Wrag!

Cédric Weidmann, 28, schreibt.

Tag: Gedanken

Einführung zu Yoshis Lesung

Hier in Teilen die gestrige Einführung zu Yoshis Lesung. Es ist das Portrait eines unaufhörlich und unerhört progressiven Schreibens und ich hoffe, meine kurze Analyse konnte und kann ihm wenigstens ein wenig gerecht werden:

Ich glaube, wenn man etwas zu Yoshis Texten sagen will, kommt man nicht um die Diskussion von Humor herum, denn zweifellos sind sie „humoristisch“. Was heisst, es kann passieren, dass man laut auflacht, wenn man es liest, und es kommt vor, dass Situationen im Leben einen an Szenen aus seinen Texten erinnern.
Ich möchte Ihnen ein kleines Beispiel für den Humor zeigen. Wenn man es versteht, versteht man auch Yoshis Witz. Ich habe es auf dem Blog gefunden und es lautet:

Nie konnte er früh nach Hause gehen. Immer musste er der Letzte sein.
„Warum tun Sie das?“, fragten sie ihn.
„Wenn ich der Letzte bin“, erwiderte er, „kann ich nicht das Letzte sein.“

In Momenten wie diesen treten viele Elemente hervor, die man bei Yoshi wiederfindet: Die Angst, gesellschaftlich zu versagen (also das Letzte zu sein) – etwas, das wir später noch in den Geschichten: „Max hat den Quaxel nicht repariert“ und „Enttäuschung“ sehen werden –, der Witz mit der Sprache, der ganz besonders in der Erzählung die „Raffel“ zu finden ist, und die typische alltägliche Absurdität, die sein Werk durchzieht.
Man wird deshalb auch oft an andere Autoren des Absurden denken, man wird an Kafka erinnert oder an Haruki Murakamis Kurzgeschichten.
Ich möchte Ihnen aber ans Herz legen, dass Sie dabei den Unterschied, der Yoshi gegenüber diesen Autoren und, ich würde meinen, des heutigen Erzählens auszeichnet, bedenken.
Yoshis Geschichten sind erstens immer heiter, obwohl sie fast immer traurige Figuren oder Umstände beschreiben.
Und zweitens – sehr wichtig – liegen seine Texte nicht in der Schwebe.
Sie hören nicht irgendwo Raymond Carver-mässig auf und geben Stunden zu deuten her. Das Ende ist nicht offen. Bei Yoshis Texten stellt sich nicht die Frage, was gemeint ist, höchstens noch, was es bedeutet (aber auch das nicht immer). Sie stellen ungerne derartige Fragen. Die Texte kommen auf den Punkt. Auch wenn dieser Punkt nichts Bedeutungsvolles sein muss. Aber es gibt immer eine Pointe, es gibt stets einen Witz an der Sache.
Wenn Sie Yoshi aber persönlich fragen, was seine Geschichten bedeuten oder, grausamer, was sie aussagen wollen, dann wird er Ihnen antworten, wie er auf die Geschichte gekommen ist, woher die Idee dazu kam. Es ist wirklich ein lustiges Phänomen, Sie können es später gerne überprüfen. Und es kommt nicht von ungefähr. Ich glaube, Yoshi weigert sich, seinen Texten zu viel Dringlichkeit geben. Er wird auch nicht sagen: „Das musste geschrieben werden, es musste so gesagt werden, es hat einen Sinn.“ Das ist für ihn nicht die Funktion des Erzählens.
Was hingegen eine Funktion des Erzählens bei ihm ist, ist das Sich-lustig-Machen. Tatsächlich machen sich wirklich fast alle Texte über etwas lustig. Oft ist es leicht zu sagen, worüber, manchmal schwieriger.
Aber Yoshi ist nicht einfach nur hämisch. Er entwickelt dieses Prinzip weiter: Im nächsten Text macht er sich über das Lustigmachen lustig. Und über die, die sich über das Lustigmachen lustig machen, macht er sich im nächsten lustig. Das ist es auch, was die Texte ausmacht.
Yoshis Kurzgeschichten könnten immer gut auch alleine stehen: Manchmal sind es dann spannende Erzählungen, manchmal philosophische Gedanken, aber es kann auch vorkommen, dass es nur ein schaler Witz ist (einen solchen Witz werden Sie unter dem Titel „Zwei Bekannte“ im Buch finden). Und dabei erhebt sich manchmal vielleicht der Vorwurf, es sei zu plakativ. Man könne doch nicht immer pointiert schreiben! Man könne doch nicht immer auf den Punkt kommen! Man müsse doch dem Leser Freiräume lassen!
Aber dieser Vorwurf vergeht gerade in der grossen Masse der Texte, denn, wie gesagt, Yoshis Texte setzten sich sehr ironisch mit sich selbst auseinander. Es gibt keine Geschichte und mit ihr keine „Moral der Geschichte“, die nicht zugleich schon aufgelöst ist durch eine andere.
Yoshis Texte sind verfeindet. Sie hassen sich.
Der „Verein“ hasst den „Sekretär“ (in der Funktion der Institution, die beschrieben wird). Der „Quaxel“ hasst die „Raffel“ (in der Beschreibung, wie Gegenstände unverzichtbar werden).
Jedes Prinzip wird von einer Geschichte zur nächsten umgestülpt, im Kleinen wie im Grossen, und ich verspreche Ihnen, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Die Dinge, von denen man keine Veränderung erwartet, schlagen von einer Sekunde auf die nächste um – die Einsamen bleiben nicht die Einsamen, die Beliebten bleiben nicht die Beliebten, Freunde bleiben keine Freunde, Schrifsteller keine Schriftsteller, Vereinsmitglieder bleiben keine Vereinsmitglieder.
Damit wird das Plakative aufgestört. Die zwanzig pointierten Erzählungen in diesem Buch rennen gegeneinander an und zeigen erst in der Masse den grossen Konflikt auf, in dem sie stehen.
Yoshis Texte sind Pixel. Pixel auf dem Bildschirm eines Computer aus den 80er-Jahren, auf den mehrmals eingehauen wurde. Da sind Störungen, Ausfälle, Pixelfehler, Verschiebungen oder Verfärbungen, die erst beim Blick auf den gesamten Bildschirm auffallen. Störungen, die einen aufs Neue fragen lassen: Darf man darüber lachen? Sind traurige Geschichten wirklich lustig? Oder ist in Wirklichkeit gerade das traurig, dass wir traurige Geschichten lustig finden?

Das sind so Fragen

Warum führt befreite Sexualität zu mehr gefesselten Menschen?

Wieso ist eigentlich niemand zufrieden mit der Welt wie sie ist (Konservative sind nicht zufrieden, sie ärgern sich über die progressiven Tendenzen. Warum aber ist niemand mit der heutigen Welt zufrieden, obwohl Menschen mit fast allem zufrieden sein können)?

Was waren Steve Jobs letzte Gedanken (und wen umklammerten dabei seine Finger? (Oder was? (Oder welcher Release? (Hauptsache, er hat die Tastensperre dringehabt)))?

Die Romantik des Ganzen

Der verdammte Hund bellt und du kommst aus dem Nebel nach Hause, atmest den Staub deines Zimmers, es ist vier Uhr nachts, deine Augen leuchten, nicht vor Glanz, sondern vor Schmerz, dein Rücken rollt sich ein, eine Fliege sitzt dir auf das Ohr, die Sonne steigt bald wieder hoch, die Vögel werden schon nervös, fünf Bier liegen noch drin, also im Magen, du schaltest das Licht an, es flackert frech, ein Hund bellt, du kratzt deine Nase, sie ist kalt, du setzt dich hin, schlägst ein Buch auf und beginnst zu lesen.

Dein Blog versucht dir etwas zu sagen

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Ähm, tschuldigung, ich hab da mal eine Frage an Sie

Ist da eigentlich eine Entschuldigung in „Es tut mir leid, aber ich würde es wieder tun“? Warum denn? Warum denn nicht?

Palindrom #3

Sei Rot’s, wenn rege ist im Esel ein Herd! Dreh nie! Lese mit Siegern new stories!

Gute Stimmung

Selten steigt sie wie ein Heliumballon.
Oft hüpft sie kurz, stolpert, holpert und schluckt auf, wenn einen Acker der Unsicherheit das Gespräch überquert. Es erheitern sich die Gesichter, der Witz beginnt zu entflammen, ein Lächeln überspannt die Münder, die Augenbrauen schieben sich nach oben und die Stimmen werden hell. Sie fängt sich selten wieder auf in ihrem Lauf und der Schluckauf ist in der Regel eine Unordnung, die man duldet und nicht ersehnt: Immer am Grat der Verlegenheit prescht die Hochstimmung vorbei und jeder bangt und klammert sich an das Lächeln, hoffend, dass man sich nicht wegdreht und gleich darauf denkt, es sei unangenehm gewesen. Wenn sie hinfällt, ärgert sich der Wegdrehende: wie der mir ins Gesicht, wie ich erst ihm ins Gesicht gegrinst habe, wie der seine Zustimmung versüsst, sein Witzchen draufgepudert, mir den Abschied vollkommen überschmunzelt hat und wie ich darauf eingescherzt bin, mit vollem Humor draufgerasselt und mit der Handbewegung die ulkige Mimik übertroffen habe, völlig übertrieben, völlig bedeppert, völlig peinlich. Und man denkt grummelnd, den Kopf zwischen den Schultern vergrabend in unbarmherziger Scham: es war so schnell und so schlimm, nur hoffentlich hat es niemand gesehen, das flackernde Feuer der Stimmung.

What Would Freud Do?

Heute Nacht träumte mir ein Elend. Ich weiss nicht mehr genau, was passiert war. Wohl kaum sehr viel. Als ich mein Smartphone hervornahm, musste ich festsellen, dass es vollkommen zerkratzt war. Ich bemerkte einen Schlüsselbund im Hosensack, wo ich es drin aufbewahrt hatte und ärgerte und schämte mich. Es war anders, besser als meines, aber das beirrte mich nicht und ich war überzeugt, dass ich es erst seit einer Woche besass.
Ein zerkratztes Smartphone. Was hätte Freud dazu gesagt?

(gebloggt mit meinem heilen echten Smartphone)