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Kategorie: Dialoge/Dramen

Killerspielespieler sind Killerspielespielerkiller.

A: Ich finde das schon schlimm, diese Amokläufe.
B: Ja. Wenn du mich fragst, es liegt tatsächlich an diesen Spielen. Es kann doch kein Zufall sein, dass die alle solche brutalen Gewaltspiele spielten.
A: Klar, das hat schon Einfüsse, solche Spiele, da bin ich mir sicher.
B: Ja, das geht ja nicht spurlos vorbei. Ich meine, ich sehe es ja an meinem Mann. Er spielt gerne ab und zu ein paar Stündchen Die Sims. Wenn er dann zu mir ins Bett kommt, ist er mit Wischen und indem er sich um die eigene Achse dreht in wenigen Sekunden umgezogen.
A: Ich sage dir, es sind diese Spiele. Sie verändern unser Leben. Mein Sohn rennt jeder Banane hinterher und fürchtet sich vor Tintenfischen seit er Pacman wiederentdeckt hat.
B: Und meine Freundin, das trau ich mich gar nicht zu sagen, die hüpft durch die Welt wie SuperMario.
A: Seit dem neuen Burnout haben die Strafzettel meines Sohnes wieder zugenommen.
B: Mein Cousin spielt an der Fasnacht immer Römer, du weißt schon, Age Of Empires und so.
A: Meine Nichte übrigens hat soviel Tetris gespielt, dass sie enttäuscht in Tränen ausbricht, wenn sich ihre Bauklötze nicht in Luft auflösen, wenn sie sie in einer Reihe anordnet.
B: Ja, das ist schon schlimm.
A. Ja. – Hey! – Du kannst doch nicht einfach davonlaufen und dieses Auto stehlen. Hey! Du hast doch versprochen, mit GTA aufzuhören?! Na warte!

Moralpredigt

Kind: Papa, haben die Menschen im Himmel alle Flügel?
Papa: Du meinst, ob sie Engel sind? Nein, nicht alle Menschen sind Engel.
Kind: Warum nicht?
Papa: Fragst du, weil Engel so aussehen wie Menschen? Das liegt daran, dass sie von Menschen gezeichnet werden.
Kind: Nein, Engel sehen nicht aus wie Menschen. Sie haben Flügel.
Papa: Achso.
Kind: Haben sie Flügel, damit sie fliegen können?
Papa: Ja, ich denke schon.
Kind: Wohin wollen sie denn fliegen? Ich dachte, es sei so schön im Himmel.
Papa: Hm. Vielleicht fliegen sie auf die Erde um den Menschen zu zeigen wie schön es im Himmel ist.
Kind: Wieso sollte es schön sein, wenn man im Himmel ist, wenn man nicht fliegen kann?
Der Vater und das Kind schweigen nachdenklich.
Kind: Ich will nicht in den Himmel.
Papa: Schon gut, mein Kind, du musst nicht, wenn du nicht willst.

Abrechnung

Vor einer Weile habe ich einen überaus kommunikativen und trotzdem durch und durch fiktiven Leser getroffen. Ich werde ihn Nemo nennen.

Nemo: „Ich habe dann übrigens schon verstanden, was du damit gemeint hast.“
Cédric: „Wieso?“
Nemo: „Na ja, keine Ahnung, man könnte es fast Intuition nennen, es ist auch irgendwie offensichtlich. Dein Tonfall, der Stil und alles. Es ist schon ziemlich klar, wie du das gemeint hast.“
Cédric: „Das verstehe ich nicht.“
Nemo: „Das kann man auch sehr schlecht verstehen, weißt du, man spürt das halt einfach, ob jemand etwas anderes meint, als er sagt. Deshalb ist das ja auch nicht gleich ein Lügen, nicht wahr?“
Cédric: „Ja, nein, das ist mir jetzt zu kompliziert. Nein, ich mein, ich verstehe das nicht, weil ich doch gar nichts eben gesagt habe.“
Nemo: „Wie gesagt, es war nunmal ersichtlich, was du damit gemeint hast. Wenn du meinst, du hast nichts gesagt, dann ist das eine Lüge.“
Cédric: „Wovon sprichst du überhaupt?“
Nemo: „Von deinem Text, den du letzthin gebloggt hast, diese Traumsequenz. Spielabend hiess er, glaube ich.“
Cédric: „Achso, den mocht ich also gar nicht. Ich verstehe aber immer noch nicht, was du da verstanden hast.“
Nemo: „Nein, ich hab das jetzt nicht unbedingt so verstanden, wie du gedacht hast, man würde es meinen. Ich weiss, was du gemeint hast und habe deshalb vielleicht etwas anderes verstanden als die meisten, nämlich das, was du gemeint hast.“
Cédric: „Aber das weiss ich ja selbst nicht recht.“
Nemo: „Natürlich tust du das. Ich habe es schon verstanden. Es war sogar auf eine Art und Weise sehr überzeugend.“
Cédric: „Nun gut. Es freut mich natürlich, dass du dir Gedanken zu meinem Text gemacht hast.“
Nemo: „Tust du doch auch.“
Cédric: „Ich weiss nicht, ich denke, nicht so viele wie du.“
Nemo: „Ach, komm schon, dir ist nur peinlich, dass ich dich durchschaut habe.“
Cédric: „Hm. Aber wie willst du mich denn durchschaut haben?“
Nemo: „Nein, also die Parallelen zu deinem Leben sind ziemlich ersichtlich. Wie du wieder mit deine Maturitätsarbeit aufrollst, die sich um Spiele dreht, wie du deine Vergangenheit bewältigst, wie du mit deiner Familie und der Schule abrechnest, man sieht alles da drin. Wirklich alles.“
Cédric: „Hm. Okay. Ich hoffe, das ist nicht wahr.“
Nemo: „Natürlich. Ich kenne dich.“
Cédric: „Und wenn ich mich nicht selbst kenne.“
Nemo: „Das ist mir doch egal.“
(Kurze Pause)
Cédric: „Ja, wieso nicht? Wem nicht?“
Nemo: „Aber ich finds cool, dass du schreibst. Nicht alles zwar, aber du weißt schon. Manche Texte mag ich auch nicht lesen, die sind viel zu lang. Und ein paar finde ich schon etwas verstörend.“
Cédric: „Ja. Natürlich. Schau mich doch an.“

Berufswunsch

Grausamerweise hatte Hermann oft das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
Dann klingelte das Telefon.
„Herr Hermann?“
„Ja.“
„Sie sind mir immer schon sympathisch gewesen.“
Herr Hermann kriegte relativ schnell eine Gänsehaut und da ein solcher Anruf, vor allem aus der Quelle des Unbekannten, höchst beunruhigend war, spürte er, wie sich die Haare an seinen Armen aufrichteten.
„Herr Hermann, wie geht es Ihrer Frau?“
Herr Hermann hatte tatsächlich eine Frau. Aber die musste heute irgendwo in Mexiko sein. Beim besten Willen konnte er nicht ausmachen, wer der Anrufer war, geschweige denn, was er wollte.
„Mexiko ist gefährlich, aber ich glaube, es wird ihr gut gehen. Menschen sind äusserst toll darin, sich anzupassen. Frauen noch viel eher, als wir das je verstehen würden.“
Hermann konnte nicht einmal behaupten, dass ihm die Stimme bekannt vorkam.
„Wer sind Sie?“, meldete er sich zum zweiten Mal zu Wort.
„Wer ich bin? Das spielt doch für Sie keine Rolle. Viel spannender wäre die Frage: Wer sind Sie?“
Hermann war sich nicht sicher, ob er das für einen unhöflichen Scherzanruf halten sollte. Einerseits war das ein sehr rüppiges Verhalten, das der Anrufer an den Tag legte, andererseits sprach er sanft und einfühlsam und sein Kompliment hatte äusserst glaubhaft geklungen. Ausserdem war Hermann ganz grundsätzlich sehr anfällig auf Komplimente.
„Ich bin Günther Hermann und das hier ist meine Nummer. Wer sind Sie?“
„Bei allem Respekt, Herr Hermann, so einfach ist das nicht. Wissen Sie denn, wer Günther Hermann ist?“
Wie aus Reflex begann sein Gehirn zu rattern. Als ob etwas in seinem Kopf die Alternative auskosten wollte, dass es sich um eine Quizshow handelte, die ihm eine Preisfrage stellen wollte. Es wollte ihm einfach keine Persönlichkeit mit dem Namen Günther Hermann einfallen.
„Ich werde es Ihnen zu erklären versuchen. Hermann Günther, zweiundreissig Jahre alt, lebt seit fünf Jahren in der Schweiz, alleine und ohne Kinder. Er ist nicht unglücklich. Ausserdem ist er Astronaut.“
Hermann lachte unwillkürlich. Dieser Scherz war zu geschmacklos, um ihm Fassung entgegenzubringen. Für einen Moment wusste er nicht was sagen, dafür war er umso überzeugter, dass es sich um einen Scherzanruf handelte.
„Ich arbeite bei einer Brokerfirma. Ich bin dort sogar engagiert und sogar einigermassen bekannt. Man sagt, ich bewahrte einen kühlen Kopf und stünde mit beiden Beinen auf den Füssen. Denn es ist ein hartes Geschäft.“
„Aber eigentlich schweben Sie.“
Etwas Unheimliches regte sich in ihm. Es war, als ob dieser Satz ihn aufspringen lassen wollte. Natürlich vor Wut, anders konnte er es sich nicht erklären, aber er hatte auf einmal den unbeschreiblichen Drang, zu springen. Er hielt sich an der Wand fest, um dem Willen nicht nachzugeben.
„Sie schweben schon sehr lange, Herr Hermann.“
Er musste nicht mehr antworten, die Leitung schien von der satten Stimme voll erfüllt, sie führte das Gespräch strikte und es wäre auch unmöglich gewesen, aufzuhängen, so stark war der Sog, den sie auf menschliche Ohren ausübte.
„Könnten Sie mir jetzt einen Gefallen tun, Herr Hermann? Gehen Sie bitte in die Küche.“
Er brauchte nur ins Nebenzimmer zu gehen und er stand da. Er antwortete nicht, als er dem Wunsch Folge geleistet hatte.
„Gut. Jetzt öffnen Sie den Kühlschrank.“
„Ich soll den Kühlschrank öffnen?“
„Sie haben mich perfekt verstanden, Herr Hermann.“
„Wieso sollte ich das machen?“
„Sie werden es machen.“
Hermann legte die Hand an den Griff seines Kühlschranks. Plötzlich überkam ihn Angst, seinen eigenen Kühlschrank zu öffnen.
„Fürchten Sie sich nicht, Herr Hermann. Es ist nur ein Kühlschrank.“
Dann entschloss er sich, für seine Verhältnisse schnell, und riss mit aller Wucht, die er aufbringen konnte, die Tür auf.
Den Tisch, das Geschirr und Herr Hermann zog es in einem unglaublichen Sog hinein. Dann fiel die Tür zu und es war still.

Sie waren die besten Headhunter der Welt und man konnte ihnen nicht entgehen. Niemand wusste tatsächlich, wie sie es machten, den Menschen ihre Berufe zu geben, doch sie taten es seriös und korrekt. Heute lesen viele Leute den Stellenanzeiger genauer.

Körperhygiene

„Magst du es eigentlich nicht mehr, wenn wir zu zweit unter der Dusche stehen?“

„Wieso sollte ich?“

„Nun ja, wir haben es schon so lange nicht mehr getan und du hast auch nicht gesagt, dass du es vermisst. Ich wollte nur fragen.“

Sie schwieg kurz, während sie aus dem Fenster sah. Man konnte vom Bett aus nichts sehen ausser die grauen Wolken, die sich satt und fest über den Himmel zogen.

„Und ich mein nur, weil man doch auf Facebook von Douche à 2 Fan werden kann. Und ich hab da eine Menge deiner Kumpels gesehen, die Fan wurden, aber du nicht, und da hab ich mich gefragt ob etwas nicht in Ordnung ist.“

„Achso, weil ich da kein Fan von bin?“, fragte er.

„Na ja, ich hab mich ja nur gefragt.“

„Nein, ich weiss nicht. Bist du denn ein Fan geworden?“

„Wieso? Spielt das für dich eine Rolle? Ich meine, magst du es nicht? Wirst du es nur, wenn ich es bin? Willst du mir einen Gefallen tun, oder was?“, fragte sie zurück.

„Ich hab doch gar nicht gesagt, dass ich es nicht mag, du hast gesagt, ich mag es nicht, weil ich im Internet kein Fan davon geworden bin, aber das sagt doch nichts aus, ob ich von Schokolade oder von Keira Knightley Fan werde. Nur weil das alle tun, muss ich doch nicht“, erwiderte er.

„Nein, natürlich musst du nicht. Aber ich wollte ja nur einmal gefragt haben, du musst auch nicht so austicken, du kannst ja auch einfach sagen, dass du es nicht willst. Aber, sag mir, liegt es an mir? Bin ich dir zu langweilig?“

„Nein, ich habe gar nicht gesagt, dass ich es nicht mag.“

„Aber du magst es nicht, oder?“

„Weißt du, dieses Internet macht dich doch ganz verrückt. Ich muss doch nicht von allen Dingen in meinem Leben ein Fan werden, um zu zeigen, dass ich es nicht hasse.“

„Achso, du hasst es nicht, dann ist ja alles super! Hasst du mich auch nicht? Das wäre richtig lieb von dir.“

„Wieso sollte ich dich hassen? Das ist jetzt ungerecht, dass du mir das vorwirfst, das habe ich überhaupt nicht gesagt. Ausserdem müsste ich wohl zuerst von Hass auf Facebook Fan werden, bevor ich überhaupt etwas hassen dürfte. Oder ich müsste mich zu den Menschen, die dir pausenlos die Fresse polieren könnten, gruppieren, um eine Meinung äussern zu können.“

„Dann äussere doch jetzt deine Meinung. Ich frag dich doch nur.“

„Aber, wieso denn? Wieso bist du kein Fan geworden?“, bohrte er weiter.

„Na ja, ich hab abgewartet, was du tust. Ich will nicht von etwas Fan werden, was du hasst, das sehen doch dann alle. Ich will das nicht als Zeichen einer Meinungsverschiedenheit sehen.“
„Und wenn es eine Meinungsverschiedenheit wäre?“

„Ich weiss nicht, dann müssen wir das ja nicht gleich so öffentlich machen. Du gibst also zu, dass es eine Meinungsverschiedenheit ist.“

„Nein, das tue ich nicht.“

„Und trotzdem ist es eine.“
„Was kümmert dich eigentlich, ob das die anderen Leute sehen oder nicht?“

„Na ja-“

„Nein, eher: Was kümmert diese Leute, was wir unter der Dusche machen?“

„Wir machen gar nichts unter der Dusche.“
„Das stimmt doch überhaupt nicht! Wann haben wir das letzte Mal zusammen geduscht? Vor zwei Monaten?“

„Vor drei.“

„Na und? Ich meine, na und, du hast auch seit drei Monaten nicht mehr gefragt, ob wir duschen sollen.“
„Ich will dich nicht unter Druck setzen, wenn es dir nicht gefällt.“

„Was tust du dann gerade eben?“, fragte er.

„Es gefällt dir nicht? Dann sag das doch, ich wusste es, aber was ist es? Wieso denn nicht?“
„Das habe ich doch damit überhaupt nicht sagen wollen. Was glaubst du denn, wie es für mich ist? Wie fühle ich mich wohl, wenn ich Fan vom Duschen zu zweit werde, wenn du es nicht bist? Das ist doch scheisse.“

„Willst du denn ein Fan werden? Ich werde auch einer, wenn du es wirst“, schlug sie vor.

„Magst du es denn selbst nicht genug um ohne mich Fan zu werden?“

„Ich bin doch nur vorsichtig.“

„Natürlich bist du vorsichtig. Aber wieso?“

„Was? Nur so. Ich wusste nicht, dass das etwas Schlechtes ist.“
„Ist es ja auch nicht.“

Er stand auf und trat auf ein herumliegendes Buch. Er zog sie hoch und am Arm ins Badezimmer.

„Ich will nicht, dass du das mir zu liebe machst. Ich will nicht, dass du mir diesen Gefallen tust“, rief sie ihm zu.

„Das ist kein Gefallen, das ist Hass.“, grollte er und öffnete die Düse.