Offene Strasse

von Cedric Weidmann

Der Tau strömt in den Mulden, die der Asphalt bildet, zu kleinen Pfützen zusammen, in denen der Himmel und die weissen Wölkchen, die dem Hintergrund so unendlich weit weg scheinen, schimmern. Die Bäume tragen fast keine Blätter mehr, zwei Krähen streiten um die Überreste eines Apfels, die Sonne steht gerade so hoch, dass sie in den Nacken scheint. Ich gehe die leere Hauptstrasse entlang und zwei Autos, eines blau, eines von grossmütterlichem Beige, fahren rasch vorüber; man kann die Gesichter der Insassen nicht sehen. Auf einem Balkon steht ein Fahrrad, kopfüber, und das Rad dreht sich noch. Aus den Schornsteinen qualmt es sanft in die Höhe, wo der dunkle Rauch in die weissen Wölkchen aufgeht. Es sieht so aus, als wäre der blaue Himmel unendlich, dabei ist er es nicht, und wenn man weit hinausflöge, glitte man vom Blauen ins schwarze All. Eine sixtinische Gaukelei, denke ich, dessen Urheber nicht leicht auszumachen ist. Ich streife durch die Schmiedgasse, gehe gebückt, damit mich keiner zufällig erkennt, der aus den verdunkelten Fenstern schaut. Auf dem Boden sehe ich erstaunliche Formen, die von etwas wie Blut stammen, sie ziehen sich wie ein sich zergliederndes Spinnennetz von der einen zur anderen Strassenseite, wo sie an einer kleinen Treppe, die zur Tür eines Hinterhofs führt, enden. Es riecht nach Gipfeli und dem seltsam einheitlichen Gestank der Müllsäcke, aus denen manchmal ein rotes Plastikspielzeug oder die Etikette einer Verpackung hervorlugt. Die Gasse ist eng und wenig Licht dringt hierher, aber das Dampfabzugsrohr eines Wirtshauses spiegelt die Sonne grell in die Schlucht der zu beiden Seiten aufragenden Häusermauern. Dort gehe ich weiter zum Platz, an dem der Fluss vorbeistreift, und mit seinem Treiben wird auch der Blick mitgeschwemmt, den Alleen entlang, am Plattenladen vorüber zum weit entfernt liegenden Münster, dessen Türme sich gegen den getürkten Himmel abheben. An der Ecke zu einer Seitenstrasse, die nur über eine Kreuzung befahrbar ist, an der alle Ampeln immer auf Rot stehen, glaube ich noch die Andeutung eines Menschen zu sehen, seine Fusssohle blitzt kurz hinter der Häuserkante auf, bevor sie ganz verschwindet, aber ich und die Sohle sind übereingekommen, dass ich sie nicht gesehen habe. Von dort gehe ich weiter den Tramgleisen entlang und achte auf die Geräusche, aber es ist nur das plätschernde Wasser und ein Presslufthammer weit in der Nähe. Mein Blick gleitet immer wieder hinauf zum blauen Himmel, der eigentlich schwarz sein sollte, und die Wölkchen scheinen mich auf meinem Weg zu begleiten, der mich durch die verschiedenen Strassen zu meinem Ziel führt. Auch sonst bin ich unterwegs niemandem begegnet.