Philosophie des Mitteilens

von Cedric Weidmann

➳ Zu den Aphorismen 124 und 125 aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft

Im Vorwort der Fröhlichen Wissenschaft reisst der Erzähler die Aufmerksamkeit auf eine einfache und sehr persönliche Weise an sich:

– Aber lassen wir Herrn Nietzsche: Was geht es uns an, dass Herr Nietzsche wieder gesund wurde? …

Genau. Das ist die zentrale Frage.

Was geht es uns an, dass Herr Nietzsche wieder gesund wurde?

Es ist gar nicht so, als ob in einem Werk von Nietzsche eine eindeutige Antwort auf diese kryptische Frage gefunden werden könnte. Viel mehr zieht sie sich unbeantwortet und durchwegs als ein Spielzeug des Erzählers durch das ganze Schaffen Nietzsches. Ich möchte zeigen, ob und inwiefern dieses Spielen mit Distanzierungen, Blickwinkeln und Bildern mit der philosophischen Haltung korrespondiert, die Nietzsche zugeschrieben wird. In einfachen Worten: Warum lässt er die Frage zu, was uns das angehe?

Bezug und Selbstbezug

Die Referenzialität spielt bei Nietzsche eine ausserordentlich wichtige Rolle.

Dass das Auf-etwas-Beziehen unabdingbar für seine Texte ist, lässt sich am offen­sichtlich­sten an seiner extensiven Verwendung von Metaphern feststellen.1 Doch neben der Referenzialität tritt bei näherer Betrachtung auch eine starke Reflexivität zu Tage, also ein verstärktes Interesse am „Sich-auf-sich-selbst-Beziehen“, am Selbstbezug.

Die obige Textstelle mag dabei als Paradebeispiel dienen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass Nietzsche sich selbst – seinen Namen, seine Krankheit, seinen Schreibstil, seine Erfolglosigkeit – oft zum Gegenstand seiner Schriften macht2 und womöglich ist es diese Tatsache, die an der bisweilen masslos übertriebenen Mythifizierung seiner Persönlichkeit die Hauptschuld trägt.

Ich skizziere nun, wo Referenzialität und Reflexivität Mittel der Aphorismen 124 und 125 aus „Die fröhliche Wissenschaft“ werden.

Metaphern (Referenzialität)

Der Aphorismus 124 ist die Perversion einer Metapher.

Der Schiffsaufbruch, als eine vielleicht abgedroschene Verbildlichung für allgemeinen Pioniergeist, wird aufgegriffen und modifiziert. Um diese Schiffsmetapher zu illustrieren benutzt er eine zweite Metapher, mit der gesagt sein soll, dass die Brücke abgebrochen, also der Rückweg versperrt ist. Zurückkehrend zur Schiffsmetapher wird dieses Bild aber um einen entscheidenden Unterschied ergänzt: „Wir“ haben das Land nicht nur verlassen, sondern „abgebrochen“; es ist existiert gar nicht mehr.

Doch als ob diese Metapher – allen Verwendungen von moralischen und rhetorischen Figuren zum trotz3 – nicht reichte, tanzt einem im zweitletzten Satz ein Einschub entgegen. Diese dritte Metapher zeigt das Bild eines Vogels im Käfig. Wie der Text im nächsten Satz jedoch wieder auf die Schiffsmetapher zurückfällt, scheint die Funktion dieser dritten Metapher einzig zur Verbildlichung der ersten Metapher.

Der nächste Aphorismus, Nr. 125, ist nicht im gleichen Masse verbildlicht. Mit der Ein­führung durch den Erzähler wird der Geschichte sogar einen gewissen Eindruck von Echtheit abgerungen, weil er sie erzählt, als ob er sie gehört, auf keinen Fall also erfunden hätte.

Und wenn hier auch die Geschichte kompakter erscheint und sie nicht in einem Feuerwerk von Metaphern ausufert, so ist dennoch eine gewisse Tendenz zum Malerischen offen­kundig.4 Die Anlehnung an die Diogenes-Anekdote mit der Laterne auf dem Marktplatz weist auch darauf hin, wie gerne in Nietzsches Texten mit solchen Bezügen gespielt wird.

Situation (Reflexivität)

Der Wechsel von Sprechendem und Angesprochenem vernebelt in vielerlei Hinsicht den Blick auf eine eindeutige Analyse. In 124 kann das „wir“ als Leser und Erzähler gedeutet werden, aber auch als Erzähler, der von sich in der dritten Person spricht.

Das Lenken vom angesprochenen „Wir“ zum angesprochenen „Schifflein“ ist auf rezeptions­ästhetische Art ähnlich zu verstehen wie das Gleiten von der Einführung in 125 in die er­zählte Situation auf dem Dorfplatz.

Interessant ist die inhaltliche Situierung.

Der tolle Mensch ruft „Wohin ist Gott?“ und gibt sich unverzüglich Antwort: „ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich!“

Das sagt er jedoch erst noch nachdem die folgende Tatsache vom Erzähler klargestellt wurde:

Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter.

Der tolle Mensch teilt also jenen Leuten mit, dass Gott tot sei, die dadurch nicht direkt betroffen sind, ganz im Sinne von: „Was geht es uns an,…?“

Es wäre möglich, dass die häufige Interpretation, dass hier von Nietzsche auf provokative Weise Gott für tot erklärt wurde, etwas zu hoch gegriffen ist. Bezieht man die Situation auf den historischen Kontext, so war Nietzsches „Gott ist tot!“ womöglich seit Darwin keine Aufregung mehr wert.5

In 124 lässt sich etwas Analoges beobachten. Der eigentlichen Feststellung, dass „wir“ das Land hinter uns gelassen hätten, kann durch die Interpunktion eine neue Bedeutung beigefügt werden. Das Ausrufezeichen stellt einen Appell dar, bei der der Erzähler die Angesprochenen darauf aufmerksam machen will, dass sie zu Schiff gegangen sind. Gleich dem tollen Menschen also, vermittelt der Erzähler hier etwas bereits Vergangenes und so Wichtiges, dass es eigentlich nicht hätte untergegangen sein dürfen.

Ethische Pluralität

Jean-Claude Wolf zerlegt in seinem Buch „Das Böse als ethische Kategorie“ Nietzsches metaethische Haltung.

Auch wenn Nietzsche selbst behauptet „Nihilist“ zu sein6, so konstatiert Wolf eine Diskrepanz zwischen dem Nihilismus und seiner Ethik. Nihilismus sei eine Form des lokalen Skeptizismus und für einen solchen müsste eine klare philosophische Trennung zwischen Wissenschaft und Ethik vorhanden sein. Bei Nietzsche findet sich – wie fast alles, was Ordnung schafft – keine solche Trennung und deshalb praktiziere er einen globalen Skeptizismus.

Da es aber unterschiedliche solcher globaler Skeptizismen gibt – genaugenommen ist sogar die Kant’sche Erkenntnistheorie eine Form davon – spezifiziert Wolf Nietzsches Skeptizismus. Er vertrete einen epistemologischen Perspektivismus7, das heisst mit anderen, nicht weniger unklaren Worten: einen perspektivischen Subjektivismus.

Ein epistemologischer Perspektivismus führt zu einer Pluralität von Wirklichkeiten.

Für Nietzsche gibt es nichts „an-sich-Wahres“, aber Irrtümer, die zum Leben notwendig sind (sogenannte Grundirrtümer).8 Diese Grundirrtümer finden sich in allen Perspektiven. Gleichzeitig ergibt sich aus dem Lesen der fröhlichen Wissenschaft der Eindruck, die Ethik sei subjektiv, müsse also von jedem selbst eingerichtet werden. Bei Nietzsche handelt es sich dabei weder um einen Amoralismus noch um einen Relativismus: so etwas wie Ethik existiert – unbestritten – nur ist sie weder allgemeingültig noch dogmatisch. Interessant ist, dass er sich als Philosoph ausnahmsweise bescheiden gibt, denn auch seine Perspektive ist nur eine von vielen.9

Perspektiven Nietzsches

Versucht man nun mit diesen Erkenntnissen die Aphorismen zu lesen, so bieten sich einige Begründungen für Nietzsches Stilmittel an.

Das Referenzielle seiner Texte, das Metaphorische meist, bezeugt eine gewisse Distanz zwischen Leser, Bild und dem, was hinter dem Bild stecken soll: dem Zu-Vermittelnden. Bei Nietzsche-Rezeptionen geht es aber viel mehr als nur um das. Es geht um die Suche nach dem Zu-Vermittelnden. Wie Schobinger zeigt, tut sich dabei ein enormer Fächer an Bedeutungsmöglichkeiten auf: Er betitelt das entsprechende Kapitel mit „Die Unausschöpf­barkeit des Sagens“.

Unter Anwendung eines weiteren Bildes kann diese Rezeption mit der erkenntnis­theore­tischen Sicht Nietzsches verglichen werden.

In den Aphorismen vernebelt das Bild – durch gezeigte Überspitzung und Brechung von Metaphern, durch das Wechseln von Ansprechpersonen und die Eingliederung von Binnengeschichten – den Blick auf das Zu-Vermittelnde. Es ist möglicherweise gar unmöglich, vom Bild auf das Zu-Vermittelnde zu schliessen.

Hier tut sich die Parallele zum globalen Skeptizismus auf. Auch da bietet die wahrnehmbare – nehmen wir Kants Vokabular zu Hilfe – Erscheinung keine Rückschlüsse auf das dahinter­liegende Ding an sich.

Die Autoreflexivität verstärkt diesen Vergleich. Das Sich-auf-sich-selbst-Beziehen, die Rolle des tollen Menschen als – vielleicht – Zarathustra als – vielleicht – der Übermensch als – vielleicht – Friedrich Nietzsche selbst, zwingen eine Mehrdeutigkeit auf, dem kein Leser gerecht wird. Die Mehrdeutigkeit kann aber andererseits auch als eine Pluralität der Wirklichkeit verstanden werden – nämlich wie das oft rezeptionsästhetisch vereinfacht gesagt wird und was leider sehr naiv klingt: Für jeden bedeutet dieser Text etwas anderes.

Literaturverzeichnis

Nietzsche, Friedrich (1966). Werke in drei Bänden – Zweiter Band. Carl Hanser Verlag München: München.

Precht, Richard David (2007). Wer bin ich und wenn ja, wieviele? – Eine philosophische Reise. Wilhelm Goldmann Verlag: München.

Schlaffer, Heinz (2007). Das entfesselte Wort – Nietzsches Stil und seine Folgen. Carl Hanser Verlag: München.

Schobinger, Jean-Pierre (1992). Miszellen zu Nietzsche – Versuche von operationalen Auslegungen. Schwabe & Co. AG Verlag: Basel.

Wolf, Jean-Claude (2002). Das Böse als ethische Kategorie. Passagen Verlag: Wien.

Zimmer, Robert (2005). Das Philosophenportal – Ein Schlüssel zu klassischen Werken. Deutscher Taschenbuchverlag: München.

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1– Aber lassen wir Herrn Derrida: Was geht es uns an, dass sich alle Texte auf etwas beziehen? …

2„Denn dieses Bedürfnis weist in Richtung der von Nietzsche reflektierten Formen von Traditionsrezeption, die ein weites und komplexes Feld bilden. In ihm spielen die autoreflexiven Äusserungen mit ihren Rückblicken auf die eigenen Veröffentlichungen eine markante Rolle“ | Schobinger, p. 35

3„Seide und Gold und Träumerei der Güte“, „es ist wahr, er brüllt nicht immer“ | Nietzsche, p. 126

4„Gott ist tot!“, Kirchen sind „Grüften und Grabmäler Gottes“ usw. | Nietzsche, p.127

5„«Gott ist tot» – schreibt er das eine um das andere Mal –, aber das wissen die meisten seiner Zeitgenossen schon von Darwin und anderen.“ | Precht, p. 25

6Zimmer, p. 176

7In Wirklichkeit ist das nur einer von drei Perspektivismen, die Wolf feststellt. Er räumt diesem jedoch am meisten Gewicht ein und fasst in ihm manchmal die anderen zusammen.

8Wolf, p. 135

9„Es ist kein Zufall, dass Nietzsche seine Maximen über den Irrtum als Voraussetzung oder Element des Lebens meist tentativ, […], formuliert. Er vermeidet damit den performativen Widerspruch, der aus der dogmatischen Formulierung skeptischer Thesen folgt.“ | Wolf, p. 136