Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: Schweiz

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (Ein-Satz-Review)

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im SchattenIch werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten by Christian Kracht
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Vom Gemisch der geschichtslosen Erzählungen, den Anspielungen an Klischees, dem Wechsel zwischen wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Registern, der Aufzählung von Telegrafen und Artillerien aus dem 19. Jahrhundert, die der Schweizerischen Sowjetrepublik des bizarren 20. Jahrhundertklons quer stehen, möchte man nicht allzuviel halten, wenn einem gleichzeitig historische und literarische Anspielungen wie Joseph Conrad und Conan Doyle um die Ohren gehauen werden — nur ist die Art wie Kracht hier mischt meisterhaft vorsichtig und statt einen Witz nach dem anderen auszukosten, den sein schwarzer kommunistischer Söldner, der über alte Minen durch die Schweizer Winterlandschaft stackelt, zuliesse, oder sich für allegorisch bedeutend zu nehmen, steht die Erzählökonomie, auch wenn die Erzählung sie gegen Ende überschiesst, im Vordergrund; ein Gedankenspiel wie dieses auf weniger als 150 Seiten zu packen, sind schon eine Kunstfertigkeit für sich.

View all my reviews

Nilpferde

Dann, wenn die Nilpferde, die gefährlichsten Tiere der Welt, endlich von unserem Erdboden verschwunden sind, wird sich die ökologische Infrastruktur merklich verbessern. Wir werden alle nackt durch die Pfützen springen können und Schlammbäder in den Steppen nehmen, ohne Gefahr, von einem Hippo erdrückt zu werden. Auch Wasserbüffel werden sich die Bäuche streicheln lassen und dabei verzückt mit den Hufen zappeln. Die Löwen müssten sich endlich nicht mehr in dieses graue, zähe Fleisch vergraben, wenn sie eine Beute erlegen wollten, und würden spürbar ausgeglichener im federnden Schritt. Die Fische könnten sich etwas gemächlicher durch die Flüsse bewegen und die Ufer würden weniger verschlammt, wofür die Flamingos mehr Schlick hätten, in dem sie nach Essen wühlen könnten. Wir wären alle so glücklich, und deshalb haben wir alles Recht zu hoffen auf die Evolution mit ihrem hufestampfenden Fortschritt. Sie kann schlagartig eintreffen, hat das früher schon getan. Die Flügel der Nilpferde sind in greifbarer Nähe.

Kurzgeschichte in entwürfe

IMG_20140502_191427

Gewonnen habe ich leider nicht, aber als Jüngster der acht Literaturwettbewerb-Finalisten freue ich mich sehr über den Abdruck in der wichtigen Zeitschrift entwürfe. Wie ich bereits erwähnt habe, liegt mir „Das Shoppingcenter“ am Herzen, weil ich mich lange mit der Frage nach der sprachlich angemessenen Charakterdarstellung auseinandergesetzt habe. Keine leichte Aufgabe, wenn alle Figuren Typen sind, denen man eigentlich ungerne begegnen würde. Ich hoffe allerdings, dass mir da ein, zwei Dinge geglückt sind.

Was steckt drin? Ein bisschen meine früheren Texte, ein bisschen George, ein bisschen Kafka und ein bisschen Herrndorf, dessen erschreckend ähnlichen Text ich aber — ich schwör — erst nach der Einreichung gelesen habe. War übrigens ein unheimliches Erlebnis.

IMG_20140502_191622

Vom Lesen des Prozesses zum Leseprozess — Weshalb «Aktion S.» von Daniel Saladin ein wunderbares Buch ist

Dreieinhalb Jahre dauerte der Strafprozess, in den Daniel Saladin — vom Blick «Grüsellehrer» genannt — verstrickt wurde. Der Vorwurf: Er habe mit seinen Schülern und Schülerinnen am Literaturgymnasium Rämibühl pornografische Texte behandelt: «Frühlings Erwachen», «Warum das Kind in der Polenta kocht», «Dunkler Frühling», die «Selbstmordschwestern». In «Aktion S.» beschreibt er, wie der absurde Fall zustande kam, wie er ausging und zeigt etwas viel Wichtigeres: Er hat nicht Pech gehabt, es hat ihn nicht zufällig getroffen — die Justiz und unsere Gesellschaft haben ein enormes, strukturelles Problem.

Ich empfehle keine Bücher. Zumindest nicht der Öffentlichkeit. Dies hier ist die erste Ausnahme, die ich mache. Es gibt dafür vier Gründe.

Erstens, dieses Buch hat mich gefesselt. Ich habe es in 3 Tagen durchgelesen, weil es klar strukturiert und leicht geschrieben ist. Und weil es von so erschreckenden, erschütternden Dingen berichtet, dass es mich bis spät in die Nacht wach hielt.

Zweitens ist der erste Google-Treffer für das Buch zurzeit eine NZZ-Rezension von Brigitte Hürlimann. Diese Rezension ist dermassen schlecht, dass einem der Mund noch einmal aufklappt: Hat die Autorin das Buch wirklich gelesen? Und wenn sie es gelesen hat, wie kann sie noch solche Dinge behaupten? Sie stellt Saladin als unreflektierten Verbitterten dar, was grundfalsch ist: Verbittert mag er sein, aber bestimmt nicht unreflektiert. Viel schlimmer noch ist die Abschätzigkeit, mit der Hürlimann ihn zum Patienten macht und ihn als einzelnes Opfer einer «nicht immer gelungenen» Justiz darstellt. Sie nimmt hin, dass die Mühle der Justiz nicht immer flüssig läuft? Okay. Nur ist dieses Bild völlig falsch, wie man nach der Lektüre weiss. Es war nicht ein Schönheitsfehler der Justiz, der die Tragik von Saladins Schicksal ausmacht. Es sind das Auftreten und die Sprache der Justiz selbst, die ungeheuerlich werden: In diesem Verfahren gab es keine Fehler (schliesslich gab es für die Staatsanwaltschaft keine rechtlichen Konsequenzen). Alles lief, wie Justiz eben läuft. Und das hat Frau Hürlimann nicht verstanden. Ein gewisser Bernhard Heinser schreibt:

«Die Lektüre von Frau Hürlimanns Rezension hat mich dazu angeregt, das Buch von Herrn Saladin zu lesen. Entsetzt stelle ich nach der Lektüre fest, dass Frau Hürlimann dem Buch in keiner Weise gerecht wird.»

Und gerecht ist in dieser Sache ohnehin nichts. Wie etwa dieser Blick-Artikel, der nichts als bösartig ist. (Bemerkenswert, dass ausserhalb der Mainstream-Medien der Ton etwas anders ist. Wie z. B. hier.)

Drittens hat das Buch eine politische Dimension. Eine, die sich nicht um links und rechts oder um Parteien kümmert. Mich etwa warnt das Buch vor einer Präventionsjustiz, die bevorsteht. Sie droht aus so unterschiedlichen Ecken wie Neurologie und Big Data-Speicherung im Internet auf uns zuzukommen (immerhin wurde Saladin wegen gelöschten Bildern, die man aus dem Temp-Ordner rekonstruiert hat, verurteilt…). Es zeigt aber auch, dass wir, als Gesellschaft und jeder für sich, uns den Konzepten von Pädophilie, Sexualität und Kunst stellen müssen. Gerade die Pornografie als Strafbestand enttarnt Saladin unter Rückgriff auf die Gesetzestexte als widersprüchlich und zirkulär. Diese Stellen gehören mit zu den spannendsten. Nicht zuletzt wurden im Moment, als dieses Verfahren eröffnet wurde, wichtige kulturelle Werte preisgegeben: Wedekind, der Autor von Frühlings Erwachen, war in Zürich im politischen Exil, Warum das Kind in der Polenta kocht gehört zu den wichtigsten Schweizer Romanen des letzten Jahrhunderts. Und auf einen Schlag steht das «Wohl des Kindes über den wissenschaftlichen und kulturellen schutzwürdigen» Werten, wie die Staatsanwältin sagt? Diese Frage sollte nicht jene Frau, sondern die Gesellschaft zu beantworten versuchen. Und wir Germanisten müssten eine Antwort haben, weil zu viel auf dem Spiel steht: «Eine Geschichte, in der Jugendliche, die nicht richtig aufgeklärt sind und ständig über das Thema Sex fantasieren. Die Hauptperson, die ca. 14jährige Wendla, wurde schwanger. Mehrere Masturbationsszenen» (und nein, ich habe nicht falsch zitiert) — so «ermittelt», umschreibt und liest die Justiz Literatur. Das liegt, aus tausenden Gründen, einfach nicht drin. Das heisst aber auch, man muss begreiflich machen, was Literatur-Lesen bedeutet.

Viertens gibt es einen letzten Grund, den wichtigsten, ohne den ich diese Empfehlung bestimmt nicht schreiben würde. Dieses Buch schafft etwas, was ich noch nie zuvor gesehen habe. Hier schreibt einer, der aus haarsträubend konstruierten Vorwürfen aus Zürich vertrieben, von seinem Job ausgeschlossen, von der Justiz zermürbt wurde, die Dinge aus seiner Sicht. Solche Bücher gibt es immer mal wieder, und es muss sie geben. — Aber hier schreibt einer, der schreiben kann. Der die Auswirkungen genau und das Verfahren präzise wiedergibt, der in die Justiz eindringt: Protokolle, Hausdurchsuchungsbefehl, Urteilstexte druckt er im Original ab und analysiert sie. Er zeigt mit einer schmerzhaften Akribie, wo diese Texte Fehler übernehmen oder Sachverhalte konstruieren, gegen die sich einer, der nicht in dieser Sprache schreibt und nicht zum Kreis der Justiz gehört, nicht wehren kann — dass sein Name und der der Literaturwerke in allen Anklageschriften über Jahre hinweg falsch geschrieben steht, ist da noch der kleinste Mangel. Saladin betreibt Textanalyse, er zergliedert und deckt auf. Manchmal wäre das vielleicht gar nicht nötig, denn die Zitate sind so entsetzlich, dass sie für sich sprechen. Und nur schon diese Originalzitate aus dem Prozess lohnen die Lektüre — ganz egal, ob man Saladins Stil zu giftig findet oder nicht. Man braucht sich nur vor Augen zu führen, wie der Strafbestand auf dem Hausdurchungsbefehl hiess: «Pornografie etc.» — Diese Art von Unklarheit und Perfidie wird Seite für Seite getoppt durch noch Schlimmeres, das die Juristensprache und das Juristendenken zustandebringen. Verstehend, dass Sprache die Welt mitkonstruiert, beginnt Saladin, unakademisch und dezent, mit Subtexten (Novalis, den Songtexten von Archive) diese Sprache der Justiztexte zu unterlaufen. Vielleicht ist das eher ein hilfloser Versuch.

Wer das Buch durchblättert und es nicht liest, könnte meinen, es sei tatsächlich ein «Pamphlet», in dem ein Verbitterter seine Widersacher anschwärzen will: Man stolpert dann, wie Frau Hürlimann, über Wörter wie Jagd, Hetze, Überfall. Wer das Buch aber wirklich liest, sieht, dass er all diese Worte in einem ganz spezifischen Sinn benutzt, den er immer definiert. Er wettert ja nicht einmal gegen die Personen, nicht gegen die Mutter, die die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat. Er führt diese Begriffe lediglich als Erklärung dafür an, was mit ihm geschieht. Und es scheint mir verständlich, dass man nach solchen Erklärungen sucht. Er kämpft sich nicht vom Stigma los. Statt sich um jeden Preis vom Vorwurf der Pädophilie zu reinigen, hält er den Finger in die Wunde und zeigt, wo das wahre Problem liegt. Das braucht Mut. Und das macht dieses Buch zu viel mehr als nur Erlebnisbericht, aktualitätsbezogene Reportage oder Pamphlet. Aus einem Lesen des Prozesses entsteht so ein Buch über den Prozess des Lesens. Es unterwandert, vielleicht darf man sagen: dekonstruiert ihn. Wenn es nur einen besseren Titel hätte («Aktion S. — Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf»), hätte es Zeug und Recht dazu, weit über diese Zeit hinaus gelesen zu werden. Hoffentlich klappt es trotzdem.

Ja: Auch ich hatte meine Bedenken. Ich war nicht immer auf Saladins Seite. Auch ich habe in der Zeitung Widersprüchliches gelesen. Ich war erbost über die Verhaftung wegen Literaturunterricht. Doch mit der Zeit verwirrten sich die Medienberichte und meine Überzeugung kam ins Wanken. Einmal sprach man von Kinderpornografie, dann von Texten mit «Gewalt bis zum Tod» und vom Freispruch, gegen den Berufung eingelegt wurde, dann von Teilschuldspruch. (Saladin zeigt, wieviel an diesen Sachen dran ist: gar nichts; aber lest selbst.) Ich begriff, dass da etwas nicht stimmte, etwas musste ja stimmen, es gab ja ein Verfahren, aber ich glaubte fest daran, dass die Tageszeitungen unklar berichteten, kaum recherchierten und nicht zum Kern der Tatsachen durchdrangen und konnte mir kein Urteil, kein positives und kein negatives, anmassen.
Dieses Buch hat mich eines gelehrt: Ich lag falsch. Die Medien haben nicht verzerrt und nichts vernebelt — das hat schon die Justiz gemacht. Die Medien haben es nur abgebildet. Auch wenn man in diesem Fall zum Kern der Tatsachen durchgedrungen wäre, hätte man doch nie etwas in der Hand gehabt. Wie die Staatsanwaltschaft nichts gegen Saladin in der Hand gehabt hatte — und ihn trotzdem finanziell und sozial ruinieren konnte.

Hilft dieses Buch? Saladin wird es nicht helfen. Die Staatsanwältin, die zentrale Widersacherin, wird es nicht stören. Doch es hat wenigstens mir die Augen für einiges geöffnet. Und vielleicht auch meine Haltung geändert. Dank diesem Buch werde ich nicht mehr ängstlich zurückkrebsen, wenn ein ungerechtfertigt Angeklagter irgendwo, in einem Teilpunkt, verurteilt wird oder in einem zerfledderten Verfahren schmort. Ich werde nicht mehr denken, die Justiz müsse Opfer auf sich nehmen, um zu funktionieren. Ich werde nie mehr glauben, dass die Schweizer Justiz schon genug richtig mache, nur weil wir in der Schweiz, 2014, leben. Stattdessen werde ich dieses Buch zur Hand nehmen und mich fragen wieso wir so feige sind, wie wir Wedekind schützen können und was genau wir eigentlich für ein Problem mit Sexualität und Pädophilie haben. Und ich wünschte mir, jeder würde sich diese Frage stellen  oder zumindest das Buch wirklich lesen.

Poetry Slam vom All 2013

Wir von Jung im All organisieren wieder einen Poetry Slam! 8 profilierte Slammer und vielversprechende Newcomer werden auftreten und im Cup-System um den Sieg kämpfen (nein, ich organisiere nur). Die Veranstaltung zieht die ganz grossen Namen in die geographische Peripherie und schafft damit ein neues Zentrum junger Slampoeten in Lenzburg. Bereits zum sechsten Mal führt dabei der renommierte Simon Chen durch den Abend, wer den umstrittenen Sieger-Whiskey nach Hause bringen darf, entscheidet wie immer das Publikum.

Als Gruppe, die innerhalb des „Aargauer Literaturhauses Lenzburg“  für die Vermittlung von junger Literatur und von Literatur an junge Menschen eintritt, möchten wir mit unseren Veranstaltungen möglichst viele Menschen ansprechen. Es wäre daher schön, bekannte und unbekannte Gesichter in Lenzburg zu treffen: Der Poetry Slam vom All ist erstrangig besetzt und wird mit Bar und Musik unterstützt. Er findet am Freitag, 8. November, 20:00 Uhr im Tommasini, Lenzburg statt.

Warum ich für die 1:12-Initiative bin

Vor zwei Monaten habe ich auf diesem Blog schlechte Argumente gegen die 1:12-Initiative aufgelistet und kritisiert, in der Hoffnung, dass im Laufe der Debatte bessere auftauchen würden. Das Resultat ist konsternierend: Während die alten Melodien gepfiffen werden (1:12 sei eine Neid-Debatte, 1:12 sei eine Beschneidung der marktwirtschaftlichen Freiheiten usw.), sind alle ökonomischen Argumente weit abgetrieben. Die immer gleichen Punkte werden wiederholt, die ich bereits im damaligen Artikel demontiert habe, aber da die Initiative näher rückt und ich merke, dass — obwohl gute Gegenargumente ausbleiben — eine immer stärkere Ablehnung gegen die 1:12-Initiative aufkommt, möchte ich noch einmal zeigen, weshalb 1:12 volkswirtschaftlich sinnvoll ist.

1:12 ist eine Lohnspanne und weder Höchst- noch Mindestlohn. Das heisst auch, dass das klassische Problem von Nachfragemangel und Angebotsüberschuss nicht vorhanden ist: Jede Firma ist selber befähigt umzuverteilen. Das ist viel liberaler als etwa eine grössere Steuerprogression, die Herr Fehr (in einem schrecklich seichten Interview) zu fordern scheint; das Geld geht nicht an den Staat, sondern bleibt im Unternehmen, dem es gehört — dieses bleibt also viel freier als bei Steuererhöhungen — von wegen ‚Lohndiktat‘. Daraus gehen viele politische Implikationen hervor, die einem Wohlfahrtsstaat überlegen sind. In einer Arbeit, die ich an der Uni Zürich vor einem Jahr verfasst habe, setze ich mich damit auseinander, wie das 1:12-Modell die von John Rawls geforderte neue Ökonomie — eine Property-Owning Democracy — einlösen könnte. 1:12 ist kein herkömmlicher, sondern ein besonders wirkungsvoller Mechanismus, der viel weniger staatliche Eingriffe erfordert als Steuern oder andere Regulierungen.

1:12 ist gut für die Ökonomie und steigert die Effizienz der Volkswirtschaft. Warum? Die Sparquote bei Geringverdienenden ist kleiner als bei Vielverdienern, also geben sie mehr ihres zusätzlichen Verdienstes für den Konsum aus. Das weiss jeder Erstsemester in Wirtschaft. Sowohl die Einnahmen der Mehrwertsteuer als auch das Volkseinkommen steigen durch den erhöhten Konsum (der Gewerbler Jossen erklärt das in einfachen Worten für sein KMU: »Je mehr Leute sich etwas leisten können, desto mehr Arbeit haben wir«). Der Konsum von Luxus- verschiebt sich zu Gebrauchsgütern, der Arbeitsmarkt wird flexibler und das Bildungsniveau steigt. All das bringt der Volkswirtschaft nachhaltige Gewinne und ist ein viel besseres Gegenmittel für kommende Krisen als der Status Quo, in dem Vielverdienende ihr Einkommen auf riskante Finanzinstrumente verlagern.
Obwohl das schon ein ausreichender Zugewinn wäre, wird das Volkseinkommen nicht nur durch den erhöhten Konsum angekurbelt. Geringverdienende können mit akkumuliertem Kapital schlicht mehr anfangen. Geld, das bei ihnen akkumuliert wird, kann viel eher für Innovationen, neue Projekte und Start-Ups aufgewendet werden, als wenn es in die Taschen der Vielverdiener fliesst. Vielverdiener sind nicht so investitionsfreudig, wie man glauben will; das Kapital gerät in ihre Hände und häuft sich dort an — ein Mangel, der unsere Volkswirtschaft behindert und der Grund, weshalb ich heute für die 1:12-Initiative gestimmt habe. Diese Initiative lockert Kapital auf und führt zu einer nachhaltigen Stärkung der Schweizer Wirtschaft.

Wenn man diese Argumente betrachtet, merkt man wie hinfällig die Diskussion um Steuerausgaben wird. Wie sich in den Studien (HSG und ETH) gezeigt hat, sind die Einflüsse auf das Steuersystem bescheiden: Ergebnisse, die vor schrecklichen Verlusten warnen, haben entweder ausgeblendet, dass der Kapitalzugewinn der eingesparten Löhne als Unternehmenssteuer verbucht wird oder dass Unternehmen nicht alle abwandern würden, was ohnehin eine haarsträubende Annahme ist. Es wäre allerdings nicht überraschend, wenn dennoch einige Steuerausfälle einträfen: Steuern sind schliesslich da, Ungerechtigkeiten zu begleichen. Wenn es im volkswirtschaftlichen System weniger Ungleichheit gibt, sind also auch weniger Steuern nötig. Die Idee, man müsste möglichst viel Steuern machen, damit der Staat viel verdiene, habe ich in meinem früheren Artikel bereits kritisiert. Wollte man die Steuereinnahmen maximieren, müsste man die Ungerechtigkeit in der Schweiz so gross wie nur möglich machen: Einer müsste alles verdienen und alle anderen nichts. Hier dürfte spätestens einleuchten, dass das Steuerargument ziemlich fehlschlägt, gerade weil 1:12 effizienter und liberaler ist als Steuern, wie John Rawls beschreibt.
Dasselbe gilt für die AHV, die Krankenkassenprämien und so weiter.

Die letzten Bruchstücke von Argumenten betreffen meistens die Abwanderung, aber auch das habe ich schon früher kritisiert und kann ich immer noch nicht ernst nehmen. Erstens geht es um einen Exodus der Spezialisten. Zweitens um die Abwanderung der Unternehmen selbst.
Zum ersten Punkt lässt sich festhalten, dass hochqualifizierte Arbeiter nicht viel verdienen: Chirurgen, Piloten oder Wissenschaftler verdienen weniger als 576.000 Franken (diese Grenze gilt für 4.000 Franken Minimallohn im Unternehmen). Von diesen Spezialisten wandert niemand ins Ausland ab, denn auch dort winkt ihnen nicht mehr Geld. Menschen, die mehr verdienen (wollen) sind fast ausschliesslich Manager, Banker, Broker, die zwar Kontakte haben und Verantwortung tragen, nicht aber ihre Bezahlung mit Know-How oder Handwerk rechtfertigen können. Die Idee etwa, dass Roger Federer viel verdient, weil er so gut ist, ist naiv. Wieso verdient er mehr als der beste Badmintonspieler, der einen Sport macht, den viel mehr Menschen betreiben? Löhne richten sich nicht nach Gebrauchswerten, und Lohnkartelle wie unter Managern haben nichts mit dem zu tun, was diese Menschen mit ihrer Leistung eigentlich verdient hätten. (Vgl. meinen Kommentar auf der Webseite von Herrn Stämpfli) Oder wie will man so 400.000 Working Poors erklären? Eine tolle Bemerkung habe ich auf Facebook gelesen: Es sei lustig, dass man beim hohen „Kader“ behaupte, hohe Löhne würden Anreize darstellen, während es auf der anderen Seite der Lohnskala genau umgekehrt sein soll.
Die zweite Idee, dass Unternehmen abwandern können, ist natürlich bedrohlich: Wenn Unternehmen abwandern, würden auch einige Arbeiter abwandern. Trotzdem ist der Gedanke mindestens so naiv. Welche Aktionäre würden zum Beispiel die Auflösung einer Firma verlangen, nur weil eine handvoll Mitarbeiter weniger verdienen müssten? Im Gegenteil werden sich die Inhaber der Firmen freuen, dass sie Geld einsparen, wo es eigentlich nicht nötig ist. Firmen bleiben da, wenn sie nicht von den Standortvorteilen andere Länder überzeugt sind. Und das heisst, diese Länder müssen gegen das Steuergeheimnis, das schweizerische Bildungsniveau, die Infrastruktur, die Rechtssicherheit, die politische Stabilität und den niedrigen Steuerfuss ankommen — klar, dass in dieser Entscheidung die Löhne von vier oder fünf Personen eine geringe Rolle spielen.

Andere Gegenargumente, wie die Behauptung, dass die Initiative nur wenige Unternehmen betreffe, lasse ich hier weg. Wie fast alle genannten habe ich sie schon einmal behandelt.

Ich entscheide mich also für ein Ja zu 1:12, weil ich eine Wirtschaft möchte, in der Geld im Umlauf ist und Innovationen möglich sind.

Adä Kassä

wännsi wännsi
wännsi wännsi
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi händsi
ächt äs chärtli
wännsi wännsi
wänd äs chärtli
grüezi grüezi
nändses nötli
gärn äs chärtli
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi nändsi
wännsi wännsi
wänndso guetsi.