Meditation des Stummen

von Cedric Weidmann

Es ist schon schwer, überhaupt etwas zu sagen. Bei allem was recht ist, es ist ja doch nie recht. Kaum hat man mit dem Kapitälchen einen Satz eingeläutet, da spürt man auch schon sogartig wie der Zuhörer mit grosser Bestimmtheit ahnt, dass es ein Satz wird, ja, diese Ahnung schwillt schnell zu einer Vermutung an und es würde schliesslich alles ins Absurde treiben, wollte man, statt einen Satz zu seinem Ende zu führen, ihn einfach an einer Stelle.
Der Satz ist nicht zu Ende!, schriee man.
Das ist nicht einmal Satz!, hingegen ich, Und was kein Satz ist kann nirgends nicht zu Ende sein, weder an seinem Anfang noch an seinem Ende, es sei denn er wäre es, aber dann eben nicht als Satz.
Man könne es, diese Lösung schiebst du mir tröstend zu: Man könne es auch bei einem Satzfragment belassen. Ohne Verb. Oder bei einem Ausruf.
Aber wäre ich denn nicht auch schon genug gefordert, sperrte ich das Maul kurz auf, um ein verschwindend kleines Ach entweichen zu lassen, ein tiefkehlig geseufztes Ach!, wäre ich dann nicht unter den sich mir zudrehenden Köpfen und ihren neugierigen oder mitleidsvollen Blicken gefordert, auf das Ach! eine Apostrophe folgen zu lassen. Und liesse ich sie fehlen, würde man etwa glauben klönnen, ich hätte meine Klage zum Abschluss gebracht? Jeder denkt schon: Ach! — das ist der Laut von zwei sich zerreibenden Seelen in der Brust jenes Romantikers, hören wir zu, wie das noch herauskommt. Man würde meinen, ich hätte den Rest des Satzes, um mich beim Fluchen nicht zu versündigen, für mich behalten, oder ich hätte ihn elliptisch vorgezogen, oder ich wäre bereit, in einem weitgespannten Kohäsionsverhältnis auf den Adressaten meines Achs später noch zurückzukommen — aber man wäre in diesem oder jenen Fall sicher, dass das Ach! alleine nicht genug wäre. Dasselbe ist es doch mit allem anderen: Sagte man Hallo! so hiesse das, sich auf ein Gespräch einzulassen, schriee man: Geh weg! so würden alle erwarten, ich hätte den Anstand ihnen den Grund für diese Unhöflichkeit zu erklären. Ich kann ja kaum ein Ei apostrophieren, ohne ein Nathanael anzuhängen: Ei, Nathanael! Achsagen, im allgemeinen, ungerichtet und abgeschlossen, ist dasselbe, wie irgendetwas, das ein Satz werden will, an fremder Stelle enden zu lassen.
Dann, sagst du und seufzt dabei selbst, soll ich nicht Ach sagen, aber ein einzelner Laut sei doch nicht so schwer. Und etwas zu sagen bedeute nur, einzelne Laute aneinander zu reihen, deshalb sei auch dieses nicht schwer.
Aber sollte ich versuchen einen Laut hervorzubringen, würde ich die Tonhöhe nicht erreichen und aus meiner Gurgel dränge nur ein Krächzen, eine mangelhafte Schwingung meines Kehlkopfs, 100 Hertz zu niedrig, um gehört zu werden, und alles was bleibt, ist ein angestrengtes Atmen, das mir aus der Kehle dringt, denn jener erste Ton, den ich hervorbrächte, würde mich — falls mich nur jemand ganz leise hörte — von den Stummen zu den Plauderern erheben und Erwartungen schüren, die ich zu bedienen hätte. Ich müsste mit allen reden, sagen, weshalb ich so lange geschwiegen hätte, und weshalb ich jetzt doch noch spräche. Dabei ist es doch schon schwer genug. Schon schwer, überhaupt etwas zu sagen.