Wrag!

Cédric Weidmann, 28, schreibt.

Kategorie: Lyrik

Der Zweifel

Es gehören immer zwei dazu.
Aber das stimmt nicht.
Zu vielen Dingen
gehört niemand.

Ich schenke dir gerne Kaffee ein
und schenke dir gerne Kaffee ein.

Wäre ich seit 10.000 Jahren
im Gletscher verschüttet,
würdest du mich heute
enteisen?

Du glänzt mit vorauseilendem
Ungehorsam und bist mir das,
was einem Käfer die Sohle,
was einem Habicht die Dohle,
was einem Banker die Kohle.

Ich bin dir was?

Was einem Fenster die Aussicht,
was einem Knasti die Aufsicht,
was einem Ding der Unmöglichkeit
die Machbarkeit ist?

Du trinkst eigentlich lieber den Tee,
aber trinkst eigentlich lieber den Tee.

Werde ich für 10.000 Jahre
in Kupfer verhüttet,
wirst du mich schliesslich
enteisenen?

Der Tag ist so gemacht

Der Tag ist so gemacht,
dass auch die jungen Menschen
an seinem Ende müde sind.
Ein Junge an der Laterne
küsst einen Jungen auf den Mund.
Ein Junge wirft einem Jungen,
einen Ball an die Brust.
Vielleicht sind sie auch alle Mädchen,
die tun als wären sie’s nicht.
Vielleicht aber tun sie nur, als ob sie das täten
und wissen es selber nicht besser.
Ich fühle mich hier fast alleine,
aber in der Tasche trage ich
einen Schokoladenriegel.
Ich will ja nicht angeben,
aber es fällt mir gar nicht schwer, traurig zu sein.
Ich hätte es den Jungs gerne zugerufen,
die lachen nur und könnten was lernen,
aber ich stehe doch nicht so nah,
wie ich erst geglaubt hatte.
Ich bin ja in meinem Zimmer,
hinter dem Fenster.
Und die Laterne sehe ich kaum.
Ich liege insgesamt auch weit ab vom Zentrum,
und wenn ich nach draussen sehe,
schleicht nicht einmal etwas im Schatten herum,
oder dann erkenne ich’s nicht.
Hier gibt es auch keinen Grund,
gehört zu werden.

Begegnung

Der frühe Rilke
trifft den späten Rilke
und fragt: „Wo ist der mittlere?“
„Der dacht er blieb sich und
hat sich drob grad selbst vergessen.“
Der frühe seufzt und lehnt sich rüber:
– „Ich rechnete mit mehr der Zeit“ –
Da war er schon im späten drin,
gedanklich, und der schmunzelt bloss,
verständnisinnig.

Archäischer Torso Apollos (NSA-Version)

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Passwort ändern.


Früher auf diesem Blog:
Technischer Imperativ

Adä Kassä

wännsi wännsi
wännsi wännsi
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi händsi
ächt äs chärtli
wännsi wännsi
wänd äs chärtli
grüezi grüezi
nändses nötli
gärn äs chärtli
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi nändsi
wännsi wännsi
wänndso guetsi.

Fehlerrechnung

Herakleides ist zu früh aufgestanden,
gedankt hats ihm Anaximander,
der wusste, wo man mal einen Punkt macht.
Bei Aristoteles liefs plötzlich rund
bis zu Copernicus` Rotationsschwindel,
Kepler ist in die Breite gegangen
und Newton hat träge gemacht.
Der Einstein rechnete es relativ genau,
speziell allgemein, aber auch mal speziell.
Hubble und Nasa prüften es ausgiebig nach.
Sie haben geknobelt, gegrübelt, gerechnet
doch sie wussten und ahnten noch nichts.
Der Kosmos war nur — ein Fleck auf der Linse.

Abgesang

Sterbender Stabreim
kennst du die Kinder
die man aus deinen
Geschöpfen gemacht hat?

Die Enge des Anzugs

Die nagende Plage der Kragen zu tragen Wagenden:
Der heisse Schweiss beisst im kreisrunden Scheiss
Es juckt beim Zucken, beim Schlucken und Spucken
Und die Knöpfe behindern die Kröpfe der Köpfe.
Mach Schlauf‘ und Knauf auf, erkauf dir Schnauf!
Musst dich entkleiden, die Leiden der Seide meiden
Schick sie zu Tale, die Qualen der Schale!
Münde nie in den Schlünden der Sünde
Kündige bündig wie findige Mündige:
Mach den Schlenker zum Denker —
werde Henker statt Banker!