Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: Gedanken

Der Satz (LXVI)

Solche Gedanken sind wie die Untiefen eines Meeresbodens, aus ungeheuerer Tiefe emporgestiegen und seicht.

Robert Musil, Nachlass zu Lebzeiten.

Ara

Nur ein Ara sein. Und an dem Schillern des Gefieders sich erfahren. Dieser Regenbogen stäubt über beigen Daunen in tausend changierenden Tönen auseinander. All diese Schwingen sein, an den Flanken vor Schönheit klaffen, es mit der Zeit aufnehmen, Auge in Auge, Blicke verkettend. Nur die wissenden Augen stehen zurück, lauern böse in den Höhlen, weil die Schönheit sie dorthin blendet. Singen. Sogar das Gehorchen, sogar gezähmt, sogar dressiert, erscheint als Herrschaft in dieser Pracht. Nur dieses Gefieder tragen. Nur eine Minute. Nur die Farbe in Vollkommenheit. Nicht frei, nur ein Ara sein. Nicht ein Vogel, nur die Hülle sein. Nicht sein, nur die Erscheinung.

Nur noch Plagiate und unauthentische Doktortitel? — Endlich!

Die Postmoderne — wenn es so etwas überhaupt gibt — schreibt man gerne den Geisteswissenschaften zu. Die Literaturtheoretiker mit ihrer Dekonstruktion oder dem New Historicism, die die Auflösung der authentischen Geschichte in Bruchstücke von bereits Geschriebenem erkannten. Oder die Philosophen, die aus diesem Zerbrechen jeder Authentizität, jeder ersten Natur, jeder Struktur — wie auch immer man es nennen mag — eine pluralistische Welt, mit verschiedenen Wahrheiten und Falschheiten, mit verschiedenen Wirklichkeiten bastelten.

Neuerdings stellt sich aber heraus, dass die Geisteswissenschaftler eigentlich hängen geblieben sind. Ihre Wissenschaft ist immer noch darum bemüht, Diskurse und Paradigmenwechsel zu entdecken, während andere Studiengänge offenbar die Postmoderne nicht mehr analysieren — sondern sie ausleben: Die Mediziner und Medizinhistoriker. Christoph Mörgerli gerät in Kritik, seine Doktoranden fremdsprachige Dissertationen vorgesetzt zu haben, die sie nur zu übersetzen brauchten.

Mit ihrer Transkription, die offenbar bei medizinischen Dissertationen Gang und Gäbe ist (wie der Tages-Anzeiger schreibt), beweisen sie erst, was Forschung eigentlich ist. Sie ist beileibe kein Fortschritt im eigentlichen Sinn, sondern das ewige Durchwälzen der immer gleichen Erkenntnisse. Es wäre nicht unvorstellbar, dass Christoph Mörgeli aus seiner ominösen »Schublade« einem Doktoranden einmal einen italienischen Text zur Übersetzung vorlegt, die selbst eigentlich nur eine Transkription aus der deutschen Sprache ist. Also etwa das, was passiert, wenn man mit Google Translator Texte hin- und herübersetzt. Texte werden nur noch übersetzt. Aber nicht im Versuch, etwas zu verstehen, weil Texte ohnehin nicht verstanden werden können, sondern nur um mit ihnen irgendwie umzugehen. Man kann Texte ja nicht lesen, weil sie gar nicht gelesen oder verstanden werden wollen. Auch medizinische Texte wollen nicht verstanden werden. Auch Dissertationen. Und zeigen die rapide auftauchenden Fälle von Plagiate nicht, dass wir längst an diesem Punkt angekommen sind, dass wir es nur noch nicht akzeptiert haben? Sloterdjik könnte es verstanden haben.

Die Mediziner zeigen damit ganz konkret, was ein Nicht-Akademiker von allen Wissenschaftlern längst vermutet: Dass jene nur Texte über Texte schreiben und sich nur Gedanken über Gedanken machen. Damit haben sie nämlich völlig recht, nur vergessen das viele Akademiker. Es ist allerdings, das wissen hingegen die wenigstens, nichts Schlechtes. Es ist eben die Postmoderne. Und die Mediziner führen die Postmoderne sozusagen bei ihrer Doktorarbeit performativ aus. Das ist viel angemessener, als so zu tun, als könne man von oben herab auf die Postmoderne blicken, als würde man trotzdem heute noch »Erkenntnisse« finden können, obwohl wir längst eines besseren belehrt werden.

Wir alle müssen von Christoph Mörgeli lernen. Und in 50 Jahren werden wir in den Literaturseminaren die Weltliteratur nur noch nach dem Hin- und Herübersetzen aus Google Translator interpretieren. Wie? Aber natürlich freue ich mich darauf!

Macht Lyrik dick?

Sind Schönheitsoperationen kreditwürdig? Haben Videospiele ein zu emanzipiertes Frauenbild? Kann man Juckreiz verdienen? Wer kann Zufälle verantworten? Schadet die Gesundheit dem Rauchen? Sind Autos zu langsam? Wieso kann man Erkenntnisse nicht vermieten? Ist Singen eigentlich Bronze? Wer verschweigt mir etwas? Bezeichnet ein „Geheimnis“ die private Angelegenheit oder das Erzählen dieser Angelegenheit? Lieben Menschen zu viel? Darf man Berufungen künden? Machen künstliche Befruchtungen frigide? Kann man Dankbarkeit teilen? Habe ich Zeit für Ungeduld? Fressen Geschichten ihre Helden? Hören wir gerne Ratschläge? Muntern manche Werbeprospekte auf? Ist Einkaufen gefährlich? Darf man Demokratie hassen? Ist es im allgemeinen zu befürworten, laut mit sich selber zu reden? Kommt Hochmut vor dem Fall oder folgt der Fall auch zwingend auf den Hochmut? Wovor ekeln sich Schnecken? Haben wir zu selten Hunger? Welches ästhetische Befinden haben Nacktmulle? Lesen die Menschen zu viele Bücher? Ist Natur klimaneutral? Vermissen wir die Mumifizierung in unserer Gesellschaft? Warum werden Kunden nicht gekrönt? Darf man wegen Kunst kotzen? Und wenn man sich falsche Hoffnungen machen kann, was ist eine richtige Hoffnung?

Zentripetalkraft

Das Pony kann hier nicht weiter. Es ist an der Leine angebunden und kreist um das Scharnier am Boden, an dem sie festgebunden ist, tatenlos herum. Es scheint fast, als könne es hier nicht weg. Es schaut die Vorbeiziehenden an, klappt die Ohren in Richtung der sanften Musik, die aus der Ferne zu ihm dringt. Sein Blick glimmt, als möchte es nachschauen, worum es sich handelt. Nur ungerne bleibt es stehen, wo es ist. Doch weshalb zerrt es nicht am Seil? Manchmal spannt sich die Leine ein wenig, die von den Zügeln am Mund bis zum Scharnier reicht. Sie spannt sich nie ganz durch, sondern nur bis zu scheinbarem, ersten Druck. Sofort lässt das Pony ab, dreht den Kopf wieder gegen die Mitte und das Seil lockert sich. Genaugenommen ist es wohl gar nicht angebunden, denn es zerrt nicht am Seil, die Leine singt nicht, während das Pony mit aller Kraft daran reisst. Natürlich musste es lange Anpassung davon abhalten, wie ein wildes Tier dagegen zu rebellieren, es ist ohnehin zwecklos. Obwohl das Pony den Druck selbst bestimmen kann und er nicht heftiger als ein lässiges Lehnen gegen die Wand sein muss, scheint es sich vor ihm zu fürchten. Weil es dieses Durchstrecken konsequent vermeidet, büsst das Pony einen grossen Teil seines Umkreisradius ein. Es scheint so noch stärker gefangen, weil die Schritte um das Scharnier am Boden noch enger gesetzt sind. Der Platz, der ihm für sein Kreisen bleibt, ist dadurch stark zusammengeschrumpft. Das Tier wird durch die Furcht vor dem Spüren der Leine scheinbar stärker gefangen, enger gefesselt.
Aber schau, es ist ja gar nicht gefangen. Die Leine bindet das Pony nicht zurück. Sie verhindert nie gewaltsam sein Fortkommen. Die Leine verhindert nichts, ist auch gar keine. Sie ist ja auch ein wenig Pony.

Eine Kritik

Man bittet dich darum, dass du dich an die Wand stellst. Und man bittet dich darum, dass du dich umdrehst. Du weisst aber nicht, ob es eine Bitte ist. Dann stellst du dich an die Wand, willst noch einen Blick auf das erhaschen, von dem man dich entfernen will, doch du weisst nicht, wohin du schauen sollst. Dann drehst du dich halt doch um und du siehst die Risse in der Mauer. Du hoffst auf weitere Erklärungen, aber etwas sagt dir, dass du damit nicht zu rechnen hast. Du erwartest Anweisungen. Du wartest darauf, dass man dir etwas befiehlt. Du wartest darauf, dass etwas Schlimmes passiert, denn du bist nun einmal in etwas hineingeraten. Du spürst, dass du in etwas hineingeraten bist. Du glaubst, das habe etwas zu bedeuten. Du ziehst den Rücken ein, weil du denkst, dass dir jetzt jemand auf den Rücken schlägt — gegen jedes Recht, aber das passiert und es ist nicht unwahrscheinlich in deiner Lage. Du starrst diesen Riss vor dir in der weissen Wand an. Es ist kein hässlicher Riss. Er zieht sich so sachte dahin über die Farbe und unter die Farbe und ein Dunkel schimmert darunter hervor und du drückst die Augen zusammen, um besser hineinsehen zu können, vielleicht erhoffst du einen Wicht zu entdecken, oder ausströmenden Dampf, und du drückst die Augen zusammen, weil du die Schläge erwartest, oder harte Finger, die deinen Rücken mit klopfenden Händen abtasten. Doch es passiert nichts, du hörst keine Anweisungen. Aber sie setzen dir jetzt dein Vergehen auseinander. Du weisst aber nicht, ob es ein Auseinandersetzen ist. Sie sagen, was du falsch gemacht hast, und es stimmt. Du hast es falsch gemacht. Du hast dort gesündigt und dich da vergangen, doch du musst lächeln. Es sind die Sachen, die man immer macht, die jeder einmal macht, da und dort zu sündigen. Man macht es ja ohne eigenes Dazutun. Und es wird eigentlich nicht schlimmer dadurch, dass es dir jemand vorsagt, während du an der Wand stehst, was ja erstaunlich genug ist.
Doch dann stellt man dir ein Glas auf den Kopf. Du weisst aber nicht, ob es ein Glas ist. Es ist schwer und taumelt keck auf deiner Schädeldecke, es ist schwer, wahrscheinlich gefüllt. Ist es mit Säure gefüllt? Wohl kaum, aber es könnte sein. Es ist nicht unwahrscheinlich in deiner Lage. Sie haben dir also ein volles Glas auf den Kopf gesetzt und du versuchst, es zu balancieren. Das ist schwer, weil du dich nicht von der Wand wegdrehen darfst, und du konzentrierst dich auf den hübschen Riss in der Wand, du versenkst dich in diese Wand, aber nur eigentlich um wegzusehen. Du bist dir nicht einmal sicher, was du mit dem Glas da oben machen sollst. Sollst du es tragen? Bis wann? Wäre es schlimm, wenn etwas ausgeschüttet würde? Musst du es tragen, während du an der Wand stehst, oder sind das zwei ganz verschiedene Dinge? Musst du es tragen wegen deiner Vergehen?
Du denkst nach und fragst: “Wieso muss ich dieses Glas tragen?” Aber es ist niemand mehr da ausser dir. Die Frage schallt von der Wand zurück zu deinem Ohr. Das Schrecklichste ist passiert: Man hat es dir überlassen. Du hast dir das Glas auf den Kopf gesetzt, verursacht durch irgendeine nebensächliche, vergangene Handlung. Und du stehst da und du bekommst plötzlich Angst. Nicht, weil du doch glaubst, es sei Säure im Glas oder die Ankläger kämen zurück (du weisst, sie kommen nicht mehr). Sondern weil alles dir überlassen ist und alles ist sehr viel. Du kannst das Glas jetzt wegnehmen, aber was machst du dann damit? Es zu Boden stellen? Es ausleeren? Es austrinken? Es hinschmeissen? Es könnte auch alles ganz anders sein, es könnte das Letzte sein, an das du dich halten kannst. Wut, Ärger und Scham überkommen dich. Andere haben dir die Aufgabe auferlegt und jetzt ist es deine eigene: Das Elend ist deine eigene Schuld geworden. Sie tun, als wäre es deine Sache, wenn du sündigst, dann stellen sie dir das Glas auf den Kopf — und danach soll wieder alles deine Sache sein? Und das ist dann so ein langer Moment, der noch einmal verlängert ist, in der Sekunde das Nachdenkens. Und du denkst, ist das jetzt der Moment, das Glas herunterzunehmen?, aber die eigentlich Frage ist: Weshalb hast du dich zur Wand gedreht? Oder vielleicht ist die eigentliche Frage eine ganz andere. Du weisst es nicht, du weisst nicht einmal, ob es eine Frage gibt. Du hast dieses Glas zu tragen. Das ist ein langer Moment, in dem alles Platz hat und in dem du dich diesen Platz ausfüllen spürst und zugleich merkst, dass du nicht dazu gemacht bist.
Das ist dann eine Kritik.

Dafürhalten

So wie mein Vorgänger hielt ich die Tür für die Nächsten auf. Doch der Folgende liess sie ungestört hinter sich zufallen — ein stummes Raunen ging durch die Umstehenden — und machte ein Gesicht dazu, als hätte er lange erwogene und indiskutable Gründe zu dieser Verweigerung. Und das war dann auch wieder ganz okay so.

Schlechte Argumente gegen die 1:12-Initiative

Heute wurde die 1:12-Initiative im Nationalrat behandelt und abgelehnt. Die Diskussion dauerte mehrere Stunden und 36 angemeldete Redner und Rednerinnen kamen zu Wort.
Offenbar ist die Initiative mit einem fulminanten Start aufs Parkett getreten. Damit aber auch der Shitstorm.
Obwohl ich keineswegs mit allen staatlichen Beschränkungen sympathisiere, halte ich diese Initiative für das bisher spektakulärste Mittel, die Wirtschaft zu verbessern. Es ist ein Mechanismus, der sich von anderen Regulierungen wesentlich und bemerkenswert unterscheidet.

Um den Shitstorm ein wenig zu säubern, habe ich einige schlechte Argumente der Gegner aufgelistet und bin gerne bereit, danach besonnen und kritisch weiter zu argumentieren. Ich bin nicht auf meine Meinung eingeschossen, sondern interessiere mich für die besten Argumente.

  • 1:12 schadet der Wirtschaft. Mitnichten, eine grössere Verteilung nach unten führt zu einem höheren BIP. Das ist einfach zu erklären und bedarf hier keiner grossen Aufmerksamkeit: Weniger Verdienende haben eine tiefere Sparquote, konsumieren mehr und das Geld fliesst direkt in private Investitionen.
    Eine besser verdienende Unterschicht steigert die Produktivät ausserdem auf weiteren Wegen. Sie wird akkumuliertes Geld eher investieren, sie kann Schulden besser begleichen, die höhere Fluktuation ermöglicht einen flexibleren Arbeitsmarkt, das Bildungsniveau steigt und sie bezahlt mehr Mehrwertsteuern.
  • 1:12 schadet auch kleinen Familienbetriebe. Das ist das typische FDP-Argument, ein mit halbherzigem Wirtschaftssinn ummantelter Patriotismus. Die Initiative beschränkt die Leitung „kleiner Familienunternehmen“ auf einen Minimallohn von 576’000 Franken, ganz anständig, wenn man dabei bedenkt, dass die Vermögenswerte des Unternehmens noch nicht inbegriffen sind und die Angestellten dieser Firma lächerlich unterbezahlt sind. – Ganz davon abgesehen gibt es wohl keine KMU, die die Lohnspanne 1:12 nicht bereits einhalten! Der JUSO-Politiker Marco Kistler wartet noch immer auf jemanden, der ihm ein betroffenes KMU nennen kann.
  • 1:12 verhindert zwar Lohnexzesse. Das erledigen aber andere Vorstösse besser. Erstaunlicherweise finden das ja alle super. Linke wie Rechte sind ausnahmlos gegen Lohnexzesse. Die Initiative geht jedoch nicht darum, Lohnexzesse zu unterbinden. Es geht überhaupt nicht darum, dass jemand nicht Kapital akkumulieren dürfe. Ich sage: Lohnexzesse sind grossartig! Sie gehören zu unserem Narrativ des wirtschaftlich freien Menschen. Die Initiative ist deshalb auch keine absolute Beschränkung, sondern eine relative (das überfordert leider Linke und Rechte gleichermassen).
    Das bedeutet, Menschen, die ein gutes Unternehmen leiten, sollen ein hohes Salär verdienen. Ein gutes Unternehmen sollte sich aber nicht nur nach dem Umsatz, den Aktiva oder dem Aktienkurs berechnen (es ist eine unstreitbare Tatsache, dass es ein gültiges Bewertungskriterium für ein „erfolgreiches Unternehmen“ nicht gibt), ein Unternehmen hat erst nachhaltigen, überzeugenden Erfolg, wenn es fähig ist, seine Mitarbeiter besser zu bezahlen als die Konkurrenz.
    Wessen Firma so weit ist, darf sich problemlos einen höheren Lohn auszahlen lassen. Und diese Verteilung ist nicht etwa unlukrativ: Man braucht den Lohn des tiefen Personals lediglich um einen Franken zu erhöhen, um dem Bestverdienendsten zwölf Franken mehr bezahlen zu können.
    1:12 ist also nicht das beste Mittel gegen Lohnexzesse. Das liegt daran, dass sie diese
    überhaupt nicht tangiert! Kapitalakkumulation ist eine gute Sache. Die Initiative sorgt nur dafür, dass die Akkumulation in gute Hände gelangt.
  • Regulierungen sind überhaupt schlecht für die Wirtschaft. Das hat noch nie jemand ausser Politikern behauptet. Die Wirtschaftswissenschafter sagen seit Jahrzehnten das Gegenteil und doch hört niemand zu. Überhaupt ist es bedauernswert, dass gerade im Laienbereich der Wirtschaft eine scheinheilige „Weitsichtigkeit“ besteht – jeder denkt einen Schritt weiter, aber bleibt dort stehen. Daraus resultiert nämlich das nächste Argument.
  • 1:12 vertreibt reiche Unternehmen, Steuereinnahmen verschwinden. Es wird Zeit zu akzeptieren, dass das kein so schlaues Argument ist, wie man immer geglaubt hat. Es ist gerade nicht „Weitsicht“ zu denken: Verzichten wir auf härtere Auflagen, denn dann werden wir später mehr Steuern einnehmen. Das hat nichts mit Nachhaltigkeit oder Sicherheit zu tun. Erstens sind Steuern nicht das Geld der Bevölkerung – Steuern sind Investitionen, die genau dazu da sind, Auflagen zu machen, nicht etwa mehr Steuern zu generieren (der Staat ist keine Firma im herkömmlichen Sinn). Zweitens wandern keine grossen Unternehmen ab, wenn sie nicht ohnehin von den Standortfaktoren einer Alternative überzeugt sind – noch nie gab es einen Unternehmensexodus, weil Regulierungen geschaffen wurden. Wenn man es so bedenkt…: Es wird endlich einmal Zeit, das Szenario auszuprobieren. Bis jetzt hat es noch nie dergleichen Erfahrungen gegeben und es wird sich mit Sicherheit herausstellen, dass das Argument völlig übertrieben ist. Mit Sicherheit.
  • 1:12 zerstört Arbeitsplätze. Ääääähm, nein? 1:12 vernichtet keine Unternehmen (welches Unternehmen würde sich lieber auflösen als einen ausgleichenden Massstab anzusetzen?) und natürlich keine Arbeitsplätze. Die allermeisten anständigen Unternehmen, wie auch etwa der Schweizer Staat, erfüllen dieses Kriterium übrigens schon längst und haben trotzdem saubere Klos.
  • 1:12 betrifft nur wenige Unternehmen. Das ist richtig, aber es ist ein grosses Zeichen für die Wirtschaft – der erste Mechanismus, der nichts zerstört, weder Überschüsse noch Mängel generiert. Und – unter uns – ist das wirklich ein Argument dagegen?
  • 1:12 kann nicht sachlich behandelt werden. Neid und Eifersucht dominieren den Gedanken dahinter. Gegen Emotionen zu argumentieren (und das sag ich auch der Linken, die immer die Verängstigungen von rechter Seite kritisiert), ist nie der richtige Weg. Aber die 1:12-Initiative ist garantiert keine Frage des Neides. Es geht nicht darum, jemandem zu schaden: Die Initiative fördert lediglich jene, die zu unterst für erfolgreiche Firmen arbeiten und dafür nicht entschädigt werden. Was ist daran eigentlich neidisch?
  • 1:12 bestraft Menschen, die wirklich mehr als 12 mal mehr verdient hätten als andere. Interessantes Argument, das kann tatsächlich zutreffen. Ich kram dazu mal Hamlet hervor:

Polonius: My lord, I will use them according to their desert [Verdienst].
Hamlet: God’s bodkin, man, much better. Use every man after his desert, and who shall scape whipping?

  • 1:12 bringt nichts. Die Firmen werden sich aufteilen, um den Auflagen zu entgehen. Die Initiative verlangt die Ausarbeitung von Experten im Parlament, um dieses Problem zu lösen. Es liegt nicht im Rahmen der Möglichkeiten, alle diese Lösungsvorschläge differenziert im ganzen Volk zu behandeln. Das bringt auch den Vorteil, dass flexibel auf listige Unternehmen reagiert werden kann.
  • 1:12 bringt nichts. Reiche Mitarbeiter können sich auch anders als mit Geld bezahlen lassen. Die Initiative schliesst auch andere materiellen Vergütungen ein, damit diese nicht umgangen werden können.