Einführung zu Yoshis Lesung

von Cedric Weidmann

Hier in Teilen die gestrige Einführung zu Yoshis Lesung. Es ist das Portrait eines unaufhörlich und unerhört progressiven Schreibens und ich hoffe, meine kurze Analyse konnte und kann ihm wenigstens ein wenig gerecht werden:

Ich glaube, wenn man etwas zu Yoshis Texten sagen will, kommt man nicht um die Diskussion von Humor herum, denn zweifellos sind sie „humoristisch“. Was heisst, es kann passieren, dass man laut auflacht, wenn man es liest, und es kommt vor, dass Situationen im Leben einen an Szenen aus seinen Texten erinnern.
Ich möchte Ihnen ein kleines Beispiel für den Humor zeigen. Wenn man es versteht, versteht man auch Yoshis Witz. Ich habe es auf dem Blog gefunden und es lautet:

Nie konnte er früh nach Hause gehen. Immer musste er der Letzte sein.
„Warum tun Sie das?“, fragten sie ihn.
„Wenn ich der Letzte bin“, erwiderte er, „kann ich nicht das Letzte sein.“

In Momenten wie diesen treten viele Elemente hervor, die man bei Yoshi wiederfindet: Die Angst, gesellschaftlich zu versagen (also das Letzte zu sein) – etwas, das wir später noch in den Geschichten: „Max hat den Quaxel nicht repariert“ und „Enttäuschung“ sehen werden –, der Witz mit der Sprache, der ganz besonders in der Erzählung die „Raffel“ zu finden ist, und die typische alltägliche Absurdität, die sein Werk durchzieht.
Man wird deshalb auch oft an andere Autoren des Absurden denken, man wird an Kafka erinnert oder an Haruki Murakamis Kurzgeschichten.
Ich möchte Ihnen aber ans Herz legen, dass Sie dabei den Unterschied, der Yoshi gegenüber diesen Autoren und, ich würde meinen, des heutigen Erzählens auszeichnet, bedenken.
Yoshis Geschichten sind erstens immer heiter, obwohl sie fast immer traurige Figuren oder Umstände beschreiben.
Und zweitens – sehr wichtig – liegen seine Texte nicht in der Schwebe.
Sie hören nicht irgendwo Raymond Carver-mässig auf und geben Stunden zu deuten her. Das Ende ist nicht offen. Bei Yoshis Texten stellt sich nicht die Frage, was gemeint ist, höchstens noch, was es bedeutet (aber auch das nicht immer). Sie stellen ungerne derartige Fragen. Die Texte kommen auf den Punkt. Auch wenn dieser Punkt nichts Bedeutungsvolles sein muss. Aber es gibt immer eine Pointe, es gibt stets einen Witz an der Sache.
Wenn Sie Yoshi aber persönlich fragen, was seine Geschichten bedeuten oder, grausamer, was sie aussagen wollen, dann wird er Ihnen antworten, wie er auf die Geschichte gekommen ist, woher die Idee dazu kam. Es ist wirklich ein lustiges Phänomen, Sie können es später gerne überprüfen. Und es kommt nicht von ungefähr. Ich glaube, Yoshi weigert sich, seinen Texten zu viel Dringlichkeit geben. Er wird auch nicht sagen: „Das musste geschrieben werden, es musste so gesagt werden, es hat einen Sinn.“ Das ist für ihn nicht die Funktion des Erzählens.
Was hingegen eine Funktion des Erzählens bei ihm ist, ist das Sich-lustig-Machen. Tatsächlich machen sich wirklich fast alle Texte über etwas lustig. Oft ist es leicht zu sagen, worüber, manchmal schwieriger.
Aber Yoshi ist nicht einfach nur hämisch. Er entwickelt dieses Prinzip weiter: Im nächsten Text macht er sich über das Lustigmachen lustig. Und über die, die sich über das Lustigmachen lustig machen, macht er sich im nächsten lustig. Das ist es auch, was die Texte ausmacht.
Yoshis Kurzgeschichten könnten immer gut auch alleine stehen: Manchmal sind es dann spannende Erzählungen, manchmal philosophische Gedanken, aber es kann auch vorkommen, dass es nur ein schaler Witz ist (einen solchen Witz werden Sie unter dem Titel „Zwei Bekannte“ im Buch finden). Und dabei erhebt sich manchmal vielleicht der Vorwurf, es sei zu plakativ. Man könne doch nicht immer pointiert schreiben! Man könne doch nicht immer auf den Punkt kommen! Man müsse doch dem Leser Freiräume lassen!
Aber dieser Vorwurf vergeht gerade in der grossen Masse der Texte, denn, wie gesagt, Yoshis Texte setzten sich sehr ironisch mit sich selbst auseinander. Es gibt keine Geschichte und mit ihr keine „Moral der Geschichte“, die nicht zugleich schon aufgelöst ist durch eine andere.
Yoshis Texte sind verfeindet. Sie hassen sich.
Der „Verein“ hasst den „Sekretär“ (in der Funktion der Institution, die beschrieben wird). Der „Quaxel“ hasst die „Raffel“ (in der Beschreibung, wie Gegenstände unverzichtbar werden).
Jedes Prinzip wird von einer Geschichte zur nächsten umgestülpt, im Kleinen wie im Grossen, und ich verspreche Ihnen, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Die Dinge, von denen man keine Veränderung erwartet, schlagen von einer Sekunde auf die nächste um – die Einsamen bleiben nicht die Einsamen, die Beliebten bleiben nicht die Beliebten, Freunde bleiben keine Freunde, Schrifsteller keine Schriftsteller, Vereinsmitglieder bleiben keine Vereinsmitglieder.
Damit wird das Plakative aufgestört. Die zwanzig pointierten Erzählungen in diesem Buch rennen gegeneinander an und zeigen erst in der Masse den grossen Konflikt auf, in dem sie stehen.
Yoshis Texte sind Pixel. Pixel auf dem Bildschirm eines Computer aus den 80er-Jahren, auf den mehrmals eingehauen wurde. Da sind Störungen, Ausfälle, Pixelfehler, Verschiebungen oder Verfärbungen, die erst beim Blick auf den gesamten Bildschirm auffallen. Störungen, die einen aufs Neue fragen lassen: Darf man darüber lachen? Sind traurige Geschichten wirklich lustig? Oder ist in Wirklichkeit gerade das traurig, dass wir traurige Geschichten lustig finden?