Robert Walser

von Cedric Weidmann

Dieses mit den Eheleuten ist folgendes gewesen: Der Mann, ein junger, wie es auf den ersten Blick schien, gediegener Herr, war ein gewisser Peter gewesen. Er warf sich in die Beschäftigung des Ankleidens, worin er sich ausserordentlich tief versenken konnte. Vor ihm hing ein Spiegel, dessen hübsche Rahmung, und sorgfältige, ihm ein nicht wegzuredendes Unbehagen einflösste. Der Gespiegelte konnte, wie es den Anschein machte, bei der Wichtigtuerei seines Spiegels fast nur einen Knicks machen, bevor er sich ansehen durfte. Da war ja auch etwas Ungehobeltes nicht zu leugnen, so tief in eine einzige Öffnung zu starren als blickte man mitten durch zwei Augen in die wahrhaft ergötzendste Seele hinab. Den Hut setzte er auf und er sprang, mit ungeahnten Riesenschritten die schwindelnde Treppe befallend, begreiflicherweise sofort ins Freie. Dort schien nämlich die Sonne herzhaft und tauchte alles in ein Lachen und ein Liebkosen, dass die blühenden Äste erzitterten. Ach, Frühling, was ist das für eine Jahreszeit! dachte Peter und ging sofort an die Arbeit, denn es gab noch viel zu tun. Unterwegs zur Post, um wichtige Bestellungen von einem grossen Internetverteiler entgegen zu nehmen, betrachtete er die lichtübergossenen Felder und achte und hachte mit der rührenden Schulterbewegung, die ihm eigen war. Er rauchte ein paar prächtige Zigarren während dem lockeren Gehen und tauchte in die feinen Flügelschläge ein, die die warme Luft auf seine Nasenspitze tupfte. Wir sollten dankbar sein, dachte Peter, für diese Erscheinung. Es gab nun tatsächlich keinen Grund, nicht jeden Tag in die Knie zu sinken vor Andacht, bei dem ungebrochenen Flattern der weissen Schmetterlinge. Wir sollten überhaupt dankbarer sein, den Frühling kann man ja auch nicht einfach so, ohne das Anschauen übergehen, das macht ihn verdrossen.
Nach der Paketabholung setzte er sich in die Schenke „Segelhaus“, um sich die Kehle nur ein wenig zu befeuchten, da ja auch der Tag geradezu danach gerufen hatte. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn zu Hause arbeitete seine Frau Anja. Aber auch das gehört zur Arbeit, dass man manchmal ein wenig sich die Zeit nimmt und der Frau zeigt, wo sie zu Hause sein darf. Dieses Überwachtwerden ist ja eigentlich immer ein, das ist ganz leicht zu beweisen, Beleidigung-Hervorbringendes. Das kann nun niemand verhindern, dass diese junge Frau auch einmal böse wird, wenn man immer „herumlungert“ und sich zu langsam durch die Zimmer „bewegt“. Und trinken, ein bisschen trinken! Er tut es ja nicht ohne schlechtes Gewissen, das weiss seine Frau, die weiss das nun auch von innen heraus, ohne dass man es ihr von aussen, zehenspitzelnd nach unten herab gesagt hätte. Überhaupt hätte es zu so einer eleganten Frau nicht gepasst, etwas von oben herab auf sie drauf zu sagen, die hätte den Kopf in den Nacken geworfen und zurückgeschnaubt, dass die Augenhöhe wieder hergerichtet gewesen wäre.
Entzückt erblickte Peter seine Frau im Garten, als sie hinter der Villa Abendstern durch den Garten spazierte, von wo man auf Bärenswil und den See den viel gerühmten, wunderbarsten Blick hatte. Peter liess sich auf die Veranda in seinen Arbeitsstuhl, man möchte sagen, plumpsen. Übrigens eine höchst nützliche Erfindung, die er selbst verarbeitet hatte, ein Stuhl, den man mit wenigen Handgriffen, in der rechten Art angewandt, zu einem Lesesessel verwandeln konnte.
Nach einigen Minuten begann sich Anjas Wanderung plötzlich in die Höhe zu erheben, obwohl zu einer Steigung freilich kein Anlass war. Es dünkte ihn seltsam und die junge Frau schrie erschrocken und doch ob der Aufmerksamkeit ein wenig stolz und verlegen zu dem runden Teller auf, der sie von oben heraufsog. Ein Glanz legte sich inmitten des sommerlichsten Tages auf sie, Peter dünkte es, als hätte einer die elektrische Lampe in einen Kerzenschein gezündet und in der Mitte dieses Kegels befand sich, wie zufällig da hingeraten, seine Frau. Man hätte, wenn sich einer auf seine dunkle Vorstellungskraft hätte versteifen wollen, sagen können, dass es sich um Bewohner eines für ein normales Nachdenken nicht verkraftbar weit entfernten Ortes handelte, die Anja zu Zwecken einer Untersuchung, gewissermassen als Erinnerungsstück oder aus anderen, Peter völlig unbekannten Gründen, in ihr Gefährt tragen wollten.
Natürlich tat Peter was in so einem Moment die Männlichkeit verlangte. Er sprang heftig auf und warf seinen Arbeitsstuhl um und schmiss, in einer so heftigen Bewegung, dass ihm für einige Sekunden die Luft ausging, die Zigarre auf den Boden. Mit wutentbrannten Schritten hetzte er auf seine Frau zu, doch als er die Stelle, an der sie hätte sein sollen, erreichte, war sie bereits aus der Reichweite seiner Arme herausgehoben. Er konnte noch neben sich, als wäre es ein eingeladener Gast, einen Ausserirdischen sehen, der ihn anwinkte, mit einer Hand, die von Grünem nur so überwaschen war, in der Luft. Sein Gesicht war nun gerade nicht eine Schönheit, aber Peter hatte dazu auch gar keine Meinung zu pflegen, denn seine Frau bedurfte nun grösserer Aufmerksamkeit. „Komm herunter!“ machte er mit der nach ihr ausgreifenden Hand.
„Aber, Peter, mein lieber Peter, ich kann doch nicht!“
„So komm doch.“
„Ich gehe Peter, so begreif es, mein lieber Mann, achte auf den Garten, gib dir Mühe, sorge um den Haushalt, es ist doch wichtig, dass alles so bleibt wie es ist. Ich habe aber doch, nun“, sie war nun bald verschwunden, „ich fürchte mich, Peter.“
„Keine Angst! Es wird dir doch bestimmt auch dort gut gehen, ich hoffe es und wünsche es, und weiss es beinahe. Ich werde dich holen, Anja, es koste, was es mich kosten muss.“
Und mit diesen Worten ging er zielstrebig ins Haus und wartete dort ein wenig im Kreis. Das heisst, er blickte für einige Sekunden nachdenklich in eine andere Richtung, was ihm aber nicht die gewünschten Einfälle erbrachte.

Nun war es Herbst geworden und die Zeit, seit Anja verloren gegangen war, hatte sich gerade so mühsam dahingeschlichen. Ohne die wenigen Ausflüge ins Segelhaus, die er aus einer natürlichen und tatsächlich ein wenig unangenehmen Menschenliebe sich nicht vergönnen konnte, hätte es Peter schwer gehabt. Und doch fand er dort die eigentümlichsten Freunde, mit denen er zusammen Jassen konnte und auch ein wenig die Gläser austrinken, jedoch hielt er inne, nach dem vierten oder fünften, und begab sich, mehr vernichtet als niedergeschlagen nach Hause. Hatte er das denn machen müssen, sich immer so den Kopf zu betäuben? Wo war er denn wieder mit sich selbst gewesen? Was hatte er denn gemacht, ist es das, was Anja von ihm verlangt hatte? Nein! fluchte er sich innerlich an. Nichts hatte er gemacht und nur an sich selbst gedacht. Doch damit würde es jetzt ein Ende haben. Er sprang fast, einem Pferd nicht so unähnlich wie man geglaubt hätte, die Treppe hinauf in den Turm, der erst kürzlich mit einem teuren Kupferdach ausgestattet worden war. Er stürzte, ja, man darf fast sagen, willentlich, aus dem Fenster, wodurch er versichert war, dass sein Kopf unangenehm zerschellen würde. Diese Aufschlagen, dieses in moralischen Dingen Sich-Dreckig-Machen vor der eigenen Haustür flösste ihm überraschendes Wohlbehagen ein, doch davon war am Ende nicht mehr viel zu spüren.


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