Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: satz

Der Satz (LX)

Some people have maintained, in my hearing, that they have been drunk upon green tea; and a medical student in London, for whose knowledge in his profession I have reason to feel great respect, assured me, the other day, that a patient, in recovering from an illness, had got drunk on a beef-steak.

Thomas De Quincey, Confessions of an English Opium-Eater.

Der Satz (LIX)

Es fällt mir nur wieder ein, dass darin Zitronen vorkamen, oder Orangen, ich weiss nicht mehr welche Früchte, und für mich ist es eine Leistung, behalten zu haben, dass Zitronen oder Orangen darin vorkamen, denn von anderen Liedern, die ich in meinem Leben gehört habe, und ich habe wer weiss wie viele gehört, denn es ist praktisch unmöglich, sagen wir, zu leben, selbst so wie ich lebte, ohne singen zu hören, wenn man nicht taub ist, habe ich nicht das geringste behalten, kein Wort, keinen Ton, oder so wenige Worte, so wenige Töne, dass, dass was, dass nichts, dieser Satz hat lange genug gedauert.

Samuel Beckett, Erste Liebe.

Das Napoleon-Spiel (Ein-Satz-Review)

Das Napoleon-SpielDas Napoleon-Spiel by Christoph Hein
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein zweiter Raskolnikow führt in dieser neuen Version als Erzähler zum Sieg: die rationalistische Aristokratie des Spielers, der seine grausamen Taten mit Napoleon verbrämt, gewinnt diesmal und hebelt sowohl Verbrechen als auch Strafe aus.

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Werthers Tod

»Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn und ich zögere nicht.« Seine Hand huschte rasch über das Blatt. Auf dem Gesicht blitzte ein ingrimmiges Lächeln auf. Er hustete, hielt inne, nahm Tinte zur Hand, schüttelte den Kopf über einen Gedanken und hob dann die Feder wieder an, um fortzufahren. »Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für Dich zu sterben!« — Ja, das hätte sie wohl gern! Dass ich daran glücklich würde, Wahnsinn! Werther schüttelte wieder den Kopf. Für dich, dich Hure, der dir alles egal ist. Sterben — gar traurig sein. Glaubst, ich mache gar alles für dich, weil ich dir diese Briefchen schreibe. Ein Flittchen im Herzen bist du — du Schwärmerin —, aber entscheidungsträge wie ein Himmelskörper im Wechsel seiner Umlaufbahn. »In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, Du hast sie berührt, geheiligt.« Jetzt lachte und höhnte er. Eher würde ich sterben als dieses Clownkostüm noch einmal anziehen. Wie können die Frauen nur auf sowas abfahren? Blaue Jacke, gelbe Weste (und diese Stiefel!) — Augenkrebs grüsst mit Handkuss. Sie wusste das wohl. Er war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, wie lächerlich er den Aufzug fand. Und ihr hatte es, tief im Herzen, auch nicht gefallen. »Es schlägt zwölfe!«, kritzelte er noch hin. »So sei es denn! — Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl!«
Werther lachte laut auf, beglückwünschte sich zu dem sarkastischen Schriftstück, mit dem er die ihr zugeschickten Briefe, die ernsten wie die unernsten, abstrafte und zugleich Lotte ihre Gemeinheiten so tief ins Herz zurückbohren konnte, dass es den Schmerz der Trennung linderte. Er konnte viel zu gut schreiben, als dass er sich diese Genugtuung hätte entgehen lassen, für sich selbst ein solches Textchen zu verfassen, dass er dann auch wieder verbrennen würde, sobald der Schmerz abgeklungen war. Er las den meisterhaften Brief mit höchstem Entzücken noch einmal und versiegelte ihn sorgsam. Gehste halt, Lotte! Machste das halt, Lotte! Wofür du dich nur wieder hältst? Andere Mütter haben auch schöne Töchter! Hältst dich für etwas Besseres? Klopstock hat doch auch schon die erstbeste Magd gelesen! Aber du fällst auf alles, auf das kleinste Tänzchen, das zarteste Gewitter herein, als wäre es eine Verführung. Ich sag dir jetzt mal was, ich sag dir mal was zu deiner Gebildetheit, zu deiner künstlerischen Bewandertheit, auf die du soviel gibst: OSSIAN GIBT ES GAR NICHT! Haha, es ist lächerlich und — oh, ich könnte sie niederstechen, dieses verlogene Biest. Ich, der ich mir alles bin — wie könnte ich dich brauchen?
Um sich ein wenig vom Ärger zu erholen und sein neues Leben als völlig Ungebundener angemessen einzuläuten, wandelte er durch das Zimmer und geriet zum Bücherregal. Irgendwo musste es sein… Ein Blick in die alten Briefkorrespondezen mit Grete und Gisella würde sich lohnen, könnte ihn erheitern und erwärmen. Auf den unteren Regalen waren sie nicht, denn er erinnerte sich noch einer Zeichnung, die man aus bestimmten Gründen besser von Kindern entfernt hielt und die ihm Grete in einen Brief gesteckt hatte. Seine Augen wanderten nach oben. Dort, im Dunkel unter der Decke, auf der verstaubtesten Ablage, die fast nicht zu erreichen war, dort musste es irgendwo stecken. Nur kein verdammter Schemmel!
Werther stützte sich auf die Fläche des Regals, die in Brusthöhe lag, und versuchte durch Abstossen mit dem Fuss den nächsten zu erwischen. So hatte er erst wenige Zentimeter erreicht, als ein Knarren ertönte und seine beschissenen Stiefel vom Holz rutschten. Werther fiel nach hinten, konnte sich aber fangen, taumelte zum Schreibtisch zurück, schlug sich den Zeh an der Vertäfelung und jaulte auf. Der Schmerz im kleinen Zeh war so höllisch, dass er zum besseren Halt zur Seite griff — und ein offenes Kästchen erwischte — die alte, aber gerade frisch gereinigte Pistole des Grossvaters in den Händen, hüpfte er den Indianertanz — kniff die Augen zusammen. Er bemerkte, aus Versehen die Pistole geladen zu haben, und hielt sich dazu an, sie wieder zurückzulegen, doch der Schmerz im Zeh war so gross, dass es ihn nach einer Linderung verzehrte. Ein Schlückchen Schnapps! Irgendwas, das das Gefühl betäubt. Leider hatte er nur den teuren Rotwein, trotzdem langte er mit der freien Hand nach der Flasche, entkorkte sie und trank ein halbes Glas, bevor er sich wieder sammeln konnte. Neu gestärkt, kletterte er nach oben aufs Regal, als er halber Höhe merkte, dass die Vase, ein Stück aus dem fernen China, zu fallen drohte, und er einen Fuss befreien musste, um sie aufzuhalten. Dies gelang, aber er war jetzt in einer so unglücklichen Position, dass er begriff, dass er die Pistole möglichst schnell aus der Hand legen musste, um Bewegungsmöglichkeiten zu gewinnen, und da das Kästchen noch offen und fast in Reichweite lag, wollte er die Waffe gleich sorgsam hineinlegen. Doch als er sich hinüberbeugte um die Pistole hineinzulegen, schlitterte sein Fuss, den er gegen die Vase gedrückt hatte, unglücklich ab, die Vase blieb auf wundersame Weise stehen, aber ein dicker Schinken löste sich daneben und fiel hinab auf seinen anderen Fuss, auf dem er seinen Stand hatte. Ausgerechnet dort litt sein kleiner Zeh noch die lodernsten Schmerzen und der Fall des Buches zog ihm sofort den Halt weg. Er ruschte zur Seite, sein Kopf hing jetzt bereits gegen unten — er klammerte sich mit dem Zeigefinger an einen Buchrücken, während er mit den anderen Finger selbiger Hand die Pistole festhielt. Dieser Scheiss! Es würde ihn noch das Genick kosten. So verharrte er mehrere Sekunden und er hätte es wohl ausgehalten, aber der Wein brummte ihm im Kopf und gab ihm — er hatte auf leeren Magen getrunken — einen ganz zarten Schwindel ein, der ihn schliesslich taumeln liess.
Der Rest ging schnell. Der Buchrücken klappte heraus, der Lessing löste sich, Werther flog hinab, die Pistole drohte wegzufallen, weshalb er den Zeigefinger zum bessern Griff in den Abzug schlang — er drehte sich im Fall, schlug sich das Kinn an der Tischplatte auf, der Schuss löste sich und drang über Werthers rechtem Auge ein, Emilia Galotti flatterte auf das Pult und klappte auf. Neben dem Stuhl lag er kümmerlich zusammengekrümmt. Sein Zeh brannte. Das Gehirn lag neben ihm. Er hätte gern jemanden gerufen, doch erst um sechs kam der Medikus, der ihm noch eine Ader liess. Um zwölf war endlich das Missgeschick zu Ende, von den Missverständnissen beschlich ihn nur eine Ahnung.

Der Billionär

All diese Bücher. All diese Bücher muss ich scannen. Und das Format wählen, die benutzerdefinierte Vorlage, nicht etwa A4, die meisten Bücher sind grösser. Und dann scannen. Nächste Vorlage. Auf der linken Seite des Scanners schichten sie sich auf und wenn ich damit fertig bin, lege ich sie auf der rechten Seite ab. Wenn ich das Buch hineinlege und auf die Massbänder richten will, muss ich darauf achten, dass mir der Schaft der Pistole nicht gegen die Schläfen stösst. Das ist mir schon drei, vier Mal passiert und es ist wirklich unangenehm, nicht nur für mich, sondern auch für den anderen, der dann einen Schritt zurücktritt und erst nach einigen Minuten wieder näher kommt, um die Pistole an meine Schläfe zu halten. Er sorgt dafür, dass ich scanne. All diese Bücher scanne. Er hat sich mir nicht vorgestellt, mir nie etwas gesagt, ausser, dass ich scannen soll, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob er meine Sprache spricht. Die einzige Kommunikation zwischen uns läuft über all die Bücher, die ich scannen muss. Manchmal bringt sie ihm ein anderer und er übergibt sie mir wortlos. Scheerbart Lesabéndio. H. C. Artmann: Frühprosa. Charlotte Roche — Schossgebete. Einmal hielt ich die Vierte Auflage der Erstausgabe »Werthers« in der Hand und weigerte mich, das alte Buch auf die Fläche zu pressen, um es einzuscannen. Die Antwort war ein Schlag auf meinen Hinterkopf und so musste halt der alte Werther leiden.
Ich habe bei der Arbeit viel Zeit zum Nachdenken und kann über die Gründe des ganzen Vorgehens grübeln. Ich habe mich gefragt, ob man mir Mitteilung machen will, indem man mir diese Bücher gab. Ob zum Beispiel in den Titeln, die ich scanne, ein Muster zu finden ist, irgendein Code. Aber das ergibt schon deshalb keinen Sinn, weil ich von der ersten bis zur letzten Seite alles einlesen muss. Einfacher scheint mir dann die Frage, weshalb man sich die Mühe machte, all das scannen zu lassen.
Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten, die mir nicht beide gleich wahrscheinlich scheinen. Entweder es existiert ein militaristischer, vielleicht paramilitärischer Verein, der die Digitalisierung des Buches auf gewaltsamem Wege fordert. Nur wie sollte sich der finanzieren? Weshalb nur Bücher und nicht etwa alte Bilder? Weshalb Bücher scannen, die bereits digitalisiert sind? Viel wahrscheinlicher scheint mir deshalb doch der Billionär.
Es ist nämlich anzunehmen, dass es einen kriminellen Billionär gibt, der — als er, wie ich, noch arm und für solche Arbeiten zuständig war — im Scannen von Büchern das Geheimnis erkannt hat: Den Ersatz fürs Lesen. Erst war er Literaturprofessor geworden, weil er seiner Konkurrenz weit voraus war: Statt die Bücher alle zu lesen, über die er Vorlesungen hielt, scannte er sie ein. So ersetzte er das Lesen und der Scanner übernahm es für ihn. Billionär wurde er, weil er begriff, dass er, statt sie selbst zu scannen, die Arbeit jemandem übertragen könnte, für den der Scanner las — und schliesslich entschloss er sich dazu, dass er ebensogut für sich auch andere Professoren über die Bücher plaudern lassen konnte, die sie wiederum von ihren Assistenten einscannen liessen. So ging die Kette weiter. Der Billionär besitzt mittlerweile etwa vierundzwanzig Kapitalisten, die — in seinem Auftrag — ihr Geld für sich arbeiten lassen, dieses Geld ist in HedgeFonds angelegt, die wiederum andere Anleger finanzieren, die dann irgendwann Firmen für sich arbeiten lassen, so dass, ganz am Ende von Unis, Firmen und Produktionsketten, ich stehe, der die Bücher für ihn einliest— und der Scanner, der sie wirklich liest —, wir also, die ihn zum Billionär machen. Es versteht sich von selbst, dass er, wenn er verstanden hat, dass seine ganze Existenz nur von mir abhängig ist, indem ich ihm Bücher zufüttere, dafür sorgen muss, dass ich nicht aufhöre. Deshalb der mit der Pistole.
Was er dabei vergessen hat: Ich habe soviele Bücher gescannt, dass ich fast so klug bin wie er. Weil ich die Bücher selbst scanne, erleidet der Eindruck, den ich dabei empfange, nur unmerkliche Verzerrungen, die sich weit gegen oben, bis zum Billionär, verstärken. Deshalb ist es zu rechtfertigen, dass ich mehrmals die gleichen Bücher einscanne, weil sie beim ersten Mal für den Billionär nicht deutlich genug gelesen sind. Ich nutze diese Schwäche für mich aus, scanne besonders aufmerksam und achte darauf, dass ich die Bücher, die mir bekannt sind, manipuliere. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass dem Billionär zwar der Erec, aber nicht die Szene von Enites Pferd, zwar Der Process, aber nicht Josef K.s Gespräch mit dem Dom-Prediger bekannt ist. Dadurch erreiche ich kleine Vorsprünge, die ich zu meinem Vorteil zu nutzen gedenke. Wenn die Zeit reif ist, werde ich hier hinausspazieren. Ich werde den Billionär mit vorgehaltener Pistole für mich Billionär-Sein lassen, um für mich reich zu sein. Ein anderer wird meinen jetztigen Job machen, die Bücher scannen. All diese Bücher.

Wir schweben, steigen alle auf, vom Bahnperron weg, unsere Füsse zappeln über dem Asphalt, einer schlägt sich an der Werbetafel das Knie, andere scheuern sich die Köpfe an den Dächern wund, doch wir strampeln uns frei, steigen auf, schweben und schweben, dem Himmel immer näher, erreichen die Schichten des Nebels, die Dichte der Wolken, tauchen ein.
Viel später schaut manchmal einer zurück, lacht, als hätte er sich bei etwas ertappt, und sagt: „Ich dachte schon, ich hätte in den Gebäuden eine Wolke gesehen“, worauf ihm manche beipflichten, andere nur nachsichtig lächeln.

Lord of the Flies (Ein-Satz-Review)

Lord Of The FliesLord Of The Flies by William Golding
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ärgerlich an diesem Buch sind nur die auf Symbolträchtigkeit versessenen Versuche, die wie Schulbücher anmuten, du weisst was ich meine, diese Parallelen zu Zivilisation und Barbarei, die Bedeutungsschwangerschaft der „Muschel“, des „Feuers“, der „Brille“ und so weiter, als hätte Golding sich ausgerechnet, wo die besten Referate zu machen seien (bevorzugt in jedem Kapitel, dann geht die Gruppenaufteilung leichter von der Hand) – was aber neben dieser Bemühtheit liegt, ein bisschen versteckt und zugescharrt, ist der überzeugende und erfreuliche Versuch, Spannung und Sprachgewandtheit miteinander zu kreuzen, der in diesem Fall einfach nur gelungen ist.

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Die Mücke

So eine Mücke ist ja eigentlich ganz dumm. Ihr Gehirn ist kleiner fast nicht mehr denkbar. Ihr Verstand, der muss ja verschwindend gering sein. Aber das sagt man jetzt so ohne weiteres Nachdenken, dass das »verschwindend gering« sei. Wieso »verschwindend gering« und nicht etwa »verschwindend viel«? Als wäre Geringes näher bei Nichts als Vieles, dabei ist der Unterschied zwischen gar keinem Gehirn und einem kleinen Gehirn doch viel grösser als zwischen einem kleinen und einem grossen Gehirn.
Aber irgendetwas bringt die Mücke dazu vor meinem Auge zu schwirren, sich hin- und herzutreiben, auf mein Ohr zu sitzen, über meinen Nasenrücken zu krabbeln: Es wäre genug, wenn sie wüsste, dass ich mit meinem Auge sehen könnte und es deshalb tut. Aber sie scheint auch zu wissen, welche Geräusche, welche Berührungen, an welchen Orten ich Stiche am meisten hasse. So eine Mücke ist ja eigentlich völlig dumm, aber irgendwie, auf ihre Weise, auch ganz klug. Wenigstens irgendwie. Daran hat wohl nur eine verschwindend geringe Anzahl an Menschen gedacht.