Die Gier

von Cedric Weidmann

Sie zeigten nach oben auf die spiegelnde Fassade des Hochhauses.
»Weshalb ist die Krise über uns gekommen?«, rief einer der Demonstranten mit donnernder Stimme. »Wegen uns? Wegen der Wirtschaft? Wegen zu hoher Steuern? Nein! Das sind Lügengeschichten! Es ist die Gier, die dort oben herrscht!« Sein wütender Finger schoss hinauf und richtete sich auf das oberste Stockwerk der Grossbank. Hinter dem getönten Fenster stand Liebermann und errötete betroffen. Er war ein glattrasierter Mann mit etwas pausbäckigem Gesicht, rüstig und aufgeräumt sein Charakter, er galt als grosser Golfspieler, als begnadeter Stepptänzer und genoss — zumindest unter den Bekannten — einen blendenden Ruf.
»Die Gier?«, rief er aus. »Was soll das heissen, die Gier? Was fällt denen ein!« Seiner Histerie willfährig jagte er durch das Zimmer. Er stürmte hinaus und warf die Tür hinter sich laut zu. Seine Sekretärin fuhr zusammen.
»Wo ist denn diese Gier?«, fragte er die sichtlich verdutzte Frau. Sie schüttelte ahnungslos den Kopf.
Liebermann wartete nicht darauf, bis die Überrumpelte etwas hervorstammeln konnte, sondern rannte flink aus dem Zimmer. Er klopfte bei Mitarbeitern, denen er Vertrauen entgegenbrachte, und stürmte in ihre Büros, überzeugte sich, dass bei ihnen die Gier nicht vorhanden war, und verliess sie, stets noch stärker erregt, mit knallender Tür.
»Wo ist die Gier?« Er schoss aus dem Raum und knallte die Türe zu.
»Wo ist die Gier?« Knall!
»Die Gier! Jemand muss doch wissen, wo sie steckt.« Knall!
Vom Türeknallen unruhig geworden, begannen sich die Mitarbeiter für das Problem zu erwärmen. Noch am selben Abend fragte die Sekretärin in einem internen Rundmail an die Broker und Zweigstellenführungen, ob sie wüssten, wo die Gier sich versteckt hielte. Die wiederum, durch die Nachricht so hoher Instanzen in Bewegung gesetzt, horchten unverzüglich ihre Angestellten aus.
Nirgends war die Gier zu finden — selbst mehrere Meetings vermochten nicht, Licht ins Dunkel zu bringen — Wo ist die Gier? — Wo ist die Gier? — Hat jemand die Gier gesehen? — bald noch gewagter: — Hat jemand die Gier am eigenen Leib erfahren? — Man dürfe sich nicht scheuen, solche Begebnisse zu melden, es sei nicht recht und niemand solle sich schämen, ihr Opfer geworden zu sein — diese Rufe hallten in verschiedene Richtungen aus allen Schaltstellen der Verwaltung und erreichten schliesslich die niederen Angestellten.
»Sag mal…« Der Team-Coordinator von Sebastians Schicht rückte einen Stuhl hervor, auf den er sich setzte. Er zündete sich genüsslich eine Zigarette an und betrachtete mit glimmenden Augen, wie Sebastian langsam zu zappeln begann. Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben, die sich hier, im Nebenraum der Regionalbank, während dem normalen Betrieb, von seinem Vorgesetzten ins Dunkel gezerrt, über seinen ganzen Körper ausbreitete. »Jetzt mal ganz unter uns… Sebastian, wir können ehrlich miteinander reden. Du kennst doch Gier?«
»G…Gier?«
»Kennst du jemanden, der gierig ist?«
»Wie?«
»Na ja, oder bist du gierig?« Er blinzelte schelmisch.
»Nnn…« Mehr brachte Sebastian nicht hervor. Er sah den Vorgesetzten mit grossen Augen an und wusste nicht, was er sagen sollte. Er war verstört durch den Lauf, den das Gespräch genommen hatte, sein Verstand durchstossen wie Eis von einem Eisbrecher, und er versuchte mit dem Rest seines Verstandes, abzuwägen, wieviel Spass und wieviel Ernst im Spiel sein konnten.
Der Team-Coordinator nickte, murmelte etwas und drückte mit Bestimmtheit einen leuchtenden Knopf auf dem Telefon. Nach wenigen Sekunden stand die Leitung.
»Frau Lobotsky?« Seine Stimme klang erhöht und leise, wie um ihr wieder Sanftheit zufliessen zu lassen, und langsam, damit sie sich mit ihr vollsaugen konnte. »Ich weiss, wo sie ist. Ich habe ihn.«
Sebastians Hand erhob sich zitternd, als wollte er seinem Vorgesetzten das Telefon entreissen, doch er verharrte im Begreifen, dass etwas sehr Schlimmes passiert war.
»Gott sei Dank, Herr Liebermann!«, rief die Sekretärin am Morgen gut gelaunt. »Die Gier! Sie ist weg.«
»Tatsächlich?« Herr Liebermann steppte einige Schritte. »Darauf müssen wir anstossen!«