Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: betrachtung

Man kann auch nicht

Und wenn du erkältet bist, scheidet deine Nase Schleim aus, von dem du nicht glauben kannst, dass das alles von dir kommt. Man kann ins Nastuch sehen und sagen: Ich bin schöpferisch tätig. Ich habe etwas geleistet, kann mich ausdrücken, kann hervorbringen. Was wir nicht alles vermögen, oder vermögen würden, wenn wir nicht immer nur alles zu tun geruhten und zu tun zu geruhen gedenkten. Zum Beispiel habe ich einen unbeantworteten Brief aus meiner Kindheit, der einmal der Grundstein für eine Brieffreundschaft hätte werden können. Ich sehe ihn dort in der Schublade, eingefasst in ein dunkelgrünes Couvert von einem 11-jährigen Jungen aus Wien, der mir vor seinem Schultag noch ein paar Zeilen hingeworfen hatte und auf meine Antwort wartete. Ich wollte ihm schreiben. Ich will ihm heute noch schreiben. Gleich wenn ich so weit bin.
Er ist längst kein 11-jähriger Junge mehr, er wohnt auch nicht mehr an der gleichen Adresse. Er hat einen Beruf gewählt und zieht sich morgens einen Anzug an. Er hat keine Zeit, Briefe zu beantworten, und vielleicht liegen auf seinem Mail-Account selber zwei Dutzend unbeantwortete Nachrichten und seine Freundin gibt ihm einen Kuss auf den Mund, während er nach draussen in die Stadt tritt und ich bei der offenen Schublade stehe und hineinsehe auf das dunkelgrüne Couvert. Ich weiss nicht, ob ich diese Zeilen schreibe oder nur denke, aber ich weiss, dass es nicht darum geht, was wir Menschen tun und ob wir es heute oder morgen erledigen. Es geht nicht darum, dass wir es überhaupt erledigen. Taten und Errungenschaften verblassen manchmal, aber eigentlich leuchten sie gar nicht. Man kann auch nichts tun. Man kann auch einfach nichts tun.
Es geht aber auch nicht darum, dass wir denken, träumen. Es ist nicht so, dass wir in unseren Vorstellungen Ersatz fänden und die versäumten Dinge sühnten. Man kann die Dinge nicht anders erleben, als sie zu erleben.
Vielleicht geht es um überhaupt gar nichts. Ich lache so oft und so herzlich. Ich bin noch nicht fertig mit dem blauen Antwortbrief. Er ist bald 800 Seiten lang und ich freue mich, dass ich nicht stolz darauf bin. Vielleicht bin ich bald fertig, vielleicht breche ich ihn auch irgendwann ab. Und ich werfe ihn ein oder auch nicht und es spielt keine Rolle. Aber es ist nicht selber ein Spiel, es geht nicht um den Reiz der Ungewissheit, nicht um den Stolz des Verkannten, nicht um das Schreiben, es geht um nichts. Ich werfe ihn ein und ich werfe ihn nicht ein. Versteh mich nicht falsch: Es spielt eben wirklich keine Rolle.

Das vergebene Gespräch

Man kann so bei einem Gespräch dabeistehen und nicht im Geringsten wissen, wie man hineinspringen soll. Man hat dann irgendwie Anteil, ohne Teil davon zu sein. Irgendwann, während dir die Anderen um die Ohren plaudern, kommt dir etwas in den Sinn, was du hättest einwerfen wollen, aber wenn du es formuliert hättest und es endlich über die Lippen brächtest, sind sie mit dem Gespräch bereits weitergezottelt und über alle Berge. Vielleicht entringt sich deiner Kehle noch ein Geräusch, vielleicht fällt dir bald mal ein, was du eigentlich hattest sagen wollen, aber in dieses Gespräch, mein Junge, findest du heute garantiert nicht mehr. Egal, was passiert. Halt die Füsse fest auf dem Boden. Hauptsache, du bist vorhanden.

Begegnung

Der frühe Rilke
trifft den späten Rilke
und fragt: „Wo ist der mittlere?“
„Der dacht er blieb sich und
hat sich drob grad selbst vergessen.“
Der frühe seufzt und lehnt sich rüber:
– „Ich rechnete mit mehr der Zeit“ –
Da war er schon im späten drin,
gedanklich, und der schmunzelt bloss,
verständnisinnig.

Die Kante am Fuss des Mäuerchens

Sie wollte sich am Fuss des Mäuerchens hinlegen, dort, wo der Asphalt von Hundepisse gesotten war, und manchmal eine hündische Nasenspitzen hinfuhr, um die Markierungen zu beschnuppern, dort, wo ausser Hundenasen und Hundepisse niemals irgendetwas war. Darüber thronte zwar ein Helm, der auf dem Mäurchen lag und dessen Visier geborsten war. Die Dellungen schienen auf einen Unfall hinzuweisen, der sich an der nahen Kreuzung abgespielt haben könnte, und schon einige Monate zurücklag. Dafür aber war der havarierte Helm schon wieder zu suggestiv, er fügte sich eher in das Arrangement von Porzellankugeln, die blau und in der grösstmöglichen Harmonie in den Gärten plaziert waren, und sich manchmal bis auf eine Treppenstufe hochgewagt hatten, wo sie der ständigen Bedrohung eines unachtsamen Tritts ausgeliefert waren. Manchmal rankte sich eine Efeupflanze auf der anderen Seite des Mäuerchens hoch, wo ihr alle paar Wochen der Anwohner mit einer Rosenschere Einhalt gebot und siein ihre enge Heimat zurrte. Die Sehnsucht des Efeus war ihre Sehnsucht — sie war nicht der Mensch, der wollte. Sie war nicht jemand, der floh oder reiste, und Erfolg sagte ihr nichts, es gab nur getane und ungetane Dinge. Aber am Fuss des Mäuerchens, in der Kante zwischen Trottoir und kniehoch aufragendem Beton, dort hätte sie liegen wollen mit ihrer Efeusehnsucht, die sich nur auf das Greifen nach oben erstreckte, Zentimeter um Zentimeter, nicht einem himmlischen Himmel entgegen, einfach ein bisschen weiter, die ohne echtes Ziel war. Das einzige einlösbare Versprechen bei der Erfüllung dieser Sehnsucht war, zum Gewucher zu werden, und für sie, die sie sich in Ordentlichkeit vergraben hatte und von Plänen umwoben war, die ihr der Mangel an Sehnsucht ermöglichte, war das Wuchern eine grosse Verführung. Sie wollte sich hinlegen, wuchern und das wäre dann schon ein Erfolg. Zwar wusste sie nicht, was das war. Aber es gab doch immerhin getane und ungetane Dinge.

Jeden Augenblick

»Jeder Augenblick ist kostbar«, sagte er und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. Dabei glitt seine Hand zärtlich, fast fröstelnd, über den Schenkel. Der Blick war auf den Horizont gerichtet, umkränzt von stämmigen Augenfalten, er selbst stark in der Haltung, herausfordernd im Ausdruck und den einen Arm leicht ausgestreckt, wie um das Vorbeiziehende erhaschen zu können. Er seufzte, sein Blick war — ganz kurz — düster umwölkt, oder verschwand wie der belaubte Boden eines späten Herbstes, dann klärte er sich wieder auf, blitzte keck hervor, die Geheimratsecken zuckten, Säbelrasseln mimischer Schwerenöter — und geformten Sinnes entschied er sich entschieden für die nächsten Worte. Den Mund öffnete er, gab ihm Zeit, dass sich ein Laut darin ausdehnen konnte.
»Jeder Augenblick ist kostbar«, sagte er. Und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. Dabei glitt seine Hand zärtlich, fast fröstelnd, über den Schenkel. Der Blick war auf den Horizont gerichtet, umkränzt von stämmigen Augenfalten, er selbst stark in der Haltung, herausfordernd im Ausdruck und den einen Arm leicht ausgestreckt, wie um das Vorbeiziehende erhaschen zu können.

Die Gier

Sie zeigten nach oben auf die spiegelnde Fassade des Hochhauses.
»Weshalb ist die Krise über uns gekommen?«, rief einer der Demonstranten mit donnernder Stimme. »Wegen uns? Wegen der Wirtschaft? Wegen zu hoher Steuern? Nein! Das sind Lügengeschichten! Es ist die Gier, die dort oben herrscht!« Sein wütender Finger schoss hinauf und richtete sich auf das oberste Stockwerk der Grossbank. Hinter dem getönten Fenster stand Liebermann und errötete betroffen. Er war ein glattrasierter Mann mit etwas pausbäckigem Gesicht, rüstig und aufgeräumt sein Charakter, er galt als grosser Golfspieler, als begnadeter Stepptänzer und genoss — zumindest unter den Bekannten — einen blendenden Ruf.
»Die Gier?«, rief er aus. »Was soll das heissen, die Gier? Was fällt denen ein!« Seiner Histerie willfährig jagte er durch das Zimmer. Er stürmte hinaus und warf die Tür hinter sich laut zu. Seine Sekretärin fuhr zusammen.
»Wo ist denn diese Gier?«, fragte er die sichtlich verdutzte Frau. Sie schüttelte ahnungslos den Kopf.
Liebermann wartete nicht darauf, bis die Überrumpelte etwas hervorstammeln konnte, sondern rannte flink aus dem Zimmer. Er klopfte bei Mitarbeitern, denen er Vertrauen entgegenbrachte, und stürmte in ihre Büros, überzeugte sich, dass bei ihnen die Gier nicht vorhanden war, und verliess sie, stets noch stärker erregt, mit knallender Tür.
»Wo ist die Gier?« Er schoss aus dem Raum und knallte die Türe zu.
»Wo ist die Gier?« Knall!
»Die Gier! Jemand muss doch wissen, wo sie steckt.« Knall!
Vom Türeknallen unruhig geworden, begannen sich die Mitarbeiter für das Problem zu erwärmen. Noch am selben Abend fragte die Sekretärin in einem internen Rundmail an die Broker und Zweigstellenführungen, ob sie wüssten, wo die Gier sich versteckt hielte. Die wiederum, durch die Nachricht so hoher Instanzen in Bewegung gesetzt, horchten unverzüglich ihre Angestellten aus.
Nirgends war die Gier zu finden — selbst mehrere Meetings vermochten nicht, Licht ins Dunkel zu bringen — Wo ist die Gier? — Wo ist die Gier? — Hat jemand die Gier gesehen? — bald noch gewagter: — Hat jemand die Gier am eigenen Leib erfahren? — Man dürfe sich nicht scheuen, solche Begebnisse zu melden, es sei nicht recht und niemand solle sich schämen, ihr Opfer geworden zu sein — diese Rufe hallten in verschiedene Richtungen aus allen Schaltstellen der Verwaltung und erreichten schliesslich die niederen Angestellten.
»Sag mal…« Der Team-Coordinator von Sebastians Schicht rückte einen Stuhl hervor, auf den er sich setzte. Er zündete sich genüsslich eine Zigarette an und betrachtete mit glimmenden Augen, wie Sebastian langsam zu zappeln begann. Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben, die sich hier, im Nebenraum der Regionalbank, während dem normalen Betrieb, von seinem Vorgesetzten ins Dunkel gezerrt, über seinen ganzen Körper ausbreitete. »Jetzt mal ganz unter uns… Sebastian, wir können ehrlich miteinander reden. Du kennst doch Gier?«
»G…Gier?«
»Kennst du jemanden, der gierig ist?«
»Wie?«
»Na ja, oder bist du gierig?« Er blinzelte schelmisch.
»Nnn…« Mehr brachte Sebastian nicht hervor. Er sah den Vorgesetzten mit grossen Augen an und wusste nicht, was er sagen sollte. Er war verstört durch den Lauf, den das Gespräch genommen hatte, sein Verstand durchstossen wie Eis von einem Eisbrecher, und er versuchte mit dem Rest seines Verstandes, abzuwägen, wieviel Spass und wieviel Ernst im Spiel sein konnten.
Der Team-Coordinator nickte, murmelte etwas und drückte mit Bestimmtheit einen leuchtenden Knopf auf dem Telefon. Nach wenigen Sekunden stand die Leitung.
»Frau Lobotsky?« Seine Stimme klang erhöht und leise, wie um ihr wieder Sanftheit zufliessen zu lassen, und langsam, damit sie sich mit ihr vollsaugen konnte. »Ich weiss, wo sie ist. Ich habe ihn.«
Sebastians Hand erhob sich zitternd, als wollte er seinem Vorgesetzten das Telefon entreissen, doch er verharrte im Begreifen, dass etwas sehr Schlimmes passiert war.
»Gott sei Dank, Herr Liebermann!«, rief die Sekretärin am Morgen gut gelaunt. »Die Gier! Sie ist weg.«
»Tatsächlich?« Herr Liebermann steppte einige Schritte. »Darauf müssen wir anstossen!«

Der Billionär

All diese Bücher. All diese Bücher muss ich scannen. Und das Format wählen, die benutzerdefinierte Vorlage, nicht etwa A4, die meisten Bücher sind grösser. Und dann scannen. Nächste Vorlage. Auf der linken Seite des Scanners schichten sie sich auf und wenn ich damit fertig bin, lege ich sie auf der rechten Seite ab. Wenn ich das Buch hineinlege und auf die Massbänder richten will, muss ich darauf achten, dass mir der Schaft der Pistole nicht gegen die Schläfen stösst. Das ist mir schon drei, vier Mal passiert und es ist wirklich unangenehm, nicht nur für mich, sondern auch für den anderen, der dann einen Schritt zurücktritt und erst nach einigen Minuten wieder näher kommt, um die Pistole an meine Schläfe zu halten. Er sorgt dafür, dass ich scanne. All diese Bücher scanne. Er hat sich mir nicht vorgestellt, mir nie etwas gesagt, ausser, dass ich scannen soll, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob er meine Sprache spricht. Die einzige Kommunikation zwischen uns läuft über all die Bücher, die ich scannen muss. Manchmal bringt sie ihm ein anderer und er übergibt sie mir wortlos. Scheerbart Lesabéndio. H. C. Artmann: Frühprosa. Charlotte Roche — Schossgebete. Einmal hielt ich die Vierte Auflage der Erstausgabe »Werthers« in der Hand und weigerte mich, das alte Buch auf die Fläche zu pressen, um es einzuscannen. Die Antwort war ein Schlag auf meinen Hinterkopf und so musste halt der alte Werther leiden.
Ich habe bei der Arbeit viel Zeit zum Nachdenken und kann über die Gründe des ganzen Vorgehens grübeln. Ich habe mich gefragt, ob man mir Mitteilung machen will, indem man mir diese Bücher gab. Ob zum Beispiel in den Titeln, die ich scanne, ein Muster zu finden ist, irgendein Code. Aber das ergibt schon deshalb keinen Sinn, weil ich von der ersten bis zur letzten Seite alles einlesen muss. Einfacher scheint mir dann die Frage, weshalb man sich die Mühe machte, all das scannen zu lassen.
Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten, die mir nicht beide gleich wahrscheinlich scheinen. Entweder es existiert ein militaristischer, vielleicht paramilitärischer Verein, der die Digitalisierung des Buches auf gewaltsamem Wege fordert. Nur wie sollte sich der finanzieren? Weshalb nur Bücher und nicht etwa alte Bilder? Weshalb Bücher scannen, die bereits digitalisiert sind? Viel wahrscheinlicher scheint mir deshalb doch der Billionär.
Es ist nämlich anzunehmen, dass es einen kriminellen Billionär gibt, der — als er, wie ich, noch arm und für solche Arbeiten zuständig war — im Scannen von Büchern das Geheimnis erkannt hat: Den Ersatz fürs Lesen. Erst war er Literaturprofessor geworden, weil er seiner Konkurrenz weit voraus war: Statt die Bücher alle zu lesen, über die er Vorlesungen hielt, scannte er sie ein. So ersetzte er das Lesen und der Scanner übernahm es für ihn. Billionär wurde er, weil er begriff, dass er, statt sie selbst zu scannen, die Arbeit jemandem übertragen könnte, für den der Scanner las — und schliesslich entschloss er sich dazu, dass er ebensogut für sich auch andere Professoren über die Bücher plaudern lassen konnte, die sie wiederum von ihren Assistenten einscannen liessen. So ging die Kette weiter. Der Billionär besitzt mittlerweile etwa vierundzwanzig Kapitalisten, die — in seinem Auftrag — ihr Geld für sich arbeiten lassen, dieses Geld ist in HedgeFonds angelegt, die wiederum andere Anleger finanzieren, die dann irgendwann Firmen für sich arbeiten lassen, so dass, ganz am Ende von Unis, Firmen und Produktionsketten, ich stehe, der die Bücher für ihn einliest— und der Scanner, der sie wirklich liest —, wir also, die ihn zum Billionär machen. Es versteht sich von selbst, dass er, wenn er verstanden hat, dass seine ganze Existenz nur von mir abhängig ist, indem ich ihm Bücher zufüttere, dafür sorgen muss, dass ich nicht aufhöre. Deshalb der mit der Pistole.
Was er dabei vergessen hat: Ich habe soviele Bücher gescannt, dass ich fast so klug bin wie er. Weil ich die Bücher selbst scanne, erleidet der Eindruck, den ich dabei empfange, nur unmerkliche Verzerrungen, die sich weit gegen oben, bis zum Billionär, verstärken. Deshalb ist es zu rechtfertigen, dass ich mehrmals die gleichen Bücher einscanne, weil sie beim ersten Mal für den Billionär nicht deutlich genug gelesen sind. Ich nutze diese Schwäche für mich aus, scanne besonders aufmerksam und achte darauf, dass ich die Bücher, die mir bekannt sind, manipuliere. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass dem Billionär zwar der Erec, aber nicht die Szene von Enites Pferd, zwar Der Process, aber nicht Josef K.s Gespräch mit dem Dom-Prediger bekannt ist. Dadurch erreiche ich kleine Vorsprünge, die ich zu meinem Vorteil zu nutzen gedenke. Wenn die Zeit reif ist, werde ich hier hinausspazieren. Ich werde den Billionär mit vorgehaltener Pistole für mich Billionär-Sein lassen, um für mich reich zu sein. Ein anderer wird meinen jetztigen Job machen, die Bücher scannen. All diese Bücher.

Die effiziente Stadt

Diese Stadt scheint, als ob man die neurologischen Prozesse gekühlt hätte, um sich dem entropischen Zustand anzunähern. Es ist, als ob eine kaum bekannte, aber nicht durchwegs unbedeutende Instanz beschlossen hätte, dass das Verbrauchen wertvoller Lebensgeister durch das Denken ein ineffzienter Vorgang ist. Tatsächlich ist der energetische Verschleiss nicht zu leugnen, der sich nur schon beim Wechseln verschiedener Gedankengänge ergibt, und dieses Wechseln ist bei den einströmenden Sinneseindrücken eines normalen Lebens kaum abzuwehren, schliesslich gilt es mal in die, mal in die andere Richtung zu assoziieren. Die naheliegende Lösung ist also, die neurologischen Prozesse zu verlangsamen und sich selbst gewissermassen mental-integrierte Scheuklappen anzulegen, die die meisten neurologischen Prozesse unterbinden und sie nur auf jene beschränken, die zum Ausführen einer bestimmten Tätigkeit wirklich benutzt werden. Selbst wenn solche Menschen klagten, die immer klagen: Man dürfe nicht alles der Effizienz unterordnen. Kreativität sei dadurch gefährdet und so weiter. So sind das doch eigentlich unvernünftige Einwände im Hinblick auf die Tatsache, dass Effizienz nicht ein moralischer, sondern ein rein ästhetischer Wert ist, der — wie die Schönheit der Kunst — im Namen des Moralischen funktionieren oder ihm auch das Handwerk legen kann, sowie im Hinblick auf die Überflüssigkeit von Kreativität eines Originalgenies: Echte Kreativität entsteht nicht durch die Engführung der beiden Hälften in einem Gehirn, es ist die Verknüpfung hunderter Gehirnhälften, weshalb eine Kettengeschichte in jedem Fall kreativer ist, als ein von einem irren Kopf geschmiedetes Opus Magnum, das nur zum hohen Preis von zerstörter Ordnung und Energie entsteht und im Endeffekt meistens nur weiter gedankliche Unordnung stiftet.
Hat man die Übermacht dieser Argumente erst einmal verstanden, begrüsst man auch die Bemühungen zur Entschleunigung der Denkvorgänge, solange unwichtige Tätigkeiten vonstatten gehen: Es ist wirklich nicht nötig, Sprech-, Sex- oder Rechenareale zu aktivieren, wenn ein Schüler in der Geschichtsstunde sitzt. Es ist ihm natürlich keineswegs verboten, darauf zu beharren, aber vernünftige Überlegung und Ekel vor der Verschwendung werden auch ihn zu dem Bewusstsein geleiten, dass sich das Leben bequemer gestalten lässt, wenn er abends zum Spielen mehr Kräfte zur Verfügung hat. Das entschleunigte Denken — oder auch Scheuklappendenken — in der Gesellschaft, scheint auf den ersten Blick widersinnig: Es ist zumindest nicht logisch, dadurch Effizienz zu zeitigen, dass Denkvorgänge gelähmt werden, schliesslich müssen im Verlaufe des Tages immerzu Entscheidungen getroffen, Pläne geschmiedet, Abläufe vorbereitet werden.
Dieses Element der neurologischen Kapazität ist selbstverständlich unabdingbar. Durch eine besondere Spaltung der Aufgabenbereiche lassen sich aber auch diese Forderungen erfüllen, ohne dass das Gehirn der Ablenkung und dem Denkverschleiss verfällt. Gegen zwei Uhr in der Nacht, während die Bürger an die Entschleuniger angeschlossen sind, bietet sich ihnen ein ausgiebiger Zeitraum, indem ein jeder die Möglichkeit wahrnimmt, den Tagesablauf von morgen zu planen. Während diesen maximal zwei Stunden — in der Regel reichen zehn Minuten — schreibt der Betreffende den Denkplan in sein Buch, der unwiderruflich ausgeführt wird. Es ist wichtig, dieses Buch sorgfältig und gewissenhaft auszufüllen, im Gegenzug lässt sich dadurch die Lebensqualität ungemein steigern: Wenn man will, steht man morgens um sechs auf, um mit dem Frühsport zu beginnen, kocht sich ein gesundes Frühstück, setzt sich pünktlich zur Arbeit, denkt auf dem Weg an seinen Geliebten — natürlich nur, wenn dies so geschrieben wurde — und arbeitet pflichterfüllt und konzentriert, damit man sich abends ein Bad einlassen und nach der Lieblingsserie zu Bett gehen kann. Sagenhafterweise lassen sich so alle Vorsätze erfüllen und es widerfährt einem nie wieder die kleinste Verführung oder Entgleisung, die einen aus der Bahn wirft. Alle Lebensträume können dadurch besser erfüllt werden, weil sich keine Widerstände bilden, die nicht aus dem Weg geräumt werden können.
In dieser Stadt scheint es deshalb oft so, als ob Zombies unterwegs wären, die nichts denken und nur zur Arbeit fahren, in Wirklichkeit aber sind es die ambitioniertesten, ehrgeizigsten und durchtriebensten Köpfe, die sich ihre Energie für ganz klar festgelegte Zeiten aufsparen, in denen sie ihre Gedanken kanalisieren können.
Was in vielen Fällen dennoch zu Missbilligung führt, ist die unbefriedigende Ausführung des Gesellschaftslebens, an der weiterhin umtriebig geforscht wird. Während sich gezeigt hat, dass die gesellschaftlichen Kontakte automatisch und mit voller Zustimmung der Beteiligten zurückgegangen waren, als man einander nicht mehr am Arbeitsplatz ablenken konnte oder auf der Strasse belästigt wurde, erhebt sich von Zeit zu Zeit dennoch Unmut über die Schwierigkeit, sich zu bereichernden Gesprächen niederzusetzen. Klagen solcher Art kommen gerüchteweise vor allem von Frauen, es ist aber Fakt, nur gesellschaftlich verschwiegener, dass sich die Männer ebenso über den Mangel an sexuellen Kontakten ereifern. Beschämt nehmen sie wahr — können es aber nicht verhindern —, wie sie nackt mit der Matratze kopulieren, während ihre Frau den Plan geändert hat, weil sie noch Überstunden machen musste oder lieber ins Spa ging. Derlei Situationen sind für die Betroffenen manchmal traumatisch, es ist allerdings nur eine Sache der ausgewogenen Planung und des partnerschaftlichen Austauschs, mit der man sich ohnehin anfreunden sollte. Der Verkehr, also auch der nichtgeschlechtliche, wurde demgemäss entschleunigt, um das Gefahrenpotential einzudämmen. Stau herrscht zur grösseren Sicherheit auf den Strassen, damit alle in ihr Heft schreiben können: Fahren, wenn vorne gefahren wird. Es ist selbstverständlich, dass zur Bildung solcher Staus die Stadt keinen Aufwand scheut, um schon am Morgen eigene Bremswagen einzusetzen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Gefahr durch Amokläufe und andere Greueltaten, weil alle Menschen ungeschützt in den Zügen sitzen und sich selbst dann nicht regen würden, wenn jemand mit einer Pistole auf ihren Kopf zielt. Das ist ärgerlich, und deshalb ist für die Bürger ein gelegentlicher Bruch in der Routine empfehlenswert — Gehen Sie zu Fuss! Nehmen Sie den Stau! —, um einem allfälligen Verfolger Finten zu schlagen und unvorhersehbar zu bleiben.