Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: Literatur

Wochenrückblick

productivity13Juni15
Zwei Wirtschaftsprüfungen sind vorbei: Noch fühlt sich alles anders an, die Berührung, das Aufwachen, ein neuer Ort, ein neuer Wind und der Bart, als wäre ich aus dem Dschungel zurückgekehrt. Produktivität bei 40%.

Jung im All. Heute die Radioausbildung mit Jung im All abgeschlossen: Bald werden wir regelmässig Literatursendungen fürs Radio und als Podcasts machen dürfen. Man darf gespannt sein, was sich daraus machen lässt.

delirium. Letztes Wochenende waren ein paar Jungs unseres deliriums an einem Workshop für Indie-Magazine. Ausserdem sind wir bei Print Matters, einem Pop-Up-Store für unabhängige Heftchen mitten in Zürich, vertreten, der seit einer Woche geöffnet ist. Ausserdem war ein grossformatiger Bericht über delirium im Lichtensteiner Vaterland, im Landbote und im Zürcher Unterländer. Die Liste liest sich wie eine irre Auswahl an peripheren Regionalblättern, die mit der Zürcher Literaturszene nichts am Hut haben. Aber delirium ist auch nicht nur für Zürcher, geschweige denn Schweizer. Morgen ist Abgabetermin für literarische Eingaben.

Ach, und dann bin ich da jetzt noch bei Twitter, zum Lesen, kaum zum Schreiben. Aber Blog-News findet man dort auch.

Ausserdem ein paar Lesetipps.

Lesetipps

«Der Fortschritt als Langsamgeher» (FAZ) thematisiert aus Sicht der Schriftstellerin Tanja Dückers das Problem der Gender Gap im Literaturbetrieb. Der Titel des Artikels ist völlig abstrus, ich verstehe nicht ganz, wie man drauf gekommen ist, eigentlich ist er viel zu wenig anklagend, aber der Text ist lesenwert, weil er das Problem in einer Branche beleuchtet, die man sich von den herkömmlichen, ökonomisch dominierten Arbeitsmärkte unterschiedlich denken möchte: Sie funktioniert aber ganz ähnlich, wie er mit einigen klaren Fakten zeigt. Sexismus ist auch unter Schriftstellerinnen und Schriftstellern ein Problem.

«Die Krönung war und blieb eine Rezension in der „Berliner Zeitung“ von einem mir bis dato unbekannten Germanistikprofessor der Humboldt-Universität: „Mit diesem Buch hat Tanja Dückers einen schlechten Blowjob hingelegt.“»

Begründungen für die Probleme oder Überlegungen, was den Diskriminierungen vorhergeht, findet man erfrischenderweise nicht.

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Der Artikel spielt sich natürlich im Vordergrund der eher uninteressanten Debatte um Ronja von Rönne ab, die wegen ihrer ziemlich mittelmässigen, aber polemischen Texte ins Kreuzfeuer der (feministischen) Kritik geriet, aber einen Eklat verursachte, weil sie letzte Woche als Kandidatin für den Bachmann-Preis nominiert wurde. Das ist alles nicht sehr interessant, aber ich habe eben «ins Kreuzfeuer der Kritik» geschrieben. Eine der letzten ausgelatschten Phrasen, die ich bis zum heutigen Tag nie gebraucht habe. Dahin!

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Das Literaturhaus Berlin hatte keine bessere Idee, als eine Ausstellung mit Wolfgang Herrndorfs Bildern zu machen. Kann man machen. Keine schreckliche Idee, aber eben auch keine gute. Und es passierte, was mit nicht so guten Ideen meistens passiert: Es folgten gleich zwei haarsträubende Artikel.

«Die Kunst des Wolfgang Herrndorf» von Tillmann Prüfer im Zeit-Magazin glänzt mit raffinierter Kunstbetrachtung:

Und dennoch sind seine Bilder ein Kommentar zu unserer Zeit, zu unserer Flüchtigkeit und der Sucht, modern sein zu wollen. Herrndorf versuchte nie, zeitgemäß zu sein. Er hatte seine eigene Zeitrechnung. Er malte einen Birkenwald, wie ihn nur jemand malen kann, der sich Birken sehr lange angeschaut hat. Einen Birkenwald, der so realistisch dargestellt ist, dass er wirklicher ist als die Realität.

Man kann mir vorwerfen, man hätte nichts anderes zu erwarten, wenn sich ein Lead mit «Als Schriftsteller wurde er von seinem Publikum geliebt. Doch zunächst war er ein Maler. Wir zeigen unbekannte Bilder» anbiedert. Das ist dermassen plump, dass sich die Lektüre des Artikels schon lohnt. Wie ihn nur jemand malen kann, der sich Birken sehr lange angeschaut hat. Sand, wie es nur jemand schreiben kann, der sehr lange einen Tumor im Kopf hatte. Grossartig!

Weniger plump ist Oliver Maria Schmitts Bericht von seiner Zusammenarbeit mit Herrndorf als Zeichner der Titanic in der Zeit unter dem Titel «Was mich interessiert, kann ich nicht malen». Hier ist der Versuch der übertriebenen Glorifizierung eines Autors schon gelungener, indem er den Geniekult mal so richtig ungezügelt auslebt. Das Schmierige und Geschmäcklerische an der Sache lässt sich dann mit manchen ausgetretenen Formulierungen auch nicht mehr verstecken. Wo der andere Artikel an der Malerei scheitert, scheitert dieser an der Literatur:

Und so ist Sand, neben allem anderen, auch ein unendlich detailreiches, mehrfach in sich verschachteltes Bild – ein Vexierbild.

Vexierbild.
Was die Bilder selber angeht, von denen man einige im Zeitmagazin finden kann: darf man sich ansehen. Wenn ich einem Personenkult Vorschub leisten möchte (auch das darf man machen (man muss ja nicht gleich die Gesamtwerke im Novalis-Umschlag herausbringen)), so sähe ich zwischen der Literatur und der Malerei den Humor und die Bereitschaft, sich konventioneller und veralteter Techniken und Klischees zu bedienen, ohne, wie die Postmoderne es tat, nur zu zitieren, anzuspielen oder zu collagieren, sondern sie in vollem Ernst als Klischees zu verwenden. Sand ist dafür ein eindrückliches Beispiel und unter diesen Bildern ist dieses Beispiel der seltsame, niedergestreckte, langhalsige Eisbär auf der Scholle im Ozean einer deutschen Romantik.
Ich finde sie allerdings, wenn man das sagen darf, nicht so überwältigend und die Karikaturen eigentlich auch eher okay.

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«Dichterfreunde». Roman Bucheli wagt sich mit seinem Artikel in der NZZ auf #neuland. Er geht ins Internet und tastet dem nach, was alle Journalisten, seit sie sich von dem investigativen Scheiss und dem Reportagenstress befreit haben, längst tun: Er checkt Facebook- und Twitterprofile von Autoren und Autorinnen.
Für mich ein spannender Artikel: Hier wagt sich einer, der total keine Ahnung hat, Digital Immigrant wäre schon zu viel gesagt, auf ein Feld vor, wo auch die Spieler keine Ahnung haben: Es ist nicht nur traurig wenn Bucheli von seinen 23 Freunden erzählt, auf deren geringe Zahl er — so muss man vermuten — stolz ist, biedermeierstolz, mit einem richtigen Feuilletonisten-Stolz. (Und sich sogar in dieser Logik ins Abseits stellt mit der Klammerbemerkung: «(nur 23 Freunde, aber immerhin gegen 200 unbeantwortete Freundschaftsanfragen)» (So cool.)) Es ist vor allem traurig, wenn er ausgerechnet mit Verlegern und Autoren als Experten darüber spricht, die sich so schäbig ins Internetzeitalter einfügen. (Natürlich ist Clemens Setz eine Ausnahme. Auch Herrndorf war es.) Ich sage es rundheraus: Die Facebookseiten der Verlage sind die traurigsten, langweiligsten, kümmerlichsten Auftritte, die ich in meiner Facebook-Timeline habe, und ich habe Promotions für Salsaparties in den Aargauer Agglostädten in meiner Timeline.
«Der deutsche Literaturbetrieb auf Facebook» könnte der Titel eines den Untergang der westlichen Welt verkündenden Non-Fiction-Wälzers sein, den man in der Verschwörungsecke seiner Buchhandlung findet. Es wäre ein sehr trauriges Buch.

Denn mag es auch zutreffen, dass zwar manch einer Verse dichtet, aber kaum einer sie liest, so gilt für Facebook und zumal für die Sites der Dichter: So viele Leser hatte mancher noch nie in seinem Leben.

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Im amerikanischen Raum tobt ebenfalls eine Debatte um Diskriminerung. Angezettelt hat sie eine Kolumne auf Electric Literature, die Leserfragen zum literarischen Handwerk beantwortet. Ein weisser Mann fragte, ob es noch möglich sei, weiter aus seiner herrschaftlichen, patriarchalen Perspektive zu schreiben, aus der er, als weisser Mann, nicht herauskäme. Die Antwort auf «Should White Men Stop Writing?» erschien am 2. Juni:

When the VIDA counts come out and multiple publications are shown to publish far more men than women (with the numbers for POC writers looking even worse), editors make excuses about their submission pools – they get far more submissions and pitches from men than women. Then people inevitably respond by telling women to write more, submit more, and pitch more. I think this is exactly the wrong response: Instead we should tell men to submit less. Pitch less. Especially white men. You are already over-represented. Most literary magazines are drowning in submissions.»

Gefällt mir in der Provokation. Bin aber auch froh, dass die Angelegenheit hier in Europa nicht so verbissen verhandelt wird. Hier ist der «Fortschritt» ein «Langsamgeher», aber er geht wenigstens von selbst.

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Mit «Dichter, traut euch ins Zentrum» geht wenigstens wirklich was ab: Nora Bossong nervt sich über die Kritik des Leipziger Buchpreises an Jan Wagner. Der Preis ging überraschend an einen Lyriker — zum Ärger vieler Lyrikfans, die Jan Wagner für konventionell und langweilig halten. Bossong findet diesen Ärger heuchlerisch und argumentiert klug für eine grössere, ja auch, Kommerzialisierung der Lyrik.

Viele Bände werden schlicht überhaupt niemals gelesen, und so mutet es mitunter hilflos an, wenn mit großer Geste das Gesellschaftskritische einer Arbeit betont wird, die die Gesellschaft überhaupt nicht erreicht.

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Und eine handvoll englischer Übersetzungen Clemens Setz-Gedichten: «Why I’m Not A Great Lover».

Hunger (Ein-Satz-Review)

HungerHunger by Knut Hamsun
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Eigentlich ein Wunder, dass das Buch nicht Durst heisst, so viel wie der weint.

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Sand (Ein-Satz-Review)

SandSand by Wolfgang Herrndorf
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein bisschen wie Thomas Pynchons „Inherent Vice“ — oder anders gesagt: die etwas dümmliche Verfasstheit des Protagonisten aus „Kiss Kiss Bang Bang“, verschmolzen mit dem überhöhten Plot und den Perspektivwechseln aus „Burn After Reading“ — oder anders gesagt: ein perfides Spiel mit Gattungen, Klischees und etwas, was vielleicht das Ende der Postmoderne darstellt — oder anders gesagt: klare Sprache trifft durchdachten, verehrungswürdigen Plot — anders gesagt: Folterung trifft auf Witz, und — kurz gesagt — ein Eindruck für die zeitgenössische deutschsprachige Literatur.

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Vom Lesen des Prozesses zum Leseprozess — Weshalb «Aktion S.» von Daniel Saladin ein wunderbares Buch ist

Dreieinhalb Jahre dauerte der Strafprozess, in den Daniel Saladin — vom Blick «Grüsellehrer» genannt — verstrickt wurde. Der Vorwurf: Er habe mit seinen Schülern und Schülerinnen am Literaturgymnasium Rämibühl pornografische Texte behandelt: «Frühlings Erwachen», «Warum das Kind in der Polenta kocht», «Dunkler Frühling», die «Selbstmordschwestern». In «Aktion S.» beschreibt er, wie der absurde Fall zustande kam, wie er ausging und zeigt etwas viel Wichtigeres: Er hat nicht Pech gehabt, es hat ihn nicht zufällig getroffen — die Justiz und unsere Gesellschaft haben ein enormes, strukturelles Problem.

Ich empfehle keine Bücher. Zumindest nicht der Öffentlichkeit. Dies hier ist die erste Ausnahme, die ich mache. Es gibt dafür vier Gründe.

Erstens, dieses Buch hat mich gefesselt. Ich habe es in 3 Tagen durchgelesen, weil es klar strukturiert und leicht geschrieben ist. Und weil es von so erschreckenden, erschütternden Dingen berichtet, dass es mich bis spät in die Nacht wach hielt.

Zweitens ist der erste Google-Treffer für das Buch zurzeit eine NZZ-Rezension von Brigitte Hürlimann. Diese Rezension ist dermassen schlecht, dass einem der Mund noch einmal aufklappt: Hat die Autorin das Buch wirklich gelesen? Und wenn sie es gelesen hat, wie kann sie noch solche Dinge behaupten? Sie stellt Saladin als unreflektierten Verbitterten dar, was grundfalsch ist: Verbittert mag er sein, aber bestimmt nicht unreflektiert. Viel schlimmer noch ist die Abschätzigkeit, mit der Hürlimann ihn zum Patienten macht und ihn als einzelnes Opfer einer «nicht immer gelungenen» Justiz darstellt. Sie nimmt hin, dass die Mühle der Justiz nicht immer flüssig läuft? Okay. Nur ist dieses Bild völlig falsch, wie man nach der Lektüre weiss. Es war nicht ein Schönheitsfehler der Justiz, der die Tragik von Saladins Schicksal ausmacht. Es sind das Auftreten und die Sprache der Justiz selbst, die ungeheuerlich werden: In diesem Verfahren gab es keine Fehler (schliesslich gab es für die Staatsanwaltschaft keine rechtlichen Konsequenzen). Alles lief, wie Justiz eben läuft. Und das hat Frau Hürlimann nicht verstanden. Ein gewisser Bernhard Heinser schreibt:

«Die Lektüre von Frau Hürlimanns Rezension hat mich dazu angeregt, das Buch von Herrn Saladin zu lesen. Entsetzt stelle ich nach der Lektüre fest, dass Frau Hürlimann dem Buch in keiner Weise gerecht wird.»

Und gerecht ist in dieser Sache ohnehin nichts. Wie etwa dieser Blick-Artikel, der nichts als bösartig ist. (Bemerkenswert, dass ausserhalb der Mainstream-Medien der Ton etwas anders ist. Wie z. B. hier.)

Drittens hat das Buch eine politische Dimension. Eine, die sich nicht um links und rechts oder um Parteien kümmert. Mich etwa warnt das Buch vor einer Präventionsjustiz, die bevorsteht. Sie droht aus so unterschiedlichen Ecken wie Neurologie und Big Data-Speicherung im Internet auf uns zuzukommen (immerhin wurde Saladin wegen gelöschten Bildern, die man aus dem Temp-Ordner rekonstruiert hat, verurteilt…). Es zeigt aber auch, dass wir, als Gesellschaft und jeder für sich, uns den Konzepten von Pädophilie, Sexualität und Kunst stellen müssen. Gerade die Pornografie als Strafbestand enttarnt Saladin unter Rückgriff auf die Gesetzestexte als widersprüchlich und zirkulär. Diese Stellen gehören mit zu den spannendsten. Nicht zuletzt wurden im Moment, als dieses Verfahren eröffnet wurde, wichtige kulturelle Werte preisgegeben: Wedekind, der Autor von Frühlings Erwachen, war in Zürich im politischen Exil, Warum das Kind in der Polenta kocht gehört zu den wichtigsten Schweizer Romanen des letzten Jahrhunderts. Und auf einen Schlag steht das «Wohl des Kindes über den wissenschaftlichen und kulturellen schutzwürdigen» Werten, wie die Staatsanwältin sagt? Diese Frage sollte nicht jene Frau, sondern die Gesellschaft zu beantworten versuchen. Und wir Germanisten müssten eine Antwort haben, weil zu viel auf dem Spiel steht: «Eine Geschichte, in der Jugendliche, die nicht richtig aufgeklärt sind und ständig über das Thema Sex fantasieren. Die Hauptperson, die ca. 14jährige Wendla, wurde schwanger. Mehrere Masturbationsszenen» (und nein, ich habe nicht falsch zitiert) — so «ermittelt», umschreibt und liest die Justiz Literatur. Das liegt, aus tausenden Gründen, einfach nicht drin. Das heisst aber auch, man muss begreiflich machen, was Literatur-Lesen bedeutet.

Viertens gibt es einen letzten Grund, den wichtigsten, ohne den ich diese Empfehlung bestimmt nicht schreiben würde. Dieses Buch schafft etwas, was ich noch nie zuvor gesehen habe. Hier schreibt einer, der aus haarsträubend konstruierten Vorwürfen aus Zürich vertrieben, von seinem Job ausgeschlossen, von der Justiz zermürbt wurde, die Dinge aus seiner Sicht. Solche Bücher gibt es immer mal wieder, und es muss sie geben. — Aber hier schreibt einer, der schreiben kann. Der die Auswirkungen genau und das Verfahren präzise wiedergibt, der in die Justiz eindringt: Protokolle, Hausdurchsuchungsbefehl, Urteilstexte druckt er im Original ab und analysiert sie. Er zeigt mit einer schmerzhaften Akribie, wo diese Texte Fehler übernehmen oder Sachverhalte konstruieren, gegen die sich einer, der nicht in dieser Sprache schreibt und nicht zum Kreis der Justiz gehört, nicht wehren kann — dass sein Name und der der Literaturwerke in allen Anklageschriften über Jahre hinweg falsch geschrieben steht, ist da noch der kleinste Mangel. Saladin betreibt Textanalyse, er zergliedert und deckt auf. Manchmal wäre das vielleicht gar nicht nötig, denn die Zitate sind so entsetzlich, dass sie für sich sprechen. Und nur schon diese Originalzitate aus dem Prozess lohnen die Lektüre — ganz egal, ob man Saladins Stil zu giftig findet oder nicht. Man braucht sich nur vor Augen zu führen, wie der Strafbestand auf dem Hausdurchungsbefehl hiess: «Pornografie etc.» — Diese Art von Unklarheit und Perfidie wird Seite für Seite getoppt durch noch Schlimmeres, das die Juristensprache und das Juristendenken zustandebringen. Verstehend, dass Sprache die Welt mitkonstruiert, beginnt Saladin, unakademisch und dezent, mit Subtexten (Novalis, den Songtexten von Archive) diese Sprache der Justiztexte zu unterlaufen. Vielleicht ist das eher ein hilfloser Versuch.

Wer das Buch durchblättert und es nicht liest, könnte meinen, es sei tatsächlich ein «Pamphlet», in dem ein Verbitterter seine Widersacher anschwärzen will: Man stolpert dann, wie Frau Hürlimann, über Wörter wie Jagd, Hetze, Überfall. Wer das Buch aber wirklich liest, sieht, dass er all diese Worte in einem ganz spezifischen Sinn benutzt, den er immer definiert. Er wettert ja nicht einmal gegen die Personen, nicht gegen die Mutter, die die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat. Er führt diese Begriffe lediglich als Erklärung dafür an, was mit ihm geschieht. Und es scheint mir verständlich, dass man nach solchen Erklärungen sucht. Er kämpft sich nicht vom Stigma los. Statt sich um jeden Preis vom Vorwurf der Pädophilie zu reinigen, hält er den Finger in die Wunde und zeigt, wo das wahre Problem liegt. Das braucht Mut. Und das macht dieses Buch zu viel mehr als nur Erlebnisbericht, aktualitätsbezogene Reportage oder Pamphlet. Aus einem Lesen des Prozesses entsteht so ein Buch über den Prozess des Lesens. Es unterwandert, vielleicht darf man sagen: dekonstruiert ihn. Wenn es nur einen besseren Titel hätte («Aktion S. — Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf»), hätte es Zeug und Recht dazu, weit über diese Zeit hinaus gelesen zu werden. Hoffentlich klappt es trotzdem.

Ja: Auch ich hatte meine Bedenken. Ich war nicht immer auf Saladins Seite. Auch ich habe in der Zeitung Widersprüchliches gelesen. Ich war erbost über die Verhaftung wegen Literaturunterricht. Doch mit der Zeit verwirrten sich die Medienberichte und meine Überzeugung kam ins Wanken. Einmal sprach man von Kinderpornografie, dann von Texten mit «Gewalt bis zum Tod» und vom Freispruch, gegen den Berufung eingelegt wurde, dann von Teilschuldspruch. (Saladin zeigt, wieviel an diesen Sachen dran ist: gar nichts; aber lest selbst.) Ich begriff, dass da etwas nicht stimmte, etwas musste ja stimmen, es gab ja ein Verfahren, aber ich glaubte fest daran, dass die Tageszeitungen unklar berichteten, kaum recherchierten und nicht zum Kern der Tatsachen durchdrangen und konnte mir kein Urteil, kein positives und kein negatives, anmassen.
Dieses Buch hat mich eines gelehrt: Ich lag falsch. Die Medien haben nicht verzerrt und nichts vernebelt — das hat schon die Justiz gemacht. Die Medien haben es nur abgebildet. Auch wenn man in diesem Fall zum Kern der Tatsachen durchgedrungen wäre, hätte man doch nie etwas in der Hand gehabt. Wie die Staatsanwaltschaft nichts gegen Saladin in der Hand gehabt hatte — und ihn trotzdem finanziell und sozial ruinieren konnte.

Hilft dieses Buch? Saladin wird es nicht helfen. Die Staatsanwältin, die zentrale Widersacherin, wird es nicht stören. Doch es hat wenigstens mir die Augen für einiges geöffnet. Und vielleicht auch meine Haltung geändert. Dank diesem Buch werde ich nicht mehr ängstlich zurückkrebsen, wenn ein ungerechtfertigt Angeklagter irgendwo, in einem Teilpunkt, verurteilt wird oder in einem zerfledderten Verfahren schmort. Ich werde nicht mehr denken, die Justiz müsse Opfer auf sich nehmen, um zu funktionieren. Ich werde nie mehr glauben, dass die Schweizer Justiz schon genug richtig mache, nur weil wir in der Schweiz, 2014, leben. Stattdessen werde ich dieses Buch zur Hand nehmen und mich fragen wieso wir so feige sind, wie wir Wedekind schützen können und was genau wir eigentlich für ein Problem mit Sexualität und Pädophilie haben. Und ich wünschte mir, jeder würde sich diese Frage stellen  oder zumindest das Buch wirklich lesen.

Lesung auf Litradio und eine Handvoll Text in Literaturzeitschriften

Ich muss verrückt sein, das hier zu posten — ich halte es kaum aus —: Die Aufnahme meiner Lesung aus dem Zürcher Literaturhaus auf Litradio. Zum Verschlucken von Wörtern und Verhaspeln gibt es zu sagen: Wir wussten nicht, dass wir aufgenommen werden, und freilich habe ich alles, was hätte stören können, mit Gestik und Mimik wettgemacht, die in der Tonaufnahme verloren gegangen sind, (nicht). Die vier Bier, die ich davor hatte, seien hier unerwähnt. Schade auch, dass die Diskussion weggeschnitten wurde.

Was noch so ansteht?
Erfreulicherweise wird es schwierig werden, im 2014 ein Schweizer Literaturmagazin zu ergattern, in dem kein Text von mir zu finden ist: Im Delirium (Drei Geometrieaufgaben), in Denkbilder (Ein Irrer im Dunkeln), in der Narrgenda (Eine Dreifaltigkeit), im Narr (Helden) und im entwürfe (Das Shoppingcenter) wird es jeweils einen Text von mir geben. Wenn alles gut läuft, krieg ich noch was hin. Ihr wisst ja: Catch ´em all!

Und hier noch der Flyer zur Delirium-Vernissage, an der ich nicht lesen werde. Aber ein Satz aus meinem Text prangt auf einem coolen Bild, sowas verpflichtet:

Der Planet der Gleichungen

Übrigens, wir sind tatsächlich die einzigen Lebewesen in diesem Universum. Der Grund dafür liegt darin, dass wir unentwegt nach Lebewesen suchen, obwohl es anderes gibt, das ist, das west und das lebt, das sich jedoch nicht oder nur mit Mühe in den Begriff von Leben fügen lässt. Betrachten wir einmal den Planet der Gleichungen. Bevor wir über das Erscheinungsbild der Einwohner und ihre genaue Lokalisierung zu sprechen kommen (worauf wir nicht zu sprechen kommen werden), müssen zwei, drei Voraussetzungen neu getroffen werden. Die Lebewesen, die wir hier der Einfachheit halber «Gleichungen» nennen, und die weder Tiere, noch Menschen, noch Bakterien, noch Pilze, noch Zellen, also eigentlich keine Lebewesen sind, existieren bereits seit Urzeiten. Tatsächlich sind sie weniger physikalische Entität, als Gleichungen: platonische Gegenstände. Diese Gleichungen, die jenen der menschlichen Mathematik auffallend ähneln, ändern im Laufe der Zeit ihre Werte und Variabeln. Es wurde deshalb eingehend über die Frage diskutiert, ob es sich wirklich um Gleichungen und nicht um Funktionen handelt, doch der Begriff der Gleichungen hat sich durchgesetzt, weil sie die meiste Zeit tatsächlich als normale Gleichungen vorherrschen und sich nur gelegentlich wandeln oder ihre Variabeln parametrisieren. Dies geschieht in der Regel im Einklang mit allen übrigen Gleichungen, die sich nach denselben Variabeln richten müssen. Die Gesamtzahl der Gleichungen muss also aufgehen — es kann nicht sein, um ein ganz einfaches Beispiel zu nennen, dass eine dieser Gleichung «a * s + x + c^df = 2k + m * t/h» parallel mit einer anderen «a * s + 2x + c^df = k + m * t/h» existiert. Um dieses Problem zu umgehen, kennt das System, in dem sich diese Gleichungen bewegen, mehrere Möglichkeiten: Erstens, die beiden Gleichungen nehmen alle ihre Kräfte zusammen, um die ihnen eingeschriebenen Faktoren zu transformieren, und pendeln sich in kurzer Zeit auf einem Wert ein, der sich in sie einfügen lässt, indem sie die rechte oder die linke Seite verändern. Eine andere, weniger aufwendige Möglichkeit, besteht darin, dass eine dritte Gleichung hinzukommt, die Variabeln definiert und mit «x = -k» wieder richtigstellt. Freilich sind das Anschauungsbeispiele, denn so kurze Gleichungen kommen auf diesem Planeten fast nicht vor. Die Gleichungen entstehen als lange Reihen von Variabeln und Zahlen, die mit der Zeit erst abnehmen. Dies ist jedoch ein langwieriger Prozess und kann nur durch die Hilfe der anderen Gleichungen gelingen, welche mithilfe von Vereinfachungen der Faktoren und Variabeln ein Kürzen ermöglichen. Da es also breite Unterstützung sowie lange Erfahrung erfordert, kurz zu werden, zollt man den kurzen Gleichungen überall Respekt. Sie gelten als die Ranghöchsten.
Die Gleichungen existieren nicht in Köpfen von anderen Lebewesen, auch sind sie physikalisch nicht direkt messbar, denn sie haben keinen Körper und wirken nicht auf Materie. Man hat sie nur dadurch entdecken können, weil man bemerkt hat, dass auf dem Planet der Gleichungen andere logische Gesetze vorherrschen. Man hat Signale zu diesem unbewohnten Exoplaneten gesendet und das Signal, das meistens zurückkam, in bestimmten, von dichten Gasen überwölbten Himmelskörpern aber auch verschluckt werden konnte, tat beides: Es kam zurück und es kam nicht zurück. Ein Aufschrei fuhr durch die Forschergemeinschaft. Man hatte etwas entdeckt, das nicht möglich war. Lange versuchte man das Problem auf physikalische Hindernisse zurückzuführen. Als das misslang, gedachte man der Möglichkeit, dass hier die physikalischen Gesetze anders sind und deshalb solche Störungen hervorriefen, man deutete es als verzerrte Echos, die sich der Raumzeit wegen überlagern. Erst später erfuhr man von der Gemeinschaft der Gleichungen, die auf dem Planeten lebt und die direkt die logischen Gesetze beeinflusst. Dies scheint einem sich damit wenig beschäftigenden Menschen unwahrscheinlich: Wie können die logischen Gesetze ausser Kraft gesetzt werden? Sie gelten immer und überall im Universum, denn sie sind doch Kategorien des Menschen: Er findet dieses und jenes logisch.
Dies ist jedoch nicht korrekt. Die Differenz im logischen System, also die Eigenschaft, die die sogenannte Logosphäre jenes Himmelskörpers von unserer unterscheidet, ist die Aufhebung des Ausgeschlossenen Dritten. Das Gesetz des Ausgeschlossenen Dritten ist eine Regel in der irdischen Logosphäre, die mit den physikalischen Eigenschaften auf der Erde korrespondiert: «Es regnet» kann wahr sein oder «es regnet nicht» kann wahr sein. Es ist jedoch unmöglich, dass beides zugleich wahr ist oder dass beides falsch ist — es gibt nichts Drittes. Man mag einwenden, dass es noch Graupel gäbe, und Hagel und Schnee, und dass man sagen könnte: Es regnet ein bisschen oder es herrscht 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das stimmt, aber auch diese Fälle sind entscheidbar: Entweder es ist Regen oder Graupel, Luftfeuchtigkeit, Schnee etc. Das klingt in der sprachlichen Formulierung klar, wenn man jedoch durch schlechtes Wetter stackst wird deutlich, dass es nicht so einfach ist: Es gibt unscharfe Trennlinien, Vagheiten, die man jedoch nicht verwendet, wenn man vom Wetter spricht. Die sprachlichen Anforderungen der Menschen verlangen, dass auf Vagheiten verzichtet wird, sie bestenfalls verdrängt werden, um Klarheit zu schaffen. Seit gut fünfzig Jahren ist auch bekannt, dass die Begriffe des Menschen Voraussetzung dafür sind, was der Mensch wahrnimmt. Also fasst der Mensch auch in seiner Wahrnehmung sehr viele Witterungen unter «Regen», deren Unterschiede ihm, seit es das Wort «Regen» gibt, nicht mehr bekannt sind. Daher stehen die Logosphäre und die Atmosphäre in Wechselwirkung: der Begriff von «Regen» und der physikalische Regen passen sich auf der Erde gegenseitig so an, dass die Regel des Ausgeschlossenen Dritten gültig ist. Dies ist auf dem Planet der Gleichungen nicht eingetreten: Das Signal der Forscher kam zurück und es kam nicht zurück, weil es dort Signale geben und es sie nicht geben kann. Man kann es in unserer Sprache (noch) nicht besser erklären und wir können es nicht verstehen, solange wir uns in unserer Logosphäre bewegen.
Die Gleichungen auf dem Planeten lassen sich aus den physikalischen Besonderheiten ableiten. Es gibt erkennbar Verzerrungen in der Logosphäre, die uns davon ausgehen lassen, es herrschten logische Knäuel, Verschlingungen innerhalb der Gruppen von Gleichungen. Das wiederum kann nur dann eintreffen, wenn sie ihre rechte oder linke Seite kürzen oder Variabeln verändern. Sogleich geht grosse Bewegung durch die Allgemeinheit der Gleichungen, die sich den anderen anpassen müssen. Da das Gesetz des Augeschlossenen Dritten nicht herrscht, kann eine Gleichung falsch und nicht falsch sein. Um diese Falschheit mit Inbrunst zu vertreten, bedarf es einer gewissen Dreistigkeit oder Aufmüpfigkeit, die nur wenige aufzubringen im Stande sind. Ein solches Gegen-den-Strom-Schwimmen kommt einem politischen Umsturz gleich, bei dem mehrere Gleichungen dazu überzeugt werden müssen, die fremde Anpassung vorzunehmen. Mit Durchhaltewille ist es möglich, dass die übrigen Gleichungen von eigentlich ‹falschen› Gleichung überzeugt werden und alle in den Modus der Falschheit wechseln (zum Beispiel so: eine Implikation bestimmt, dass sie nur dann richtig ist, wenn die Bedingung wahr und die Konsequenz falsch ist, oder: 3 = -3). So kommt es zu gewaltigem Wandel, dessen Ausformungen und Komplexitäten von den irdischen Mathematikern noch nicht vollständig verstanden wurden. Für die meisten ist der Planet der Gleichungen aber nicht relevant. Manche sprechen ihm das Leben, andere gleich seine Existenz ab. Ich würde nicht so weit gehen, unterstütze aber eine gesunde Skepsis. Auch wissen wir leider noch zu wenig über den «Mond der Mengen».

Nichts von euch auf Erden (Ein-Satz-Review)

Nichts von euch auf ErdenNichts von euch auf Erden by Reinhard Jirgl
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Erst kommts wie ein Arno Schmidt-Imitat daher, nur ernster und hochtrabend, mit all dem prätentiösen Beigeschmack, der davon kaum loszumachen ist, doch erst in der Umkehrbewegung, im Abstossen der geblümten Sprache durch den genervten Leser stellt sie sich selbst als Teil dieser Geschichte dar und treibt die grossartig ausgestaltete Zukunftswelt zu voller Blüte, denn die degenerierten Zurückgebliebenen auf der Erde, die Arno Schmidts Sprache aufgenommen und friedvolle Trägheit zum Lebensinhalt erklärt haben, müssen so sprechen, wie sie sich auch mit 25 Lebensjahren von ihrer grossen Liebe trennen müssen, wie sie ihre Gesichter schminken müssen, wie sie alle direkten Fragen und Tatbereitschaft verhindern müssen, wie sie von den zurückkehrenden, genetisch einwandfreien Marsbewohnern erobert werden müssen, und alle Menschen müssen sterben, die Bücher müssen leben und dieses Buch muss genau so hochtrabend, arrogant und anstrengend sein, wie es durchtrieben, ergreifend, durchdacht ist.

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Die Zukunft des Mars (Ein-Satz-Review)

Die Zukunft des MarsDie Zukunft des Mars by Georg Klein
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Auf den ersten Blick ist diese Geschichte — quasireligiös im Erklärungsmangel und sprachlich in sperrigem Ton gezimmert — ein Rückfall zu einer Primitivität der postapokalyptischen Erzählung, die das Wilde, zu dem sich die vormalig russische Kolonie und heute völlig verwahrloste Marsbevölkerung hingezogen fühlt, naiv zelebriert, und es fällt erst im Laufe der Lektüre das Zeitgemässe und Versponnene daran auf, das in der Überspitzung der Kommunikation zu finden ist: Lange nach dem Zusammenbruch des Internets auf der Erde ist der Versuch einer Aufrechterhaltung von Ferngesprächen mit dem Don-Phon ebenso schwierig wie die Sprachvielfalt, die in dieser Post-Globalisierung aufkommt, dennoch ist dieses ‚kommunikative Nicht-Handeln‘ durchbrochen vom Dialogischen Terrorismus und von Bruderbanden, die durch das ganze Buch als genealogische Anker verstreut sind und einen religiösen Anspruch vorzubringen scheinen („Dialogische Brüder“ der Terroristen; verblüffend ähnliche Zwillinge der beiden Opa Sprithoffer; Zwillinge auf dem Mars, die nur für einander verständliches Brabbeln von sich geben; sowie die politischen „Brüder“: Der weisse Khan, Der Alte Ogo und Don Dorokin), und es zeigt sich ein Zukunftsentwurf, in dem der Kommunikationsteilnehmer in der Kommunikation völlig aufgegangen und überflüssig geworden ist — wie Freund Mockmock, der aus dem Innern des Mars hervorbrechende Lebensspender, der ein Kollektiv von einzelnen kleinen Kugeln mit Beinchen ist, vaporisiert die Menschheit in ihrem Verschwistern in einem grossen, überindividuellen, erlöserbildartigen, leblosen Ganzen.

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