Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Kategorie: Kleine Schule des Stils

Novalis

»Sie haben recht«, sprechen mehrere, »das Dschinnistan zu suchen in den von Magnetfeldern und Konjunkturen des Zufalls gekerbten Wegen. Der Talisman, der in verschütteten Schächten schlummert, enthüllt erst den Weisen die schlächtende Natur. Wer also zur Kenntnis der Natur gelangen will, muss das Klopfen an der Tür beantworten, das ihn aus den traumgesponnen Fittichen einer Glaubhaftigkeit entreissen kann. Wenn, wie Anja, jemand von fremden Wesen, unter deren ständiger und mannigfacher Einwirkung sich unsere Natur erst als Gewobenes ergibt, weggezogen und in tosende, kreisende, im Himmel schwebenden Gefährte gezogen wird, so ist auch dies der erste Schritt zu jenem Sanskrit, den die Wolken sprechen. Ihm sich zu widersetzen wäre dem Erkennen der sinnlichen Welt eine Gewalttat, die noch höhnischer wird mit dem inneren Triumph den solch Kämpfer mit sich herumzutragen pflegen. Die völlige Preisgabe und der Aufstieg zum schwebenden Himmelskörper, durch den man zu den fremden Geschöpfen empfangen wird, sind der schmale Kamm, dem der Bergsteiger des Wissens entlanggehen muss.«
»Die andern reden irre«, sagt ein junger Mann mit traurigem Ausdrucke. »Wer zu Hause bleibt, wie dies Peter tun muss, und anzusehen hat, wie die Liebe einem genommen wird: Wer erkannt hat, dass diese Irrlichter des Geheimnisses nicht den Verstande nähren, sondern seine umso kreisendere Neugierde, je näher er den Schlünden der Hingabe kommt, mit fuchtelnder Macht beherrschen, der weiss auch, dass nicht im Austausch mit anderen Wesen die Erkenntnis zu finden ist. Die Erkenntnis selbst ist das fremde Wesen, das sich, die Fängen um sich breitend, wie ein drohendes Gewölbe um den Suchenden wölkt. Einstand und Abwehr sind Formen des inneren Verstehens und nur sie können davor bewahren, das Gehör für immer an die Abgründe der ewigen Zaubersprüche zu verlieren. Dass Peter sich, die Stirn umdüstert von Sorgen, hinunterstürzt von den Machwerken der Menschen und seiner Natur entgegenblickt als Sterbender, beweist, dass der Kampf mit den ewigen, knarrenden Mühlen der drückenden Natur kein zweckloser sein muss. Das Wahre liegt in uns und erst in der Abenddämmerung unseres Lebens sinkt die Hitze so weit, dass wir die grossen Züge ihrer wohlgeschaffenen Schöpfung durchwandern und überprüfen können, wenn bis jetzt die Sonne zu heftig die Hügel und Täler versengt hat, in die sich ein Jüngling forschend stürzen will und wo er sich doch nur zu häufig verbrennt.«


kleine schule des stils logo

Franz Kafka

Es klopfte und erst nach einer Weile, in der P. damit beschäftigt war, seinen Hund von der ungünstigen Stelle in der Mitte des Ganges zu bewegen, öffnete sich die Tür. Es erschien ein Mann mit offensichtlich zweckdienlichem Anzug, denn er war mit verschiedenen Taschen und Knöpfen ausgestattet, was ihm den Eindruck von aussergewöhnlicher Nützlichkeit verlieh. »Was wünschen Sie?«, fragte P. über die Schwelle, während er seinen langen Oberköper, ohne von der Stelle zu treten, in regelmässiger Bewegung immer weiter nach draussen schob oder senkte, wie einen Minutenzeiger. »Man möchte mich bitte sofort einlassen.« P., dem durchaus kein Grund zur Verweigerung einfiel und dem es in der friedlichen Laune, in der er sich befand, nicht gelingen konnte, eine nebensächliche Ursache genug Ernst zu nehmen, um sie gegen den ungeladenen Besucher einzuwenden, gab nach und liess den Mann herein. Er stand auf seltsame Weise verbindlich hinter der Schwelle, so dass zwischen ihm und der Tür nur einige Fussbreit Platz blieb, als würde er das Haus gerne bald wieder verlassen, hätte aber dringende Angelegenheiten, die sich nicht beiseite schieben liessen. »Sie leben aber in einem eigenartigen Haus« sagte der Mann, während er sich den Regen vom Hut klopfte und sich langsam umsah. »In einem eigenartigen Haus?« »Hier hinten haben Sie ein Sofa, obwohl schon von weitem zu sehen ist, dass das Licht, das für dessen Benutzung zumindest förderlich wäre, vollkommen mangelt. Es ist nicht nur das fehlende Licht vom Fenster, von dem sie nur eines im ganzen Raum, undzwar gleich hier neben der Tür eingelassen, besitzen. Auch an eine Lampe haben sie völlig vergessen. Dann die Wand«, fuhr der Mann fort, während er P.s Hand anfasste, als würde er ihm eine erschreckende Botschaft überbringen und sein drohendes Zusammensacken verhindern wollen. »Sie ist völlig schräg.« »Schräg?« fragte P. und quietschte zu seiner Verärgerung dabei leicht. Wieso vermittelte es ihm auch diesen ärgerlichen Eindruck einer unheilvollen Verheissung? »Ja, vollkommen schräg.« Er machte einen Schritt zur Wand hin und hielt eine Hand weit über den Kopf ausgestreckt an die Tapete und klatschte die andere so weit wie möglich unten hin. Dies schien P. immer noch nicht so recht überzeugen zu wollen, aber der Anblick löste in ihm ein Unwohl-Sein aus, denn er sagte rasch: »Dann ist es eben ein eigenartiges Haus. Es wäre mir neu, dass das ein Verbrechen ist.« Der Mann, den P. wegen seiner Kleidung und der polternden Stimme für einen zivilen Soldaten oder Polizisten hielt, sah sich prüfend im Raum um, indem er sich wippend bewegte. Sein Blick schien dabei nicht sonderlich erfreut und er murmelte gequälte Sätze wie »Und der Verputz, ist es denn wahr?« Und »Kann es denn wirklich hier sein?« »Entschuldigung, suchen Sie etwas Bestimmtes?«, fragte P., bereits mit einigem Nachdruck, denn es stand ihm nun fest im Sinn, den unwillkommenen Gast wieder loszuwerden, und er schob einen Stuhl, den er mit sanfter Bewegung von der Wand zog, hinter den Besucher, so dass dieser sich setzen und seine Bewegung unterbrechen musste. Tatsächlich liess sich der Mann auf den Stuhl fallen, aber schüttelte weiterhin den Kopf. »Jetzt hören Sie« fing P. wieder an »es kann nicht sein, dass Sie mich mitten am Tag überfallen und meine Wohnung verschmutzen, ohne dass es dafür einen hinreichenden Anlass gibt.« »Oh, es gibt durchaus hinreichenden Anlass, ihre Frau — Anja, ist ihr Name?« Der Mann drückte sein linkes Auge fast zu, während er das sagte, und seine Stimme klang ganz so, als hätte er P. eine leichte, aber dennoch prüfende Rechenaufgabe gestellt. Infolgedessen wurde P. lächerlich nervös und es gelang ihm nicht zu bejahen. Er betrachtete es nämlich für unabdingbar, dass diese ordnungsgerechte Begegnung durch Ehrlichkeit und Augenzwinkern in einen Zustand der Normalität zurückgebracht würde. Stattdessen sagte er: »Ihr Name tut nichts zur Sache.« Der Mann presste seine Augen noch misstrauischer zusammen. P. kam es nun vor, als hätte er gelogen, denn er wusste von der Sache, von der er dabei gesprochen hatte, nicht das Geringste, konnte daher auch nicht behaupten, der Name seiner Frau hätte mit ihr nichts zu tun. »Ihre Frau wird zu Untersuchungszwecken von einem Interstellaren Schiff mitgenommen werden.« P. lachte laut auf. »Wieso lachen Sie denn?« »Ist es denn nicht zum Lachen?« »Ganz im Gegenteil«, antwortete der Mann und sah traurig zu Boden. Diese Reaktion behagte P. nicht. »Wieso Untersuchungszwecke?« »Nun, es scheint, sie habe vor einiger Zeit eine Einwilligungserklärung unterschrieben und abgegeben, die uns oder die jeweiligen Untersuchenden befugt, sie für derlei wissenschaftliche Experimente mitzunehmen.« Der Mann zog aus einer seiner zahlreichen Brusttaschen ein Papierstück hervor, das er auffaltete und hin und herschwenkte, als P. danach greifen wollte, zog er es sofort zurück und steckte es wieder ein. »Sie haben leider keine Einsichtsbefugnis, da sie zum Zeitpunkt der Einwillungserklärung Anja gar nicht gekannt haben. Und selbst wenn sie sie gekannt hätten, wäre eine solche Befugnis schwer zu erhalten. Es versteht sich wohl von selbst, dass ich ihnen eine solche nicht aus dem belanglosen Grund ihrer ungezügelten Neugierde einfach ausstellen kann. Persönlichkeitsrechte nehmen wir in der Regel sehr genau. Jetzt wäre es aber besser, sie würden ihre Frau holen und sie nach draussen führen.«
P., der über die Unsinnigkeit des ganzen Gesprächs den Kopf schüttelte und sich ärgerte, einen Geistesgestörten freimütig in die Wohnung gelassen zu haben, wusste nicht so recht, was er mit dieser plötzlichen Forderung anzufangen hatte und so neigte er sich wieder, wie ein Uhrzeiger, in kaum merklicher Bewegung nach vorne. Dies schien zu seiner grossen Freude den anderen in Bedrängnis zu bringen, denn er erhob sich flink vom Stuhl und räusperte sich. Von draussen hörte P. fremde, apparatartige Geräusche, die ihn verunsicherten. Um das Schiff mit eigenen Auge zu sehen, stand er an die dem Besucher als schräg aufgefallene Wand und sah durch das kleine Fenster nach draussen. Einige Meter über der Strasse schwebte ein riesiges Ding, das nicht aussah, als wäre es von Menschenhand verarbeitet worden. Es glänzte, wenn man es von der Seite betrachtete, und hatte genug Raum um eine handvoll Menschen zu bergen. P. wollte sich schon umdrehen, um etwas Beissendes auf die Umstände zu erwidern, doch der Mann stand unbewegt dort, als hätte er keine Zeit, ihm Gehör zu schenken, weshalb er es bleiben liess.
»Ich werde aber niemanden einlassen«, rief P. mit frischem Mut aus. »Wen sollten Sie denn einlassen?«, fragte der Mann und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er mochte ausgesprochen müde sein, denn er liess sich wieder auf den Sessel plumpsen und rührte sich nicht mehr. Seine Stimme klang kränklich, als hätte sie lange geschwiegen. »Die Höheren Beamten sind ja alle schon da.« Fast unmerklich verwies er auf den hinteren Teil des Zimmers, wo das Sofa stand. Tatsächlich erkannte P., als sein Blick dem Hinweis folgte, eine Ansammlung von Menschen, die so gross waren, dass sie nur gebückt in der Ecke stehen konnten. Sie hatten sich wohl bewusst still verhalten, damit P. nicht in Aufregung geriet. »He, Sie! Lassen Sie meine Frau in Ruhe!« bellte er in den Raum, damit die Drohung, bevor die Eindringlinge hinter seinem Rücken weiter Unfug trieben, ausgesprochen war. Die Höheren Beamten versuchten möglichst unbeteiligt beisammen zu stehen, als hätte man sie gerade so hingeworfen. Erst als P. noch einmal rief und wütend auf den Boden stampfte, wendete sich einer ihm zu und meinte entschuldigend, dass niemand von den Beteiligten Unannehmlichkeiten wolle. Da diese Bemerkung P., der sich bereits in Unannehmlichkeiten befand, mehr erzürnte als beruhigte, funkelte er ihn böse an, worauf der Mann ein wenig zur Seite trat. Er gab den Blick auf Anja frei, die auf dem Sofa neben einem weiteren Höheren Beamten sass, der ihr leicht das Knie festhielt.
Durch diese Enthüllung wurde P. stark verunsichert, was ihn gewissermassen zum Schwingen brachte, indem er seinen langen, schlanken Oberkörper in alle Richtungen kreisen liess. Warum hatte Anja nichts gesagt, als sie hier eintrat? Hatte man es ihr verboten? P. war überrascht. Er konnte nichts dagegen tun, dass die Höheren Beamten sich vom Sofa erhoben und gegen den Ausgang strebten. Sie taten das nicht geschlossen, sondern ebenso verstreut und scheinbar zusammengewürfelt, wie sie schon in der Ecke gestanden hatten. P. packte einen der Männer, die pfiffen und die Hände in den Hosentaschen vergruben, während sie scheinbar beiläufig der Zufall zur Haustüre trieb. Der Mann begann loszuheulen und brach sofort in heftige Tränen aus. P. war darüber so erschrocken, dass er den Mann losliess. P. versuchte ihn mit einem Schlag auf die Schulter ein wenig zu ermuntern, aber dabei brach der Beamte in ein jämmerliches Flennen aus. P. bemerkte zu spät, dass die anderen mit Anja das Haus verlassen hatten. Er stürmte zur Tür, riss sie zum regnerischen Nachmittag auf und sah, wie sich die Luke des Interstellaren Schiffs noch schloss.
»Jetzt hören Sie auf zu weinen«, rief er barsch und kraftvoll.
»Aber ich bin so traurig.«
»Traurig?«, fragte P. und hörte nur halb zu, denn er beobachtete weiter das Schiff, das mit grösster Langsamkeit, wie um ihn zu necken, gegen den Horizont zuschwebte.
»Weil Sie sich umbringen müssen.«
»Natürlich nicht! Solange ich denken kann, werde ich, so oft ich es auch erwäge, mich niemals zu so einer Tat entschliessen können.«
»Aber doch, leider schon. Wissen Sie, die Erwägung geht allmählich in den Selbstmord über.«


kleine schule des stils logo

H. P. Lovecraft

Unsere Arbeiten kamen nur schleppend voran, denn der beissende Wind, der in diesen Höhen wehte, liess unsere Tische, an denen wir assen und arbeiteten, nicht unbetastet.
Vor 9:15 Uhr versteckte sich die Sonne hinter der stummen Verheissung der Berggipfel und wir beschränkten uns widerwillig darauf, das Frühstück zu bereiten, das mit dem Spiegelei unsere Proteinvorräte auflud und mit dem Vollkornbrot uns unverzichtbare Ballaststoffe zuführte. Plötzlich wurde unser Mahl von einer bedrückenden Erschütterung heimgesucht, die sich in grausamen, gedehnten, kurz nacheinander ausgestossenen Lauten von hohem Tonumfang manifestierte. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, um sich der brutalen, salvenartig piepsenden Geräusche gewahr zu werden, denn sofort verschwanden sie wieder im Tosen des unnachgiebigen Windes. Weder ich noch Anja trauten sich, dieses Geräusch anzusprechen, denn wir zogen es vor, es als eine Täuschung des Windes abzutun, der in diesen Höhen unser Haus ständig umgab. Dennoch glaube ich, dass Anja wie ich die starke Vermutung hegte, es habe in diesem Geräusch etwas Altes, Verwunschenes, sogar Künstliches und zugleich Organisches gelegen, das sich aber nicht leicht in Worte fassen liess.
Bis 14:00 Uhr untersuchten wir die Fundgegenstände, die wir bei den Ausgrabungen unserer ersten Expedition gesammelt hatten. Zumeist waren die Fossilienfunde einer vorpleistozänen Epoche zuzuordnen, obwohl sich die Funde als schwierig zu kategorisieren herausstellten. Bei den Xiphodoten, den Paläotherien und zum Teil auch den Titanotherien liess sich das Alter unschwer an den spezifischen Granitadern, die sich konvulsiv ineinander geschoben hatten, feststellen, auch wenn bei letzterem Kandidaten, die Erscheinung dieser Granitadern eine Reihe von Fragen aufwies: Wieso schien es, als seien sie mit Kohle durchsetzt? Und wieso waren diese Granitadern so unbeschreiblich regelmässig in die Steinprobe eingekerbt, als wäre sie der Prototyp der geometrischen parallelen Linien? Vor allem die Versteinerungen der Oreodonten, die an den Enden seltsame rüsselförmige Verjüngungen aufwiesen, liessen uns stutzen und bewegten meine Frau zu der folgenschweren Behauptung, es müsse sich um Fossilien aus dem Oligozän handeln. Etwa um 16:30 Uhr zogen wir uns rasch zurück ins Haus, um uns die Nachrichten anzusehen und die Temperatur des Körperhaushalts wieder anzuheben. Um 17:00 Uhr beschlossen wir wieder eine Höhlenwanderung zu machen, wobei wir uns mit Seilen, Karabinerhaken, Notizbüchern, Fotokameras, ein wenig Proviant, GPS-Gerät und Taschenlampen mit Zusatzbatterien zusätzlich ausstatteten. Bereits bevor wir ganz in der Höhle ankamen, wurden wir Zeuge jenes Grauens, das in den dunklen Tiefen dieser Bergnächte gierend über die Felsen streifte.
Wäre es nicht zu dem obengenannten Zweck, die Immobilienbaufirma vom misslichen Vorhaben abzubringen, wieder ein Familienhaus in den hohen Alpen zu bauen, so würde ich die folgenden Grässlichkeiten zu meiner eigenen Schonung verschweigen, denn sie plagen mich auch so genug, je stärker ich sie verdränge, denn die Erlebnisse jenes Tages plagen und martern mein Gewissen und meine Fassungskraft unsäglich. Ich erzähle diese Geschichte also zur Abschreckung und muss deshalb davon absehen, weitere Warnungen vorzubringen, ohne sie erzählt zu haben.
Ein Klang von erstaunlichem Tonumfang und seltsamer Rhythmik — es war einem »Tekeli-li« nicht unähnlich — drang mit einem Mal hinter einem Schneehügel hervor, als wir die Höhle betreten wollten. Anja und ich rückten näher zusammen, um einen möglichen Feind besser abwehren zu können. Wenn wir nur damals die blasphemischen, zyklopischen Gräuel gekannt hätten, die jene jämmerlichen, grauenbewehrten Monster uns anzutun fähig waren, dann hätte ich in diesem Moment Anjas Hand ergriffen und wäre mit ihr zu unserem Haus zurückgeflohen. Doch es war der übermässig wissenschaftlichen Neugierde geschuldet, dass wir stehenblieben und die dunstigen Kegel unserer kleinen Lampen in die Dämmerung stiessen. Wieder erklang das Geräusch und diesmal war ganz deutlich zu erkennen, dass es sich genähert hatte, denn die Lautstärke und der Tonumfang stachen aus der Stille genauer hervor. Ich versuchte, mich heftig umdrehend, Anjas Hand zu fassen. Doch ich griff daneben ins Leere und tastete fahrig hinter mir herum. Als ich auch keinen Zipfel ihrer Jacke erhaschte, fuhr ich herum und die Furcht packte mich wieder. Anja war verschwunden und ich konnte, da der flockenstiebende Schnee durch eine Bise einen impulsiven Auftrieb erfuhr, sie nicht in der Umgebung erkennen. Ich wollte ihren Namen rufen, doch zugleich horchte ich wie ein Verrückter auf diese Stimme, von der ich wusste, dass sie etwas Unmenschliches und Ungehörtes darstellte, ob sie ein weiteres Mal dräuend rufen würde. Ausgerechnet in diesen Momenten, wo Beistand und Zutrauen eine unabdingbare Hoffnung hätten darstellen können, erinnerte ich mich an jenes verzauberte, schauderhafte Buch, das ich in der Bibliothek eines Freundes einst gelesen hatte. Die Beschreibungen des verrückten Arabers schienen mir nun abscheuliche, blasphemische Verheissungen zu sein, das Necronomicon von jenem, kranken Abdul Alhazred war mir plötzlich zu einer Weisssagung geworden, denn der Ekel dieser Geschichten und das Ungeheuerliche, das mich verfolgte, schien auf einen gemeinsamen, weit zurückliegenden Ursprung zurückzuführen zu sein. Ich erklomm, halb aus Angst in der Schneemulde vor der Höhle ausgeliefert zu bleiben, halb aus heftiger Sorge um meine Frau, den ersten Schneekamm in der Nähe, als meine Knie vor Schreck einsackten und ich mich nur mit Mühe erhalten konnte. Ein riesiges Wesen, einem grossen Bulldozer gleich, ein vielgestaltiges Geschöpf, bewehrt mit Schaumsäulen von leblosen Augen, unaufhörlich formlos wachsend, sich in alle Richtungen breitend, knirschend über den Schnee sich drückend, ein riesiger Bulldozer, der auch auf uns zuzufahren drohte, machte sich direkt über Anja her, die vor Abscheu angeekelt stehen geblieben war. Diese Walze eines Ungeheuers schien nun über die junge Frau hinwegzurollen, es umfasste sie in seiner ganzen unförmigen Gesamtheit, packte sie — und hob sie in die Höhe. Das formlose, zyklopische Wesen verschwand mit einem zischenden Geräusch oben im nebligen Himmel und mit ihm Anja. Diese blasphemische Kreatur aus ältester Zeit, hatte sie damals entführt, und ich wusste und weiss bis heute nicht, ob sie noch lebt und welche grässlichen Experimente sie mit ihr anzustellen gedachten, weshalb sich die Zustände meiner darauffolgenden Wochen, mit ihren Ausprägungen von Hilflosigkeit und Schuldbewusstsein, schwerem Schüttelfrost und paranoider Sorge unschwer auszumalen sein dürften.


kleine schule des stils logo

Robert Musil

Von seinen Gedanken ermattet war Peter allein im Parke spazieren gegangen. Es war um die Abendzeit und das Zwielicht versenkte die Umgebung in graue Schatten. Er hatte über etwas Nebensächliches mit Anja gestritten und sie waren verärgert darüber gewesen, dass keiner von ihnen ihre Auseinandersetzung ernst genug nehmen konnte, um in vollblütigem Eifer Beleidigungen vorzubringen. Bittere Überraschung hatte ihn erfasst, als er zu begreifen begann, dass es Gegenstände gab, die nicht den Wert hatten, über sie in Streit zu verfallen. Denn der Liebe, so hatte er sie bis jetzt in seiner Erinnerung erkannt, war dieser Mangel an Zorn, die Unmöglichkeit der Ballung von tiefsten, menschlichen Erschütterungen auch über den unbelebtesten Gegenstand, von Natur aus fremd. Schockiert hatte er sich abgewandt und seine Frau mit der gleichen, schrecklichen Beobachtung allein gelassen. Von den Händen herauf schlich ihm eine wohltuende Wärme zum Kopf. In sein Erschrecken hatte sich soviel Erstaunen gemischt, dass es ihm entfernt und fremd vorkam. Es erschien ihm nun das Erschrecken eines Schauspielers, auf das er, der Zuschauer, durch die Ankündigung des Komplotts bereits lange vorbereitet worden war.
Freilich gab es in ihm noch ein Unbehagen, das sich auf nichts Bestimmtes richtete, aber das seine Hände, die in solchen Momenten über den Stoff seines Mantels streiften, nicht ruhen lassen konnte. Dennoch hatte sich ein Milderndes, ein verflüchtigendes Element darunter gemischt, das ihm die Vorahnung heiterer Wendungen in dem fast unecht gewordenen Gefühl vermuten liess. Aus dem Fenster gloste eine Lichtspiegelung, die ihn an etwas erinnerte …
Anja goss die Blumen auf dem Balkon, die sich in den ergrauten Umrissen wie dunkle, schattige, teuflische Gewächse herausnahmen… Ihre angestrengten Lippen waren bis zum Kräuseln gepresst, sie war einem Tieferen hingegeben, das sich weit hinter das Giessen der Pflanzen hinaus bohrte und doch ohne dieses unschuldige Giessen freilich nicht zu denken war. Er betrachtete ihre sanften, leicht geschlossenen Augen. Doch da bemerkte er – und es war ihm, als geschähe es zum ersten Male – wie seicht dieses Träumen doch immer auch war.
Es war wie ein Aufatmen. Nur schon das Vergessen, das jene träumenden Augen beim Aufblicken wieder durchzuckt, war eine sanfte Hand, die das Kind wieder vom schwindelnden Grat auf den Felspfad schob…..
Ein weit aufheulendes Geräusch liess Peter zusammenzucken. Er blickte in den Himmel empor. Geballte Häufchen von Sternen blinzelten aus dem verwaschenen Dunkel hinab und aus ihrer Mitte enthob sich, ruhelos schwebend wie an unsichtbaren Fäden, eine graue, gewaltige Maschine. In die Wollust jener vorangegangenen Betrachtung preschte mit hastiger Wucht die Panik. Seltsame Wesen entstiegen, von grünem Hauch des Giftigen umschleiert, dem Gerät. —-
Peter wollte aufschreien. Er erstarrte aber in der Handlung und seine Augen wanderten zu seiner Frau. Anja hatte ihren Blick gelöst von den Pflanzen und richtete sie auf die neben ihr hinabschwebenden Kreaturen. Ihr von vielen Muskeln umklammerter Mund bedeutete ahnungslose, haltlose Angst. Sie sah zu ihm hinab, doch Peter wusste nicht, was zu tun war. Blödsinnig umklammerte er mit den Händen seinen Mantel. Das Nachdenken brachte ihm keine Entscheidung. Es kam ihm in diesem Moment unendlich ironisch und lächerlich vor: Ihn fror…
Und – hier war es so weit – Anja wurde von den fremden Menschen gepackt. Und er war verstört, gefesselt, im Bann eines Besonderen so tief verwurzelt, dass er nichts tat. Doch diese Erklärung war eigentlich etwas Sekundäres; er sprach es sich im Nachhinein zu. Noch im Moment der Entführung kam ihm diese Wühlen ängstlicher Fassungslosigkeit gestellt vor und er hätte fast über sich gelacht, wenn er sich nur nicht vor dem eigenen Geräusch gefürchtet hätte. Eine Erregung, eine vom Ekel völlig verzauberte Aufmerksamkeit liess ihn keine Sekunde den Blick abwenden. Er fürchtete um Anja, aber umso mehr er sich fürchtete, desto grösser wurde ihm die Vorstellung der Mächtigkeit über den Augenblick, die Hilflosigkeit inmitten so grosser, eindringender, dampfender Gewalt, die sich nicht um die Regeln und Fesseln des Vorherrschenden bekümmerte, sondern in es hineinstach mit einer Zange und ein Unabdingbares entfernte. Ja, ein Widerwillen stieg in ihm auf, Schrecken zu empfinden gegenüber der lustvollen und doch auch so natürlichen Neigung, dieses Gesunde entfernen zu wollen. Die Gesundheit dieses flach atmenden, kaum beweglichen, in ständiger Kältestarre verharrenden Organismus, der die Welt in jenen Tagen für ihn darstellte, schien jedem Geheimnis, jedem kleinen Rütteln, das die täglichen Rätsel ins Leben hinein brachten, feind zu werden. Und die Lösung seines Geheimnisses, dem er sich jeden Tag stellte, dieses Ausfüllen der klaffenden Lücke, war ein Teil dieser Rätsel, die er mit dem Aufsteigen seiner Frau in ein Unbekanntes von Neuem wie ein wärmendes Feuer aufflackern spürte. Er fühlte ein übermütiges, kräftestrotzendes Ziehen in seinem Bauch.


kleine schule des stils logo

Robert Walser

Dieses mit den Eheleuten ist folgendes gewesen: Der Mann, ein junger, wie es auf den ersten Blick schien, gediegener Herr, war ein gewisser Peter gewesen. Er warf sich in die Beschäftigung des Ankleidens, worin er sich ausserordentlich tief versenken konnte. Vor ihm hing ein Spiegel, dessen hübsche Rahmung, und sorgfältige, ihm ein nicht wegzuredendes Unbehagen einflösste. Der Gespiegelte konnte, wie es den Anschein machte, bei der Wichtigtuerei seines Spiegels fast nur einen Knicks machen, bevor er sich ansehen durfte. Da war ja auch etwas Ungehobeltes nicht zu leugnen, so tief in eine einzige Öffnung zu starren als blickte man mitten durch zwei Augen in die wahrhaft ergötzendste Seele hinab. Den Hut setzte er auf und er sprang, mit ungeahnten Riesenschritten die schwindelnde Treppe befallend, begreiflicherweise sofort ins Freie. Dort schien nämlich die Sonne herzhaft und tauchte alles in ein Lachen und ein Liebkosen, dass die blühenden Äste erzitterten. Ach, Frühling, was ist das für eine Jahreszeit! dachte Peter und ging sofort an die Arbeit, denn es gab noch viel zu tun. Unterwegs zur Post, um wichtige Bestellungen von einem grossen Internetverteiler entgegen zu nehmen, betrachtete er die lichtübergossenen Felder und achte und hachte mit der rührenden Schulterbewegung, die ihm eigen war. Er rauchte ein paar prächtige Zigarren während dem lockeren Gehen und tauchte in die feinen Flügelschläge ein, die die warme Luft auf seine Nasenspitze tupfte. Wir sollten dankbar sein, dachte Peter, für diese Erscheinung. Es gab nun tatsächlich keinen Grund, nicht jeden Tag in die Knie zu sinken vor Andacht, bei dem ungebrochenen Flattern der weissen Schmetterlinge. Wir sollten überhaupt dankbarer sein, den Frühling kann man ja auch nicht einfach so, ohne das Anschauen übergehen, das macht ihn verdrossen.
Nach der Paketabholung setzte er sich in die Schenke „Segelhaus“, um sich die Kehle nur ein wenig zu befeuchten, da ja auch der Tag geradezu danach gerufen hatte. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn zu Hause arbeitete seine Frau Anja. Aber auch das gehört zur Arbeit, dass man manchmal ein wenig sich die Zeit nimmt und der Frau zeigt, wo sie zu Hause sein darf. Dieses Überwachtwerden ist ja eigentlich immer ein, das ist ganz leicht zu beweisen, Beleidigung-Hervorbringendes. Das kann nun niemand verhindern, dass diese junge Frau auch einmal böse wird, wenn man immer „herumlungert“ und sich zu langsam durch die Zimmer „bewegt“. Und trinken, ein bisschen trinken! Er tut es ja nicht ohne schlechtes Gewissen, das weiss seine Frau, die weiss das nun auch von innen heraus, ohne dass man es ihr von aussen, zehenspitzelnd nach unten herab gesagt hätte. Überhaupt hätte es zu so einer eleganten Frau nicht gepasst, etwas von oben herab auf sie drauf zu sagen, die hätte den Kopf in den Nacken geworfen und zurückgeschnaubt, dass die Augenhöhe wieder hergerichtet gewesen wäre.
Entzückt erblickte Peter seine Frau im Garten, als sie hinter der Villa Abendstern durch den Garten spazierte, von wo man auf Bärenswil und den See den viel gerühmten, wunderbarsten Blick hatte. Peter liess sich auf die Veranda in seinen Arbeitsstuhl, man möchte sagen, plumpsen. Übrigens eine höchst nützliche Erfindung, die er selbst verarbeitet hatte, ein Stuhl, den man mit wenigen Handgriffen, in der rechten Art angewandt, zu einem Lesesessel verwandeln konnte.
Nach einigen Minuten begann sich Anjas Wanderung plötzlich in die Höhe zu erheben, obwohl zu einer Steigung freilich kein Anlass war. Es dünkte ihn seltsam und die junge Frau schrie erschrocken und doch ob der Aufmerksamkeit ein wenig stolz und verlegen zu dem runden Teller auf, der sie von oben heraufsog. Ein Glanz legte sich inmitten des sommerlichsten Tages auf sie, Peter dünkte es, als hätte einer die elektrische Lampe in einen Kerzenschein gezündet und in der Mitte dieses Kegels befand sich, wie zufällig da hingeraten, seine Frau. Man hätte, wenn sich einer auf seine dunkle Vorstellungskraft hätte versteifen wollen, sagen können, dass es sich um Bewohner eines für ein normales Nachdenken nicht verkraftbar weit entfernten Ortes handelte, die Anja zu Zwecken einer Untersuchung, gewissermassen als Erinnerungsstück oder aus anderen, Peter völlig unbekannten Gründen, in ihr Gefährt tragen wollten.
Natürlich tat Peter was in so einem Moment die Männlichkeit verlangte. Er sprang heftig auf und warf seinen Arbeitsstuhl um und schmiss, in einer so heftigen Bewegung, dass ihm für einige Sekunden die Luft ausging, die Zigarre auf den Boden. Mit wutentbrannten Schritten hetzte er auf seine Frau zu, doch als er die Stelle, an der sie hätte sein sollen, erreichte, war sie bereits aus der Reichweite seiner Arme herausgehoben. Er konnte noch neben sich, als wäre es ein eingeladener Gast, einen Ausserirdischen sehen, der ihn anwinkte, mit einer Hand, die von Grünem nur so überwaschen war, in der Luft. Sein Gesicht war nun gerade nicht eine Schönheit, aber Peter hatte dazu auch gar keine Meinung zu pflegen, denn seine Frau bedurfte nun grösserer Aufmerksamkeit. „Komm herunter!“ machte er mit der nach ihr ausgreifenden Hand.
„Aber, Peter, mein lieber Peter, ich kann doch nicht!“
„So komm doch.“
„Ich gehe Peter, so begreif es, mein lieber Mann, achte auf den Garten, gib dir Mühe, sorge um den Haushalt, es ist doch wichtig, dass alles so bleibt wie es ist. Ich habe aber doch, nun“, sie war nun bald verschwunden, „ich fürchte mich, Peter.“
„Keine Angst! Es wird dir doch bestimmt auch dort gut gehen, ich hoffe es und wünsche es, und weiss es beinahe. Ich werde dich holen, Anja, es koste, was es mich kosten muss.“
Und mit diesen Worten ging er zielstrebig ins Haus und wartete dort ein wenig im Kreis. Das heisst, er blickte für einige Sekunden nachdenklich in eine andere Richtung, was ihm aber nicht die gewünschten Einfälle erbrachte.

Nun war es Herbst geworden und die Zeit, seit Anja verloren gegangen war, hatte sich gerade so mühsam dahingeschlichen. Ohne die wenigen Ausflüge ins Segelhaus, die er aus einer natürlichen und tatsächlich ein wenig unangenehmen Menschenliebe sich nicht vergönnen konnte, hätte es Peter schwer gehabt. Und doch fand er dort die eigentümlichsten Freunde, mit denen er zusammen Jassen konnte und auch ein wenig die Gläser austrinken, jedoch hielt er inne, nach dem vierten oder fünften, und begab sich, mehr vernichtet als niedergeschlagen nach Hause. Hatte er das denn machen müssen, sich immer so den Kopf zu betäuben? Wo war er denn wieder mit sich selbst gewesen? Was hatte er denn gemacht, ist es das, was Anja von ihm verlangt hatte? Nein! fluchte er sich innerlich an. Nichts hatte er gemacht und nur an sich selbst gedacht. Doch damit würde es jetzt ein Ende haben. Er sprang fast, einem Pferd nicht so unähnlich wie man geglaubt hätte, die Treppe hinauf in den Turm, der erst kürzlich mit einem teuren Kupferdach ausgestattet worden war. Er stürzte, ja, man darf fast sagen, willentlich, aus dem Fenster, wodurch er versichert war, dass sein Kopf unangenehm zerschellen würde. Diese Aufschlagen, dieses in moralischen Dingen Sich-Dreckig-Machen vor der eigenen Haustür flösste ihm überraschendes Wohlbehagen ein, doch davon war am Ende nicht mehr viel zu spüren.


kleine schule des stils logo

Thomas Mann

Der Senator Peter Hubendorf wanderte in langen gewichtigen Schritten, mit denen er nur mühsam, aber regelmässig das gesamte Arbeitszimmer durchschreiten konnte, hin und her und führte mit seiner immerzu kalten, an den äusseren Fingern zu knochigen Hand eine Zigarre zum rund gebogenen Mund. Er hatte bereits in seiner Jugendzeit, als er sich gegen seine Brüder zur Wehr setzen musste, eine möglichst einschüchternde Wirkung mit dem Blick erprobt, die seither nicht vergangen war. Seine Nase sprang ein wenig zu keck über einem reinlich gezwirbelten Schnurrbart hervor und entlockte im Gespräch seinem Gegenüber einen fragenden Blick, denn der Überzeugung, der Schnurrbart würde diese schwungvolle Nase bei jedem U und O kitzeln, konnte sich keiner erwehren. Über das Gesicht des Senators huschten abwechselnd Mienen des verdrüsslichen Ärgers und einer genüsslichen Geruhsamkeit, die die rhythmische Wiederholung des kontrollierten Marschierens hervorbrachte.
Noch immer war er im Zorn gegenüber seiner Gattin Anja, den er mit zitternden Augenbrauen zu unterdrücken suchte. Bei diesem Schauspiele verharrte die Oberlippe an ihrem Platz und entging einer Berührung mit der zackigen Nase nur knapp. Hatte er es ihr nicht gesagt… Nicht schon tausendmal gesagt?, schoss es ihm in bitterer Häme durch den Kopf. Er unterbrach sein ständiges Hasten nicht, aber verlangsamte für einige Sekunden, während er den kurzen Hals reckte, um aus dem doppelt verglasten Fenster in den grossen Garten zu blicken…
Anja lustwandelte durch den Weg von zartem Kies und sah versonnen in die Ferne. In ihren Augen spiegelte sich selbst aus der Ferne ein zarter Schimmer von heiliger, romantischer Entrückung, der sich dem Senator schon längst auf das Unmenschlichste verrätselt hatte… War es nicht jener Blick gewesen, der seine Liebe zu der schweigsamen Dame einst entfacht hatte? Doch, doch! Zu leugnen war es nicht… Klar, es war längst klar. In dem Masse, in dem ihm aufdunkelnd bewusst wurde, dass er sich mit seiner regen Tätigkeit und seiner wohlgemässigten Standfestigkeit als Kaufmann vom Verständnis dieses zweifelhaften, enthobenen Blicks unaufhaltsam entfernte, so überwältigend quälte ihn diese Erkenntnis aufs Unmenschlichste… Nun, zu leugnen war es nicht! Das sicher nicht! Doch den Ärger, den sie ihm bereitet hatte… Mit der neuen Wii-Konsole, die sie gekauft hatte, und zu aller Schande noch mit der zügellosen Unbotmässigkeit, in der sie ihm trotzig Rede und Antwort zu stehen erdreistete, wurden durch diesen Blick nicht gesühnt. Nein, liebe Anja, dachte der Senator, eine Wii-Konsole kommt nicht in dieses Haus, nicht in die Nähe, nie an diesen Ort! Das letzte Wort sprach der Senator, entgegen dem üblichen Verhalten seines Mundes, lautlos mit, und der Schnurrbart scheuerte so heftig an der Nasenspitze, dass er seine knochige Hand an die Nase führte, um ihr mit einer kalten Berührung wieder Beruhigung zu verschaffen…
Plötzlich geschah etwas Unerwartetes… Ungeheurliches, Unerfahrenes, ein Zerwürfnis im Verkehr des Tages. Ein Regen peitschte hervor und schlug im Garten nieder, wo sich die Regentropfen in einzeln gekerbte Scharten wühlten und den Dreck durchlöcherten. Die Senatorin, deren beiges Kleid sofort durch eine plastikartige Spannung die Nässe bezeugte, zog lediglich und ohne ersichtlichen Zweck die Hände über den Kopf und war im Begriff, sich eilenden Schrittes ins Haus zu begeben, als sie plötzlich, ihren klaren Blick in den Himmel emporhebend, inne hielt.
Verärgert wanderte der Senator weiter durch das Zimmer und sah seine Gattin halb inniger Liebe und halb deutlichen Ärgers mit müden Augen an, die sich auf eine weitere der Albernheiten vorzubereiten suchten, nach denen der liebenswerten, aber so eigenwilligen Senatorin ständig der Sinn stand. Hatte er es ihr nicht gesagt, dass sie ihre Kleider vernichte? Nicht schon tausendmal, schon tausendmal gesagt? Doch, doch!
Er hielt sich zurück, zum Fenster zu gehen und es zu öffnen, denn immer noch war der Ärger nicht aus seinem Kopf gejagt und dieser giftige, unnachgiebige Verdruss zog sich auf ein weiteres Mal wie eine Klammer um die durch die neusten Ereignisse gelockerten Gedanken zusammen. Laute Geräusche brachten die saubere Scheibe in Wallung, zitternd schwang sie in ihrem Bauch und brachte die kleinen Flöckchen, die das gespiegelte Sonnenlicht im Arbeitszimmer verteilte, zum Schneien. Die grossen Augen der Senatorin waren streng nach oben gerichtet, als ein kräfitges, grünes Licht auf ihr Kleid fiel und es kränklich einfärbte.
War es denn ein schwebendes Objekt, das sich über dem Garten mit tosendem Brausen erhob und seine Gattin zu zermalmen drohte? Klar! Wie konnte er ihren Blick sonst verstehen? Zu leugnen war es nicht! Der verängstigte Senator musste, mit vor Schrecken immer weiter aufgehenden Augen, ein ungeheuerliches Schauspiel verfolgen und seine Zigarre fiel dabei zu Boden, wo sie kurz aufleuchtete und noch kurz neckisch zwinkerte als wollte sie sagen: Da habt ihr Glück gehabt, dass ich euch nicht das Haus verbrenne… Die Senatorin wurde, in unbeschreiblicher Weise, in die Luft gehoben und war dabei so vollkommen ruhig und regungslos, dass man zweimal hinsehen musste, um eine Auffälligkeit zu bemerken. Doch langsam schleichend, mit böser Gemächlichkeit wurde die Senatorin in die Luft gesogen, während sie schwerelos und unberührt, noch oben steif gegen den Himmel gerichtet, zum Licht aufblickte, dessen Einfall grün in ihren Augen spielte. Es war längst klar, dachte der Senator und in seine Hände schien noch mehr Kälte zu fliessen, seit die Zigarre zu Boden gefallen war und sein Arm mit leichter Trennung vom Körper schlaff von der Schulter hing… Eine Entführung! Doch, doch… Zu leugnen war es nicht!
Und noch bevor der Herr des Hauses zu einem entrüsteten Aufschrei die Kraft gefunden hatte und noch bevor das Gesinde den Aufstieg der Herrin betrachten konnte und bevor der schnelle und plötzliche Regen gänzlich versiegt war, verschwand der schwarze, in zarte Bänder gefasste Schuh vollständig im unbeschreiblichen Flugobjekt. Der Senator atmete tief ein und mit bebenden Augenbrauen nahm er seine frühere Hast wieder auf und in völliger, tauber Ohnmacht schritt er von der einen Seite seines Zimmers auf die andere, während er ein nachdenkliches Mienenspiel vollführte, bei dem Ausdrücke von Wut und Beruhigung beständig aufeinander folgten. Dies war so seine Gewohnheit.


kleine schule des stils logo

Wolfram von Eschenbach

Swaz ir welt man unde wîp
begêrn um iren werten lîp
ist fröwde an der süezen minne.
swer dâ was in iuwer volkes inne,
decheines man waz deren froiden rîch alsô
wanne Pêter sach sin wîse wîp gar frô.
Ânîâ
die kiusche was nennet da.
Dô brahte got mit siner frechen hant
gruene man vom himmel in daz lant.
sie kâmen us einer wolke gesprungen.
es ward dechein wort des jamers gesungen.
Si grifen mit grôzer gewalt
der jungfrouwe zarter gestalt.
Si vergoz unter truren und wænen
im flûg dô wôl tusende trænen.
Wenne er sah sin Aniâ stîgen
der jamer twang Peter zu lîgen.
Peter weinde des dicke lange zît
und er vergaz des daz er ouch lît.
Dô stuont er uff unde sprach
‚ich tumber bin weders tôt noch wach.
wan mich min werdekeit nicht trüge
und ich nie mêr zu hôhem prîse züge
so müeze ich sterben hîe und nû.‘
So fand ouch Peter bald sin rû.


kleine schule des stils logo

Friedrich Hölderlin

Peter an Bellarmin

Wohin könnt ich mir entfliehen, hätt ich nicht die lieben Tage meiner Jugend?
Oh, mein Bellarmin! kein Titan vergässe sich nicht über den zärtlichen Schüben des Todes, den diese Blüte an der wonnevollsten Schönheit dieses Wesens austeilte! Oh, meine Ania!
Es war ein grosser, stiller, zärtlicher Geist in dieser Jahrszeit, und die Vollendungsruhe, die Wonne der Zeitigung in den säuselnden Zweigen umfing mich, wie die erneuerte Jugend, so die Alten in ihrem Elysium hofften. In plötzlichem Umfangen entstieg den Wolken ein fliegender Tempel und entsandte Blitze zu Boden, die die Hügel bis nach Tina tränkten in ihrem quellenden Flug.
Aus der eifrigen Umarmung entrissen sie mir meine Geliebte, mit kalten Händen ergriffen die Bestien sie mir und hilflos nur konnte ich rufen in unendlicher Entschiedenheit. Es war ein Anblick, mein Lieber! der die Entwürfe erstarren lässt, die wir uns im kühnsten Traume aus der göttlichen Natur schöpfen. Noch hört ich bloss das Beben eines grossen Vulkans und bald erschien mir von heiliger Fügung gesandt ein fremdes Wesen. Seine Haut war grün als hättest du dich verstiegen, oh Athene!, mit spriessendem Graswerk ihm das Haupt zu überwachsen und wäre der Tod selbst unter das Fleisch des Menschen gedrungen.
Ihre Schreie klingen mir noch mit grossen Schwüngen durch die Seele, als sie ihre süsse Ferse in letzter Hoffnung am Türrahmen barg, doch wie ein wehendes Blatt vom Ast in die Lüfte gerissen wurde. Es ist viel verloren gegangen mit der Wunde, die sie mir in die Tiefe meines Herzens schnitten, ich lebte doch ihr, ihr Ewigschönen, der Alllebendingen allein!
Oh, wie ich darbte am Anblick der dahinschwindenden Räuber, als sie sich vom Boden zum Himmel huben. Nichts erwarmt an einer solchen Tat, die selbst die Ahnenden einsilbig werden lässt durch den tiefen Jammer, in den sie versänken. Welche Greueltaten wurden uns angetan, du schönes Herz! Waren wir nicht die eifrigsten Liebhaber der Natur, deren Blüte sich eben erst entblätterte und öffnete – mit einem tiefen, zerstörerischen Hauruck entatmete mir jede Lust am Leben. Wer bin ich, ich Listiger? Stehe erstarrt und untätig da, in der grossen Zerstörung meiner Lust. Ich hoffe, hier wird mein Geist geläutert, im Schatten der grossen Schande, deren Strahlen ihren Weg sich zu mir suchend schlängeln. Ich muss ein Ende machen mit dieser Scham, ich muss ein Ende machen dieser Blödigkeit, ein Ende, das letzte Element dieser Kette, machen mir selbst! Damit selbst die äusserste Natur und der Undurchdringlichste merkt, dass die Regung nicht gestorben ist in mir, es sei der letzte Beweis, den ich mir vorführen werde, für den unerträglichsten Schmerz. Entwaffne mich, oh Tödlichster! und fasse mich, Allgewandter in deine erstickenden Finger.
Den Gashahn habe ich aufgedreht, stehe eben am Fenster und überblicke die Küsten von Smyrna, die mich besonders gefreut hätten, wenn ich ein halbes Jahrtausend früher geboren worden wäre. Es dunkelt, Bellarmin, ich muss aufhören. Mein Liebster, ehre die Schändung nicht, traure nicht! Schon die erste Träne ist ein Verbrechen an der zweiten, so lasse es demütig bleiben, Besonnener! und lobe mein letztes Bestehen mit deinen mitleidslosen Freudenschwärmen, die ich, so hoff ich bis zuletzt, mir verdient habe.


kleine schule des stils logo