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Kategorie: Ein-Satz-Review

Sand (Ein-Satz-Review)

SandSand by Wolfgang Herrndorf
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein bisschen wie Thomas Pynchons „Inherent Vice“ — oder anders gesagt: die etwas dümmliche Verfasstheit des Protagonisten aus „Kiss Kiss Bang Bang“, verschmolzen mit dem überhöhten Plot und den Perspektivwechseln aus „Burn After Reading“ — oder anders gesagt: ein perfides Spiel mit Gattungen, Klischees und etwas, was vielleicht das Ende der Postmoderne darstellt — oder anders gesagt: klare Sprache trifft durchdachten, verehrungswürdigen Plot — anders gesagt: Folterung trifft auf Witz, und — kurz gesagt — ein Eindruck für die zeitgenössische deutschsprachige Literatur.

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Madame Bovary (Ein-Satz-Review)

Madame BovaryMadame Bovary by Gustave Flaubert
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Die Geschichte des Ehebruchs findet man schöner in Effi Briest, aber ohne die Selbstermächtigung, die Emma Bovary auszeichnet und sie zur faszinierenden Figur macht und die schliesslich ihre Nebenfiguren — der Apotheker, ihr Mann Charles und Léon — zu Abklatschen degradiert; dann wiederum ist es eigentlich gar keine Geschichte des Ehebruchs, sondern die nirgendwo quälender aufgerollte Geschichte der Verschuldung und eines unweigerlichen ökonomischen Abstiegs — Emma Bovary ermächtigt sich durch Geld und nicht durch Betrug.

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Wir (Ein-Satz-Review)

WeWe by Yevgeny Zamyatin
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Was genau hier passiert, kann ich nicht sagen, aber es ist bestimmt etwas Grosses, wenn sich in die Welt der mathematischen Perfektion plötzlich Metaphern einschreiben, die völlig unkontrolliert sind, Metaphern, wunderschöne, die aus der Luft gegriffen scheinen, die Metaphern für andere Metaphern sind, verirrte Metaphern, nur angetönte Metaphern, Metaphern, die sich selbstständig machen, und die eine sprachliche Dystopie sprachlich überwältigen, wobei das Wir — das verrückte «Wir» dieses Textes — von Zeile zu Zeile in eine andere Richtung geschoben wird und alles über den Haufen wirft, was man von utopischer Literatur zu wissen geglaubt hat.

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Indigo (Ein-Satz-Review)

IndigoIndigo by Clemens J. Setz
My rating: 5 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Wahrscheinlich muss man ein bisschen böse sein, um dieses Buch zu mögen — was bin ich, wenn ich es liebe?

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Die Elixiere des Teufels (Ein-Satz-Review)

Die Elixiere des Teufels / Lebens- Ansichten des Katers Murr.Die Elixiere des Teufels / Lebens- Ansichten des Katers Murr. by E.T.A. Hoffmann
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Mein Vater: „Ein Monster von einem Buch“, „völlig formlos“ – mein Freund: „irgendwie uninterpretierbar“, der „Prota trifft nur auf sich selbst“ – meine Meinung! und wie geil!

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Meine Welt ist nicht von Pappe! (Ein-Satz-Review)

Meine Welt ist nicht von Pappe: Ein Paul Scheerbart-LesebuchMeine Welt ist nicht von Pappe: Ein Paul Scheerbart-Lesebuch by Paul Scheerbart
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Paul Scheerbarts drei Haupttexte in diesem Buch („Perpetuum Mobile“, „Glasarchitektur“ und „Luftmilitarismus“) sind der ganze Scheerbart und also die vielleicht unverständlichste Literatur überhaupt, die mit ironisierter Ironie jonglierend im Ton kindlicher Einfalt bedrückende Visionen und vorwärtsweisende Ideen formuliert; und trotzdem lässt sich in Scheerbarts Suche nach dem „Perpeh“, die freilich sinnlos ist, nicht nur eine das Lachen und die Fröhlichkeit feierende, künstlerische Fantasie erkennen, denn die geometrischen Skizzen und selbstgebauten Holzmodelle in seinem Keller, die Patente für Perpehs, die er selbst einreichte und die ihm das letzte Geld aus der Tasche zogen, sind Beweise dafür, wie Ironie und literarisches Programm dieser Literatur nicht mehr gerecht werden können; Scheerbart feiert den Luftmilitarismus, weil er den Militarismus überflüssig macht, und die Glasarchitektur, weil sie die Architektur überflüssig macht: Aber er feiert sie aufrichtig, wie man sie eigentlich nicht feiern können dürfte, und schreibt feiernd so einfach und plump, dass die überragende Stilsicherheit eine, selbst für Robert Walser unerreichbare, klare Unklarheit erreicht.

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Nichts von euch auf Erden (Ein-Satz-Review)

Nichts von euch auf ErdenNichts von euch auf Erden by Reinhard Jirgl
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Erst kommts wie ein Arno Schmidt-Imitat daher, nur ernster und hochtrabend, mit all dem prätentiösen Beigeschmack, der davon kaum loszumachen ist, doch erst in der Umkehrbewegung, im Abstossen der geblümten Sprache durch den genervten Leser stellt sie sich selbst als Teil dieser Geschichte dar und treibt die grossartig ausgestaltete Zukunftswelt zu voller Blüte, denn die degenerierten Zurückgebliebenen auf der Erde, die Arno Schmidts Sprache aufgenommen und friedvolle Trägheit zum Lebensinhalt erklärt haben, müssen so sprechen, wie sie sich auch mit 25 Lebensjahren von ihrer grossen Liebe trennen müssen, wie sie ihre Gesichter schminken müssen, wie sie alle direkten Fragen und Tatbereitschaft verhindern müssen, wie sie von den zurückkehrenden, genetisch einwandfreien Marsbewohnern erobert werden müssen, und alle Menschen müssen sterben, die Bücher müssen leben und dieses Buch muss genau so hochtrabend, arrogant und anstrengend sein, wie es durchtrieben, ergreifend, durchdacht ist.

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Pulsarnacht (Ein-Satz-Review)

PulsarnachtPulsarnacht by Dietmar Dath
My rating: 1 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Grossräumig und gewitzt steckte diese Geschichte in faszinierend naturwissenschaftlicher Manier neue Grenzen ab, die sie mit der Erzählweise und den Eigenheiten der Science-Fiction-Sparte, wie Szenen von Gemetzel, sprücheklopfenden Dialogen und Sex, auffüllt, und wäre eine spannende, in ihrer politischen und wissenschaftlichen Dimension des hochskalierten Paradigmenwechsels (der Pulsarnacht) sogar übertölpelnde Lektüre, wäre sie nur von einem guten Lektor um zweihundert Seiten gekürzt worden; vielleicht denke ich zu sehr in inertialsystematischer Raumzeit, aber: meine Lebenszeit scheint mir kostbar genug.

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