w-archiv

Tag: Gedanken

Wie Alice im Wunderland

Weshalb bückt sich der Mann vom Lande, um durch das Tor in das Innere zu sehen? Und weshalb tritt der Türhüter dazu beiseite?

Eintrag in meinem Notizbuch vom 29. März 2008

Das Beste, was man tun kann, ist vor einem Krankenhausaufenthalt ein Bier zu trinken. Deine Fahne sterilisiert den schrecklichen Geruch und deine im Sterben liegende Urgrossmutter hält dich für ihren verstorbenen Mann.

Allgemeines Zähneputzen

Es gibt gute Titel, zu denen fällt mir kein Text ein. Eigentlich schade.

Discours de la méthode pour bien conduire sa maison

Ich habe einen magischen Teppich.
Er hat die erstaunliche Eigenschaft, Dinge verschwinden zu lassen.
Erst gestern habe ich einen Stift zu Boden geworfen und ihn nicht mehr gefunden. Er konnte nicht weit weg sein. Mit den Händen fuhr ich wie wild über den Teppich, doch ich konnte nichts entdecken. Er hat ein eigenartiges Muster, das das Hinschauen schwer macht. Wenn das Licht schlecht ist, scheinen die Formen und Zeichnungen zu flirren und zu tanzen, wie Figuren bei einem alten Arcade-Automaten. Es ist unmöglich, darin etwas Dreidimensionales zu entdecken.
Auf der Suche nach meinem Stift stiess ich auch meine Schere vom Tisch und zu Boden. Sie kam auf dem Teppich zu liegen, soviel verriet mir das dumpfe Geräusch. Doch ich konnte sie nicht mehr entdecken.
In einem Anfall von Unglauben fuhr ich den Teppich ab, während meine Augen hastig über ihn herjagten. Irgendwann konnte ich den Stift entdecken – er hatte die ganze Zeit vor meinen Augen gelegen – doch die Schere konnte ich nicht mehr auffinden.
Beschämt und irritiert setzte ich mich auf mein Bett und verarbeitete den typischen Prozess der Selbstzweifel. Bin ich müde? Blind? Blöd? Was soll aus mir werden, wenn ich sogar eine Schere – ein grosses Ding mit schwarzen Griffen – auf dem Teppich nicht entdecken kann? Wozu bin ich überhaupt noch fähig?
Erst seit kurzem freue ich mich.
Nicht jeder hat schliesslich einen magischen Teppich.

Gestern am Bahnhof

Ein älterer, noch frischer Herr von etwa 70 Jahren (A) und ein jüngerer etwa 40-Jähriger (B) sitzen mit mir am HB Zürich auf einer Bank und warten auf den Zug.

B: Wüssed Sie eigentlich, ob mär da no döf rauchä?
A (schüttelt den Kopf): Drum gits da au kei Dampf-Lokänä meh.
Lachen.
B: Sie Witzbold!
A: Aber isch scho so. Jetzt… jetzt rauchäd vill, vill weniger als früener.
B: Ja, ja.
A: Und äs isch au weniger… sexy, das Rauchä. Früener händ doch alli Filmheldä so en Stumpä oder ä Zigarette idä Hand gha.
B: Ja, ja… Ich fühl mich au weniger sexy als früener.
Lachen.

Das Machen von 1000 Sachen

Ich müsste noch eine lange Reihe von Dingen erledigen, Dinge, die ich schon längst hätte erledigen müssen, ja ich sollte sie alle nach einander, Stück für Stück, hinter mich bringen, abhaken und am Ende ein paar Schritte zurückstehen und das Werk bewundern, das ich vollbracht habe, ich müsste diese Sachen einfach kurz machen, fertigstellen, vollenden, etwas davon hervobringen, etwas wegschaffen, jenes abschliessen, jenes anfangen, eines mitteilen, das andere zum Müllcontainer bringen, oh, ich bräuchte das alles bloss zu machen, natürlich, ich müsste nur anfangen und nicht aufhören, heute noch, und dann geht es nicht viele Wochen, einfach bis es zu Ende ist, die erste Sache machen, dann die zweite, dann die dritte, bis es abgeschlossen ist, denn es werden ja kaum unendlich viele Sachen sein und wenn ich so die 1000te Sache gemacht hätte, könnte ich mich ja aufrichten, in den Tag blinzeln, mir den Schweiss von der Stirn wischen und lächeln, wie die Bananenpflücker in der Fernsehwerbung., dann könnte ich schauen, was ich machen wollte, oder ich ob ich gar nichts machen wollte und dann würde ich genau das machen, zum Beispiel…

Wer kennt das nicht?

Wer kennt das nicht?
Irgendein rotznasiges, eigenwilliges, selbstverbrüchliches Mädchen, das aber eigentlich ziemlich scharf aussieht und interessant, oder ein einfältiger, kindischer, verlumpter Junge, der aber eigentlich ziemlich lustig ist und so ein süsses Lächeln hat. Wer kennt nicht so ein Mädchen, das aussieht wie Venus, mit der man gelacht und getrunken hat, diesen Jungen, dem man immer näher gekommen ist und versehentlich über die Hand gestreift hat.
Eine, mit der man gerne in die Ferien fahren würde, keine laute, eigentlich, aber sowas von nicht leise oder einen, mit dem gerne aufwachen würde an einem Wintertag, ein kräftiger, nicht eigentlich schrobiger, aber sowas von nicht langweilig.
Eine, mit der du dein Einkommen teilst, wenn sie mit dir das Bett und manchmal ihr Mittagessen teilt, einer, der weiss was du brauchst, dich ernst nimmt und nie Angst hat.
Ja, eine, die eine aus sich selbst gestülpte Selbstbemitleidung hat, einer, der sich nachts immer kratzt und krächzt, wenn er Hunger hat. Wer kennt nicht so eine Frau, die dich nimmt wie du bist, dir gibt, was du brauchst, von dir nimmt, was sie will. Die du erwischst, wenn sie mit deinem besten Freund – eigentlich ein schrobiger, kindischer, verlumpter Junge, aber sowas von nicht langweilig – im Bett ein unaussprechliches Schrullen feiert, sowas von nicht leise? Wer kennt nicht so einen Mann, dem man vertrauen kann, der keine Angst hat, keine Angst jemanden zu verlieren oder umzubringen, der nicht faul wird, weil er es schon ist?
Einer, der nicht immer dem Geld nachrennt, weil er noch nie welches hatte, der hinter dem Rücken Witze macht, die noch nicht einmal lustig sind.
Wer kennt nicht so eine Frau, die einem tief ins Fleisch geschnitten, so einen Mann, der einem ins Gesicht gepisst hat?
So eine Frau, der man den Rücken zudrehen musste, um ihr gegenüber nicht ausfällig zu werden, oder so ein Mann, dessen Wohnung man verlassen musste, weil man von ihm ausgesogen und hereingelegt wurde.
So eine Frau, bei der man noch in ärgerlicher Zufriedenheit ewig resümmiert, wie man sie verlassen hat und dass es gut so war, einen Mann, dessen Verschwinden aus dem Leben eigentlich eine Wohltat war.
Eigentlich war sie so ein rotznasiges, eigenwilliges, selbstverbrüchliches Mädchen oder er war eigentlich ein kindischer, zerlumpter, einfältiger Junge. Endlich ist man sie los, diese Schlampe, oder man ist ihn los, dieses Arschloch, und kann sich auf sich selbst konzentrieren, dieses selbstverbrüchliche, rotznasige Mädchen, oder auf sich selbst, diesen einfältigen, zerlumpten Jungen.
Und auf die Zukunft warten!

Der Notfallplan

An den, der vor zwei Tagen auf meinen Blog gestossen ist, weil er folgenden Suchbegriff eingegeben hat:

freundin schlug mir versehentlich ein glas ins gesicht

1. Keine Panik.

2. Bringe in Erfahrung, ob du blutest (a) oder nicht (b).

2a. Bringe in Erfahrung, ob du Schnittwunden (a1), Schürfungen (a2) oder dir auf die Zunge gebissen (a3) hast.

2a1. Konsultiere einen Arzt.
2a2. Konsultiere einen Arzt.
2a3. Ay, das tut weh! Konsultiere einen Arzt.

2b. Bringe in Erfahrung, ob der Schlag dafür zu schwach war (b1) oder du zu stark (b2).

2b1. Gehe zu Schritt 4.
2b2. Sicher? Gehe zu Schritt 3.

3. Du bist krass, der Schlag war hart, aber du noch härter. Du kannst dich mit Punkt (5) auseinandersetzen.

4. Wenn du wehleidig bist, gehe zu (a), wenn du ein Achill bist, springe zu (5).

4a. Trainiere dein Gesicht. Wie das geht? Schlag zu! Gehe dann zurück zu Schritt (2).

5. Bringe in Erfahrung, ob unter „versehentlich“, „versehentlich“ (a) oder „„„versehentlich“““ (b) zu verstehen ist.

5a. War in dem Glas Alkohol drin (a1), eine Säure (a2) oder ein anderes Getränk (a3)?

5a1. Du solltest dir überlegen, besser auf deine Freundin aufzupassen.
5a2. Gehe sofort zu Schritt (5b)!
5a3. Hat deine Freundin motorische Störungen (a3a) oder in letzter Zeit zu viel Stress für ein Gespräch (5b).

5a3a. Ay, scheisse! Dann solltest du es dir ja gewöhnt sein. Gib ihr besser kein Glas in die Hand.

5b. „„„Versehentlich“““? Ist das nur deine eigene Einschätzung (b1) oder auch die deiner Freundin (b2).

5b1. Gehe zu Schritt (6).
5b2. Wenn du wirklich ein Achill bist, gehe zu (7), sonst zu (6b).

6. Nimm die Jacke und geh raus so wie es dir am besten passt: allein (a) oder mit deiner Freundin (b).

6a. Renn über alle Berge und bewaffne dich das nächste Mal.
6b. Geht zum Paar- oder Aggressionstherapeuten.

7. Reiss dich zusammen, Mann!

Bitte für die rasche Hilfe!