Ein Irrer im Dunkeln

von Cedric Weidmann

Die Tür schliesst sich mit der letzten Verabschiedung. Der kleine Leo dreht sich zur Nacht um, die vor ihm liegt. Es ist früher Sommer, ein frischer Wind fegt den kühlen Duft nasser Blätter über den Asphalt. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite steht eine Hecke. Der kleine Leo macht sich auf den langen Weg nach Hause. Geniesserisch wirft er seinen Kopf in den Nacken und betrachtet den lückenlos schwarzen Himmel. Sobald er aus dem schwachen Schein des Hauses tritt, schwimmt er in Dunkelheit. Mit langsamen Schritten kostet er die Nacht und sein vollkommenes Wissen vom Nachhausweg aus. Selbst blind hätte er jeden Randstein gekannt. Wieso fürchten sich die anderen Kinder vor der Dunkelheit, fragt er sich, wenn sie so wunderbar dunkel ist? Er fühlt sich von ihr komplizenhaft umgeben. Es ist ein Bündnis, das zwischen ihnen beiden geschlossen wurde. Er geniesst sie, wofür sie ihm Schutz gewährt. An einer grossen Birke geht er vorüber, während er sie mit der Hand streift. Ein Hund bellt von weither. Er hört ja alles. Es gibt keinen Grund sich zu fürchten, wenn man sich selbst in der Dunkelheit bewegt. Viel schlimmer ist es, im hellen Schein einer Lampe den Würgern und Schleichern ausgeliefert zu sein. Wo sie den Hals, an dem sie zupacken, schon weitem sehen können.

Der kleine Leo beginnt jetzt zu rennen. Ihm ist eingefallen, dass er einfach lieber rennt. Natürlich ist er kein Idiot. Die Mörder verstecken sich nicht in den Büschen und warten auf Kinder, die vorbeischleichen. Nicht ausgerechnet auf seinem Nachhauseweg. Wie gross war die Wahrscheinlichkeit? Ein solcher geht lieber zu einer Schule und steht dort rum, vielleicht in der Uniform des Hausabwarts oder als Schulbusfahrer verkleidet. Wie er so rennt und seine lauten Schritte von den Mäuerchen widerhallen hört, wird er sich bewusst wie laut er ist. An kriechende Monster, deren Tentakel ganze Laternenpfähle umschlingen und die mit glitschigem Keuchen unter den stehenden Autokarrossen hindurchwabbern, glaubt er nicht. Er glaubt nicht an so Sachen. Es ist viel zu unwahrscheinlich, dass es so etwas gibt. Natürlich ist es nicht ganz unmöglich, wie es auch nicht unmöglich ist, dass es Mörder in der Nachbarschaft gibt. Es gibt zwar keine Hinweise, die Nachbarn sind ganz nett, aber meistens sind es gerade die Netten. Leo stolpert um die Ecke. Er hört nichts mehr ausser das Schlagen seines Blutes. Japsend zieht er die Kurve und gerät ins Licht einer Strassenlaterne. Jetzt. Jetzt ist der Moment für einen Mörder, auch wenn es immer noch unwahrscheinlich ist, dass es einen solchen Mörder gibt, einen Würger, mit bewarzten Fingern und einem Blick, der den Wahnsinn und die pure Unwahrscheinlichkeit seines Verhaltens verheisst. Ja, der Junge merkt es jetzt, wo er stolpert und den Halt verliert, weil es im Gebüsch raschelt und der Wind ein Fenster aufschlägt, er merkt jetzt, dass das überhaupt nichts bringt, zu sagen, es sei unwahrscheinlich, dass ein Irrer auflauert, denn dass er auflauert, ist schon irre und einem Irren ist die Wahrscheinlichkeit egal. Stampfend rennt er zum Haus herab. Die Lichter der Häuser dünnen hier zu dichtem Schatten aus. Der Junge hört nichts mehr ausser seinem tosenden Atem und dem rasenden Puls, und er fragt sich im Ernst, obwohl es ziemlich unwahrscheinlich und abwegig wäre, ob sein Herz nicht die Anwohner wecken würde, dann tritt er in die Nische vor der Haustür. Er nestelt im Hosensack, doch das Metall entgleitet seinen verschwitzten Fingern, er fährt herum, er hat ein Geräusch gehört, oder vielmehr gefürchtet, er hätte eines überhört. Den Schlüssel steckt er zitternd in die Tür, das Rascheln oder Schlurfen ist nun direkt hinter ihm, und er dreht den Bart herum — der Schlüssel bricht.

Ein Klicken. Das Licht des Vorzimmers leuchtet Leo entgegen. Die Mutter steht mit zugekniffenen Augen und einem Nachthemd vor ihm. »Erst so spät?«, fragt sie. Leo drückt ihr mit einer automatischen Bewegung den Schlüssel in die Hand und wirft einen prüfenden Blick auf die geschlossene Haustür. Er lachte fast. Aber richtig — also richtig, richtig — geglaubt, hat er es natürlich auch nicht.