Robert Musil

von Cedric Weidmann

Von seinen Gedanken ermattet war Peter allein im Parke spazieren gegangen. Es war um die Abendzeit und das Zwielicht versenkte die Umgebung in graue Schatten. Er hatte über etwas Nebensächliches mit Anja gestritten und sie waren verärgert darüber gewesen, dass keiner von ihnen ihre Auseinandersetzung ernst genug nehmen konnte, um in vollblütigem Eifer Beleidigungen vorzubringen. Bittere Überraschung hatte ihn erfasst, als er zu begreifen begann, dass es Gegenstände gab, die nicht den Wert hatten, über sie in Streit zu verfallen. Denn der Liebe, so hatte er sie bis jetzt in seiner Erinnerung erkannt, war dieser Mangel an Zorn, die Unmöglichkeit der Ballung von tiefsten, menschlichen Erschütterungen auch über den unbelebtesten Gegenstand, von Natur aus fremd. Schockiert hatte er sich abgewandt und seine Frau mit der gleichen, schrecklichen Beobachtung allein gelassen. Von den Händen herauf schlich ihm eine wohltuende Wärme zum Kopf. In sein Erschrecken hatte sich soviel Erstaunen gemischt, dass es ihm entfernt und fremd vorkam. Es erschien ihm nun das Erschrecken eines Schauspielers, auf das er, der Zuschauer, durch die Ankündigung des Komplotts bereits lange vorbereitet worden war.
Freilich gab es in ihm noch ein Unbehagen, das sich auf nichts Bestimmtes richtete, aber das seine Hände, die in solchen Momenten über den Stoff seines Mantels streiften, nicht ruhen lassen konnte. Dennoch hatte sich ein Milderndes, ein verflüchtigendes Element darunter gemischt, das ihm die Vorahnung heiterer Wendungen in dem fast unecht gewordenen Gefühl vermuten liess. Aus dem Fenster gloste eine Lichtspiegelung, die ihn an etwas erinnerte …
Anja goss die Blumen auf dem Balkon, die sich in den ergrauten Umrissen wie dunkle, schattige, teuflische Gewächse herausnahmen… Ihre angestrengten Lippen waren bis zum Kräuseln gepresst, sie war einem Tieferen hingegeben, das sich weit hinter das Giessen der Pflanzen hinaus bohrte und doch ohne dieses unschuldige Giessen freilich nicht zu denken war. Er betrachtete ihre sanften, leicht geschlossenen Augen. Doch da bemerkte er – und es war ihm, als geschähe es zum ersten Male – wie seicht dieses Träumen doch immer auch war.
Es war wie ein Aufatmen. Nur schon das Vergessen, das jene träumenden Augen beim Aufblicken wieder durchzuckt, war eine sanfte Hand, die das Kind wieder vom schwindelnden Grat auf den Felspfad schob…..
Ein weit aufheulendes Geräusch liess Peter zusammenzucken. Er blickte in den Himmel empor. Geballte Häufchen von Sternen blinzelten aus dem verwaschenen Dunkel hinab und aus ihrer Mitte enthob sich, ruhelos schwebend wie an unsichtbaren Fäden, eine graue, gewaltige Maschine. In die Wollust jener vorangegangenen Betrachtung preschte mit hastiger Wucht die Panik. Seltsame Wesen entstiegen, von grünem Hauch des Giftigen umschleiert, dem Gerät. —-
Peter wollte aufschreien. Er erstarrte aber in der Handlung und seine Augen wanderten zu seiner Frau. Anja hatte ihren Blick gelöst von den Pflanzen und richtete sie auf die neben ihr hinabschwebenden Kreaturen. Ihr von vielen Muskeln umklammerter Mund bedeutete ahnungslose, haltlose Angst. Sie sah zu ihm hinab, doch Peter wusste nicht, was zu tun war. Blödsinnig umklammerte er mit den Händen seinen Mantel. Das Nachdenken brachte ihm keine Entscheidung. Es kam ihm in diesem Moment unendlich ironisch und lächerlich vor: Ihn fror…
Und – hier war es so weit – Anja wurde von den fremden Menschen gepackt. Und er war verstört, gefesselt, im Bann eines Besonderen so tief verwurzelt, dass er nichts tat. Doch diese Erklärung war eigentlich etwas Sekundäres; er sprach es sich im Nachhinein zu. Noch im Moment der Entführung kam ihm diese Wühlen ängstlicher Fassungslosigkeit gestellt vor und er hätte fast über sich gelacht, wenn er sich nur nicht vor dem eigenen Geräusch gefürchtet hätte. Eine Erregung, eine vom Ekel völlig verzauberte Aufmerksamkeit liess ihn keine Sekunde den Blick abwenden. Er fürchtete um Anja, aber umso mehr er sich fürchtete, desto grösser wurde ihm die Vorstellung der Mächtigkeit über den Augenblick, die Hilflosigkeit inmitten so grosser, eindringender, dampfender Gewalt, die sich nicht um die Regeln und Fesseln des Vorherrschenden bekümmerte, sondern in es hineinstach mit einer Zange und ein Unabdingbares entfernte. Ja, ein Widerwillen stieg in ihm auf, Schrecken zu empfinden gegenüber der lustvollen und doch auch so natürlichen Neigung, dieses Gesunde entfernen zu wollen. Die Gesundheit dieses flach atmenden, kaum beweglichen, in ständiger Kältestarre verharrenden Organismus, der die Welt in jenen Tagen für ihn darstellte, schien jedem Geheimnis, jedem kleinen Rütteln, das die täglichen Rätsel ins Leben hinein brachten, feind zu werden. Und die Lösung seines Geheimnisses, dem er sich jeden Tag stellte, dieses Ausfüllen der klaffenden Lücke, war ein Teil dieser Rätsel, die er mit dem Aufsteigen seiner Frau in ein Unbekanntes von Neuem wie ein wärmendes Feuer aufflackern spürte. Er fühlte ein übermütiges, kräftestrotzendes Ziehen in seinem Bauch.


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