Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: sprechen

Ein sehr guter Einwand

»Dass die Philosophen auf der Suche nach dem Ur-Wort sind und es nicht zu ent-decken vermögen, liegt nicht in der Beschaffenheit der Mundhöhle des Neanderthalers oder der ersten Menschen. Wenn es überhaupt zu finden ist, ist es zu suchen in der Beschaffenheit des Wortes selbst, das aber immer schon eingenommen ist in der Sprache. Das Ur-Wort, das Urwort, vielleicht der Urschrei, ist daher auch nichts, worin sich diese Suche erschöpfen könnte, denn ständig ist das Wort verlagert in eine Vorzeitigkeit seiner Bedeutung. Es ist ganz ähnlich wie mit dem ersten Geldstück, das es nicht gegeben haben kann, denn Geld besteht nur durch die Anwesenheit von anderem Geld — und wir erinnern uns an Johann Nepomuk Nestroys Bonmot: Die Phönizier haben das Geld erfunden — aber warum nur so wenig?
Ein Gleiches legt sich in der Sprache dar: Das Urwort kann nicht in künstlicher Verknappung, in hermetischer Befasstheit entstanden sein. Sie hat sich aus nichts entwickelt. Es ist viel eher sogar so zu verstehen, dass die Sprache viel länger als das Wort existiert, denn es gibt keine Definition von Sprache in ihrer kommunikativen Form, die sich von einer anderen Form der Informationsrückkopplung — ich will hier den primitiven Vorschlag von zwei miteinander operierenden Zellen nennen — klar unterscheiden liesse: Auch diese Zellen ›sprechen‹ durch die Anionen und das Kalium, das sie einander zuschütten. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass es eine Ursprache gegeben habe und dass es, obwohl alles in uns sich dagegen sträubt und uns glauben machen will, dass es ein Erstes, ein Origo gegeben haben muss, ein Urwort gibt.«
Der Professor hielt inne und schielte über die Brille, um in die hinteren Reihen des Vorlesungssaals zu spähen.
»Ja, da hinten habe ich doch etwas gesehen.« Es war eine krumme, ausgebeulte Hand, aus der eine hochgereckte Keule über den behaarten Schädeln der anderen Studenten in die Luft ragte. »Ja?«, fragte der Dozent.
»Ugah! Ugah!«
»Das ist ein sehr guter Einwand«, antwortete der Professor und setzte sich die Brille ernst auf die platte Nase.

Der Billionär

All diese Bücher. All diese Bücher muss ich scannen. Und das Format wählen, die benutzerdefinierte Vorlage, nicht etwa A4, die meisten Bücher sind grösser. Und dann scannen. Nächste Vorlage. Auf der linken Seite des Scanners schichten sie sich auf und wenn ich damit fertig bin, lege ich sie auf der rechten Seite ab. Wenn ich das Buch hineinlege und auf die Massbänder richten will, muss ich darauf achten, dass mir der Schaft der Pistole nicht gegen die Schläfen stösst. Das ist mir schon drei, vier Mal passiert und es ist wirklich unangenehm, nicht nur für mich, sondern auch für den anderen, der dann einen Schritt zurücktritt und erst nach einigen Minuten wieder näher kommt, um die Pistole an meine Schläfe zu halten. Er sorgt dafür, dass ich scanne. All diese Bücher scanne. Er hat sich mir nicht vorgestellt, mir nie etwas gesagt, ausser, dass ich scannen soll, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob er meine Sprache spricht. Die einzige Kommunikation zwischen uns läuft über all die Bücher, die ich scannen muss. Manchmal bringt sie ihm ein anderer und er übergibt sie mir wortlos. Scheerbart Lesabéndio. H. C. Artmann: Frühprosa. Charlotte Roche — Schossgebete. Einmal hielt ich die Vierte Auflage der Erstausgabe »Werthers« in der Hand und weigerte mich, das alte Buch auf die Fläche zu pressen, um es einzuscannen. Die Antwort war ein Schlag auf meinen Hinterkopf und so musste halt der alte Werther leiden.
Ich habe bei der Arbeit viel Zeit zum Nachdenken und kann über die Gründe des ganzen Vorgehens grübeln. Ich habe mich gefragt, ob man mir Mitteilung machen will, indem man mir diese Bücher gab. Ob zum Beispiel in den Titeln, die ich scanne, ein Muster zu finden ist, irgendein Code. Aber das ergibt schon deshalb keinen Sinn, weil ich von der ersten bis zur letzten Seite alles einlesen muss. Einfacher scheint mir dann die Frage, weshalb man sich die Mühe machte, all das scannen zu lassen.
Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten, die mir nicht beide gleich wahrscheinlich scheinen. Entweder es existiert ein militaristischer, vielleicht paramilitärischer Verein, der die Digitalisierung des Buches auf gewaltsamem Wege fordert. Nur wie sollte sich der finanzieren? Weshalb nur Bücher und nicht etwa alte Bilder? Weshalb Bücher scannen, die bereits digitalisiert sind? Viel wahrscheinlicher scheint mir deshalb doch der Billionär.
Es ist nämlich anzunehmen, dass es einen kriminellen Billionär gibt, der — als er, wie ich, noch arm und für solche Arbeiten zuständig war — im Scannen von Büchern das Geheimnis erkannt hat: Den Ersatz fürs Lesen. Erst war er Literaturprofessor geworden, weil er seiner Konkurrenz weit voraus war: Statt die Bücher alle zu lesen, über die er Vorlesungen hielt, scannte er sie ein. So ersetzte er das Lesen und der Scanner übernahm es für ihn. Billionär wurde er, weil er begriff, dass er, statt sie selbst zu scannen, die Arbeit jemandem übertragen könnte, für den der Scanner las — und schliesslich entschloss er sich dazu, dass er ebensogut für sich auch andere Professoren über die Bücher plaudern lassen konnte, die sie wiederum von ihren Assistenten einscannen liessen. So ging die Kette weiter. Der Billionär besitzt mittlerweile etwa vierundzwanzig Kapitalisten, die — in seinem Auftrag — ihr Geld für sich arbeiten lassen, dieses Geld ist in HedgeFonds angelegt, die wiederum andere Anleger finanzieren, die dann irgendwann Firmen für sich arbeiten lassen, so dass, ganz am Ende von Unis, Firmen und Produktionsketten, ich stehe, der die Bücher für ihn einliest— und der Scanner, der sie wirklich liest —, wir also, die ihn zum Billionär machen. Es versteht sich von selbst, dass er, wenn er verstanden hat, dass seine ganze Existenz nur von mir abhängig ist, indem ich ihm Bücher zufüttere, dafür sorgen muss, dass ich nicht aufhöre. Deshalb der mit der Pistole.
Was er dabei vergessen hat: Ich habe soviele Bücher gescannt, dass ich fast so klug bin wie er. Weil ich die Bücher selbst scanne, erleidet der Eindruck, den ich dabei empfange, nur unmerkliche Verzerrungen, die sich weit gegen oben, bis zum Billionär, verstärken. Deshalb ist es zu rechtfertigen, dass ich mehrmals die gleichen Bücher einscanne, weil sie beim ersten Mal für den Billionär nicht deutlich genug gelesen sind. Ich nutze diese Schwäche für mich aus, scanne besonders aufmerksam und achte darauf, dass ich die Bücher, die mir bekannt sind, manipuliere. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass dem Billionär zwar der Erec, aber nicht die Szene von Enites Pferd, zwar Der Process, aber nicht Josef K.s Gespräch mit dem Dom-Prediger bekannt ist. Dadurch erreiche ich kleine Vorsprünge, die ich zu meinem Vorteil zu nutzen gedenke. Wenn die Zeit reif ist, werde ich hier hinausspazieren. Ich werde den Billionär mit vorgehaltener Pistole für mich Billionär-Sein lassen, um für mich reich zu sein. Ein anderer wird meinen jetztigen Job machen, die Bücher scannen. All diese Bücher.

Wir schweben, steigen alle auf, vom Bahnperron weg, unsere Füsse zappeln über dem Asphalt, einer schlägt sich an der Werbetafel das Knie, andere scheuern sich die Köpfe an den Dächern wund, doch wir strampeln uns frei, steigen auf, schweben und schweben, dem Himmel immer näher, erreichen die Schichten des Nebels, die Dichte der Wolken, tauchen ein.
Viel später schaut manchmal einer zurück, lacht, als hätte er sich bei etwas ertappt, und sagt: „Ich dachte schon, ich hätte in den Gebäuden eine Wolke gesehen“, worauf ihm manche beipflichten, andere nur nachsichtig lächeln.

Die Mücke

So eine Mücke ist ja eigentlich ganz dumm. Ihr Gehirn ist kleiner fast nicht mehr denkbar. Ihr Verstand, der muss ja verschwindend gering sein. Aber das sagt man jetzt so ohne weiteres Nachdenken, dass das »verschwindend gering« sei. Wieso »verschwindend gering« und nicht etwa »verschwindend viel«? Als wäre Geringes näher bei Nichts als Vieles, dabei ist der Unterschied zwischen gar keinem Gehirn und einem kleinen Gehirn doch viel grösser als zwischen einem kleinen und einem grossen Gehirn.
Aber irgendetwas bringt die Mücke dazu vor meinem Auge zu schwirren, sich hin- und herzutreiben, auf mein Ohr zu sitzen, über meinen Nasenrücken zu krabbeln: Es wäre genug, wenn sie wüsste, dass ich mit meinem Auge sehen könnte und es deshalb tut. Aber sie scheint auch zu wissen, welche Geräusche, welche Berührungen, an welchen Orten ich Stiche am meisten hasse. So eine Mücke ist ja eigentlich völlig dumm, aber irgendwie, auf ihre Weise, auch ganz klug. Wenigstens irgendwie. Daran hat wohl nur eine verschwindend geringe Anzahl an Menschen gedacht.

Meditation des Stummen

Es ist schon schwer, überhaupt etwas zu sagen. Bei allem was recht ist, es ist ja doch nie recht. Kaum hat man mit dem Kapitälchen einen Satz eingeläutet, da spürt man auch schon sogartig wie der Zuhörer mit grosser Bestimmtheit ahnt, dass es ein Satz wird, ja, diese Ahnung schwillt schnell zu einer Vermutung an und es würde schliesslich alles ins Absurde treiben, wollte man, statt einen Satz zu seinem Ende zu führen, ihn einfach an einer Stelle.
Der Satz ist nicht zu Ende!, schriee man.
Das ist nicht einmal Satz!, hingegen ich, Und was kein Satz ist kann nirgends nicht zu Ende sein, weder an seinem Anfang noch an seinem Ende, es sei denn er wäre es, aber dann eben nicht als Satz.
Man könne es, diese Lösung schiebst du mir tröstend zu: Man könne es auch bei einem Satzfragment belassen. Ohne Verb. Oder bei einem Ausruf.
Aber wäre ich denn nicht auch schon genug gefordert, sperrte ich das Maul kurz auf, um ein verschwindend kleines Ach entweichen zu lassen, ein tiefkehlig geseufztes Ach!, wäre ich dann nicht unter den sich mir zudrehenden Köpfen und ihren neugierigen oder mitleidsvollen Blicken gefordert, auf das Ach! eine Apostrophe folgen zu lassen. Und liesse ich sie fehlen, würde man etwa glauben klönnen, ich hätte meine Klage zum Abschluss gebracht? Jeder denkt schon: Ach! — das ist der Laut von zwei sich zerreibenden Seelen in der Brust jenes Romantikers, hören wir zu, wie das noch herauskommt. Man würde meinen, ich hätte den Rest des Satzes, um mich beim Fluchen nicht zu versündigen, für mich behalten, oder ich hätte ihn elliptisch vorgezogen, oder ich wäre bereit, in einem weitgespannten Kohäsionsverhältnis auf den Adressaten meines Achs später noch zurückzukommen — aber man wäre in diesem oder jenen Fall sicher, dass das Ach! alleine nicht genug wäre. Dasselbe ist es doch mit allem anderen: Sagte man Hallo! so hiesse das, sich auf ein Gespräch einzulassen, schriee man: Geh weg! so würden alle erwarten, ich hätte den Anstand ihnen den Grund für diese Unhöflichkeit zu erklären. Ich kann ja kaum ein Ei apostrophieren, ohne ein Nathanael anzuhängen: Ei, Nathanael! Achsagen, im allgemeinen, ungerichtet und abgeschlossen, ist dasselbe, wie irgendetwas, das ein Satz werden will, an fremder Stelle enden zu lassen.
Dann, sagst du und seufzt dabei selbst, soll ich nicht Ach sagen, aber ein einzelner Laut sei doch nicht so schwer. Und etwas zu sagen bedeute nur, einzelne Laute aneinander zu reihen, deshalb sei auch dieses nicht schwer.
Aber sollte ich versuchen einen Laut hervorzubringen, würde ich die Tonhöhe nicht erreichen und aus meiner Gurgel dränge nur ein Krächzen, eine mangelhafte Schwingung meines Kehlkopfs, 100 Hertz zu niedrig, um gehört zu werden, und alles was bleibt, ist ein angestrengtes Atmen, das mir aus der Kehle dringt, denn jener erste Ton, den ich hervorbrächte, würde mich — falls mich nur jemand ganz leise hörte — von den Stummen zu den Plauderern erheben und Erwartungen schüren, die ich zu bedienen hätte. Ich müsste mit allen reden, sagen, weshalb ich so lange geschwiegen hätte, und weshalb ich jetzt doch noch spräche. Dabei ist es doch schon schwer genug. Schon schwer, überhaupt etwas zu sagen.