Wrag!

Tag: Literatur

Der Tag ist so gemacht

Der Tag ist so gemacht,
dass auch die jungen Menschen
an seinem Ende müde sind.
Ein Junge an der Laterne
küsst einen Jungen auf den Mund.
Ein Junge wirft einem Jungen,
einen Ball an die Brust.
Vielleicht sind sie auch alle Mädchen,
die tun als wären sie’s nicht.
Vielleicht aber tun sie nur, als ob sie das täten
und wissen es selber nicht besser.
Ich fühle mich hier fast alleine,
aber in der Tasche trage ich
einen Schokoladenriegel.
Ich will ja nicht angeben,
aber es fällt mir gar nicht schwer, traurig zu sein.
Ich hätte es den Jungs gerne zugerufen,
die lachen nur und könnten was lernen,
aber ich stehe doch nicht so nah,
wie ich erst geglaubt hatte.
Ich bin ja in meinem Zimmer,
hinter dem Fenster.
Und die Laterne sehe ich kaum.
Ich liege insgesamt auch weit ab vom Zentrum,
und wenn ich nach draussen sehe,
schleicht nicht einmal etwas im Schatten herum,
oder dann erkenne ich’s nicht.
Hier gibt es auch keinen Grund,
gehört zu werden.

Die Schuhe

Die Sterne funkeln ihr wunderbarstes Funkeln und ich sehe immer wieder hinauf in den grossen, dunklen, weiten Himmel. Ein Wind weht durch die Strassen, aber ich finde ihn nicht kalt und ein blödsinniges Lächeln prangt auf meinem Gesicht und der Mond leuchtet so hell sein leuchtendes Lachen herab, dass ich vergesse, wie lang der Tag schon gegangen ist, und wie sehr meine Beine vor Müdigkeit schmerzen. Ich folge ihr im Dunkeln aus dem Club, folge ihrem Summen, das die Klänge der Bässe imitiert und wir treten so den Heimweg an, den etwas tristen Heimweg, der überflüssig scheint, aber doch gar bald auf dem alle Geräusche erstickenden Bett enden wird, das alle Versprechungen einlösen soll. Sie mochte mich vor ihren Freunden abgekanzelt haben, sie mochte mich vorführen, aber das war mir egal, sie hat es wohl auch nicht so gemeint, weil ich in meiner Hand die Kante hoher Absätze spüre. Ich darf ihre Schuhe tragen! Sie hat sie mir hingestreckt, eilt jetzt barfuss mit klatschenden Tritten auf dem Asphalt voraus. Sie hat mir fast stimmlos in die Ohren gehaucht, ich solle ihre Schuhe tragen und jetzt liegen sie in meinen Händen, hart, kantig, wohlgeformt und meine Finger fahren über die Stellen, wo die Füsse Wärme hineingestampft haben und die Sohlen aufgeraut sind von Scherben und Kante. Ich stelle mir vor, wie ihre kleinen nackten Füsse im Schuh standen, gingen und tanzten. Ich bin so glücklich, dass ich glaube, der Punkt ist erreicht, wo das Glück nicht mehr steigen kann, denn was gibt es Schöneres, als um einen solchen Gefallen gebeten zu werden, und was gibt es Schöneres zu tragen als solche Schuhe? Als ich aufblicke, sehe ich sie nicht mehr. Vielleicht kann ich ihr süsses Summen noch aus der Ferne hallen hören, es ist schwer festzumachen, weil irgendwo ein Tram in den Fugen quietscht. Ich nutze den Moment, biege vorzeitig ab und laufe ihr davon. Während ich durch die vernebelten Gassen in die Richtung meiner Wohnung eile, lächle ich noch mehr. Die letzte Vermutung ihres Summens verschwindet bald und ich sehe hinauf zum Himmel, danke meinem Schicksal immer wieder, in meiner Hand die Schuhe, die ich wie ein geheimer Schatz an meine Brust presse.

Das Nicken der Besucher von Lesungen

Nach langer Reise sah sich das Alien um und wunderte sich über die Dichte an Menschen und ihre grauen Haare. Noch verstand es nicht, dass es im Publikum einer Lesung gelandet war, und weil es unhörbar in ihrer Mitte aufgetaucht war, hatten sich nicht einmal die Köpfe zu ihm umgedreht. Die Blicke waren nach vorne gerichtet und stierten auf ein kleines, weisses Pult, an dem zwei Herren sassen, aus ihren Mündern hingen, wie Rüssel oder Fühler, schwarze Mikrophone. Gespannt richtete das Alien seine Aufmerksamkeit auf die beiden. Der grössere, hagere Mann mit dem bleichen Gesicht führte den anderen ein, stellte ihn vor, lobte ihn und übergab dann andächtig das Wort dem Schriftsteller, der sich räusperte und mit tiefer, langsamer Stimme zu lesen begann. Das Alien hörte einige Minuten zu und war fasziniert vom Ereignis, zugleich aber verspürte es den Drang, erste Untersuchungen zu machen, die die physikalischen Bedingungen der Erde und die körperlichen Zustände ihrer Bewohner beschreiben konnten. Andererseits traute es sich nicht, sich zu bewegen, in der Furcht aufzufallen. Die Köpfe waren in Demut gesenkt, die Lider geschlossen und manchmal konnte man darunter die Augäpfel tanzen sehen, wenn sich die Zuhörer das Gehörte verbildlichten. Fast alle Männer, ältere und abgemagerte, deren Haut selten ans Sonnenlicht gelangte, hatten ihre Finger um die Münder gelegt oder auf sie gepresst, während die Augen an der Decke herumtasteten. Die zahlreicheren Frauen waren grauhaarig und gepflegt, sie trugen Brillen, die an Bändeln um ihre Hälse befestigt waren, und pressten Handtaschen auf ihren Schoss. Dem Alien wurde unwohl, die geringe Schwerkraft war es sich nicht gewöhnt und es erschien ihm seltsam, dass alle Menschen Hilfsmittel benötigten, um auf dem Planeten zu leben: Gläser auf den Augen, Taschen auf den Schössen, Rüssel an den Mündern und diejenigen, die auf solche Rüssel verzichten mussten, pressten, als fehlte ihnen etwas, die Finger auf den Mund, während ihre Blicke wie in Qual an der Decke umherglitten.
Der Schriftsteller las aus seinem Kriegsdrama, bei dem durch den Krieg zwei Liebende auseinandergetrieben werden, welche sich nach langer Zeit nur zögerlich und in einer wilden Jagd über den Globus wieder einander annähern können. Durch das Publikum ging ab und zu ein Raunen, worauf das Alien seine Aufmerksamkeit schärfte, doch es konnte nichts Bedrohliches entdecken, niemand sprang auf und die Lesung nahm ihren Lauf. Irgendwo entdeckte das Alien einen kleinen Jungen, der auch mitgeschleppt worden war, und zuckte zusammen, als es bemerkte, dass er seine Blicke direkt auf es gerichtet hatte. Wohl schien es dem Jungen ähnlich zu gehen, auch er sah aus dem Fenster, kurz zum Alien und dann wieder zur Tür, als würde bald das erlösende Ende kommen, das sie wieder in Freiheit entliesse und es möglich machen würde, die Hose zurechtzuzupfen, die auf den harten Stühlen unbequem hinaufgerutscht war. All das war auch dem hochintelligenten Alien reichlich langweilig geworden, innert weniger Minuten hatte es verstanden, was hier vor sich ging, hatte begriffen, dass es hier einen Kulturbetrieb gab — und Kunst — hatte bemerkt, dass die Frau vor ihm eigentlich nur in den Schriftsteller verliebt war und gar nicht recht zuhörte, und wusste auch schon — im Gegensatz zu den anderen im Publikum —, dass die beiden Liebenden sich in Guatemala wiederfinden und ein zwar zerrüttetes, aber dennoch trautes Leben führen würden, noch bevor sie in der vorgelesenen Geschichte Paris verlassen hatten.
Es wäre jetzt gerne nach draussen gegangen und hätte den Rest der Welt, der ihm viel spannender dünkte, kennengelernt, hätte die Natur ausgemessen und allgemeine Daten gesammelt und versucht einzuschätzen, wie lange die Spezies noch leben würde. Aber die Tür war noch geschlossen und es war sehr unhöflich, als Fremder eine Lesung zu verlassen; vor allem hatte es Angst, der Schriftsteller könnte in Tränen ausbrechen. Daher blieb es im unbequemen Stuhl zwischen den ergrauten oder kahlen Köpfen sitzen, wechselte von Zeit zu Zeit mit dem Jungen einen spöttischen Blick und starrte nach vorne auf die schwarz-rüssligen Männer in Anzügen, die auf der Bühne sassen. Der wahre Grund, weshalb es noch nicht gegangen war, war indes ein anderer. Etwas verstand das Alien immer noch nicht und es konnte dieses Unverständnis nicht ertragen: Warum nickten die Zuhörer während der Lesung?
Sie nickten an den abenteuerlichsten Stellen, bei Nebensätzen, bei Pauschalaussagen (»Polizisten sind strenge Leute«) oder Vergleichen (»Ihr Atem zitterte wie das Blatt eines Brombeerbusches im Fahrtwind eines dahinrauschenden Güterzugs«). Wollten sie ihre Zustimmung kundtun? Aber womit konnte man einig sein, welche Sache verlangte dabei einer Zustimmung? Es waren einfache Sätze, normalste Beschreibungen der Geschichte, sie aber verhielten sich, als wären es Fragen und nickten gutmütig und heftig. Hatten sie vielleicht Selbiges auch schon gedacht? Aber natürlich hatten sie das, sonst täte der Text seine Wirkung ja nicht, das brauchten sie ja auch niemandem mitzuteilen — ausserdem wusste das Alien natürlich, dass Menschen fast immer dasselbe dachten und ihre verschiedenen Gedanken an den Fingern einer Alienhand abzählbar waren. Nickten sie, um zu zeigen, dass sie zuhörten? Aber der Schriftsteller sah gar nie auf, als würde er sich vor dem Nicken schämen. Warum nickten sie auch bei den Ausführungen des Moderators, wenn er sagte, welche Bücher der Schriftsteller schon geschrieben hatte? Weshalb nickten sie besonders heftig, wenn der Schriftsteller auf die Fragen antwortete (»Früh morgens schreibe ich, um halb Fünf stehe ich auf« oder »Aber natürlich haben alle Texte auch diesen autobiographischen Gehalt«)? War es, dass sie die darin ausgesprochene Wahrheit so berauschend fanden, so poetisch selbst diese Antworten? Oder hielten sie es für Geschwätz und nickten nur, weil sie es tausend Mal gehört hatten: Ja, das haben andere auch schon gesagt…
Das Alien kam der Lösung des Rätsels nicht näher und je länger es dasass, desto unwohler wurde ihm. Wurde das Nicken vielleicht durch die Erschütterung der Erdkruste ausgelöst? Woher kam es? Statt die Natur zu untersuchen, beschäftigte es sich die folgenden Monate mit dem Phänomen, setzte sich in Lesungen und rechnete bis zur Erschöpfung, aber es liess sich keine Systematik finden, die belegte, wann genickt wurde und wann nicht. Sobald ein Schriftsteller aus seinen Texten vorlas, ging es los, überall schickte man sich Zustimmung durch den Raum, raunte, seufzte, lächelte versonnen und nickte und nickte — als hätte der Text genau das — obwohl es freilich nicht möglich war — ausgesprochen, was in ihnen und nur in ihnen verborgen gewesen war.

Georges Perec

Kaum Rücksicht auf Frau`n hat so`n jung`r Knab`: Spürt nicht, dass das UFO vom Kosmos das Mädl aufsaugt, inzwisch`n frönt das Ding — labradorähnlich — Lust nach Nahrung. Ja, nascht gar Stück um Stück von Ananastort`n, als Anja zum All hochklimmt, im Cockpit vom Raumschiff, unwillig. Obacht! Nichts währt noch in Ordnung: Das Jaulkind nimmt`s wahr, stimmt nun zum Jaul`n an und ist traurig. Schwand ihm plötzlich nicht all das, was ihm bis anhin an Spass noch oblag? Nun gibt das Jammerkind Ruh und hofft auf Gott und Tod, als strich ihm das Qual vom Konto: Doch lang muss man wart`n, für ihn hat nur Hoffnung als Wirkung noch Kraft. Sarkasmus ist das Labsal, das, trägst du all das ab, was solch Schuld tilgt, im Alltag noch üb`rzählig ist. Klar, dass ihn das bald kaputt macht. Ihm harrt nur Aufbruch vom Organismus, womöglich stirbt in ihm drin auch manch Ding nicht ganz, so auch: Naivität — ihm war nämlich oft danach, doch dann gab man aufgrund vom Zynismus auf, schoss nicht gänzlich drauf los. So, dank Naivität, starb das ärmlich-gutgläubig Ding nicht ganz trostlos, ihm wars sogar oft, als säh man im Kosmos, im Halbmondlicht, Anjas Arm und Hand — winkt nicht astronomisch sowas von dort ständig hinab?


kleine schule des stils logo

Grabrede

Seht, wie friedlich er schaut. Sein Gesicht ist starr. Ja, starr, aber doch… Etwas ist passiert, seht nur, er schaut so friedlich, so friedlich hat er früher nie geschaut. Da muss etwas passiert sein. Er muss etwas gesehen haben, was ich nie gesehen habe. Ich wünschte, ich könnte auch so aussehen, wenn ich sterbe, und wünsche euch das auch, wünsche euch, dass ihr so friedlich ausseht, aber, nein, seht euch Fritz doch einmal an… Da geht etwas mit ihm vor. Der hat doch etwas gesehen, etwas sehr, sehr Schönes, oder… Ja, ich bin nicht ein Mann grosser Worte und eigentlich auch nicht der kleinen und deshalb möchte ich nur sein Gesicht sprechen lassen, denn bestimmt ist sein Gesicht ein Gesicht grosser Worte, wenn man so sagen darf.
Ich habe Fritz lange Zeit gekannt — und eigentlich ist das auch übertrieben — gekannt hat ihn ja doch keiner, denn wer könnte unter euch aufstehen und sagen: Ich weiss woher dieses Gesicht — dieses ruhige Gesicht — plötzlich herkommt. Nein, so gut hat Fritz keiner gekannt. Aber er ist wirklich entspannt — entspannt wie wir uns nie geträumt hätten —, obwohl starr. Diese Lippen sind starr aufeinandergepresst und natürlich blutleer, ja aber natürlich, wie auch sonst? Der Fritz, der ist natürlich blutleer, aber trotzdem doch nicht weniger der Fritz, den wir alle gekannt haben, und nicht weniger hat ers verdient, dass man ein paar Worte über ihn verliert wie über den, den wir gekannt haben. Ich habe Angst gehabt, als ich hergekommen bin, aber jetzt, als ich ihn gesehen habe, bin ich ganz erfreut, dass aus seinem Gesicht so viel Ruhe spricht und ich bin zuversichtlich gegenüber dem Sterben, trotzdem natürlich hat es auch etwas Kalt-, Kalt-Lächelndes und doch… und doch… Doch — ich glaube es ist ihm gutgegangen in seiner letzten Sekunde. So soll es uns auch gehen! Und wir werden immer an Fritz denken, wenn wir das grosse Glück haben, am Ende unseres Lebens etwas zu sehen, das uns solche Ruhe eingibt.
Ich habe Fritz lange gekannt und diesen Gesichtsausdruck hätte ich gerne an ihm früher kennengelernt. Ich meine nicht, dass ich ihn nicht gemocht habe wie er war, selbstverständlich habe ich ihn gemocht — ich habe Fritz kein besseres Ende wünschen können als dieses — nicht, dass ich ihm tatsächlich das Ende gewünscht hätte, jedenfalls nicht mehr als so, wie einem das unter Umständen passiert — aber doch etwas früh ists eingetroffen, das findet ihr doch auch —, aber wenn ich ihn so ansehe, dann wird mir doch ganz wohl ums Herz, obwohl er so starr ist und eigentlich so blutleer… So blutleer, aber so ruhig in seinem Gesicht, schaut es euch noch einmal an, es zeigt mehr als tausend Bilder, es ist so viel Hoffnung, die es mir gibt, obwohl es zuweilen auch befremdend ist, dass er nicht die Augen aufmacht, sein Maul aufmacht und ausruft: Was steht ihr alle da rum und labert und labert und warum ist ausgerechnet der am Reden? Der verheddert sich doch beim Sprechen, der ist jetzt wirklich kein Mann grosser Worte — und damit hätte er natürlich recht, aber das macht er nicht, er wird immer so ruhig schauen. Schaut es euch an und haltet ihn so in Erinnerung, allerdings vergesst nicht wie er früher war, denn jetzt sieht er beleibe nicht so aus wie er eigentlich aussah, gottseidank war er anders, nicht so blutleer, nicht so ruhig zwar auch, aber auch nicht so starr, so war er, unser Fritz, auch ihn dürfen wir nicht vergessen und ihm nur das Beste wünschen auf seiner Reise hinüber.

Werthers Tod

»Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn und ich zögere nicht.« Seine Hand huschte rasch über das Blatt. Auf dem Gesicht blitzte ein ingrimmiges Lächeln auf. Er hustete, hielt inne, nahm Tinte zur Hand, schüttelte den Kopf über einen Gedanken und hob dann die Feder wieder an, um fortzufahren. »Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für Dich zu sterben!« — Ja, das hätte sie wohl gern! Dass ich daran glücklich würde, Wahnsinn! Werther schüttelte wieder den Kopf. Für dich, dich Hure, der dir alles egal ist. Sterben — gar traurig sein. Glaubst, ich mache gar alles für dich, weil ich dir diese Briefchen schreibe. Ein Flittchen im Herzen bist du — du Schwärmerin —, aber entscheidungsträge wie ein Himmelskörper im Wechsel seiner Umlaufbahn. »In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, Du hast sie berührt, geheiligt.« Jetzt lachte und höhnte er. Eher würde ich sterben als dieses Clownkostüm noch einmal anziehen. Wie können die Frauen nur auf sowas abfahren? Blaue Jacke, gelbe Weste (und diese Stiefel!) — Augenkrebs grüsst mit Handkuss. Sie wusste das wohl. Er war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, wie lächerlich er den Aufzug fand. Und ihr hatte es, tief im Herzen, auch nicht gefallen. »Es schlägt zwölfe!«, kritzelte er noch hin. »So sei es denn! — Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl!«
Werther lachte laut auf, beglückwünschte sich zu dem sarkastischen Schriftstück, mit dem er die ihr zugeschickten Briefe, die ernsten wie die unernsten, abstrafte und zugleich Lotte ihre Gemeinheiten so tief ins Herz zurückbohren konnte, dass es den Schmerz der Trennung linderte. Er konnte viel zu gut schreiben, als dass er sich diese Genugtuung hätte entgehen lassen, für sich selbst ein solches Textchen zu verfassen, dass er dann auch wieder verbrennen würde, sobald der Schmerz abgeklungen war. Er las den meisterhaften Brief mit höchstem Entzücken noch einmal und versiegelte ihn sorgsam. Gehste halt, Lotte! Machste das halt, Lotte! Wofür du dich nur wieder hältst? Andere Mütter haben auch schöne Töchter! Hältst dich für etwas Besseres? Klopstock hat doch auch schon die erstbeste Magd gelesen! Aber du fällst auf alles, auf das kleinste Tänzchen, das zarteste Gewitter herein, als wäre es eine Verführung. Ich sag dir jetzt mal was, ich sag dir mal was zu deiner Gebildetheit, zu deiner künstlerischen Bewandertheit, auf die du soviel gibst: OSSIAN GIBT ES GAR NICHT! Haha, es ist lächerlich und — oh, ich könnte sie niederstechen, dieses verlogene Biest. Ich, der ich mir alles bin — wie könnte ich dich brauchen?
Um sich ein wenig vom Ärger zu erholen und sein neues Leben als völlig Ungebundener angemessen einzuläuten, wandelte er durch das Zimmer und geriet zum Bücherregal. Irgendwo musste es sein… Ein Blick in die alten Briefkorrespondezen mit Grete und Gisella würde sich lohnen, könnte ihn erheitern und erwärmen. Auf den unteren Regalen waren sie nicht, denn er erinnerte sich noch einer Zeichnung, die man aus bestimmten Gründen besser von Kindern entfernt hielt und die ihm Grete in einen Brief gesteckt hatte. Seine Augen wanderten nach oben. Dort, im Dunkel unter der Decke, auf der verstaubtesten Ablage, die fast nicht zu erreichen war, dort musste es irgendwo stecken. Nur kein verdammter Schemmel!
Werther stützte sich auf die Fläche des Regals, die in Brusthöhe lag, und versuchte durch Abstossen mit dem Fuss den nächsten zu erwischen. So hatte er erst wenige Zentimeter erreicht, als ein Knarren ertönte und seine beschissenen Stiefel vom Holz rutschten. Werther fiel nach hinten, konnte sich aber fangen, taumelte zum Schreibtisch zurück, schlug sich den Zeh an der Vertäfelung und jaulte auf. Der Schmerz im kleinen Zeh war so höllisch, dass er zum besseren Halt zur Seite griff — und ein offenes Kästchen erwischte — die alte, aber gerade frisch gereinigte Pistole des Grossvaters in den Händen, hüpfte er den Indianertanz — kniff die Augen zusammen. Er bemerkte, aus Versehen die Pistole geladen zu haben, und hielt sich dazu an, sie wieder zurückzulegen, doch der Schmerz im Zeh war so gross, dass es ihn nach einer Linderung verzehrte. Ein Schlückchen Schnapps! Irgendwas, das das Gefühl betäubt. Leider hatte er nur den teuren Rotwein, trotzdem langte er mit der freien Hand nach der Flasche, entkorkte sie und trank ein halbes Glas, bevor er sich wieder sammeln konnte. Neu gestärkt, kletterte er nach oben aufs Regal, als er halber Höhe merkte, dass die Vase, ein Stück aus dem fernen China, zu fallen drohte, und er einen Fuss befreien musste, um sie aufzuhalten. Dies gelang, aber er war jetzt in einer so unglücklichen Position, dass er begriff, dass er die Pistole möglichst schnell aus der Hand legen musste, um Bewegungsmöglichkeiten zu gewinnen, und da das Kästchen noch offen und fast in Reichweite lag, wollte er die Waffe gleich sorgsam hineinlegen. Doch als er sich hinüberbeugte um die Pistole hineinzulegen, schlitterte sein Fuss, den er gegen die Vase gedrückt hatte, unglücklich ab, die Vase blieb auf wundersame Weise stehen, aber ein dicker Schinken löste sich daneben und fiel hinab auf seinen anderen Fuss, auf dem er seinen Stand hatte. Ausgerechnet dort litt sein kleiner Zeh noch die lodernsten Schmerzen und der Fall des Buches zog ihm sofort den Halt weg. Er ruschte zur Seite, sein Kopf hing jetzt bereits gegen unten — er klammerte sich mit dem Zeigefinger an einen Buchrücken, während er mit den anderen Finger selbiger Hand die Pistole festhielt. Dieser Scheiss! Es würde ihn noch das Genick kosten. So verharrte er mehrere Sekunden und er hätte es wohl ausgehalten, aber der Wein brummte ihm im Kopf und gab ihm — er hatte auf leeren Magen getrunken — einen ganz zarten Schwindel ein, der ihn schliesslich taumeln liess.
Der Rest ging schnell. Der Buchrücken klappte heraus, der Lessing löste sich, Werther flog hinab, die Pistole drohte wegzufallen, weshalb er den Zeigefinger zum bessern Griff in den Abzug schlang — er drehte sich im Fall, schlug sich das Kinn an der Tischplatte auf, der Schuss löste sich und drang über Werthers rechtem Auge ein, Emilia Galotti flatterte auf das Pult und klappte auf. Neben dem Stuhl lag er kümmerlich zusammengekrümmt. Sein Zeh brannte. Das Gehirn lag neben ihm. Er hätte gern jemanden gerufen, doch erst um sechs kam der Medikus, der ihm noch eine Ader liess. Um zwölf war endlich das Missgeschick zu Ende, von den Missverständnissen beschlich ihn nur eine Ahnung.

Der Griff

Das Tal ist lang. Der Bach ist ausgetrocknet und statt Wasser rauscht das Laub, durch das ich schreite. Zwei Krähen kämpfen und bringen die Luft zum Rascheln. Meine Begleiter sind mit abgewandt und stehen nebeneinander, als wären sie zwei Wächter vor einem unsichtbaren Tor. Der erste Schneefall setzt an. Ich fühle den Engel neben mir. Die Wärme strahlt mir auf die Haut. Er streckt die Hand aus und ich will sie halten. Doch sie wollen nicht ineinandergreifen. Als hätte er zuviele Finger, versperrt es meinen Griff.
»Ich kann nicht«, sage ich.
Der Engel lächelt und setzt zum Abflug an.
»Warte!« rufe ich, doch er lässt sich nicht aufhalten. Er verschwindet mit den ersten Flocken. Ich blicke hinaus über das Tal, wo sich der letzte Herbstnebel verzieht.
»Können wir weiter?«, fragt ein Begleiter, der aufgeschlossen hat.
Ich nicke und betrachte heimlich meine Finger, deren Anzahl zu wachsen scheint. Stolz ziehe ich meine Fäustlinge an und trotte den anderen nach.

Beim Laden zwischen zwei Levels

Gelegentlich quält ihn die Frage, weshalb er das eigentlich tut. Das Sammeln all dieser Goldstücke, der einzige Lohn für das Wagnis gefährlicher Sprünge. Es droht ihm dann selbst zu entfallen, er kratzt sich mit dem Werkzeug hinter dem Ohr und sagt etwas von »kommenden Generationen« und der Not, sie zu unterstützen. Meistens hüpft er, wie aus Furcht vor dem, worin sich der ausgedachte Gedanke erschöpfen könnte, los und lässt die Frage in eine nahe Grube fallen.

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Früher auf diesem Blog:
Reife des Alters
Ein Nachmittag