Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 4.

von Cedric Weidmann

Der schreibende Gorilla

»Wissen Sie, eigentlich ist mir das völlig lästig«, sagte Stolzer. Rico, mit ein wenig zu übertriebener Neugierde, betrachtete, vorgebeugt, das strahlende Lächeln auf dem Gesicht des jungen Politikers. Er war um die Vierzig, trug einen teuren Anzug, der wie angegossen schien, und bewahrte auch jetzt, im kleinen Konferenzräumchen, vor dem Hunderte von Fotografen auf die Pressemitteilung warteten, völlige Ruhe. Sein Lächeln war eingraviert und von jeder menschlichen Emotion entrückt. Selbst die Augenringe, die vom alltäglichen Trubel des erfolgreichen und aufstrebenden Politikers rührten, aber wohl auch durch die Plagiatsaffäre, die ihn zugleich belastet und sekundenschnell berühmt gemacht hatte, verstärkt worden waren, entsprachen nur sanften Linien, die dem braungebrannten Gesicht ein wenig Charisma verliehen. Er sah entspannt aus und vermutlich war er es wirklich. Seit seine politische Feindin, Frau Schiefenthal, nicht mehr lebte, hatte sich der Plagiatsskandal von selbst gelöst und die negative Aufmerksamkeit würde sich bald gelichtet haben.

Rico, fixiert auf diese Fratze, stellte sich Omgas Gesicht vor und fragte sich, wo der Unterschied zum Menschen genau lag und wer von beiden überhaupt mehr Mensch war. Ricos zerfurchtes und teigiges Gesicht zumindest, gesellte sich eher zu Omgas als zu Stolzers Typ. Zweifellos hatten die Tage des DVD-Schauens seinen Schädel zermürbt. Der Mund stand offen, sein Blick war schummerig und er reagierte um einige beschämende Sekunden verzögert.
»Ich meine, es ist nicht so, dass ich meine Fans nicht auch irgendwie abschütteln könnte. Aber so etwas ist mir nie untergekommen.«
»Der Verfolger?«, fragte Rico.
»Ja. Er ist immer da, wenn ich aus dem Haus gehe. Er erwischt mich immer, irgendwo. Und weil er mit diesem Ding unterwegs ist, holt er mich immer ein.«
»Dem Kickboard.«
»Ja, richtig, mit diesem Kickboard fährt er mir nach, es ist ärgerlich. Ich möchte nur, dass Sie ihm ein wenig Angst einjagen oder ihn sonst irgendwie loswerden. Im Notfall seine Personalien einholen, um ihn der Polizei zu übergeben. Könnten Sie das für mich machen?«

Rico nickte. Irgendetwas stinkte da. Ein Politiker, dessen Gegnerin von heute auf morgen gestorben war, wurde von einem Stalker verfolgt, der eben diese Gegnerin erst kürzlich belagert hatte. Er musste diesen Kickboardverfolger ausfindig machen. Nicht eigentlich aus Neugierde, nicht einmal, um aus der dunklen Höhle, in der jeden Tag das Kreischen der Affen aus den Computerboxen drang, einmal verlassen zu können. Im Gegenteil, er hätte den Auftrag gerne abgelehnt und hätte sich weiter dem hypnotisierenden Anblick Omgas gewidmet. Aber ihm mangelte das Geld und Stolzer bezahlte gut.