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Monat: Januar, 2012

Der Satz (VII)

Das war so: Alles war so.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Verbrechen und Strafe

Misserfolge

Es gab da diesen törichten Jungen.
Er war ein ehrgeiziger Kerl und wollte hoch hinaus.
Er lernte viel und gab nie auf.
Doch leider schlief er zu lange.
Wenn er aufstand, war die Sonne schon wieder verschwunden und die Müdigkeit senkte sich auf ihn herab.

Am Ende des Schalters das Licht

Ihr gefiel es nicht, wie der Abstand zum Pult immer mehr abnahm, wenn sie nachts daran vorbeistreifte.
Das Problem war, dass sie aufgehört hatte, diese Pillen zu nehmen und seither einen unzähmbaren Durst hatte. Sie konnte einschlafen, aber immer in der Nacht wachte sie mit röchelnder Kehle aus dem Schlaf auf und hustete. Wenn sie aufstand und im Dunkeln zur Türe hinüberging, musste sie zuerst aus dem Bett steigen und dann am Pult vorbei, bis sie bei der Tür und dem Lichtschalter anlangte.
Sie versuchte sich durch die Dunkelheit zu tasten und sie fühlte sich sicher, so lange sie ins Leere griff. Doch in letzter Zeit bemerkte sie, die Türe nicht mehr richtig zu erwischen: Sie fasste an den linken Türrahmen, obwohl der Griff auf der anderen Seite lag.
Sie kannte ihr Zimmer gut genug, um die Hindernisse und Begebenheiten zu kennen. Sie hätte natürlich im Tageslicht einen ziemlich massstabgetreuen Grundriss skizzieren können. Um so mehr beunruhigte es sie, als sie merkte, dass sie die Kurve nicht mehr richtig zog, dass sie nach dem Verlassen des Bettes unangenehm nah am Pult vorbeistreifte, ja, dass sie es bald berühren würde. Zwar war es in der Dunkelheit, aber es war immerhin nur Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die sie ihr Leben lang kannte, in einem Zimmer, das sie seit einigen Jahren bewohnte.
Es gefiel ihr nicht, wie sich die Dinge änderten. Die Pillen hatten damit nichts zu tun, das wusste sie, aber was war es? Wurde sie alt? Wurde sie zu übermütig und unvorsichtig, um den Weg zu meistern?
Sie versenkte ihr Gesicht beschämt in den Händen, wenn sie sich vorstellte, den Lichtschalter im eigenen Zimmer nicht mehr zu erreichen. Das war ihr das bezeichnende Kriterium für eine geistige oder körperliche Behinderung.
Eines Nachts ging sie mit durstiger Kehle durch das Zimmer. Sie tat es langsam und mit kleinen Schritten, sehr langsam und unbeholfen, so dass sie einen Bücherstapel am Boden umwarf. Sie blieb lange so stehen, halb in Panik, halb in tiefer Scham verharrend. Plötzlich machte eine WG-Genossin das Licht in ihrem Zimmer an.
„Was ist los?“, fragte sie irritiert und schläfrig.
Sie blinzelte ins plötzliche Licht und ihr Blick fiel auf das Pult, das ihre Hüfte berührte. Das Pult und die Wand waren bedrohlich nahe gewandert, stellten sich im Licht aber still, als wären sie leblos.
Sie brach in Tränen aus und ging zu ihrer Freundin, um sie zu umarmen.
„Oh“, sagte diese. „Was ist bloss los?“
„Es ist nichts. Es ist nur… Ich bin so alt.“
Die Freundin lachte.
„Was redest du? Alt?“
Sie hörte nicht auf zu weinen, stattdessen schlich sich die Scham in das schwache Krächzen ihrer Stimme. „Ich meine nicht das…. Ich meine… Ich bin so unglaublich altmodisch.“

Der Satz (VI)

Faust:
„Du Ungeheur siehst nicht ein
wie diese Engels liebe Seele
Von ihren Glauben voll
Der ganz allein
Ihr seelig machend ist sich heilig quäle
Dass der nun den sie liebt verlohren werden soll.“

Johann Wolfgang Goethe, Urfaust

Wer kennt das nicht?

Wer kennt das nicht?
Irgendein rotznasiges, eigenwilliges, selbstverbrüchliches Mädchen, das aber eigentlich ziemlich scharf aussieht und interessant, oder ein einfältiger, kindischer, verlumpter Junge, der aber eigentlich ziemlich lustig ist und so ein süsses Lächeln hat. Wer kennt nicht so ein Mädchen, das aussieht wie Venus, mit der man gelacht und getrunken hat, diesen Jungen, dem man immer näher gekommen ist und versehentlich über die Hand gestreift hat.
Eine, mit der man gerne in die Ferien fahren würde, keine laute, eigentlich, aber sowas von nicht leise oder einen, mit dem gerne aufwachen würde an einem Wintertag, ein kräftiger, nicht eigentlich schrobiger, aber sowas von nicht langweilig.
Eine, mit der du dein Einkommen teilst, wenn sie mit dir das Bett und manchmal ihr Mittagessen teilt, einer, der weiss was du brauchst, dich ernst nimmt und nie Angst hat.
Ja, eine, die eine aus sich selbst gestülpte Selbstbemitleidung hat, einer, der sich nachts immer kratzt und krächzt, wenn er Hunger hat. Wer kennt nicht so eine Frau, die dich nimmt wie du bist, dir gibt, was du brauchst, von dir nimmt, was sie will. Die du erwischst, wenn sie mit deinem besten Freund – eigentlich ein schrobiger, kindischer, verlumpter Junge, aber sowas von nicht langweilig – im Bett ein unaussprechliches Schrullen feiert, sowas von nicht leise? Wer kennt nicht so einen Mann, dem man vertrauen kann, der keine Angst hat, keine Angst jemanden zu verlieren oder umzubringen, der nicht faul wird, weil er es schon ist?
Einer, der nicht immer dem Geld nachrennt, weil er noch nie welches hatte, der hinter dem Rücken Witze macht, die noch nicht einmal lustig sind.
Wer kennt nicht so eine Frau, die einem tief ins Fleisch geschnitten, so einen Mann, der einem ins Gesicht gepisst hat?
So eine Frau, der man den Rücken zudrehen musste, um ihr gegenüber nicht ausfällig zu werden, oder so ein Mann, dessen Wohnung man verlassen musste, weil man von ihm ausgesogen und hereingelegt wurde.
So eine Frau, bei der man noch in ärgerlicher Zufriedenheit ewig resümmiert, wie man sie verlassen hat und dass es gut so war, einen Mann, dessen Verschwinden aus dem Leben eigentlich eine Wohltat war.
Eigentlich war sie so ein rotznasiges, eigenwilliges, selbstverbrüchliches Mädchen oder er war eigentlich ein kindischer, zerlumpter, einfältiger Junge. Endlich ist man sie los, diese Schlampe, oder man ist ihn los, dieses Arschloch, und kann sich auf sich selbst konzentrieren, dieses selbstverbrüchliche, rotznasige Mädchen, oder auf sich selbst, diesen einfältigen, zerlumpten Jungen.
Und auf die Zukunft warten!