Vorbereitung zum Finale (Rally)

von Cedric Weidmann

«Bin ich ein Held?»
«Das hab ich dich gefragt?» Jamie lachte und stiess die erste Schwingtür auf.
«Ich war ziemlich beschäftigt, weil ich ja nach dem Autoschlüssel suchte. Aber du hast nicht aufgehört. Bin ich ein Held? Bin ich ein Held? Dabei hast du heftig an meiner Schulter gezerrt. Ich bin dann ziemlich schnell aufgewacht. Ich blieb erst einmal eine Weile im Bett liegen und dachte nach. Was will man sagen? Bin ich ein Held? Wer stellt eine so bescheuerte Frage?»
Jamie legte den Arm auf die Schultern seines Trainers, der noch immer den Kopf schüttelte. Er grinste zu dem kleinen Mann herab. Am Ende des Korridors drückten sie gemeinsam, Jamie links und sein Trainer rechts, die zweite Schwingtür auf und sahen sich in der Halle um.

Sie standen beim Spielereingang. Die Hälfte der Halle war abgesperrt und durch eine vierte Tribüne ersetzt worden. Sie fühlten sich wie auf dem Grund eines riesigen Trichters. Zehntausend hochgeklappte Plastikstühle stiegen zu allen Seiten bis knapp unter die Decke hoch, wo sie im Schatten fast nicht mehr zu sehen waren. Die leere Halle war ungewöhnlich ruhig. Nur das Scheppern einer Metallröhre drang hinter der VIP-Tribüne hervor.
Das Feld war gereinigt worden, der grüne Teppich, auf dem gespielt werden sollte, war bereits ausgerollt. Neben dem Feld stand ein neuer Toyota, der mit Scheinwerfern angeleuchtet wurde. Das Spielfeld war mit dicken weissen Linien angezeichnet. Achtzehn von der Decke hängende Lampen verbreiteten ein in alle Winkel des Platzes vordringendes Licht.
Eine Ingenieurin sass auf dem Schiedsrichter-Podest und versuchte, den Turm, auf dem sie sass, mit Gewichtsverlagerung zum Schwanken zu bringen. Er schien zu halten. Unter ihr stand ein Mann im Anzug, der die Spannung des Netzes mit einer Wasserwaage prüfte.
Sie steuerten auf den Organisator zu, der sich aus dem Gespräch mit der Ingeneurin löste.
Der Organisator gab ihnen eine verschwitzte Hand. Er hielt seine rechte Hand mit der Linken vor dem Schritt fest, während er sprach. Dazu drückte er den Daumen auf den Handrücken und den Zeigefinger auf die Handinnenfläche, als ginge es darum, die Hand aus einer Spalte zu fischen. Er zeigte auf die Röhren und sprach leise, fast flüsternd, zu den beiden Dazugestossenen, dem grossgewachsenen Athleten und dem forsch um sich blickenden Trainer, der zwei Köpfe kleiner war.
«Die Lampen sind klug platziert und technologisch hochgerüstet. Hochdruck-Gasentladungslampen. Kürzlich erneuert und mit vollständig digitalem Stufungsverfahren. Ein besonderes Verdienst der dänischen Architekten. Vielleicht gerade zu Ihrem Vorteil.»
Der kleine Trainer nickte nach einigem Umsehen und sah zu seinem Schützling hoch. Er suchte wohl Jamies Blick, doch er sah nur den Adamsapfel des in den Nacken geworfenen Kopfs. Vorsichtig und ohne den Blick von der Decke zu wenden, machte Jamie einige Schritte nach links und nach rechts. Die beiden kleineren Männern traten zur Seite, als er den Raum in wenigen Sprüngen durchmass.

Unmöglich, im künstlichen Licht zu wissen, wer krank und wer nur bleich wäre. Die Lampen waren in sorgfältig kalkulierten Abständen von den Decken gelassen, wo ihre Lichtkegel auf dem Weg bis zum Boden keine Falte eines Kleidungsstücks und keine Mulde unbeleuchtet liessen. Die Farbe des Lichts war bleich und eierschalengrell. Unmöglich, sich im künstlichen Licht zu verstecken, aber unmöglich, von den Strahlkörpern geblendet zu werden, weil sie für die Spieler sorgfältig abgedeckt wären. Wer auf dem Spielfeld stand und nach oben sah, musste den Schopf weit in den Nacken schieben, damit die Helle der Scheinwerfer in den Augen schmerzte. Es würde nicht oft vorkommen.
Es war genug hell, dass die Tribünen im Schatten lagen. Grosse Bewegungen, das Schwenken von Transparenten oder Plastikballonen, wären als Ungefähres wahrnehmbar, aber könnten kaum ablenken. In den vorderen drei Reihen wären Gesichter erkennbar, wenn man die Lider zudrückte, mit etwas Glück auch die zitternden Lippen, das Glänzen wässriger Augen, die jubelnden Fäuste oder ein offenstehender Mund. Nur ob jemand krank oder gesund wäre, würde sich in den Ausläufern der Strahlen nicht erkennen lassen. Unter diesem Licht waren alle wächsern und jung.

Jamie starrte nach oben, öffnete schliesslich den Mund. Die feuchten Lippen gaben bei ihrem Ablösen ein fast unhörbares Schnalzen von sich, das wie das Scheppern des Stahlrohrs noch lange durch die Halle schwebte.
«Das Licht ist käsig», sagte er.
Der Organisator betrachtete Jamies kantiges Gesicht voller Bewunderung und Ehrfurcht, er massierte etwas betreten die Hand. Aber seine Stimme hatte eine neue Härte. Er liess seine Rechte los, die jetzt wie gelähmt zur Seite herabhing. «Was möchten Sie noch sehen?», fragte er.
Jamie ging zum Netz und bückte sich zu ihm hinunter. Er kniff ein Auge zu und blickte, die Nase an der Netzkante, über das gegnerische Feld. Er befummelte den Saum des schwarzen Umschlags auf der Oberkante. Keine Naht löste sich, es war gut gemacht. Er kehrte zum Trainer zurück und ging in die Hocke, um mit ihm in ein flüsterndes Gespräch zu verfallen. Dabei zeigte er nach oben.
Dann erhob er sich, und der Trainer machte einen Schritt auf den Organisator zu. «Eines vielleicht. Können Sie die Kamera auf der anderen Seite anbringen? Ihre Linse spiegelt.»
In einigen Metern Höhe auf der rechten Seite hing eine Kamera von der Decke, die schräg auf das Spielfeld gerichtet war. Der Organisator bewegte den Kopf, als könne er keine Spiegelung erkennen.
«Auf der anderen Seite?»
«Bitte hängen Sie sie links, nichts rechts von hier.»
Der Organisator nickte langsam. «Das ist für das Fernsehen ungewöhnlich.»
«Ich vertraue Ihnen», sagte der Trainer und drückte ihm die Hand, dass sie schmerzte. «Jemand wird es Ihnen wohl vergelten.» Kaum liess er sie los, fiel die Hand des Organisators wie tot herunter. Der Organisator verneigte sich noch, wünschte ein gutes Spiel und zog sich zurück.

«Um zur Frage zurückzukommen», sagte der Trainer, während sie sich zufrieden, die Hände in die Hüfte gestemmt, sich um die eigene Achse drehend, in der Halle umsahen. «Bist du ein Held? Ich will es so sagen: Frag mich noch einmal, wenn du heute gewonnen hast. So etwas wie heute macht den Unterschied. Fast niemand hat in seinem Leben Gelegenheiten, die den Unterschied machen. Die grossartigsten Menschen haben sie nicht.»
«Du siehst krank aus.»
«Es geht mir gut.»