Auf dem Balkon

von Cedric Weidmann

Ich trinke auf dem Balkon, auf einem Klappstuhl sitzend, trinke ein Bier und sehe zur anderen Strassenseite. Neben mir steht der Druide, träumerisch abgewandt zu einem Block gegenüber, wo seine Augen nach leuchtenden Fenstern suchen. Der untere Saum seines Kittels ist nass. Ich trinke ein Bier, versunken im Klappstuhl, und betrachte das Fahrrad, das auf der anderen Seite an einem Geländer steht. Es hängt kopfüber, schwer zu sagen, warum. Der Druide fährt sich durch den Bart, er sieht verträumt weg, weisse Socken leuchten unter der Robe hervor, er lehnt sich über das Geländer, von unten dringt das Hupen und Brausen der Autos herauf.
»Ich weiss irgendwie nicht«, sage ich, während ich das überhängende Fahrrad inspiziere, »worauf das hinausläuft.«
Der Druide dreht sich langsam um, sein Blick gleitet über die Dächer hinweg und bleibt an den Satellitenschüsseln hängen. »Das?«, fragt er.
Ich zeige mit den Händen breitflächig vor mich hin, zeige, die Dose in der Hand, hier auf dem Balkon, im Klappstuhl sitzend, am Abend, auf die Strasse unten, auf dem ein Paar verschlungen entlangschlendert, auf die dichten Häuserfassaden, auf die Beschwernisse und Umständlichkeiten, Finanzströme, Cocktailkarten, Fallschirmspringer, Fördergelder, auf die dunklen Ringe um die Augen der Menschen, die kürzer werdenden Tage, die Aufdringlichkeit der Hilfswerke, darauf, dass ich den Job gekündigt habe, dass mich Anina eine Woche nicht mehr sehen will, zeige auf die Mahnungen in meinem Zimmer, zeige auf meine zerschlissene Trainerhose und den Bart, der mir im Gesicht spriesst, zeige auf eigentlich all das mit einer grossen Geste.
Der Druide runzelt die Stirn und sagt: »Ich weiss nicht, was du damit meinst.« Er dreht sich um, sein nasser Kittel hebt sich bei der Bewegung ein wenig. Wieder auf das Geländer gestützt, starrt er hinüber zum Block, wo er hofft, dass ein Licht angeht, aber es bleibt dunkel.
Ich sehe ihn heimlich an und beisse mir einen Nagel ab. Das ist das Klügste, das er je gesagt hat, denke ich. Vielleicht macht er sich am Ende doch noch bezahlt.