaphern, wunderschöne, die aus der Luft gegriffen scheinen, die Metaphern für andere Metaphern sind, verirrte Metaphern, nur angetönte Metaphern, Metaphern, die sich selbstständig machen, und die eine sprachliche Dystopie sprachlich überwältigen, wobei das Wir — das verrückte «Wir» dieses Textes — von Zeile zu Zeile in eine andere Richtung geschoben wird und alles über den Haufen wirft, was man von utopischer Literatur zu wissen geglaubt hat.

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