Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: stadt

Offene Strasse

Der Tau strömt in den Mulden, die der Asphalt bildet, zu kleinen Pfützen zusammen, in denen der Himmel und die weissen Wölkchen, die dem Hintergrund so unendlich weit weg scheinen, schimmern. Die Bäume tragen fast keine Blätter mehr, zwei Krähen streiten um die Überreste eines Apfels, die Sonne steht gerade so hoch, dass sie in den Nacken scheint. Ich gehe die leere Hauptstrasse entlang und zwei Autos, eines blau, eines von grossmütterlichem Beige, fahren rasch vorüber; man kann die Gesichter der Insassen nicht sehen. Auf einem Balkon steht ein Fahrrad, kopfüber, und das Rad dreht sich noch. Aus den Schornsteinen qualmt es sanft in die Höhe, wo der dunkle Rauch in die weissen Wölkchen aufgeht. Es sieht so aus, als wäre der blaue Himmel unendlich, dabei ist er es nicht, und wenn man weit hinausflöge, glitte man vom Blauen ins schwarze All. Eine sixtinische Gaukelei, denke ich, dessen Urheber nicht leicht auszumachen ist. Ich streife durch die Schmiedgasse, gehe gebückt, damit mich keiner zufällig erkennt, der aus den verdunkelten Fenstern schaut. Auf dem Boden sehe ich erstaunliche Formen, die von etwas wie Blut stammen, sie ziehen sich wie ein sich zergliederndes Spinnennetz von der einen zur anderen Strassenseite, wo sie an einer kleinen Treppe, die zur Tür eines Hinterhofs führt, enden. Es riecht nach Gipfeli und dem seltsam einheitlichen Gestank der Müllsäcke, aus denen manchmal ein rotes Plastikspielzeug oder die Etikette einer Verpackung hervorlugt. Die Gasse ist eng und wenig Licht dringt hierher, aber das Dampfabzugsrohr eines Wirtshauses spiegelt die Sonne grell in die Schlucht der zu beiden Seiten aufragenden Häusermauern. Dort gehe ich weiter zum Platz, an dem der Fluss vorbeistreift, und mit seinem Treiben wird auch der Blick mitgeschwemmt, den Alleen entlang, am Plattenladen vorüber zum weit entfernt liegenden Münster, dessen Türme sich gegen den getürkten Himmel abheben. An der Ecke zu einer Seitenstrasse, die nur über eine Kreuzung befahrbar ist, an der alle Ampeln immer auf Rot stehen, glaube ich noch die Andeutung eines Menschen zu sehen, seine Fusssohle blitzt kurz hinter der Häuserkante auf, bevor sie ganz verschwindet, aber ich und die Sohle sind übereingekommen, dass ich sie nicht gesehen habe. Von dort gehe ich weiter den Tramgleisen entlang und achte auf die Geräusche, aber es ist nur das plätschernde Wasser und ein Presslufthammer weit in der Nähe. Mein Blick gleitet immer wieder hinauf zum blauen Himmel, der eigentlich schwarz sein sollte, und die Wölkchen scheinen mich auf meinem Weg zu begleiten, der mich durch die verschiedenen Strassen zu meinem Ziel führt. Auch sonst bin ich unterwegs niemandem begegnet.

Übersehen

Zwei Kinder zanken über einer toten Spitzmaus. Ich kann sie nicht verstehen, aber die ausgestreckten Hände und die verzerrten, angeröteten Gesichter beschreiben Anschuldigungen. Auf der Bank neben ihnen sitzen die beiden Mütter und essen genüsslich aus einer Tüte Cashewnüsse. Auf der anderen Seite des Spielplatzes sehe ich eine verschrobene Krähe, die sich in einer Spirale nach unten schraubt und die Flügel, vor dem Wind schonend, zu früh einzieht. Sie landet hart und springt wie auf heissen Kohlen um einen Abfalleimer herum, während der schräg gelegte Kopf nach Essbarem Ausschau hält und mein Blick schweift wieder hinüber, aber jetzt sehe ich das Gezänk zweier Mütter, die mit verzerrten Fratzen und schrillen Stimmen einander anklagen und vor ihnen liegt eines der Kinder tot, das andere rüttelt vertändnislos an seiner Schulter, als schlüge es trotzdem nächstens die Augen auf. Die Spitzmaus schwirrt, wie ich nun erkenne, eifrig über den Schnee und hascht nach aus einer Tüte gekollerten Nüssen, die sie langsam isst.

Auf dem Balkon

Ich trinke auf dem Balkon, auf einem Klappstuhl sitzend, trinke ein Bier und sehe zur anderen Strassenseite. Neben mir steht der Druide, träumerisch abgewandt zu einem Block gegenüber, wo seine Augen nach leuchtenden Fenstern suchen. Der untere Saum seines Kittels ist nass. Ich trinke ein Bier, versunken im Klappstuhl, und betrachte das Fahrrad, das auf der anderen Seite an einem Geländer steht. Es hängt kopfüber, schwer zu sagen, warum. Der Druide fährt sich durch den Bart, er sieht verträumt weg, weisse Socken leuchten unter der Robe hervor, er lehnt sich über das Geländer, von unten dringt das Hupen und Brausen der Autos herauf.
»Ich weiss irgendwie nicht«, sage ich, während ich das überhängende Fahrrad inspiziere, »worauf das hinausläuft.«
Der Druide dreht sich langsam um, sein Blick gleitet über die Dächer hinweg und bleibt an den Satellitenschüsseln hängen. »Das?«, fragt er.
Ich zeige mit den Händen breitflächig vor mich hin, zeige, die Dose in der Hand, hier auf dem Balkon, im Klappstuhl sitzend, am Abend, auf die Strasse unten, auf dem ein Paar verschlungen entlangschlendert, auf die dichten Häuserfassaden, auf die Beschwernisse und Umständlichkeiten, Finanzströme, Cocktailkarten, Fallschirmspringer, Fördergelder, auf die dunklen Ringe um die Augen der Menschen, die kürzer werdenden Tage, die Aufdringlichkeit der Hilfswerke, darauf, dass ich den Job gekündigt habe, dass mich Anina eine Woche nicht mehr sehen will, zeige auf die Mahnungen in meinem Zimmer, zeige auf meine zerschlissene Trainerhose und den Bart, der mir im Gesicht spriesst, zeige auf eigentlich all das mit einer grossen Geste.
Der Druide runzelt die Stirn und sagt: »Ich weiss nicht, was du damit meinst.« Er dreht sich um, sein nasser Kittel hebt sich bei der Bewegung ein wenig. Wieder auf das Geländer gestützt, starrt er hinüber zum Block, wo er hofft, dass ein Licht angeht, aber es bleibt dunkel.
Ich sehe ihn heimlich an und beisse mir einen Nagel ab. Das ist das Klügste, das er je gesagt hat, denke ich. Vielleicht macht er sich am Ende doch noch bezahlt.