Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: fröhlicher kapitalismus

Der Würstchen-Mann ist systemrelevant

Yunus Peterson, der immer die warmen Brötchen und die American Hot Dogs auf der Limmatbrücke verkauft und bei vielen als der ‘Würstchen-Mann’ bekannt ist, ist too small to fail. So lautet der Entscheid der letzten Kantonsratsssitzung, die unter Anrufung der Wirtschaftskommission darüber beraten hat. Der 46-jährige Yunus Peterson ist schon länger durch seine Unscheinbarkeit aufgefallen.
“Man übersieht ihn rasch”, bestätigt der Amtsvorsitzende der Kommission, Dietmar Schneebeli. “Er tut ganz normale Wienerli in sein Brötli.” Dennoch widmete man sich vier Stunden dem Würstchen-Mann und sprach von einer “schwierigen Situation”. Im letzten Quartal hatte Yunus dreihundert Hot Dogs weniger verkauft, was seine wirtschaftliche Lage zunehmend beengt. “Ich habe keine Ahnung, was passiert. Immer weniger wollen American Hot Dogs. Alle mehr Starbuck’s und so”, analysiert der betroffene Peterson. Dieser Quartalsbericht des Ein-Mann-Standes machte die Untersuchungskommission hellhörig. In einem Dossier stellt sie fest: Petersons Prekarität betrifft die kantonale Volkswirtschaft fundamental. “Yunus Peterson könnte man als das ‘schwächste Glied in der Kette’ bezeichnen, als derjenige, dessen Einflussbereich von allen Wertschöpfern derzeit am Geringsten ist.”
Das Problem daran: Wenn Peterson bankrott geht, leidet die Volkswirtschaft frappant. Wenn derjenige mit dem geringsten Einfluss wegfällt, fällt diese Rolle einem anderen Unternehmer zu. Der Schuhmacher von Roll aus Truttikon ist ein solcher Kandidat. Wenn dieser dem zunehmenden Druck nicht standhalt, was zu vermuten wäre — so Schneebeli –, könnte eine Kettenreaktion in Kraft treten, die die Wirtschaft von unten her “erodiert”. Ein weiterer Grund ist der externe Effekt. Bekanntlich liegt Petersons Geschäft auf einer der Hauptschlagadern des mittaglichen Geschäftverkehrs. Wenn sein Angebot wegfällt, droht die Aggression verschiedener Banker und hoher Beamter aufgrund von Hunger. Ausserdem hat sein Lächeln die Menschen unbewusst angeheitert, was für die Produktivität wertvoll sein konnte. Die Folgen, die das Zusammenbrechen von Yunus Petersons “Hot Dog und Brötli-Stand” auslösen würde, sind auf jeden Fall nicht abzuschätzen. Zumal mit grossen Kursstürzen gerechnet werden muss, wenn öffentlich wird, dass der Staat sich nicht um die Bevölkerung kümmert und auch den Schwächsten fallen lässt. Gerade dies ist, der Kommission zufolge, der wunde Punkte.
Deshalb wurde Yunus Peterson am Montagvormittag im Kantonsrat offiziell für “systemrelevant” erklärt. Das bedeutet auch, er muss die Einlagen seines Geschäfts erhöhen und stärkere Hygiene-Kontrollen über sich ergehen lassen. Fürs Erste aber ist er gerettet. Der unscheinbarste Unternehmer des Kantons bleibt, wie erwartet, bescheiden. Darauf angesprochen, dass der Kantonsrat ihn in den Diensten für die Bevölkerung als unverzichtbar ausgewiesen hat, erwidert er wenig überrascht: “Ja, essen muss das ganze Volk.”

Konjunkturprogramme

Sie sehen jetzt immer den Mond. Er geht nicht mehr unter, ewig prangt er wie eine Erinnerungsnotiz auf dem schwarzen Himmel, denn die Erde dreht nur noch einmal im Monat. Durch den Mond, der die Erde über die Jahrmillionen entschleunigt und die Präzession verringert hat, sind die Neigung der Erdachse und die Pole verschwunden. Die Temperaturschwankungen sind gering. Ausser einer Sonnenfinsternis herrscht selten Dunkelheit, denn Wolken treiben nur gelegentlich mit dem schläfrigen Passat vorbei. 14 Tage scheint die Sonne, sonst leuchtet der Mond.
Sie arbeiten jeden Tag. Emsig kümmern sie sich um die Geschäfte und verdienen Geld. Es ist eine dankbare Tätigkeit, die den langen Tagen ihren Rhythmus gibt. Am Ende des Tages, bevor die scheinbar ewige Nacht anbricht, erhalten sie das Geld und sind zufrieden. Einkaufen können sie nicht. Viel haben sie gelernt aus der Vergangenheit, Geld ist nicht mehr ungebunden. Der genau definierte Wert steht auf den Noten: Ein Haus, ein Hund, ein Sofa. Besitz genügt ihnen wie er schon früheren Generationen genügt hat, deshalb sind sie erpicht auf diese Gelder. Sie stimmen allerdings darin überein, dass die Güter nicht bei ihnen zu Hause herumstehen, sondern in einem tiefen Tresor verwahrt werden sollen, wo sie sicher, aber auch schwer zu erreichen sind. Sie wissen, dass sich der Hund, das Haus, das Sofa verstaut unter ihren Füssen befindet und viel mehr braucht es gar nicht zum Leben. Sie geniessen karge Räumlichkeiten, denn zu Hause brauchen sie nur Schlaf und einen Apfel zum Frühstück.
Ihr einziger Besitz, den ihre Währung nicht mit einem Geldstück oder einer Banknote verbürgen kann, ist Arbeit und auf die sind sie besonders stolz. Dabei sind Jobs nicht knapp: Alle haben Arbeit. Das liegt in der Form der Arbeitsteilung. Toiletten können nur von versierten und erfahrenen Handwerkern, beziehungsweise Forschern, ausgeführt werden. Ein Müllmann wird daher nicht schlecht bezahlt. Er trägt schliesslich auch grösste Verantwortung, denn das Wesen des Mülls ist komplexer geworden. Insbesondere die reaktiven, die reflexiven und die hochintelligenten Abfälle sind tückisch. Er braucht nicht nur körperliche Robustheit, um die Schläge des aggressiven Mülls zu ertragen, auch die Trennung der einzelnen Abfälle sorgt für Kopfzerbrechen, bei dem gewisse Materialien mehrmals überprüft und in Gesprächen verhört werden müssen. Nachdem er sich so den ganzen Tag mit dem Müll gerauft, sich den Bekehrungsversuchen dessen religiöser Ableger widersetzt und in intelligenten Fällen diplomatisch mit ihm geeinigt hat, muss er am Abend in die Ethikkommission, in denen ausgiebig die Kategorien und die nötige Verhaltensweise diskutiert werden, die die Müllmänner im heiklen Gebiet empfindsamen Mülls anzuwenden haben.
Auch die Zeitungsverträgerinnen haben es nicht leicht, denn die Nachrichten müssen für die Kunden personalisiert und zusammengebastelt werden. Die Minenarbeiter verfügen über das Wissen und die Fähigkeit explosives und implosives Anthrazit von normalem zu unterscheiden. Und von den Putzfrauen braucht man gar nicht erst anfangen. Auf diese Weise haben sich alle Berufe spezialisiert, was Angebot und Nachfrage stetig verschärft hat. Die Nachfrage ist so gross wie früher, dafür gibt es keine unqualifizierten Jobs mehr (mit Ausnahme der Politiker, weshalb auch nur Sans-Papiers im Parlament einsitzen, die sich aus der Wildnis oder barbarischen Kommunen in die Zivilisation gerettet haben und sich Zeit ihres Lebens nie in eine Arbeit haben vertiefen können). Deshalb ist das Angebot knapp. Die Löhne für die unangenehmen Arbeiten, wie das Überzeugen, Verprügeln, Verfrachten von Müll oder das aufwändige Bändigen, Beruhigen, Beschwichtigen und schliessliche Putzen der WC-Schüsseln sind hoch, denn niemand ist in der Lage, ohne Ausbildung diese Aufgaben zu übernehmen. So ist die Armut aus ihrer Gesellschaft getilgt, weshalb auch niemand von ihnen den Reiz verspürt, seine Besitztümer in Augenschein zu nehmen, solange er sie in der Bank lassen und die entsprechenden Geldnoten in der Brieftasche tragen und notfalls durchblättern kann.
Diese Errungenschaften verdanken sie den Bemühungen früherer Konjunkturprogramme zur Förderung der Nachhaltigkeit, die den Müll präpariert, unter den früheren Anthrazit explosiven gemischt und tief in den Bergen vergraben, sowie viele weitere gerechtigskeitfördernde Massnahmen bemüht hat. Das ist selbstverständlich nicht zu aufwändig gewesen, denn der Erfolg ist für jeden sichtbar und man hat schliesslich ausreichend Zeit, wenn die Nacht so lange dauert, wie vierzehn Nächte von früher. Man legt sich ins Gras, wartet den Morgen ab und fechert sich mit den Geldnoten Luft zu, freudig erregt, weil bald die Arbeit beginnt.

Jeden Augenblick

»Jeder Augenblick ist kostbar«, sagte er und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. Dabei glitt seine Hand zärtlich, fast fröstelnd, über den Schenkel. Der Blick war auf den Horizont gerichtet, umkränzt von stämmigen Augenfalten, er selbst stark in der Haltung, herausfordernd im Ausdruck und den einen Arm leicht ausgestreckt, wie um das Vorbeiziehende erhaschen zu können. Er seufzte, sein Blick war — ganz kurz — düster umwölkt, oder verschwand wie der belaubte Boden eines späten Herbstes, dann klärte er sich wieder auf, blitzte keck hervor, die Geheimratsecken zuckten, Säbelrasseln mimischer Schwerenöter — und geformten Sinnes entschied er sich entschieden für die nächsten Worte. Den Mund öffnete er, gab ihm Zeit, dass sich ein Laut darin ausdehnen konnte.
»Jeder Augenblick ist kostbar«, sagte er. Und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. Dabei glitt seine Hand zärtlich, fast fröstelnd, über den Schenkel. Der Blick war auf den Horizont gerichtet, umkränzt von stämmigen Augenfalten, er selbst stark in der Haltung, herausfordernd im Ausdruck und den einen Arm leicht ausgestreckt, wie um das Vorbeiziehende erhaschen zu können.

Adä Kassä

wännsi wännsi
wännsi wännsi
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi händsi
ächt äs chärtli
wännsi wännsi
wänd äs chärtli
grüezi grüezi
nändses nötli
gärn äs chärtli
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi nändsi
wännsi wännsi
wänndso guetsi.

Die Gier

Sie zeigten nach oben auf die spiegelnde Fassade des Hochhauses.
»Weshalb ist die Krise über uns gekommen?«, rief einer der Demonstranten mit donnernder Stimme. »Wegen uns? Wegen der Wirtschaft? Wegen zu hoher Steuern? Nein! Das sind Lügengeschichten! Es ist die Gier, die dort oben herrscht!« Sein wütender Finger schoss hinauf und richtete sich auf das oberste Stockwerk der Grossbank. Hinter dem getönten Fenster stand Liebermann und errötete betroffen. Er war ein glattrasierter Mann mit etwas pausbäckigem Gesicht, rüstig und aufgeräumt sein Charakter, er galt als grosser Golfspieler, als begnadeter Stepptänzer und genoss — zumindest unter den Bekannten — einen blendenden Ruf.
»Die Gier?«, rief er aus. »Was soll das heissen, die Gier? Was fällt denen ein!« Seiner Histerie willfährig jagte er durch das Zimmer. Er stürmte hinaus und warf die Tür hinter sich laut zu. Seine Sekretärin fuhr zusammen.
»Wo ist denn diese Gier?«, fragte er die sichtlich verdutzte Frau. Sie schüttelte ahnungslos den Kopf.
Liebermann wartete nicht darauf, bis die Überrumpelte etwas hervorstammeln konnte, sondern rannte flink aus dem Zimmer. Er klopfte bei Mitarbeitern, denen er Vertrauen entgegenbrachte, und stürmte in ihre Büros, überzeugte sich, dass bei ihnen die Gier nicht vorhanden war, und verliess sie, stets noch stärker erregt, mit knallender Tür.
»Wo ist die Gier?« Er schoss aus dem Raum und knallte die Türe zu.
»Wo ist die Gier?« Knall!
»Die Gier! Jemand muss doch wissen, wo sie steckt.« Knall!
Vom Türeknallen unruhig geworden, begannen sich die Mitarbeiter für das Problem zu erwärmen. Noch am selben Abend fragte die Sekretärin in einem internen Rundmail an die Broker und Zweigstellenführungen, ob sie wüssten, wo die Gier sich versteckt hielte. Die wiederum, durch die Nachricht so hoher Instanzen in Bewegung gesetzt, horchten unverzüglich ihre Angestellten aus.
Nirgends war die Gier zu finden — selbst mehrere Meetings vermochten nicht, Licht ins Dunkel zu bringen — Wo ist die Gier? — Wo ist die Gier? — Hat jemand die Gier gesehen? — bald noch gewagter: — Hat jemand die Gier am eigenen Leib erfahren? — Man dürfe sich nicht scheuen, solche Begebnisse zu melden, es sei nicht recht und niemand solle sich schämen, ihr Opfer geworden zu sein — diese Rufe hallten in verschiedene Richtungen aus allen Schaltstellen der Verwaltung und erreichten schliesslich die niederen Angestellten.
»Sag mal…« Der Team-Coordinator von Sebastians Schicht rückte einen Stuhl hervor, auf den er sich setzte. Er zündete sich genüsslich eine Zigarette an und betrachtete mit glimmenden Augen, wie Sebastian langsam zu zappeln begann. Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben, die sich hier, im Nebenraum der Regionalbank, während dem normalen Betrieb, von seinem Vorgesetzten ins Dunkel gezerrt, über seinen ganzen Körper ausbreitete. »Jetzt mal ganz unter uns… Sebastian, wir können ehrlich miteinander reden. Du kennst doch Gier?«
»G…Gier?«
»Kennst du jemanden, der gierig ist?«
»Wie?«
»Na ja, oder bist du gierig?« Er blinzelte schelmisch.
»Nnn…« Mehr brachte Sebastian nicht hervor. Er sah den Vorgesetzten mit grossen Augen an und wusste nicht, was er sagen sollte. Er war verstört durch den Lauf, den das Gespräch genommen hatte, sein Verstand durchstossen wie Eis von einem Eisbrecher, und er versuchte mit dem Rest seines Verstandes, abzuwägen, wieviel Spass und wieviel Ernst im Spiel sein konnten.
Der Team-Coordinator nickte, murmelte etwas und drückte mit Bestimmtheit einen leuchtenden Knopf auf dem Telefon. Nach wenigen Sekunden stand die Leitung.
»Frau Lobotsky?« Seine Stimme klang erhöht und leise, wie um ihr wieder Sanftheit zufliessen zu lassen, und langsam, damit sie sich mit ihr vollsaugen konnte. »Ich weiss, wo sie ist. Ich habe ihn.«
Sebastians Hand erhob sich zitternd, als wollte er seinem Vorgesetzten das Telefon entreissen, doch er verharrte im Begreifen, dass etwas sehr Schlimmes passiert war.
»Gott sei Dank, Herr Liebermann!«, rief die Sekretärin am Morgen gut gelaunt. »Die Gier! Sie ist weg.«
»Tatsächlich?« Herr Liebermann steppte einige Schritte. »Darauf müssen wir anstossen!«

Der Billionär

All diese Bücher. All diese Bücher muss ich scannen. Und das Format wählen, die benutzerdefinierte Vorlage, nicht etwa A4, die meisten Bücher sind grösser. Und dann scannen. Nächste Vorlage. Auf der linken Seite des Scanners schichten sie sich auf und wenn ich damit fertig bin, lege ich sie auf der rechten Seite ab. Wenn ich das Buch hineinlege und auf die Massbänder richten will, muss ich darauf achten, dass mir der Schaft der Pistole nicht gegen die Schläfen stösst. Das ist mir schon drei, vier Mal passiert und es ist wirklich unangenehm, nicht nur für mich, sondern auch für den anderen, der dann einen Schritt zurücktritt und erst nach einigen Minuten wieder näher kommt, um die Pistole an meine Schläfe zu halten. Er sorgt dafür, dass ich scanne. All diese Bücher scanne. Er hat sich mir nicht vorgestellt, mir nie etwas gesagt, ausser, dass ich scannen soll, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob er meine Sprache spricht. Die einzige Kommunikation zwischen uns läuft über all die Bücher, die ich scannen muss. Manchmal bringt sie ihm ein anderer und er übergibt sie mir wortlos. Scheerbart Lesabéndio. H. C. Artmann: Frühprosa. Charlotte Roche — Schossgebete. Einmal hielt ich die Vierte Auflage der Erstausgabe »Werthers« in der Hand und weigerte mich, das alte Buch auf die Fläche zu pressen, um es einzuscannen. Die Antwort war ein Schlag auf meinen Hinterkopf und so musste halt der alte Werther leiden.
Ich habe bei der Arbeit viel Zeit zum Nachdenken und kann über die Gründe des ganzen Vorgehens grübeln. Ich habe mich gefragt, ob man mir Mitteilung machen will, indem man mir diese Bücher gab. Ob zum Beispiel in den Titeln, die ich scanne, ein Muster zu finden ist, irgendein Code. Aber das ergibt schon deshalb keinen Sinn, weil ich von der ersten bis zur letzten Seite alles einlesen muss. Einfacher scheint mir dann die Frage, weshalb man sich die Mühe machte, all das scannen zu lassen.
Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten, die mir nicht beide gleich wahrscheinlich scheinen. Entweder es existiert ein militaristischer, vielleicht paramilitärischer Verein, der die Digitalisierung des Buches auf gewaltsamem Wege fordert. Nur wie sollte sich der finanzieren? Weshalb nur Bücher und nicht etwa alte Bilder? Weshalb Bücher scannen, die bereits digitalisiert sind? Viel wahrscheinlicher scheint mir deshalb doch der Billionär.
Es ist nämlich anzunehmen, dass es einen kriminellen Billionär gibt, der — als er, wie ich, noch arm und für solche Arbeiten zuständig war — im Scannen von Büchern das Geheimnis erkannt hat: Den Ersatz fürs Lesen. Erst war er Literaturprofessor geworden, weil er seiner Konkurrenz weit voraus war: Statt die Bücher alle zu lesen, über die er Vorlesungen hielt, scannte er sie ein. So ersetzte er das Lesen und der Scanner übernahm es für ihn. Billionär wurde er, weil er begriff, dass er, statt sie selbst zu scannen, die Arbeit jemandem übertragen könnte, für den der Scanner las — und schliesslich entschloss er sich dazu, dass er ebensogut für sich auch andere Professoren über die Bücher plaudern lassen konnte, die sie wiederum von ihren Assistenten einscannen liessen. So ging die Kette weiter. Der Billionär besitzt mittlerweile etwa vierundzwanzig Kapitalisten, die — in seinem Auftrag — ihr Geld für sich arbeiten lassen, dieses Geld ist in HedgeFonds angelegt, die wiederum andere Anleger finanzieren, die dann irgendwann Firmen für sich arbeiten lassen, so dass, ganz am Ende von Unis, Firmen und Produktionsketten, ich stehe, der die Bücher für ihn einliest— und der Scanner, der sie wirklich liest —, wir also, die ihn zum Billionär machen. Es versteht sich von selbst, dass er, wenn er verstanden hat, dass seine ganze Existenz nur von mir abhängig ist, indem ich ihm Bücher zufüttere, dafür sorgen muss, dass ich nicht aufhöre. Deshalb der mit der Pistole.
Was er dabei vergessen hat: Ich habe soviele Bücher gescannt, dass ich fast so klug bin wie er. Weil ich die Bücher selbst scanne, erleidet der Eindruck, den ich dabei empfange, nur unmerkliche Verzerrungen, die sich weit gegen oben, bis zum Billionär, verstärken. Deshalb ist es zu rechtfertigen, dass ich mehrmals die gleichen Bücher einscanne, weil sie beim ersten Mal für den Billionär nicht deutlich genug gelesen sind. Ich nutze diese Schwäche für mich aus, scanne besonders aufmerksam und achte darauf, dass ich die Bücher, die mir bekannt sind, manipuliere. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass dem Billionär zwar der Erec, aber nicht die Szene von Enites Pferd, zwar Der Process, aber nicht Josef K.s Gespräch mit dem Dom-Prediger bekannt ist. Dadurch erreiche ich kleine Vorsprünge, die ich zu meinem Vorteil zu nutzen gedenke. Wenn die Zeit reif ist, werde ich hier hinausspazieren. Ich werde den Billionär mit vorgehaltener Pistole für mich Billionär-Sein lassen, um für mich reich zu sein. Ein anderer wird meinen jetztigen Job machen, die Bücher scannen. All diese Bücher.

Die effiziente Stadt

Diese Stadt scheint, als ob man die neurologischen Prozesse gekühlt hätte, um sich dem entropischen Zustand anzunähern. Es ist, als ob eine kaum bekannte, aber nicht durchwegs unbedeutende Instanz beschlossen hätte, dass das Verbrauchen wertvoller Lebensgeister durch das Denken ein ineffzienter Vorgang ist. Tatsächlich ist der energetische Verschleiss nicht zu leugnen, der sich nur schon beim Wechseln verschiedener Gedankengänge ergibt, und dieses Wechseln ist bei den einströmenden Sinneseindrücken eines normalen Lebens kaum abzuwehren, schliesslich gilt es mal in die, mal in die andere Richtung zu assoziieren. Die naheliegende Lösung ist also, die neurologischen Prozesse zu verlangsamen und sich selbst gewissermassen mental-integrierte Scheuklappen anzulegen, die die meisten neurologischen Prozesse unterbinden und sie nur auf jene beschränken, die zum Ausführen einer bestimmten Tätigkeit wirklich benutzt werden. Selbst wenn solche Menschen klagten, die immer klagen: Man dürfe nicht alles der Effizienz unterordnen. Kreativität sei dadurch gefährdet und so weiter. So sind das doch eigentlich unvernünftige Einwände im Hinblick auf die Tatsache, dass Effizienz nicht ein moralischer, sondern ein rein ästhetischer Wert ist, der — wie die Schönheit der Kunst — im Namen des Moralischen funktionieren oder ihm auch das Handwerk legen kann, sowie im Hinblick auf die Überflüssigkeit von Kreativität eines Originalgenies: Echte Kreativität entsteht nicht durch die Engführung der beiden Hälften in einem Gehirn, es ist die Verknüpfung hunderter Gehirnhälften, weshalb eine Kettengeschichte in jedem Fall kreativer ist, als ein von einem irren Kopf geschmiedetes Opus Magnum, das nur zum hohen Preis von zerstörter Ordnung und Energie entsteht und im Endeffekt meistens nur weiter gedankliche Unordnung stiftet.
Hat man die Übermacht dieser Argumente erst einmal verstanden, begrüsst man auch die Bemühungen zur Entschleunigung der Denkvorgänge, solange unwichtige Tätigkeiten vonstatten gehen: Es ist wirklich nicht nötig, Sprech-, Sex- oder Rechenareale zu aktivieren, wenn ein Schüler in der Geschichtsstunde sitzt. Es ist ihm natürlich keineswegs verboten, darauf zu beharren, aber vernünftige Überlegung und Ekel vor der Verschwendung werden auch ihn zu dem Bewusstsein geleiten, dass sich das Leben bequemer gestalten lässt, wenn er abends zum Spielen mehr Kräfte zur Verfügung hat. Das entschleunigte Denken — oder auch Scheuklappendenken — in der Gesellschaft, scheint auf den ersten Blick widersinnig: Es ist zumindest nicht logisch, dadurch Effizienz zu zeitigen, dass Denkvorgänge gelähmt werden, schliesslich müssen im Verlaufe des Tages immerzu Entscheidungen getroffen, Pläne geschmiedet, Abläufe vorbereitet werden.
Dieses Element der neurologischen Kapazität ist selbstverständlich unabdingbar. Durch eine besondere Spaltung der Aufgabenbereiche lassen sich aber auch diese Forderungen erfüllen, ohne dass das Gehirn der Ablenkung und dem Denkverschleiss verfällt. Gegen zwei Uhr in der Nacht, während die Bürger an die Entschleuniger angeschlossen sind, bietet sich ihnen ein ausgiebiger Zeitraum, indem ein jeder die Möglichkeit wahrnimmt, den Tagesablauf von morgen zu planen. Während diesen maximal zwei Stunden — in der Regel reichen zehn Minuten — schreibt der Betreffende den Denkplan in sein Buch, der unwiderruflich ausgeführt wird. Es ist wichtig, dieses Buch sorgfältig und gewissenhaft auszufüllen, im Gegenzug lässt sich dadurch die Lebensqualität ungemein steigern: Wenn man will, steht man morgens um sechs auf, um mit dem Frühsport zu beginnen, kocht sich ein gesundes Frühstück, setzt sich pünktlich zur Arbeit, denkt auf dem Weg an seinen Geliebten — natürlich nur, wenn dies so geschrieben wurde — und arbeitet pflichterfüllt und konzentriert, damit man sich abends ein Bad einlassen und nach der Lieblingsserie zu Bett gehen kann. Sagenhafterweise lassen sich so alle Vorsätze erfüllen und es widerfährt einem nie wieder die kleinste Verführung oder Entgleisung, die einen aus der Bahn wirft. Alle Lebensträume können dadurch besser erfüllt werden, weil sich keine Widerstände bilden, die nicht aus dem Weg geräumt werden können.
In dieser Stadt scheint es deshalb oft so, als ob Zombies unterwegs wären, die nichts denken und nur zur Arbeit fahren, in Wirklichkeit aber sind es die ambitioniertesten, ehrgeizigsten und durchtriebensten Köpfe, die sich ihre Energie für ganz klar festgelegte Zeiten aufsparen, in denen sie ihre Gedanken kanalisieren können.
Was in vielen Fällen dennoch zu Missbilligung führt, ist die unbefriedigende Ausführung des Gesellschaftslebens, an der weiterhin umtriebig geforscht wird. Während sich gezeigt hat, dass die gesellschaftlichen Kontakte automatisch und mit voller Zustimmung der Beteiligten zurückgegangen waren, als man einander nicht mehr am Arbeitsplatz ablenken konnte oder auf der Strasse belästigt wurde, erhebt sich von Zeit zu Zeit dennoch Unmut über die Schwierigkeit, sich zu bereichernden Gesprächen niederzusetzen. Klagen solcher Art kommen gerüchteweise vor allem von Frauen, es ist aber Fakt, nur gesellschaftlich verschwiegener, dass sich die Männer ebenso über den Mangel an sexuellen Kontakten ereifern. Beschämt nehmen sie wahr — können es aber nicht verhindern —, wie sie nackt mit der Matratze kopulieren, während ihre Frau den Plan geändert hat, weil sie noch Überstunden machen musste oder lieber ins Spa ging. Derlei Situationen sind für die Betroffenen manchmal traumatisch, es ist allerdings nur eine Sache der ausgewogenen Planung und des partnerschaftlichen Austauschs, mit der man sich ohnehin anfreunden sollte. Der Verkehr, also auch der nichtgeschlechtliche, wurde demgemäss entschleunigt, um das Gefahrenpotential einzudämmen. Stau herrscht zur grösseren Sicherheit auf den Strassen, damit alle in ihr Heft schreiben können: Fahren, wenn vorne gefahren wird. Es ist selbstverständlich, dass zur Bildung solcher Staus die Stadt keinen Aufwand scheut, um schon am Morgen eigene Bremswagen einzusetzen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Gefahr durch Amokläufe und andere Greueltaten, weil alle Menschen ungeschützt in den Zügen sitzen und sich selbst dann nicht regen würden, wenn jemand mit einer Pistole auf ihren Kopf zielt. Das ist ärgerlich, und deshalb ist für die Bürger ein gelegentlicher Bruch in der Routine empfehlenswert — Gehen Sie zu Fuss! Nehmen Sie den Stau! —, um einem allfälligen Verfolger Finten zu schlagen und unvorhersehbar zu bleiben.