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Monat: Juni, 2012

Snippet aus dem neuen Roman

Wenn ich zur Zeit wenig blogge, so liegt es einerseits daran, dass ich mit den Uniprüfungen und einem Aushilfsjob einiges um die Ohren habe. Andererseits schreibe ich doch, aber nicht hier.
Im Moment arbeite ich an einem neuen, relativ jungen Roman-Projekt. Es befindet sich noch in frühem Stadium, aber irgendwie macht es wohl Sinn, meine wenigen Followers darüber auf dem Laufenden zu halten. Hier kann, wer will, eine kleine Vorschau lesen. Und vielleicht erraten, worum es geht?

Dann sah er hoch. Auf einer riesigen Säule, die ohne die geringste Verzierung auskam, thronten Augenbrauen. Oder eine fliegende Möwe. Oder ein geschwungenes M. Es leuchtete in strahlendem Gelb von oben herab. Unter ihm war ein beleuchtetes Gebäude, in dem trotz der späten Nacht geschäftiges Treiben herrschte. Junge Menschen schienen sich darin aufzuhalten.
Marx beschloss, sich näher heranzuschleichen. Bald konnte er die Ausstattung des Gebäudes erkennen. Räder und Sattel waren an den Wänden zur Zier aufgehängt und alles mit Holz ausgekleidet. An kleinen Tischen sassen Menschen und gruben aus Papierschachteln ihre Esswaren. An einer Kasse wurden Halbstarke bedient. Riesige Bilder von Mahlzeiten prangten über den Verkäufern, die eine Arbeitsuniform trugen, und dem Ökonomen wurde plötzlich bewusst, dass er seit langem nichts gegessen hatte. Mit dem bedienten Tresen und den Tischen kam es ihm vor wie eine Mischung aus Metzgerei und Restaurant.
Er erkannte, dass es keinen Sinn hatte, hineinzugehen. Er besass die gültige Währung vermutlich nicht. Ausserdem wäre er sehr auffällig gewesen mit seinen Kleidern und seinem verständnislosen Blick und irgendetwas riet ihm, im Moment nicht zu auffällig zu sein.
Als er noch in diesen Gedanken versunken war, schwang plötzlich die Tür auf und mehrere Jugendliche stürmten lachend heraus.
Sie wollten schon an ihm vorübergehen, als einer von ihnen ihm einen prüfenden Blick zuwarf und sich ein wenig für ihn erwärmte. „Hey altä. Willsch en Burger?“ Er streckte ihm eine Papierschachtel entgegen, die Marx annahm.
„Dankeschön“, erwiderte er.
„Bitteschön“, höhnte der junge Mann, sein steifes Hochdeutsch nachäffend, spuckte zu Boden und folgte seinen Kameraden.
Marx setzte sich auf ein kleines Mäuerchen in der Nähe und nahm die Schachtel auf den Schoss. Sie war mit grellen Farben bemalt. Als er sie öffnete, schlug ihm ein angenehmer Geruch entgegen. Er besah sich den Inhalt und nahm den Big Mac in die Hände, wo er ihn hin und her drehte. Es schien Fleisch und Brot zu beinhalten, wobei das Fleisch vom Brot umgeben war, geradezu dialektisch: These – Brot mit Sesamkörnern, Antithese – Brotboden ohne Sesam, Synthese – Fleisch.
Er zuckte mit den Achseln und biss kräftig hinein, während er an die preussischen Leberwürste dachte, die er so sehr vermisste, obwohl Lehnchen und Jenny sich grosse Mühe gaben, die Rezepte in London so gut wie möglich nachzustellen. Aber eine deutsche Leberwurst war eben eine deutsche Leberwurst, da war nicht viel zu machen, erstrecht nicht aus den nach Vergammeltem schmeckenden sausages die in den Londoner Strassen verkauft wurden.
Er fand es nicht schlecht. Offenbar waren noch weitere essbare Teile zwischen den Brötern versteckt. Etwas, das ähnlich schmeckte wie Gemüse. Es war um Meilen besser als die sausages, ja, geradezu delikat. Er verschlang gleich den ganzen Burger und rülpste leise.
Allerdings natürlich kein Vergleich zu den preussischen Leberwürsten, aber wer hätte das auch bezweifelt?

What Would Freud Do?

Heute Nacht träumte mir ein Elend. Ich weiss nicht mehr genau, was passiert war. Wohl kaum sehr viel. Als ich mein Smartphone hervornahm, musste ich festsellen, dass es vollkommen zerkratzt war. Ich bemerkte einen Schlüsselbund im Hosensack, wo ich es drin aufbewahrt hatte und ärgerte und schämte mich. Es war anders, besser als meines, aber das beirrte mich nicht und ich war überzeugt, dass ich es erst seit einer Woche besass.
Ein zerkratztes Smartphone. Was hätte Freud dazu gesagt?

(gebloggt mit meinem heilen echten Smartphone)

An Awesome Wave von Alt-J ∆

Das ist endlich wieder eine Band, die es sich mit meinem herzlichsten Wohlwollen gemütlich macht in meinem iPod.
Der Hype, der um das Album gemacht wurde und wird, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das hier ganz grosse Klasse ist.

Wie emphatisch der Text von der Musik umschlungen ist, macht jeden Satz zu einem nachdrücklichen, gänsehauterzeugenden Drängen. Der Sänger hat eine Stimme, die eigentlich völlig lächerlich klingt, doch so facettenreich ist, dass sie Ungeahntes verspricht und Ungehörtes zum Klingen bringt.
Alt-J bildet somit das Gegenstück zu den (immer noch, was will man machen, man muss ehrlich sein) grossartigen Arctic Monkeys, deren Texte eher die Musik umgreifen: Hier wird anders der Text von der Musik umschlungen und wird selbst musikalisch. Seine Musikalität wird viel wichtiger als seine Bedeutung. (Was zum Teufel soll der erste Satz dieses Lieds überhaupt heissen??? Egal, es klingt genial. Die Kommentatoren des Youtubevideos wissen es wohl auch nicht.)
Und doch scheint schon lange nicht mehr so viel Gefühl in neuer Musik gesteckt zu haben.

Grosses Empfehlungsschreiben!

Die Entrüstung

Im Zugabteil stanks.
Eine Alte, von Thon-Sandwich Geschwängerte,
frönte im Abteil
ihrer Leibspeise.
Meine Freundin fragt
„Anna, du…
ist es denn nicht so…?“
und sucht mit den Augen
nach dem Wort im Zug,
das im späten Verkehr
des Feierabends augenscheinlich
nicht zu finden schien
gestattet. Die Gerüche verschlossen
ihr die Glotta und sie begann von Neuem
„Du, Anna…
ist es denn, also,
ist es denn nicht so…?“
Und so zügig wie fahrig fuhr sie
straffend durch das Haar, um die
Schuppen des Satzes, jene Ab-
blätternden, aus dem Gestrüpp zu
knaubeln. Doch auch dies war,
so schien es dem armen Mädchen,
ihr verwehrt, denn
als ich sie, mit der Müdigkeit
des Tages in die Stirn gezogen, fragte
und mit Geduld, da fuhr sie fort,
und begann, von Eigensinn gedrängt und
in einen Anflug von Verzweiflung
schon getünkt, von neuem ihren Satz:
„Anna, aber…
ist es denn nicht so…?“
„Wie?“, fragte ich und wischte das Display
meines Handys vom Setzen manchen Staubkorns sauber.
„…Ich hab vergessen…,
was ich eben sagen wollte.“
Und der Entrüstung wich aus
ihrem Blick das Unentscheidbare.
Eine bedauernswerte Selbstbeschämung
strafte sie damit, aus dem Fenster zu sehen,
wo bloss die Nacht dahinzog ohne
Unterbruch und Lichter eines noch so
verlassenen und verdorbenen Ört-
chens, wie nirgends
auf der Erde.

Marcel Proust hat etwas begriffen.

Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Jetzt nicht mehr, so habe ich mehr vom Tag und erfahre endlich, wie die Spielfilme ausgehen.