Katastrophenhilfe

von Cedric Weidmann

Man könnte aufstehen, denke ich, und versuche es. Doch ein Betreuer hat es bemerkt und kommt auf mich zu. Er fasst mich an der Schulter und möchte mich, unter ständigem Zureden, wieder auf die Holzbank drücken, doch ich ziehe den linken Arm unwillkürlich in die Höhe, teils versuche ich so auf mich aufmerksam zu machen, teils wehre ich mich, denn der Griff der Betreuer lockert sich bei Widerstand schnell. Als sich die Möglichkeit ergibt, versuche ich durch die Lücke zwischen den drei Betreuern, die sich um mich herum versammeln, zu fliehen. Die anderen aber, als wüssten sie, was ich vorhabe, rücken so nah zusammen, dass sich ihre Schulter übereinander schieben und verhindern mein Fortkommen. »Weshalb wollen Sie denn aufstehen?«, fragen sie traurig und herablassend, wie man das Kind fragt, dem man die Träume von zukünftiger Berühmtheit sanft auszutreiben versucht.
»Ich möchte weg«, sage ich, »ich bin genug lange gesessen und benötige eure Hilfe nicht länger.«
»Du missverstehst unsere Hilfe«, sagt einer von ihnen, der sich zu mir hinabneigen muss, während seine beiden Kollegen mich auf die Bank zurückdrücken. »Unsere Arbeit ist nicht getan, wenn du genug lange gesessen bist. Wir müssen dich betreuen, bis du das Sitzen leid bist.«
»Aber ich bin das Sitzen ja leid. Ich kann nicht mehr, ich verspüre bereits die grössten Schmerzen.« Ich zeige dabei verbindlich auf eine Bank neben mir, wo jemand anderes sitzt. Der Mann, der vom langen Warten verkrümmt dasitzt, wirft mir einen bösen Blick zu, denn die Aufmerksamkeit der Betreuer richtet sich nun auch auf ihn und sie begeben sich in seine Nähe, um ihm auf die Schultern zu klopfen. Nachdem sie das Klopfen beendet haben, kehren sie zu mir zurück und beginnen meinen Kopf zu tätscheln. Ich schreie auf vor Schmerzen, denn die Stelle, die sie tätscheln, und jene auf dem Rücken, auf die sie freundschaftlich klopfen, sind aufgeraut. »Sehen Sie, Sie fühlen sich doch noch nicht wohl«, sagt ein Betreuer und lächelt mich an. »Sie sollten noch ein wenig sitzen und sich ausruhen.«
»Ich möchte aber nicht«, antworte ich. Mit einer neuerlichen Bestimmtheit sage ich: »Ich bin entlassen.«
Durch die Betreuer geht eine überraschte Bewegung. »Sie sind entlassen?«
»Richtig, man liess mich wissen, dass ich entlassen sei. Wenn Sie mich also bitte aufstehen lassen würden?«
Ich will mich schon erheben, als der redselige Betreuer näherkommt und sich hinunterbückt, um mein Aufstehen zu verhindern. »Wurden Sie denn verständigt? Oder nur davon unterrichtet?«, fragt er und fügt, mit Häme, an: »Oder hat man Sie in Kenntnis gesetzt?«
Ich antworte nicht gleich, weil mir die Frage irgendwie unzweckmässig erscheint, und ein anderer Betreuer fährt dazwischen: »Er wurde nur davon unterrichtet. Ich sehe es an seinem Gesicht.«
»Nein, nein. Sie liegen völlig falsch«, sage ich rasch, um dieser Finte zu entgehen. »Ich wurde verständigt.«
Ein anerkennendes Geräusch geht durch die Betreuer, die unsicher einen Schritt zurücktreten.
»Ich bitte nun um Entlassung und ein wenig Platz«, sage ich überzeugt und stehe rasch auf, damit man mich nicht wieder zum Niedersitzen nötigt. Die Betreuer, verwirrt durch das ungewohnte Verhalten, drehen sich von mir ab und wenden sich anderen Sitzenden in der Halle zu, die sie mit Schulterklopfen und Kopftätscheln pflegen. Ich versuche, die neugewonnene Freiheit zu nutzen, und laufe los. Doch meine Füsse erscheinen mir plötzlich unvorstellbar schwer und ich sehe auf sie hinab, als müsste ich ihren genauen Nutzen noch ermitteln. Dabei falle ich längs auf den Boden und stürze auf meinen Arm. Ich schreie laut auf, während mich die hinzueilenden Betreuer aufheben und zurück auf die Bank setzen. »Offensichtlich sind Sie verletzt oder psychisch angeschlagen«, erklärt mit gedehnter Stimme ein Betreuer, während ein zweiter mich bestimmt auf die Bank zurückdrückt. »Machen Sie sich keine Sorgen. Setzen Sie sich doch eine Weile hin, um sich zu erholen. Wir werden uns um Sie kümmern.«