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Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: Rezension

Das Dritte Reich (Ein-Satz-Review)

Das Dritte ReichDas Dritte Reich by Roberto Bolaño
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Im Kern eine Spielerei mit dem Vorwurf von Faschismus, den der Leser dem Deutschen Udo Berger, Weltmeister im Brettspiel „Das Dritte Reich“ und junger Bildungsbürger im Urlaub mit seiner Freundin Ingeborg, gerne machen würde und doch nicht ganz kann — ausserhalb des Kerns ein Mantel von unheimlichen Begegnungen in einem verschachtelten Hotel, die so unverständlich wie bei Kafka, so voll unguter Ahnungen wie bei Clemens Setz sind und Udo in eine ständige Alarmbereitschaft versetzen (warum nur sagt Hanna nicht, dass sie vergewaltigt wurde? Warum lügen alle darüber, wie böse die Welt ist?) — und in der zarten Hülle eine fiese Sprache, hochtrabend im Tagebuchstil, gleichzeitig lakonisch platt in Schilderungen und in manchen Kapiteln wie «Meine Lieblingsgeneräle» eine perfekte Gratwanderung zwischen Jux und Ernst, Antifaschismus und Anti-Antifaschismus, in einem schwebenden Zustand politischer und moralischer Gleichgültigkeit aufgelöst.

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Hunger (Ein-Satz-Review)

HungerHunger by Knut Hamsun
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Eigentlich ein Wunder, dass das Buch nicht Durst heisst, so viel wie der weint.

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Der Traum der roten Kammer (Ein-Satz-Review)

Dream of the Red ChamberDream of the Red Chamber by Cao Xueqin

My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

«Wir sind doch schon, wer weiss wie lange, unterwegs, sollten wir immer noch nicht aus unserem Park heraus sein?», fragt Pao Yü im Traum, indem er gleichermassen das Klaustrophobische, Unheilvolle und das Friedliche, Leichtsinnige dieser im Fürstenpark spielenden Geschichte anspricht, die den Ursprung der Soap Opera bildet, eines der schönsten Beispiele von allmählich verfallendem Reichtum zeigt und daher nicht zu Unrecht eines der meist gelesenen Bücher überhaupt ist.

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Becketts Erzählungen (Ein-Satz-Review)

Erzählungen.Erzählungen. by Samuel Beckett
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Die letzten Erzählungen Becketts sind radikale Einschnitte in die Prosa, sprachliche Bauten aus Floskeln und Details, Pionierexperimente; seine ersten sind noch wunderbarer, ein junges, kochendes Etwas, virtuos und witzig, stilistisch den einfühlsamen Dubliner-Joyce noch einmal verspielter ausspielend; nur die Texte dazwischen, vergessen wir die einfach mal.

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Sand (Ein-Satz-Review)

SandSand by Wolfgang Herrndorf
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein bisschen wie Thomas Pynchons „Inherent Vice“ — oder anders gesagt: die etwas dümmliche Verfasstheit des Protagonisten aus „Kiss Kiss Bang Bang“, verschmolzen mit dem überhöhten Plot und den Perspektivwechseln aus „Burn After Reading“ — oder anders gesagt: ein perfides Spiel mit Gattungen, Klischees und etwas, was vielleicht das Ende der Postmoderne darstellt — oder anders gesagt: klare Sprache trifft durchdachten, verehrungswürdigen Plot — anders gesagt: Folterung trifft auf Witz, und — kurz gesagt — ein Eindruck für die zeitgenössische deutschsprachige Literatur.

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Madame Bovary (Ein-Satz-Review)

Madame BovaryMadame Bovary by Gustave Flaubert
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Die Geschichte des Ehebruchs findet man schöner in Effi Briest, aber ohne die Selbstermächtigung, die Emma Bovary auszeichnet und sie zur faszinierenden Figur macht und die schliesslich ihre Nebenfiguren — der Apotheker, ihr Mann Charles und Léon — zu Abklatschen degradiert; dann wiederum ist es eigentlich gar keine Geschichte des Ehebruchs, sondern die nirgendwo quälender aufgerollte Geschichte der Verschuldung und eines unweigerlichen ökonomischen Abstiegs — Emma Bovary ermächtigt sich durch Geld und nicht durch Betrug.

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Wir (Ein-Satz-Review)

WeWe by Yevgeny Zamyatin
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Was genau hier passiert, kann ich nicht sagen, aber es ist bestimmt etwas Grosses, wenn sich in die Welt der mathematischen Perfektion plötzlich Metaphern einschreiben, die völlig unkontrolliert sind, Metaphern, wunderschöne, die aus der Luft gegriffen scheinen, die Metaphern für andere Metaphern sind, verirrte Metaphern, nur angetönte Metaphern, Metaphern, die sich selbstständig machen, und die eine sprachliche Dystopie sprachlich überwältigen, wobei das Wir — das verrückte «Wir» dieses Textes — von Zeile zu Zeile in eine andere Richtung geschoben wird und alles über den Haufen wirft, was man von utopischer Literatur zu wissen geglaubt hat.

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Indigo (Ein-Satz-Review)

IndigoIndigo by Clemens J. Setz
My rating: 5 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Wahrscheinlich muss man ein bisschen böse sein, um dieses Buch zu mögen — was bin ich, wenn ich es liebe?

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