Wrag!

Cédric Weidmann, 28, schreibt.

Kategorie: Märchen

Stark abgekürzt zusammengefasst

Ich gehe, zusammengefasst, durch die Strassen. Ich hebe die Hände in die Luft wie ein Jubelnder und habe die Naht meines Ärmels unter den Achseln eingeklemmt. Meine Fäuste ragen weit über mir, ich lache, die Leute schauen mich an und so weiter, zwei Erinnerungen, eine vergangene Liebe, kurz, ein Fuchs hatte sich zwischen zwei Tanksäulen eingeklemmt und humpelte, als ihn die Angestellte am Morgen befreite, über den Parkplatz davon. Vor dem Hintergrund dieser Angelegenheiten suche ich lange nach meinem Rückweg und eine Frau liegt in der Wiese, die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben, vor dem Hintergrund all dessen sind die Lider nur scheinbar unbeweglich wie über Kinder gelegte Decken geschlossen, ein paar summende Fliegen, ein summender alter Mann und dann all das vor dem Hintergrund davon. Im Licht des Vorangegangenen, etwa des Morgens, setze ich mich auf einen Stein und so weiter. Hinter Hecken plätschert Wasser, die Hände sind noch in der Luft, angesichts von ihnen werde ich heiter. An einer spinnenförmigen Wäschestange winken sich kleine rote und orange Kleider zu. Man werde nicht jetzt hineingehen können, so eine Mutter, das Gewitter bahne sich erst an. Das schliesse sich aus dem Vorangegangenen, stark abgekürzt. Die Sonne sieht lustig aus, so ich. Zwei Fensterläden klatschen sich in den Windstössen gegenseitig zu, man könnte wie ein Flipperkastenball zwischen ihnen hindurchschlüpfen, aber es wäre schwierig. Ich erinnere mich gerne an sie, wie sich abschliessend feststellen lässt. Dann schlendere ich, «schlendere», und nehme die Fäuste kurz herunter, schwinge sie dicht an meinem Körper, sie bewegen sich langsam haftreibend durch die Luft. Ich setze mich hin, öffne den Rucksack und so weiter, ich bin, kurz, der glücklichste Mensch aller Zeiten. Das ist allgemein bekannt. Ich habe es herumerzählen gehört. So denke ich, während ich auf dem Stein sitze und ein Güterzug fährt vorbei. Ich nage, stark abgekürzt zusammengefasst, an einem Wassermelonendrittel.

Geräusche

Ich sah den neuen Insassen an. Seine Füsse, die den Boden kaum streiften, vollführten rasante, kreisende Bewegungen, als dribbelte er. Unsere Blicke wichen einander aus und jagten rastlos über die Kacheln, bis sie, in einem Abstand, in dem der Hebel noch am Blickfeldrand sichtbar blieb, zur Ruhe kamen. Er wagte nicht, sich zu bewegen und lehnte sich lässig gegen die Wand. Mit den Fingernägeln kratzte er die Pritsche. Den Schluckauf hatte er, seit ich ihn kenne, aber er war zerdehnt worden und mit so langen Pausen, dass man ihn regelmässig vergass, und in einem solchen Ton, dass man geneigt war, “Entschuldigung” zu sagen. Ich erhob mich und näherte mich dem Hebel. Da riss er die Augen auf und sprang auf mich zu. Wir standen einige Sekunden nebeneinander und schielten auf den aus dem Boden ragenden Knüppel.
“Ich möchte.”
Ich trat, nach kurzem Zaudern, einen Schritt zur Seite. Er bückte sich, zog mit aller Kraft am Hebel, der sich seufzend lockerte und schliesslich dem Zug nachgab. Es knarrte und raschelte, Eisenketten klirrten und das Rattern wie von Zahnräder rumpelte unter den Füssen. Ein kleines Loch öffnete sich im Boden. Es war völlig finster darin. Ich rannte darauf zu, rief hinein, es hallte einen halben Meter tief und der Schall floh dann horizontal in ein Kanalsystem. Ich stieg mit dem Fuss hinein. Draussen gab es ein metallenes Geräusch, als eine schwere Tür zufiel. Die Augen des Insassen weiteten sich, wir starrten uns an. “Schnell, schnell”, flüsterte er, aber ich verharrte und lauschte, wie der Knüppel des Wärters gegen die Eisenstangen schlug und näher kam. Er stiess mich weg, sprang hinab. Es gab das Geräusch einer Landung, ansonsten war es sehr still. Dann erklang ein Flirren, das Knacken von Knochen, ein zerklüfteter Todesschrei: Nur ein Stöhnen blieb wie ein aufsteigendes Rauchwölkchen von ihm übrig. Ich zog die Beine aus dem sich schliessenden Loch, stand auf. Ich versteckte den Kugelschreiber, den ich ans Gitter geschlagen hatte, unter der Matratze und legte mich schlafen. Am nächsten Morgen wurde ich von einem Niesen geweckt. Ich öffnete die Augen einen Spalt, erblickte den Neuen auf der Pritsche und wälzte mich schmatzend auf die andere Seite. Aber ich war schon wach geworden.

Kain und Abel

Er näherte sich zögerlich, während er mit der Hand den Rauch vor dem Gesicht vertreiben wollte, als wäre er eine Fliege. Im Profil sah sein Bruder mehrere Jahre jünger aus und er erinnerte sich, dass er ihm gezeigt hatte, wie man aus Stroh eine Pappfigur bastelte und wie man Frauen erschreckte. Kain schritt langsam näher, achtete auf das Krachen der trockenen Zweige unter seinen Sohlen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er versuchte so zu tun, als käme er beiläufig und würde das Feuer des Bruders erst jetzt sehen.
«Hast du ~?» Er räusperte sich. Abel sah auf und lächelte, als er ihn sah. Von vorne schien er erwachsener und kräftiger: ein markantes, kantiges Gesicht in den besten Jahren.
«Hey, hab dich gar nicht gehört, tut mir leid.» Abel bot ihm etwas Wein an und er trank davon, um seine ausgeräucherte Lunge zu besänftigen. «Was gibt´s?», fragte er freundlich.
«Hast du Feuer?»
«Wie bitte?»
«Hast du…» Kain blickte um sich, als hätte es jemand anders gesagt. «Du warst so ein süsses Kind.»
Hatte er das wirklich gesagt? Er wich dem fragenden Blick aus. Das war ihm peinlich, und er hätte ihm gern die Hand geschüttelt, um die Begrüssung noch einmal von vorne zu beginnen. Er suchte in seiner Tasche nach einem Geldstück, das er ihm in die Hand drücken konnte, damit ihm noch einmal verziehen würde, hatte aber sein letztes unterwegs ausgegeben. Er hatte auch kein Mitbringsel, das den letzten Satz vorübergehend vergessen machen konnte. Kain drückte seinen Rücken durch, um sich die Beschämung nicht anmerken lassen, und ihm fiel ein, wie er sehr zerstreut und absichtslos einen schön glänzenden Stein auf dem Weg gefunden und mitgenommen hatte.
«War ich das?», fragte Abel mit kritisch zusammengekniffenen Augen. «Ein süsses Kind?»
Kain schwieg peinlich berührt, blickte in das Feuer, dessen Qualm sich schwarz aus sich selber entwirrte, wie ein rollendes Fadenknäuel.
«Sag mal, wolltest du nicht etwas von mir?»
Da er nichts anderes hatte, blieb ihm nichts anderes übrig. Er holte den Stein aus der Hosentasche und prügelte auf Abel ein. Das vor Anstrengung pochende Blut in seinem Kopf verdeckte die Schamröte, während er ihn betrachtete, der jetzt mit schreiendem Mund so viel älter aussah, gar nicht mehr wie jener, mit dem er einst Datteln geklaut hatte — da hielt er inne. Aber die Erinnerung des kleinen Jungen kam wieder zurück, wie sie nach dem Dattelfressen unter den Bäumen gelegen hatte, sich windend unter Bauchschmerzen, und gefurzt hatten, dass man es bis ins Tal hinunter hören konnte, und er umarmte ihn und schlug noch härter zu, bis der Hinterkopf zerplatzte.

Eltern trennen

»Weisst du, wie man es macht?«, fragte Simona.
»Aber ich will meine Eltern gar nicht trennen.«
»Es ist ganz leicht.«
»Nein, das ist bestimmt nicht leicht«, sagte Leonidas. »Die lieben sich.«
»Doch, ganz leicht, hat Papa gesagt. Und Mama hat gesagt, man müsse nur klatschen, dann sei das noch viel einfacher. Man sollte es einfach vermeiden vor einem Hurenkind.«
»Was?«
»Oder einer Witwe, was übrigens das Gleiche ist.«
»Halt die Fresse«, sagte Leonidas, stellte das Kickboard auf und fuhr weiter. Er wollte schon aus der Strasse abbiegen, da hörte er hinter sich noch Simonas laute Stimme.
»Elt,
Ern,
El,
Tern,
El-«
Selber Hurenkind, dachte er.

Das Alpaka

Als die Füsse zu sehr schmerzten, setzte er sich auf einen Stein und blickte ins Tal. Das Dorf war nicht mehr weit, die Kamine rauchten und er hatte Hunger. Ein Mann mit einem Alpaka kam vorbei und nahm ihn zu sich nach Hause. Er ass gut und schlief im Stall auf einer dicken Wolldecke neben dem Tier. Wann immer er es ansah, schien es zu kauen, auch als er die Augen nur einen winzigen Spalt öffnete, um zu sehen, ob es nur so tat. Am nächsten Morgen fühlte er sich wunderbar leicht, denn er spürte seine schweren Glieder nicht mehr, als hätte man ihn davon befreit. Das Alpaka war dicker geworden.

Die Treppe

Sie stieg die Treppe hoch. Bei jedem Schritt zitterte ihr die Fusssohle und sie versuchte mit dem ganzen Bewusstsein des Körpers, ohne hinunterzuschauen, ihre Stellung und Lage abzuschätzen und sie vorsichtig, mit innerer Fernsteuerung, auf die nächste Stufe zu setzen. Tausende von Menschen, spürte sie, sahen ihr zu. Sie war die Einzige, auf die ihre Augen gerichtet waren, doch sie hütete sich davor umzudrehen, während sie mit möglichst bestimmten Bewegungen und ohne im Tempo nachzulassen weiter hinaufstieg. Irgendwann erreichte sie die letzte Stufe. Ein brausendes Klatschen brandete gegen die lange Steintreppe, einige Menschen jubelten ihr zu, sie lächelte stolz. Sie hatte die Treppe bestiegen, warf Kusshände. Sie hätte auch umfallen können.

Der Bach

Und plötzlich ging es mir gut. Es war ein sonniger Tag und ich wanderte mit schwingenden Armen durch das Dorf. Ein Bach rauschte unter der Brücke hindurch, unter der sich in einer Senkung das Wasser verwirbelte und gluckste wie ein fettes, ertrinkendes Kind, aber es hörte sich gut an. Ich sah lange hinab, kleine Entchen folgten ihrer Mutter in die Windungen eines kleinen Schilfwäldchens, weil mein Lachen sie erschreckte. Ich hatte eben in einer E-Mail erfahren, dass mein Bruder ein Haus in Korsika gekauft hatte. Ich rieb mir mit der flachen Hand über die Brust, während ich durch die Strassen schlenderte, jeden kleinen Windstoss wie einen Kuss aufschlürfte und ein altes Lied pfiff, das unser alter Lehrer immer gepfiffen hatte, wenn er mit uns bastelte. An der Ecke zur Kornstrasse, neben einem Bäckereigeschäft, vor dessen Tür ein sperriges Schild auf dem Trottoir stand, stiess ich in meiner glücklichen Hast mit einer jungen Frau zusammen. Wir fielen nicht hin, unsere Schultern schlugen nur leicht aufeinander und ich drehte mich in der Umkehrbewegung zu ihr, und für eine halbe Sekunde standen wir uns, bereits rückwärts weiterschreitend, kurz gegenüber. Ich lächelte entschuldigend, aber sie sah durch mich hindurch, der Zusammenstoss schien ihr gar nicht aufgefallen zu sein. Mit dem Daumen wischte sie über ihre Unterlider, während sie den Blick in den Himmel richtete, und fing die Tränen auf, bevor sie in den Eyeliner gerieten, doch neues Wasser sammelte sich und liess ihre schwarzen Pupillen glänzen, die Wimper zitterten in einer fast hörbaren Frequenz. Sie wandte sich mit einem unterdrückten Seufzer wieder ab und schlurfte in Richtung Brücke.
Ich begriff, dass es auch Weinende gab. Man brauchte nicht fröhlich zu sein, ich musste nicht dankbar lächeln, dass es mir gut ging. Ich konnte meine Arme steif, kalt und kraftlos an mir herunterhängen lassen, anstatt sie durch die Hitze zu schwingen. Ich ging prüfend einige Schritte mit gesenktem Kopf und fühlte mich, nach wenigen Sekunden, unheimlich erleichtert, als wäre ein fettes Kind von meinem Rücken genommen worden.

Nilpferde

Dann, wenn die Nilpferde, die gefährlichsten Tiere der Welt, endlich von unserem Erdboden verschwunden sind, wird sich die ökologische Infrastruktur merklich verbessern. Wir werden alle nackt durch die Pfützen springen können und Schlammbäder in den Steppen nehmen, ohne Gefahr, von einem Hippo erdrückt zu werden. Auch Wasserbüffel werden sich die Bäuche streicheln lassen und dabei verzückt mit den Hufen zappeln. Die Löwen müssten sich endlich nicht mehr in dieses graue, zähe Fleisch vergraben, wenn sie eine Beute erlegen wollten, und würden spürbar ausgeglichener im federnden Schritt. Die Fische könnten sich etwas gemächlicher durch die Flüsse bewegen und die Ufer würden weniger verschlammt, wofür die Flamingos mehr Schlick hätten, in dem sie nach Essen wühlen könnten. Wir wären alle so glücklich, und deshalb haben wir alles Recht zu hoffen auf die Evolution mit ihrem hufestampfenden Fortschritt. Sie kann schlagartig eintreffen, hat das früher schon getan. Die Flügel der Nilpferde sind in greifbarer Nähe.