Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: gorilla

Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Letzter Teil.

Der schreibende Gorilla

Im Fernsehen lief die ganze Rückschau. Bilder von Stolzer, wie man ihn zu Verhören lud. Das Lächeln blitzte im gebräunten Gesicht. Reportagen über seinen steilen Aufstieg und seinen noch abrupteren Fall. Und auch jenes Fussballfeld wurde gefilmt, auf dem vor etwas mehr als zehn Jahren die Chemikerfussballmeisterschaft stattgefunden hatte. Einige frühere bekannte Forschungskollegen standen auf dem Rasen vor dem Göttinger Institut für Leibesertüchtigung (IfL) und erzählten von der Beflissenheit ihrer damaligen Gegner. Stolzer, Omga Auerbach und Schiefenthal seien angefressen gewesen, sie stählten ihre Muskeln an Sandsäcken und Maisbirnen und bereiteten sich professionell auf die Meisterschaft vor. Sie waren eben erfolgshungrig. Am Tag nach dem Finalspiel hatte Stolzer den grausamen Plan gefasst, seinem Kollegen die Forschungsarbeit zu stehlen. Damit er ihm keine Mühe machte, setzte er ihn in der Uni-Zeitung systematisch herab, injizierte ihm modifizierte Stammzellen und machte ihn zum Affen. Dann kopierte er dessen Arbeit und brachte sie unter seinem Namen raus. Schiefenthal, eigentlich eine neu Dazugestossene im Projekt, ahnte nur, was passiert war, und verliess sofort die Uni. Stolzers steiler Aufstieg begann zeitgleich mit Omgas leidiger Karriere als Silberrücken. Er wurde Politiker, der andere Affe. Nur manchmal trieb ihn das schlechte Gewissen in den Zoo, wo er Omga betrachtete und über die Vergangenheit nachdachte.

Der Kickboardverfolger wurde wegen Leichenschändung und Verschwiegenheit gebüsst. Ansonsten war ihm wenig anzulasten. Nachdem er sein Geld für den Auftrag im Leichenschauhaus nicht bekommen hatte, hatte er begonnen, dem Politiker aufzulauern. Es waren wohl schliesslich die Knausrigkeit des Politikers und die Armut des Chemikers gewesen, die Stolzers Plan vereitelt hatten.

Rico drehte sich auf seinem Bürosessel um die eigene Achse. Auf dem Bildschirm flackerten die Bilder aus dem Affenhaus. Er seufzte. Schon wieder kein Honorar. Von wem auch? Vom Staat? Natürlich nicht. Es war noch nicht einmal sicher, ob es im Fall der Uni Göttingen eine Strafverfolgung geben konnte, und der Fall Schiefenthal konnte noch nicht abgewickelt werden, solange Stolzer politische Immunität genoss. Von Omga? Omga war der mittellose, dumpfe Gorilla, der für immer im Käfig bleiben würde. Es gab keinen Grund, einen Affen in die Freiheit zu entlassen. Nein, in toto, kein Geld. Wiedermal nichts. Rico stand auf, griff nach dem Krempenhut und setzte sich in sein Auto. Er steuerte Greifenstrasse 42 an.

Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 8.

Der schreibende Gorilla

»Wussten Sie, dass Giraffen Kraftanstrengung benötigen, um sich hinunterzubeugen? Das vorzustellen, ist mir immer sehr schwer gefallen. Ich meine, wir können unseren Kopf einfach fallen lassen. Die müssen ihn nach unten drücken… Ich kann es mir nicht vorstellen«, presste der Kickboardfahrer hervor, während Ricos Hand seine Wange auf den Boden drückte. Sie waren vor dem Giraffengehege, wo ihn Rico erwischt hatte. Eigentlich hatte er Stolzer hinterhetzen wollen, doch dieser war längst über alle Berge, als sie ihn aus dem Käfig befreit hatten. Stattdessen hatte er den Verfolger erwischt.
»Kann ich mir auch nicht vorstellen.«
»Ja…« Der Mann seufzte. Der Detektiv zwängte ihm die Hände auf den Rücken und kniete sich auf seinen Hintern, damit er nicht wieder entwischen konnte. Das Kickboard lag etwas abseits.
»Weshalb tragen sie einen Chemikermantel?«
»Ich bin Chemiker, habe Chemie studiert, geliebt und bin auch heute noch meist im Labor. Wenn ich draussen kurz meinen Unterhalt verdiene, ziehe ich den praktischen Kittel doch nicht aus.«
»Ihren Unterhalt?«
»Glauben Sie, ich fahre zum Spass Kickboard?«
»Weshalb machen Sie es dann?«
»Um Geld zu verdienen, habe ich doch gesagt.«
»Wer bezahlt Sie?«
Der Chemiker schwieg.
»Warum haben Sie Frau Schiefenthal verfolgt?«, knurrte Rico eindringlicher.
»Stolzer wollte es so. Er bezahlte mich und wollte, dass ich ihr Angst einjage, weil sie den Plagiatsskandal aufgedeckt hat.«
»Haben Sie sie umgebracht?«
»Nein. Nein, das hat jemand anderes getan. Aber vermutlich im Auftrag von Stolzer.«
Rico seufzte und beobachtete die Giraffen, die mit langen, blauen Zungen nach den Bäumen grabschten.

»Was haben Sie im Leichenschauhaus gemacht?«
»Ich musste im Auftrag von Stolzer die Beine der Frau abtrennen.«
»War etwas an ihnen speziell?«
»Ja, es war eklig. Sie waren völlig behaart.«
Rico nickte. »Sie hatte sich eben zum Affen gemacht«, murmelte er.
»Ja«, antwortete der Mann gepresst. »Frau Schiefenthal hatte sich in einem Artikel selbst zum Affen gemacht und Stolzer bekam Angst. Er musste unbedingt vertuschen, was sie vorhatte und die affenartigen Veränderungen von ihrer Leiche entfernen.«
»Aber weshalb sollte das Stolzer stören, wenn sich die Frau zu einem richtigen Affen machte? Ist da was Schlimmes dran?«
»Für Stolzer ja, denn er hatte den Plagiatsfall mehr oder weniger im Zaum halten können. Bekannt war nur, dass er abgeschrieben hatte. Dass die abgeschriebene Arbeit davon handelte, wie man menschliche Stammzellen zu tierischen umwandelte, hielt er unter Verschluss. Dafür gab es einen guten Grund, denn der Mann, von dem er es abgeschrieben hatte, durfte auf keinen Fall die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen, denn sonst wäre ein lange verstecktes Verbrechen aufgeflogen. Frau Schiefenthal wurde von mir verfolgt, damit sie es nicht weitererzählte. Die Frau war klug. Sie übte an sich jenes Experiment aus, das Stolzer zerstören würde, weil es so ganz bestimmt an die Öffentlichkeit gelangen würde…«
»Sie machte sich selbst zum Affen, um Stolzers früheres Verbrechen aufzudecken?«
»Ja, sie gehörte damals zum Wissenschaftsteam, das in diesem Bereich tätig war. Sie, Stolzer und der Mann, von dem Stolzer abgeschrieben hatte.«

Die Giraffen unterhielten sich wohl in Infraschallfrequenz, denn sie sahen einander belämmert und reglos in die Augen.
»Der Mann hiess Omga Auerbach.«

Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 7.

Der schreibende Gorilla

Omga warf ihm einen Stock zu. Rico nahm ihn in die Hand und prüfte ihn. Es war ein normaler Stecken. Hatte er ihm etwas mitteilen wollen? Er versuchte sich ihm zu nähern, doch der Silberrücken bäumte sich auf und fletschte die Zähne. Das wulstige Zahnfleisch leuchtete himbeerfarben hervor. Rico blieb stehen und richtete den Blick stattdessen durch das Fenster. Der Schriftzug Leibesertüchtigung war nur noch schattenhaft zu erkennen, denn sie putzten ihn regelmässig. Darunter aber stand noch ein neues Wort, mit dem sich die Tierwärter abmühten. Maisbirne. Hinter dem Glas standen Familien, die auf die Affen und den Detektiv zeigten. Sie lachten dort und assen ihre ausgebreiteten Picknicks.

Wenn es nicht so gruselig und verstörend gewesen wäre, es wäre eine Sensation geworden. Ein Affe in Gefangenschaft hatte zwei verschiedene Wörter geschrieben. Von selbst. Und erst noch solche, die man im Lexikon nachzuschlagen brauchte. Maisbirne war ein Trainingsgerät für Boxkämpfer. Der Zoo war ratlos.

Rico hatte die Chance genutzt und verlangt, eingeschlossen zu werden. Man hatte lange gezögert und schliesslich nachgegeben. Als eine Art Wissenschaftsprojekt verbrämt, sass er jetzt in der Ecke des Käfigs und beobachtete das Tier. Er musste wie Omga werden, um zu verstehen, was Omga dachte. Diese Wörter mussten eine tiefere Bedeutung haben. Der Gorilla wollte etwas mitteilen. Davon war Rico noch überzeugter, seit er das zweite Wort gelesen hatte. Der Silberrücken hatte irgendwas mit Sport zu tun… Es war nur nicht leicht zu sagen, was genau.

Er warf Omga einen brüderlichen Blick zu. Dieser erhob sich steif, schlurfte auf ihn zu und versetzte ihm, zur Begeisterung der Zuschauer, einen Leberhaken. Während sich Rico noch am Boden wand, klingelte sein Telefon. Er zückte es und entfernte sich so weit wie möglich von Omga.
»Ich habe noch einmal darüber nachgedacht und recherchiert.« Es war der Zoologe. »Ist es möglich, dass der Affe so menschliche Züge hat, ist er vielleicht gar ein Mensch? Das hast du mich gefragt und es ist eine wirklich verzwickte Frage. Die Antwort lautet: Vermutlich.«
»Es ist möglich? Wie?«, fragte Rico, während er Omga funkelnde Blicke zuwarf und durch den Schmutz stapfte.
»Das ist mir auch nicht so recht klar. Es müssten zweifelsfrei chemische Prozesse am Werk gewesen sein, um eine solche Umgestaltung zu ermöglichen. Dazu bedarf es einiger Genkodierungen, die man — so glaubte ich — noch nicht kennt. Aber die Forschung ist rasch und man ist sich natürlich nie sicher, was passiert ist.«
»Aus einem Menschen ein Gorilla machen? Chemisch?«
»Das reicht natürlich noch lange nicht«, antwortete der Zoologe. »Es braucht ein wichtiges, neues Element. Es braucht erst die Überzeugung der Umwelt, dass jemand ein Affe ist. Verstehst du? Wenn man erwartet, jemand sei ein Mensch, dann fallen einem eigenartige, tierhafte Züge, zum Beispiel Bewegungen, nicht auf. Man hält sie für kleine Besonderheiten. Wenn man es umgekehrt schafft, dass die Umstehenden einen Menschen für einen Affen halten, so können die menschlichen Eigenschaften, die er hat, immer mehr heruntergebrochen und als Affenmerkmale erklärt werden. Wenn er spricht, sagt man, er kommuniziere äffisch und es höre sich nur zufällig menschlich an. Wenn er jemandem Zeichen macht, so sind dies unbeholfene Gesten. Wenn man den gefühlvollen Blick sieht, beginnt man an seiner eigenen Einschätzungskraft zu zweifeln, statt an dem Affenstatus des Gegenübers. Man denkt dann: Tja, das ist vielleicht ein eigenartig menschenähnlicher Affe. Aber man denkt nicht: Das ist ganz bestimmt ein Mensch!«
Rico starrte, das Handy ans Ohr gepresst, zu Omga hinüber. Der steckte sich eine Gurke in die Nase. Seine äffische Erscheinung hatte sich nicht gemindert. »Man müsste also einen Menschen als Affen abstempeln? Das ist unmöglich.«
»Das dachte ich auch. Aber manchmal liegen Hinweise verborgen, zum Beispiel in der Sprache. Es ist dort nicht immer alles Metapher, was wir glauben. Weshalb glaubst du denn, gibt es den Ausdruck, jemanden zum Affen machen?«

In diesem Moment sah Rico durch die Scheibe einen kräftigen Mann im Anzug. Es war Stolzer, am Handy und mit prüfendem Blick in den Käfig. Als er Rico erblickte, verschwand das ewige Grinsen vom Gesicht. Der Politiker drehte sich um und floh.
»Es gab einmal an der Uni Göttingen so ein Fall. Nach einem Fussballspiel erschien ein Artikel in der Uni-Zeitung, der sich über einen Wissenschafter lustig machte. Er zerstörte seinen Ruf förmlich. Weshalb ist mir nicht ganz klar, aber das Opfer dieses Angriffs war seither nirgends mehr erwähnt. Es muss sich dabei natürlich nicht um einen Fall vom Zum-Affen-Machen handeln. Zufälligerweise waren die involvierten Personen aber gerade Forscher, die sich auf tierische Gentransplantation verstanden.«
»Wer hat diesen Artikel geschrieben?«
Ein raschelndes Geräusch ertönte, als der Zoologe nachschlug. »Ein gewisser Hermann Stolzer… Ist das dieser Politiker, von dem alle Welt spricht?«

Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 6.

Der schreibende Gorilla

Der Kittel lag auf dem Pult. Die grünliche Infrarotaufnahme flimmerte auf dem Bildschirm und zeigte die matten Tiere, sich wie im Fieber hin und herschleudernd, weil sie in doppelter Geschwindigkeit schliefen. Ricos Augen waren starr auf den Monitor gerichtet, ohne dass ihm klar war, was er darauf zu entdecken hoffte. Sein Gehirn rüttelte, als wäre es in einem kleinen Wagen einer Geisterbahn und schwirrte durch die verstörende Kurvenlegung mitten hinein in ein tiefes, unerschliessbares Gefühl. Er spürte eine Schlappheit in sich, zugleich ein äffisches Bedürfnis, herumzuspringen und zu schreien.
Er erhob sich rasch, packte seinen Hut und warf beim Vorbeigehen einen Blick auf seine Sekretärin. Sie nickte, als sie seinen Gesichtsausdruck erkannte, und wandte sich wieder ihrem Browsergame zu. Was folgte, würde sie verschweigen und niemandem weitererzählen. Rico stieg in seinen Wagen und kurvte die Greifenstrasse 42 an, die im anderen Viertel der Stadt lag. Unterwegs bedrückte ihn ein Wallen in den Lenden und er stiess es mit zusammengepressten Lippen in sich zurück.

Er klopfte an, David öffnete ihm. David war ein anständiger Mann, freundlich und zurückhaltend. Man war geneigt, die ausgesprochen bleiche Hautfarbe und seine Magerkeit seinem Beruf zuzuschreiben. David war Wächter des Leichenschauhauses. Er schien Rico, der ihm hier alle paar Wochen einen Besuch abstattete, für dessen innere Qual zu bemitleiden. Er hatte viel Verständnis für die krankhaften Anwandlungen des Detektivs und duldsam, fast in religiöser Andacht, half er ihm. Er liess Rico ins Leichenschauhaus ein, aber nur unter der strengen Bedingung, dass er die Körper nicht anrührte und sie nur betrachtete. Rico, dankbar, schlug Plane um Plane zurück und musterte die Menschen. Er suchte besonders die toten Frauen, möglichst unter sechzig, auch wenn es von ihnen nicht viele gab — zum Glück, wie er ja auch fand, er fand das ja auch… Sein Atem wurde flach, während er die bläulichen Gesichter betrachtete, diese liebevoll-unbehändig schlabbrigen Muskeln. Die Körper waren in einer ausserirdischen Schönheit hergerichtet und ihre Leblosigkeit, das völlige Nicht-Atmen der Brustkörbe, verbarg einen Begriff der Ewigkeit in sich. Es schien Verderbnis und Göttlichkeit, losgelöst vom irdischen Zwang zu atmen, zugleich: Es waren die Statuen von Engeln. Sein Blick wanderte in gieriger Andacht über die Kadaver, wühlte in ihren Sehnen, fuhr durch ihr frisch gewaschenes Haar und glitt über ihre glatten, entspannten Gesichtszüge, doch er hielt seine Hände streng bei sich. David hatte sich höflich ein wenig abgewandt und bahrte einen frischen Ankömmling auf. Er liess, wenn auch nicht ohne ein Schaudern, Rico walten.

Unversehens versteinerten beide. Ein Geräusch in der Halle. Wie das Rollen von Rädern. Sie fuhren herum. Der Kickboardverfolger stand dort, über eine Bahre gebeugt, als er sie plötzlich gewahrte. Hastig nestelte er an der Leiche herum und flüchtete auf seinen flinken Rädern wieder davon, bevor Rico und David zu der Leiche stürzten. Ihr waren beide Füsse und Unterschenkel abgetrennt worden. Aber unter dem einen Knie war noch ein grösserer Stummel geblieben. Dieser Stummel war völlig behaart, ekelhaft pelzig, so dass sie sich nicht trauten, ihn anzufassen. Prüfend zog David die Plane vom Kopf und Rico zuckte zusammen. Es war das blaue Gesicht von Frau Schiefenthal.

Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 5.

Der schreibende Gorilla

Rico besuchte einen alten Freund aus der Schule. Er war Zoologe, ein vorsichtiger, feiner Mann, der immer ein wenig eingeschüchtert schien, wenn der massige Detektiv mit seiner Wildheit die sorgsam eingerichtete Wohnung betrat.
»Es ist unmöglich. Affen kann man so nicht abrichten, wenn man nicht direkt im Kontakt mit ihnen steht. Ausserdem… Leibesertüchtigung. Ein so altmodisches Wort… so vielsilbig. Das macht alles überhaupt keinen Sinn.«
Rico streckte sich, warf dabei fast einen holzgeschnitzten Elefanten zu Boden und entschuldigte sich dafür. Dann brummte er: »Weisst du, das zerbricht mir wirklich den Kopf. Der Zoo hat die Lösung wohl längst aufgegeben und vertuscht den Fall, um vor Beschwerden gefeit zu sein. Aber dieser Affe… ich sehe ihn manchmal an und er sieht mich an. Und ich frage mich, ob er nicht auch Detektiv ist.« Rico lachte falsch, als ob er es witzig gemeint hätte. »Weisst du… was ich meine?«
Der Zoologe bedachte ihn mit einem Stirnrunzeln.

Den Kickboardverfolger entdeckte er auf einer Brücke. Stolzer, am Telefon und mit einer Aktentasche in der Hand, sein breites Lächeln unter der Sonnenbrille, hastete vorwärts und der Verfolger musste ein hohes Tempo halten, um ihn nicht gleich zu verlieren. Rico wartete hinter einem Baum, wohlwissend, dass er den Verdächtigen nicht einholen könnte. Lieber lockte er ihn in den Hinterhalt. Als er vorbeirollte, sprang der Detektiv hervor und warf sich auf den Fahrer. Der fiel hin und jaulte auf. Doch Rico hatte ihn nicht ganz erwischt und hielt unversehens nur noch ein Stück Stoff in der Hand, das der Fahrer abgestreift hatte. Dieser sprang zurück auf sein Kickboard und fuhr weiter. Rico fluchte meisterlich und begutachtete den erhaschten Mantel. Es war ein Laborkittel.

Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 4.

Der schreibende Gorilla

»Wissen Sie, eigentlich ist mir das völlig lästig«, sagte Stolzer. Rico, mit ein wenig zu übertriebener Neugierde, betrachtete, vorgebeugt, das strahlende Lächeln auf dem Gesicht des jungen Politikers. Er war um die Vierzig, trug einen teuren Anzug, der wie angegossen schien, und bewahrte auch jetzt, im kleinen Konferenzräumchen, vor dem Hunderte von Fotografen auf die Pressemitteilung warteten, völlige Ruhe. Sein Lächeln war eingraviert und von jeder menschlichen Emotion entrückt. Selbst die Augenringe, die vom alltäglichen Trubel des erfolgreichen und aufstrebenden Politikers rührten, aber wohl auch durch die Plagiatsaffäre, die ihn zugleich belastet und sekundenschnell berühmt gemacht hatte, verstärkt worden waren, entsprachen nur sanften Linien, die dem braungebrannten Gesicht ein wenig Charisma verliehen. Er sah entspannt aus und vermutlich war er es wirklich. Seit seine politische Feindin, Frau Schiefenthal, nicht mehr lebte, hatte sich der Plagiatsskandal von selbst gelöst und die negative Aufmerksamkeit würde sich bald gelichtet haben.

Rico, fixiert auf diese Fratze, stellte sich Omgas Gesicht vor und fragte sich, wo der Unterschied zum Menschen genau lag und wer von beiden überhaupt mehr Mensch war. Ricos zerfurchtes und teigiges Gesicht zumindest, gesellte sich eher zu Omgas als zu Stolzers Typ. Zweifellos hatten die Tage des DVD-Schauens seinen Schädel zermürbt. Der Mund stand offen, sein Blick war schummerig und er reagierte um einige beschämende Sekunden verzögert.
»Ich meine, es ist nicht so, dass ich meine Fans nicht auch irgendwie abschütteln könnte. Aber so etwas ist mir nie untergekommen.«
»Der Verfolger?«, fragte Rico.
»Ja. Er ist immer da, wenn ich aus dem Haus gehe. Er erwischt mich immer, irgendwo. Und weil er mit diesem Ding unterwegs ist, holt er mich immer ein.«
»Dem Kickboard.«
»Ja, richtig, mit diesem Kickboard fährt er mir nach, es ist ärgerlich. Ich möchte nur, dass Sie ihm ein wenig Angst einjagen oder ihn sonst irgendwie loswerden. Im Notfall seine Personalien einholen, um ihn der Polizei zu übergeben. Könnten Sie das für mich machen?«

Rico nickte. Irgendetwas stinkte da. Ein Politiker, dessen Gegnerin von heute auf morgen gestorben war, wurde von einem Stalker verfolgt, der eben diese Gegnerin erst kürzlich belagert hatte. Er musste diesen Kickboardverfolger ausfindig machen. Nicht eigentlich aus Neugierde, nicht einmal, um aus der dunklen Höhle, in der jeden Tag das Kreischen der Affen aus den Computerboxen drang, einmal verlassen zu können. Im Gegenteil, er hätte den Auftrag gerne abgelehnt und hätte sich weiter dem hypnotisierenden Anblick Omgas gewidmet. Aber ihm mangelte das Geld und Stolzer bezahlte gut.

Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 3.

Der schreibende Gorilla

Rico sass in seinem Büro, die Fenster verdunkelt. Auf seinem Bildschirm flimmerten die Videoaufnahmen aus dem Käfig. Der betreffende Gorilla hiess Omga und war ein äusserst träges, äussert dümmlich aussehendes Männchen, das obendrein noch dick war. Von Zeit zu Zeit erhob es sich schwerfällig, schwang sich zur Scheibe und fuhr mit gesammeltem Kot den Schriftzug aufs Neue ab. Es begann bei L und erreichte nach mehrmaligem Hinklatschen, Krakeln, Schmieren das G. Dann setzte es sich wieder hin und knabberte an einer Karotte.

Rico wurde besessen. Um 9 Uhr erschien er in seinem Büro und begann sich die DVDs anzusehen, ass Sandwichs und trank Wasser. Erst um 2:00 Uhr nachts ging er nach Hause, kaufte unterwegs ein Bier, trank es zügig aus und legte sich schlafen. Still, die vernarbten Finger auf die Lippen gelegt, starrte er am Tag auf den Bildschirm. Der träge Omga übte eine magische Faszination auf ihn aus. Sein Blick, der manchmal, als wüsste er, was es war, zur Überwachungskamera glitt, war trüb und verklärt zugleich, sein Mund schien immer zu kauen, selbst wenn er schlief, und mit den Mitinsassen trat er so selten wie möglich in Kontakt. In unregelmässigen Abständen, ohne ersichtlichen Auslöser, schlurfte er wieder zur Scheibe und schrieb »Leibesertüchtigung« an die Wand. Rico kam nicht umhin, in ihm etwas Menschliches zu sehen, und obwohl er wusste, dass er dem gleichen, lächerlichen Fehler erlag, dem auch die Kinder mit den speckigen Fingern, die die Tiere analysierten, unterlagen, konnte er nichts dagegen unternehmen. Er sah diese Tiere als Menschen und musste sich mit Omga vergleichen. Um ganz ehrlich zu sein: Omga war ihm viel zu ähnlich. Er musterte den riesigen Gorilla, seine kräftige Statur mit den schlaff herabhängenden Armen und hatte dabei das Gefühl einem grossen Geheimnis ansichtig zu werden. Es war, als läge in diesem Geschöpf etwas Tieferes, worum er sich nie gekümmert hatte, das ihn aber auf einmal erschlug und unausweichlich in die tiefsten Fragen stürzte. Was ging dem Tier nur durch den Kopf, wenn es ein Wort wie Leibesertüchtigung schrieb? Was lag in diesen wässrigen, winzigen, mit Verschwinden drohenden Knopfaugen, die die Kamera fixierten? Was war überhaupt der signifikante Unterschied zwischen seinem Leben als Detektiv, der untertags im Auto lauerte oder im Bürosessel hing, und dem Dasein eines schlummernden Silberrückengorillas?

Wie der Zoo überprüft hatte, handelte es sich nicht um bestimmte Duftnoten oder ähnliche Präparate, mit deren Hilfe der Gorilla dazu gebracht worden war, die Buchstaben zu zeichnen. Auch die Stiernackigkeit, mit der er immer wieder von vorne begann, widersprach dieser Vermutung. Eine Dressur war ganz ausgeschlossen. Rico sah auf den Bändern, wie selten er mit Menschen in Kontakt trat und wie wenig Achtung er vor ihnen hatte. Ausserdem machte keiner der Tierpfleger einen Versuch, ihn abzurichten. Der Affe war seit zehn Jahren im Besitz des Zoos und hatte nie Auffälligkeiten gezeigt. Jede weitere Möglichkeit, der Sache auf den Grund zu gehen, blieb auf das Videomaterial beschränkt.

Rico hatte eine ganze Woche ungestört im verdunkelten Büro verbracht, als zum ersten Mal das Telefon klingelte. Seine letzte Auftraggeberin, Frau Schiefenthal, hatte sich in einem Zeitungsbericht öffentlich blossgestellt, erklärte ihm seine Sekretärin. Sie hatte mit verrückten Anschuldigungen um sich geworfen und sie mit peinlichen Anekdoten aus ihrem Leben angereichert. Alles in allem eine Art rufliche Selbstkasteiung, beschämend in jedem Nebensatz, die man nur mit Verrücktheit erklären konnte. Zwei Tage später, Rico sass immer versunkener vor Omgas Videos, doppelte die Sekretärin nach. Man hatte Frau Schiefenthal umgebracht.

Rico legte auf und starrte auf den pausierten Bildschirm, wo sich Omga gerade fläzte. Es hätte ihm leid tun sollen für die Verrückte und er hätte sich schämen sollen, dass er ihren Auftrag einfach so im Stich gelassen hatte, wenngleich er sicher nicht schuld an ihrem Tod hatte. Aber alles, was er empfand, war Bestürzung darüber, dass ihm schon wieder ein Honorar ausbleiben würde. Denn Tote hatten noch selten Detektive bezahlt.

Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 2.

Der schreibende Gorilla

Der Wärter stiess die grosse Glastür auf.
»Sie müssen es sich mit eigenen Augen ansehen.«
Sie streiften durch das Affengebäude. Lemuren unterbrachen ihr Lausen, sprangen ans Gitter, rüttelten und keiften, als Rico vorbeiging.
»So etwas hat es noch nie gegeben. Wir können es uns nicht erklären… und wissen offengestanden auch nicht, wo wir anfangen sollten. Die Polizei nimmt solche Fälle nicht ernst genug. Wir haben uns gefragt, ob wir Wissenschafter fragen sollten. Aber die nehmen die Sache wieder zu ernst — und würden uns wohl kaum weiterhelfen.«
»Worum gehts denn?«
Der Wärter blieb stehen. Sie waren vor dem Gorilla-Käfig gelandet, auf einer Seite balgten sich Kapuziner. Panzerglas trennte die beiden von den dösenden, manchmal müde torkelnden Gorillas. »Was ist jetzt?«, fragte der Detektiv mit brummender Stimme. »Bringen Sie mich nicht irgendwo hin?« Er dachte dabei an einen Tatort, verschmiertes Blut auf klinisch-weissen Kacheln, brutale Gerätschaften unverständlicher Natur, die aus veterinären Einrichtungen stammten und die in kalten Körpern steckten, oder wenigstens ein auseinandergerissenes Höschen auf einem einsamen Bürotisch. Der Wärter wies schweigend auf den Gorillakäfig.
Erst hätte man gedacht, es handle sich um Dreck, der an der Scheibe klebte. Doch bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass die Spur von Kot und Stroh, die an der Wand prangte, Schriftzeichen darstellte. Es war dort ein Wort geschrieben, spiegelverkehrt, verzerrt und auf Hüfthöhe, als hätte es ein Affe hingekrakelt. Der Wärter nickte, als er seinen Blick erriet.
»Es muss ein Silberrücken gewesen sein, es gibt gar keine andere Möglichkeit.«
Doch was ihn fast noch mehr erschreckte als die Tatsache eines schreibenden Gorillas, war das Wort, das sich am aufwändigen Schriftzug ablesen liess. Rico zog die Jacke etwas enger zu, weil ihm plötzlich kalt wurde, und rückte den Krempenhut tiefer in die Stirn. An der Scheibe stand in grossen, schmutzigen Lettern ein Ausdruck, den er unweigerlich vor sich hinmurmelte: »Leibesertüchtigung.«
Wieder blickte er den Wärter an. Dieser zuckte ratlos mit den Achseln.