Franz Kafka

von Cedric Weidmann

Es klopfte und erst nach einer Weile, in der P. damit beschäftigt war, seinen Hund von der ungünstigen Stelle in der Mitte des Ganges zu bewegen, öffnete sich die Tür. Es erschien ein Mann mit offensichtlich zweckdienlichem Anzug, denn er war mit verschiedenen Taschen und Knöpfen ausgestattet, was ihm den Eindruck von aussergewöhnlicher Nützlichkeit verlieh. »Was wünschen Sie?«, fragte P. über die Schwelle, während er seinen langen Oberköper, ohne von der Stelle zu treten, in regelmässiger Bewegung immer weiter nach draussen schob oder senkte, wie einen Minutenzeiger. »Man möchte mich bitte sofort einlassen.« P., dem durchaus kein Grund zur Verweigerung einfiel und dem es in der friedlichen Laune, in der er sich befand, nicht gelingen konnte, eine nebensächliche Ursache genug Ernst zu nehmen, um sie gegen den ungeladenen Besucher einzuwenden, gab nach und liess den Mann herein. Er stand auf seltsame Weise verbindlich hinter der Schwelle, so dass zwischen ihm und der Tür nur einige Fussbreit Platz blieb, als würde er das Haus gerne bald wieder verlassen, hätte aber dringende Angelegenheiten, die sich nicht beiseite schieben liessen. »Sie leben aber in einem eigenartigen Haus« sagte der Mann, während er sich den Regen vom Hut klopfte und sich langsam umsah. »In einem eigenartigen Haus?« »Hier hinten haben Sie ein Sofa, obwohl schon von weitem zu sehen ist, dass das Licht, das für dessen Benutzung zumindest förderlich wäre, vollkommen mangelt. Es ist nicht nur das fehlende Licht vom Fenster, von dem sie nur eines im ganzen Raum, undzwar gleich hier neben der Tür eingelassen, besitzen. Auch an eine Lampe haben sie völlig vergessen. Dann die Wand«, fuhr der Mann fort, während er P.s Hand anfasste, als würde er ihm eine erschreckende Botschaft überbringen und sein drohendes Zusammensacken verhindern wollen. »Sie ist völlig schräg.« »Schräg?« fragte P. und quietschte zu seiner Verärgerung dabei leicht. Wieso vermittelte es ihm auch diesen ärgerlichen Eindruck einer unheilvollen Verheissung? »Ja, vollkommen schräg.« Er machte einen Schritt zur Wand hin und hielt eine Hand weit über den Kopf ausgestreckt an die Tapete und klatschte die andere so weit wie möglich unten hin. Dies schien P. immer noch nicht so recht überzeugen zu wollen, aber der Anblick löste in ihm ein Unwohl-Sein aus, denn er sagte rasch: »Dann ist es eben ein eigenartiges Haus. Es wäre mir neu, dass das ein Verbrechen ist.« Der Mann, den P. wegen seiner Kleidung und der polternden Stimme für einen zivilen Soldaten oder Polizisten hielt, sah sich prüfend im Raum um, indem er sich wippend bewegte. Sein Blick schien dabei nicht sonderlich erfreut und er murmelte gequälte Sätze wie »Und der Verputz, ist es denn wahr?« Und »Kann es denn wirklich hier sein?« »Entschuldigung, suchen Sie etwas Bestimmtes?«, fragte P., bereits mit einigem Nachdruck, denn es stand ihm nun fest im Sinn, den unwillkommenen Gast wieder loszuwerden, und er schob einen Stuhl, den er mit sanfter Bewegung von der Wand zog, hinter den Besucher, so dass dieser sich setzen und seine Bewegung unterbrechen musste. Tatsächlich liess sich der Mann auf den Stuhl fallen, aber schüttelte weiterhin den Kopf. »Jetzt hören Sie« fing P. wieder an »es kann nicht sein, dass Sie mich mitten am Tag überfallen und meine Wohnung verschmutzen, ohne dass es dafür einen hinreichenden Anlass gibt.« »Oh, es gibt durchaus hinreichenden Anlass, ihre Frau — Anja, ist ihr Name?« Der Mann drückte sein linkes Auge fast zu, während er das sagte, und seine Stimme klang ganz so, als hätte er P. eine leichte, aber dennoch prüfende Rechenaufgabe gestellt. Infolgedessen wurde P. lächerlich nervös und es gelang ihm nicht zu bejahen. Er betrachtete es nämlich für unabdingbar, dass diese ordnungsgerechte Begegnung durch Ehrlichkeit und Augenzwinkern in einen Zustand der Normalität zurückgebracht würde. Stattdessen sagte er: »Ihr Name tut nichts zur Sache.« Der Mann presste seine Augen noch misstrauischer zusammen. P. kam es nun vor, als hätte er gelogen, denn er wusste von der Sache, von der er dabei gesprochen hatte, nicht das Geringste, konnte daher auch nicht behaupten, der Name seiner Frau hätte mit ihr nichts zu tun. »Ihre Frau wird zu Untersuchungszwecken von einem Interstellaren Schiff mitgenommen werden.« P. lachte laut auf. »Wieso lachen Sie denn?« »Ist es denn nicht zum Lachen?« »Ganz im Gegenteil«, antwortete der Mann und sah traurig zu Boden. Diese Reaktion behagte P. nicht. »Wieso Untersuchungszwecke?« »Nun, es scheint, sie habe vor einiger Zeit eine Einwilligungserklärung unterschrieben und abgegeben, die uns oder die jeweiligen Untersuchenden befugt, sie für derlei wissenschaftliche Experimente mitzunehmen.« Der Mann zog aus einer seiner zahlreichen Brusttaschen ein Papierstück hervor, das er auffaltete und hin und herschwenkte, als P. danach greifen wollte, zog er es sofort zurück und steckte es wieder ein. »Sie haben leider keine Einsichtsbefugnis, da sie zum Zeitpunkt der Einwillungserklärung Anja gar nicht gekannt haben. Und selbst wenn sie sie gekannt hätten, wäre eine solche Befugnis schwer zu erhalten. Es versteht sich wohl von selbst, dass ich ihnen eine solche nicht aus dem belanglosen Grund ihrer ungezügelten Neugierde einfach ausstellen kann. Persönlichkeitsrechte nehmen wir in der Regel sehr genau. Jetzt wäre es aber besser, sie würden ihre Frau holen und sie nach draussen führen.«
P., der über die Unsinnigkeit des ganzen Gesprächs den Kopf schüttelte und sich ärgerte, einen Geistesgestörten freimütig in die Wohnung gelassen zu haben, wusste nicht so recht, was er mit dieser plötzlichen Forderung anzufangen hatte und so neigte er sich wieder, wie ein Uhrzeiger, in kaum merklicher Bewegung nach vorne. Dies schien zu seiner grossen Freude den anderen in Bedrängnis zu bringen, denn er erhob sich flink vom Stuhl und räusperte sich. Von draussen hörte P. fremde, apparatartige Geräusche, die ihn verunsicherten. Um das Schiff mit eigenen Auge zu sehen, stand er an die dem Besucher als schräg aufgefallene Wand und sah durch das kleine Fenster nach draussen. Einige Meter über der Strasse schwebte ein riesiges Ding, das nicht aussah, als wäre es von Menschenhand verarbeitet worden. Es glänzte, wenn man es von der Seite betrachtete, und hatte genug Raum um eine handvoll Menschen zu bergen. P. wollte sich schon umdrehen, um etwas Beissendes auf die Umstände zu erwidern, doch der Mann stand unbewegt dort, als hätte er keine Zeit, ihm Gehör zu schenken, weshalb er es bleiben liess.
»Ich werde aber niemanden einlassen«, rief P. mit frischem Mut aus. »Wen sollten Sie denn einlassen?«, fragte der Mann und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er mochte ausgesprochen müde sein, denn er liess sich wieder auf den Sessel plumpsen und rührte sich nicht mehr. Seine Stimme klang kränklich, als hätte sie lange geschwiegen. »Die Höheren Beamten sind ja alle schon da.« Fast unmerklich verwies er auf den hinteren Teil des Zimmers, wo das Sofa stand. Tatsächlich erkannte P., als sein Blick dem Hinweis folgte, eine Ansammlung von Menschen, die so gross waren, dass sie nur gebückt in der Ecke stehen konnten. Sie hatten sich wohl bewusst still verhalten, damit P. nicht in Aufregung geriet. »He, Sie! Lassen Sie meine Frau in Ruhe!« bellte er in den Raum, damit die Drohung, bevor die Eindringlinge hinter seinem Rücken weiter Unfug trieben, ausgesprochen war. Die Höheren Beamten versuchten möglichst unbeteiligt beisammen zu stehen, als hätte man sie gerade so hingeworfen. Erst als P. noch einmal rief und wütend auf den Boden stampfte, wendete sich einer ihm zu und meinte entschuldigend, dass niemand von den Beteiligten Unannehmlichkeiten wolle. Da diese Bemerkung P., der sich bereits in Unannehmlichkeiten befand, mehr erzürnte als beruhigte, funkelte er ihn böse an, worauf der Mann ein wenig zur Seite trat. Er gab den Blick auf Anja frei, die auf dem Sofa neben einem weiteren Höheren Beamten sass, der ihr leicht das Knie festhielt.
Durch diese Enthüllung wurde P. stark verunsichert, was ihn gewissermassen zum Schwingen brachte, indem er seinen langen, schlanken Oberkörper in alle Richtungen kreisen liess. Warum hatte Anja nichts gesagt, als sie hier eintrat? Hatte man es ihr verboten? P. war überrascht. Er konnte nichts dagegen tun, dass die Höheren Beamten sich vom Sofa erhoben und gegen den Ausgang strebten. Sie taten das nicht geschlossen, sondern ebenso verstreut und scheinbar zusammengewürfelt, wie sie schon in der Ecke gestanden hatten. P. packte einen der Männer, die pfiffen und die Hände in den Hosentaschen vergruben, während sie scheinbar beiläufig der Zufall zur Haustüre trieb. Der Mann begann loszuheulen und brach sofort in heftige Tränen aus. P. war darüber so erschrocken, dass er den Mann losliess. P. versuchte ihn mit einem Schlag auf die Schulter ein wenig zu ermuntern, aber dabei brach der Beamte in ein jämmerliches Flennen aus. P. bemerkte zu spät, dass die anderen mit Anja das Haus verlassen hatten. Er stürmte zur Tür, riss sie zum regnerischen Nachmittag auf und sah, wie sich die Luke des Interstellaren Schiffs noch schloss.
»Jetzt hören Sie auf zu weinen«, rief er barsch und kraftvoll.
»Aber ich bin so traurig.«
»Traurig?«, fragte P. und hörte nur halb zu, denn er beobachtete weiter das Schiff, das mit grösster Langsamkeit, wie um ihn zu necken, gegen den Horizont zuschwebte.
»Weil Sie sich umbringen müssen.«
»Natürlich nicht! Solange ich denken kann, werde ich, so oft ich es auch erwäge, mich niemals zu so einer Tat entschliessen können.«
»Aber doch, leider schon. Wissen Sie, die Erwägung geht allmählich in den Selbstmord über.«


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