Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Kategorie: Statt zu finden

Katzen folgen

Er schleicht den Katzen nach und folgt den Spuren, die sie durch die Nachbarschaft treibt. Er hüpft über die Holzlatten eines niederen Zaunes und streift den Hausmauern entlang. Wenn man eine Katze sieht, ist seine Gestalt nicht fern, mit der Brille auf dem Gesicht und dem kleinen Hut, der ihn vor heftiger Mittagssonne schützt. Zwischen Stauden raschelt es hörbar, wenn er einen Riegel auspackt und ihn isst. Auch auf Bäumen will man ihn, der in der Gegend wohnt, gesehen haben. Die Katzen nehmen ihn wie einen Umweltfaktor hin: Eine Temperaturschwankung oder gelegentliche Trockenheit. Manchmal bricht ein Lachen aus ihm heraus, das den Anwohnern verrät, wo sich ihre Schützlinge aufhalten. In diesem Viertel ist noch nie ein Haustier verschwunden.

Offene Strasse

Der Tau strömt in den Mulden, die der Asphalt bildet, zu kleinen Pfützen zusammen, in denen der Himmel und die weissen Wölkchen, die dem Hintergrund so unendlich weit weg scheinen, schimmern. Die Bäume tragen fast keine Blätter mehr, zwei Krähen streiten um die Überreste eines Apfels, die Sonne steht gerade so hoch, dass sie in den Nacken scheint. Ich gehe die leere Hauptstrasse entlang und zwei Autos, eines blau, eines von grossmütterlichem Beige, fahren rasch vorüber; man kann die Gesichter der Insassen nicht sehen. Auf einem Balkon steht ein Fahrrad, kopfüber, und das Rad dreht sich noch. Aus den Schornsteinen qualmt es sanft in die Höhe, wo der dunkle Rauch in die weissen Wölkchen aufgeht. Es sieht so aus, als wäre der blaue Himmel unendlich, dabei ist er es nicht, und wenn man weit hinausflöge, glitte man vom Blauen ins schwarze All. Eine sixtinische Gaukelei, denke ich, dessen Urheber nicht leicht auszumachen ist. Ich streife durch die Schmiedgasse, gehe gebückt, damit mich keiner zufällig erkennt, der aus den verdunkelten Fenstern schaut. Auf dem Boden sehe ich erstaunliche Formen, die von etwas wie Blut stammen, sie ziehen sich wie ein sich zergliederndes Spinnennetz von der einen zur anderen Strassenseite, wo sie an einer kleinen Treppe, die zur Tür eines Hinterhofs führt, enden. Es riecht nach Gipfeli und dem seltsam einheitlichen Gestank der Müllsäcke, aus denen manchmal ein rotes Plastikspielzeug oder die Etikette einer Verpackung hervorlugt. Die Gasse ist eng und wenig Licht dringt hierher, aber das Dampfabzugsrohr eines Wirtshauses spiegelt die Sonne grell in die Schlucht der zu beiden Seiten aufragenden Häusermauern. Dort gehe ich weiter zum Platz, an dem der Fluss vorbeistreift, und mit seinem Treiben wird auch der Blick mitgeschwemmt, den Alleen entlang, am Plattenladen vorüber zum weit entfernt liegenden Münster, dessen Türme sich gegen den getürkten Himmel abheben. An der Ecke zu einer Seitenstrasse, die nur über eine Kreuzung befahrbar ist, an der alle Ampeln immer auf Rot stehen, glaube ich noch die Andeutung eines Menschen zu sehen, seine Fusssohle blitzt kurz hinter der Häuserkante auf, bevor sie ganz verschwindet, aber ich und die Sohle sind übereingekommen, dass ich sie nicht gesehen habe. Von dort gehe ich weiter den Tramgleisen entlang und achte auf die Geräusche, aber es ist nur das plätschernde Wasser und ein Presslufthammer weit in der Nähe. Mein Blick gleitet immer wieder hinauf zum blauen Himmel, der eigentlich schwarz sein sollte, und die Wölkchen scheinen mich auf meinem Weg zu begleiten, der mich durch die verschiedenen Strassen zu meinem Ziel führt. Auch sonst bin ich unterwegs niemandem begegnet.

Übersehen

Zwei Kinder zanken über einer toten Spitzmaus. Ich kann sie nicht verstehen, aber die ausgestreckten Hände und die verzerrten, angeröteten Gesichter beschreiben Anschuldigungen. Auf der Bank neben ihnen sitzen die beiden Mütter und essen genüsslich aus einer Tüte Cashewnüsse. Auf der anderen Seite des Spielplatzes sehe ich eine verschrobene Krähe, die sich in einer Spirale nach unten schraubt und die Flügel, vor dem Wind schonend, zu früh einzieht. Sie landet hart und springt wie auf heissen Kohlen um einen Abfalleimer herum, während der schräg gelegte Kopf nach Essbarem Ausschau hält und mein Blick schweift wieder hinüber, aber jetzt sehe ich das Gezänk zweier Mütter, die mit verzerrten Fratzen und schrillen Stimmen einander anklagen und vor ihnen liegt eines der Kinder tot, das andere rüttelt vertändnislos an seiner Schulter, als schlüge es trotzdem nächstens die Augen auf. Die Spitzmaus schwirrt, wie ich nun erkenne, eifrig über den Schnee und hascht nach aus einer Tüte gekollerten Nüssen, die sie langsam isst.

Verwirrende Witterung

Dort säumt ein Röckchen die Schenkel, da ist Hals in den Wollschal gelümmelt. Manche Handgelenke, verpackt in die Ärmel loser Pullis, recken nach Kapuzen dicker Daunenjacken. Ein dünnes Shirt flattert und im Kragen eines Cardigans hängt eine Sonnenbrille. In der Hand ballt sich Wind bis man meint, man könne ihn zerknautschen. Bewölkt, der Föhn in den Strassen. Ein solcher Tag kehrt die Garderobe nach aussen. Von oben sind sie auf Asphalt gesprenkeltes Konfetti, wie zur Reise auf verschiedene Planeten gerüstet, zirkeln um den Verkehr in den Strassen und doch haben es alle nur gut gemeint und wollten es vermutlich ganz recht machen, als sie das Haus verliessen.

Ein Irrer im Dunkeln

Die Tür schliesst sich mit der letzten Verabschiedung. Der kleine Leo dreht sich zur Nacht um, die vor ihm liegt. Es ist früher Sommer, ein frischer Wind fegt den kühlen Duft nasser Blätter über den Asphalt. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite steht eine Hecke. Der kleine Leo macht sich auf den langen Weg nach Hause. Geniesserisch wirft er seinen Kopf in den Nacken und betrachtet den lückenlos schwarzen Himmel. Sobald er aus dem schwachen Schein des Hauses tritt, schwimmt er in Dunkelheit. Mit langsamen Schritten kostet er die Nacht und sein vollkommenes Wissen vom Nachhausweg aus. Selbst blind hätte er jeden Randstein gekannt. Wieso fürchten sich die anderen Kinder vor der Dunkelheit, fragt er sich, wenn sie so wunderbar dunkel ist? Er fühlt sich von ihr komplizenhaft umgeben. Es ist ein Bündnis, das zwischen ihnen beiden geschlossen wurde. Er geniesst sie, wofür sie ihm Schutz gewährt. An einer grossen Birke geht er vorüber, während er sie mit der Hand streift. Ein Hund bellt von weither. Er hört ja alles. Es gibt keinen Grund sich zu fürchten, wenn man sich selbst in der Dunkelheit bewegt. Viel schlimmer ist es, im hellen Schein einer Lampe den Würgern und Schleichern ausgeliefert zu sein. Wo sie den Hals, an dem sie zupacken, schon weitem sehen können.

Der kleine Leo beginnt jetzt zu rennen. Ihm ist eingefallen, dass er einfach lieber rennt. Natürlich ist er kein Idiot. Die Mörder verstecken sich nicht in den Büschen und warten auf Kinder, die vorbeischleichen. Nicht ausgerechnet auf seinem Nachhauseweg. Wie gross war die Wahrscheinlichkeit? Ein solcher geht lieber zu einer Schule und steht dort rum, vielleicht in der Uniform des Hausabwarts oder als Schulbusfahrer verkleidet. Wie er so rennt und seine lauten Schritte von den Mäuerchen widerhallen hört, wird er sich bewusst wie laut er ist. An kriechende Monster, deren Tentakel ganze Laternenpfähle umschlingen und die mit glitschigem Keuchen unter den stehenden Autokarrossen hindurchwabbern, glaubt er nicht. Er glaubt nicht an so Sachen. Es ist viel zu unwahrscheinlich, dass es so etwas gibt. Natürlich ist es nicht ganz unmöglich, wie es auch nicht unmöglich ist, dass es Mörder in der Nachbarschaft gibt. Es gibt zwar keine Hinweise, die Nachbarn sind ganz nett, aber meistens sind es gerade die Netten. Leo stolpert um die Ecke. Er hört nichts mehr ausser das Schlagen seines Blutes. Japsend zieht er die Kurve und gerät ins Licht einer Strassenlaterne. Jetzt. Jetzt ist der Moment für einen Mörder, auch wenn es immer noch unwahrscheinlich ist, dass es einen solchen Mörder gibt, einen Würger, mit bewarzten Fingern und einem Blick, der den Wahnsinn und die pure Unwahrscheinlichkeit seines Verhaltens verheisst. Ja, der Junge merkt es jetzt, wo er stolpert und den Halt verliert, weil es im Gebüsch raschelt und der Wind ein Fenster aufschlägt, er merkt jetzt, dass das überhaupt nichts bringt, zu sagen, es sei unwahrscheinlich, dass ein Irrer auflauert, denn dass er auflauert, ist schon irre und einem Irren ist die Wahrscheinlichkeit egal. Stampfend rennt er zum Haus herab. Die Lichter der Häuser dünnen hier zu dichtem Schatten aus. Der Junge hört nichts mehr ausser seinem tosenden Atem und dem rasenden Puls, und er fragt sich im Ernst, obwohl es ziemlich unwahrscheinlich und abwegig wäre, ob sein Herz nicht die Anwohner wecken würde, dann tritt er in die Nische vor der Haustür. Er nestelt im Hosensack, doch das Metall entgleitet seinen verschwitzten Fingern, er fährt herum, er hat ein Geräusch gehört, oder vielmehr gefürchtet, er hätte eines überhört. Den Schlüssel steckt er zitternd in die Tür, das Rascheln oder Schlurfen ist nun direkt hinter ihm, und er dreht den Bart herum — der Schlüssel bricht.

Ein Klicken. Das Licht des Vorzimmers leuchtet Leo entgegen. Die Mutter steht mit zugekniffenen Augen und einem Nachthemd vor ihm. »Erst so spät?«, fragt sie. Leo drückt ihr mit einer automatischen Bewegung den Schlüssel in die Hand und wirft einen prüfenden Blick auf die geschlossene Haustür. Er lachte fast. Aber richtig — also richtig, richtig — geglaubt, hat er es natürlich auch nicht.

Die Prüfung

Ich stehe an der dunklen Strasse. Ein grosses Glasfenster leuchtet gegenüber. Lange Holztheken, auf denen Produkte ausliegen, stehen in fast förmlicher Distanz voneinander getrennt im Laden. Es befindet sich ein einziger Besucher im Apple-Shop, er trägt einen Anzug und eine Brille mit dünnem Gestell. Den Oberkörper weit nach vorne gelehnt, stützt er sich mit der rechten Hand auf der Tischplatte ab. In der linken hält er das iPad, das mit einem kurzen Sicherheitskabel befestigt ist, einige Zentimeter in die Luft, und er linst hinauf. Die Hand macht dabei eine schwierige, man möchte sagen, ausgebildete Bewegung, die das Gewicht und die Balance des Geräts prüfen, während er das Gerät über seinen jetzt kaum über der Tischplatte schwebenden Kopf hält.
Ich kann sein Gesicht schlecht erkennen, aber noch in der Brechung des Glases findet sich ein Ausdruck von Hingebung auf ihm, der mich innehalten lässt. Es ist ein Suchen, ohne finden zu wollen, eine Art pflichtschuldiges Beschuldigen des Geräts. In dieser väterlichen Strenge, wobei er hofft, dass er sich täuscht, und in diesem töchterlichen Stolz des iPads, das nur leicht wankt in der Hand und die Prüfung abschätzig über sich ergehen lässt, in genau diesem Moment bemerke ich, dass ich den Atem anhalte und gespannt warte.
Hastig streife ich mir die Kopfhörer über und verschwinde, hoffentlich unerkannt, in eine nur ungefähre Richtung in der Dunkelheit.

Der perfekte Politiker

Ich bin von sanftem Gemüt. Fest, aber nicht unbeugsam. Undurchdringlich, aber transparent. Ich bin eine Plastikflasche.

Der Totschlag

Ein kleiner Käfer, es ist nicht leicht zu sagen, was für einer, sitzt auf der Scheibe und lenkt das Mädchen ab. Aufmerksam und mit hochgezogenem Mund betrachtet es das vielgliedrige Geschöpf und die schwirrenden Segmente seines Panzers. Es hat aufgehört sich zu putzen und sitzt nun regungslos an der senkrechten Scheibe. Mit einer sachten und langsamen Handbewegung, die selbst noch unentschieden zwischen Abwehren und neugierigem Anstupsen scheint, versucht das Mädchen den Käfer zu verscheuchen, der sie sichtlich bedrängt. Das Tier verflüssigt sich dabei, ein schwarzer Strich voll Blut bildet einen kleinen dunklen Flecken an der Scheibe, und weg ist es. In regelmässigen Abständen kleben dort abgetrennte Beinchen und Flügel. Die Waldböschung, an der der Bus vorbeirauscht, senkt sich plötzlich zur Ebene ab und jetzt leuchtet die gebrochene Sonne durchs Fenster ins schuldbewusste Gesichtchen des Mädchens, das sich duckend nach Zeugen umdreht. Doch die anderen Passagiere starren, die Stirn am Plexiglas, nach draussen in die morgendlichen Felder, als könnten ihre Blicke Äcker pflügen.