Konjunkturprogramme

von Cedric Weidmann

Sie sehen jetzt immer den Mond. Er geht nicht mehr unter, ewig prangt er wie eine Erinnerungsnotiz auf dem schwarzen Himmel, denn die Erde dreht nur noch einmal im Monat. Durch den Mond, der die Erde über die Jahrmillionen entschleunigt und die Präzession verringert hat, sind die Neigung der Erdachse und die Pole verschwunden. Die Temperaturschwankungen sind gering. Ausser einer Sonnenfinsternis herrscht selten Dunkelheit, denn Wolken treiben nur gelegentlich mit dem schläfrigen Passat vorbei. 14 Tage scheint die Sonne, sonst leuchtet der Mond.
Sie arbeiten jeden Tag. Emsig kümmern sie sich um die Geschäfte und verdienen Geld. Es ist eine dankbare Tätigkeit, die den langen Tagen ihren Rhythmus gibt. Am Ende des Tages, bevor die scheinbar ewige Nacht anbricht, erhalten sie das Geld und sind zufrieden. Einkaufen können sie nicht. Viel haben sie gelernt aus der Vergangenheit, Geld ist nicht mehr ungebunden. Der genau definierte Wert steht auf den Noten: Ein Haus, ein Hund, ein Sofa. Besitz genügt ihnen wie er schon früheren Generationen genügt hat, deshalb sind sie erpicht auf diese Gelder. Sie stimmen allerdings darin überein, dass die Güter nicht bei ihnen zu Hause herumstehen, sondern in einem tiefen Tresor verwahrt werden sollen, wo sie sicher, aber auch schwer zu erreichen sind. Sie wissen, dass sich der Hund, das Haus, das Sofa verstaut unter ihren Füssen befindet und viel mehr braucht es gar nicht zum Leben. Sie geniessen karge Räumlichkeiten, denn zu Hause brauchen sie nur Schlaf und einen Apfel zum Frühstück.
Ihr einziger Besitz, den ihre Währung nicht mit einem Geldstück oder einer Banknote verbürgen kann, ist Arbeit und auf die sind sie besonders stolz. Dabei sind Jobs nicht knapp: Alle haben Arbeit. Das liegt in der Form der Arbeitsteilung. Toiletten können nur von versierten und erfahrenen Handwerkern, beziehungsweise Forschern, ausgeführt werden. Ein Müllmann wird daher nicht schlecht bezahlt. Er trägt schliesslich auch grösste Verantwortung, denn das Wesen des Mülls ist komplexer geworden. Insbesondere die reaktiven, die reflexiven und die hochintelligenten Abfälle sind tückisch. Er braucht nicht nur körperliche Robustheit, um die Schläge des aggressiven Mülls zu ertragen, auch die Trennung der einzelnen Abfälle sorgt für Kopfzerbrechen, bei dem gewisse Materialien mehrmals überprüft und in Gesprächen verhört werden müssen. Nachdem er sich so den ganzen Tag mit dem Müll gerauft, sich den Bekehrungsversuchen dessen religiöser Ableger widersetzt und in intelligenten Fällen diplomatisch mit ihm geeinigt hat, muss er am Abend in die Ethikkommission, in denen ausgiebig die Kategorien und die nötige Verhaltensweise diskutiert werden, die die Müllmänner im heiklen Gebiet empfindsamen Mülls anzuwenden haben.
Auch die Zeitungsverträgerinnen haben es nicht leicht, denn die Nachrichten müssen für die Kunden personalisiert und zusammengebastelt werden. Die Minenarbeiter verfügen über das Wissen und die Fähigkeit explosives und implosives Anthrazit von normalem zu unterscheiden. Und von den Putzfrauen braucht man gar nicht erst anfangen. Auf diese Weise haben sich alle Berufe spezialisiert, was Angebot und Nachfrage stetig verschärft hat. Die Nachfrage ist so gross wie früher, dafür gibt es keine unqualifizierten Jobs mehr (mit Ausnahme der Politiker, weshalb auch nur Sans-Papiers im Parlament einsitzen, die sich aus der Wildnis oder barbarischen Kommunen in die Zivilisation gerettet haben und sich Zeit ihres Lebens nie in eine Arbeit haben vertiefen können). Deshalb ist das Angebot knapp. Die Löhne für die unangenehmen Arbeiten, wie das Überzeugen, Verprügeln, Verfrachten von Müll oder das aufwändige Bändigen, Beruhigen, Beschwichtigen und schliessliche Putzen der WC-Schüsseln sind hoch, denn niemand ist in der Lage, ohne Ausbildung diese Aufgaben zu übernehmen. So ist die Armut aus ihrer Gesellschaft getilgt, weshalb auch niemand von ihnen den Reiz verspürt, seine Besitztümer in Augenschein zu nehmen, solange er sie in der Bank lassen und die entsprechenden Geldnoten in der Brieftasche tragen und notfalls durchblättern kann.
Diese Errungenschaften verdanken sie den Bemühungen früherer Konjunkturprogramme zur Förderung der Nachhaltigkeit, die den Müll präpariert, unter den früheren Anthrazit explosiven gemischt und tief in den Bergen vergraben, sowie viele weitere gerechtigskeitfördernde Massnahmen bemüht hat. Das ist selbstverständlich nicht zu aufwändig gewesen, denn der Erfolg ist für jeden sichtbar und man hat schliesslich ausreichend Zeit, wenn die Nacht so lange dauert, wie vierzehn Nächte von früher. Man legt sich ins Gras, wartet den Morgen ab und fechert sich mit den Geldnoten Luft zu, freudig erregt, weil bald die Arbeit beginnt.