Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 7.

von Cedric Weidmann

Der schreibende Gorilla

Omga warf ihm einen Stock zu. Rico nahm ihn in die Hand und prüfte ihn. Es war ein normaler Stecken. Hatte er ihm etwas mitteilen wollen? Er versuchte sich ihm zu nähern, doch der Silberrücken bäumte sich auf und fletschte die Zähne. Das wulstige Zahnfleisch leuchtete himbeerfarben hervor. Rico blieb stehen und richtete den Blick stattdessen durch das Fenster. Der Schriftzug Leibesertüchtigung war nur noch schattenhaft zu erkennen, denn sie putzten ihn regelmässig. Darunter aber stand noch ein neues Wort, mit dem sich die Tierwärter abmühten. Maisbirne. Hinter dem Glas standen Familien, die auf die Affen und den Detektiv zeigten. Sie lachten dort und assen ihre ausgebreiteten Picknicks.

Wenn es nicht so gruselig und verstörend gewesen wäre, es wäre eine Sensation geworden. Ein Affe in Gefangenschaft hatte zwei verschiedene Wörter geschrieben. Von selbst. Und erst noch solche, die man im Lexikon nachzuschlagen brauchte. Maisbirne war ein Trainingsgerät für Boxkämpfer. Der Zoo war ratlos.

Rico hatte die Chance genutzt und verlangt, eingeschlossen zu werden. Man hatte lange gezögert und schliesslich nachgegeben. Als eine Art Wissenschaftsprojekt verbrämt, sass er jetzt in der Ecke des Käfigs und beobachtete das Tier. Er musste wie Omga werden, um zu verstehen, was Omga dachte. Diese Wörter mussten eine tiefere Bedeutung haben. Der Gorilla wollte etwas mitteilen. Davon war Rico noch überzeugter, seit er das zweite Wort gelesen hatte. Der Silberrücken hatte irgendwas mit Sport zu tun… Es war nur nicht leicht zu sagen, was genau.

Er warf Omga einen brüderlichen Blick zu. Dieser erhob sich steif, schlurfte auf ihn zu und versetzte ihm, zur Begeisterung der Zuschauer, einen Leberhaken. Während sich Rico noch am Boden wand, klingelte sein Telefon. Er zückte es und entfernte sich so weit wie möglich von Omga.
»Ich habe noch einmal darüber nachgedacht und recherchiert.« Es war der Zoologe. »Ist es möglich, dass der Affe so menschliche Züge hat, ist er vielleicht gar ein Mensch? Das hast du mich gefragt und es ist eine wirklich verzwickte Frage. Die Antwort lautet: Vermutlich.«
»Es ist möglich? Wie?«, fragte Rico, während er Omga funkelnde Blicke zuwarf und durch den Schmutz stapfte.
»Das ist mir auch nicht so recht klar. Es müssten zweifelsfrei chemische Prozesse am Werk gewesen sein, um eine solche Umgestaltung zu ermöglichen. Dazu bedarf es einiger Genkodierungen, die man — so glaubte ich — noch nicht kennt. Aber die Forschung ist rasch und man ist sich natürlich nie sicher, was passiert ist.«
»Aus einem Menschen ein Gorilla machen? Chemisch?«
»Das reicht natürlich noch lange nicht«, antwortete der Zoologe. »Es braucht ein wichtiges, neues Element. Es braucht erst die Überzeugung der Umwelt, dass jemand ein Affe ist. Verstehst du? Wenn man erwartet, jemand sei ein Mensch, dann fallen einem eigenartige, tierhafte Züge, zum Beispiel Bewegungen, nicht auf. Man hält sie für kleine Besonderheiten. Wenn man es umgekehrt schafft, dass die Umstehenden einen Menschen für einen Affen halten, so können die menschlichen Eigenschaften, die er hat, immer mehr heruntergebrochen und als Affenmerkmale erklärt werden. Wenn er spricht, sagt man, er kommuniziere äffisch und es höre sich nur zufällig menschlich an. Wenn er jemandem Zeichen macht, so sind dies unbeholfene Gesten. Wenn man den gefühlvollen Blick sieht, beginnt man an seiner eigenen Einschätzungskraft zu zweifeln, statt an dem Affenstatus des Gegenübers. Man denkt dann: Tja, das ist vielleicht ein eigenartig menschenähnlicher Affe. Aber man denkt nicht: Das ist ganz bestimmt ein Mensch!«
Rico starrte, das Handy ans Ohr gepresst, zu Omga hinüber. Der steckte sich eine Gurke in die Nase. Seine äffische Erscheinung hatte sich nicht gemindert. »Man müsste also einen Menschen als Affen abstempeln? Das ist unmöglich.«
»Das dachte ich auch. Aber manchmal liegen Hinweise verborgen, zum Beispiel in der Sprache. Es ist dort nicht immer alles Metapher, was wir glauben. Weshalb glaubst du denn, gibt es den Ausdruck, jemanden zum Affen machen?«

In diesem Moment sah Rico durch die Scheibe einen kräftigen Mann im Anzug. Es war Stolzer, am Handy und mit prüfendem Blick in den Käfig. Als er Rico erblickte, verschwand das ewige Grinsen vom Gesicht. Der Politiker drehte sich um und floh.
»Es gab einmal an der Uni Göttingen so ein Fall. Nach einem Fussballspiel erschien ein Artikel in der Uni-Zeitung, der sich über einen Wissenschafter lustig machte. Er zerstörte seinen Ruf förmlich. Weshalb ist mir nicht ganz klar, aber das Opfer dieses Angriffs war seither nirgends mehr erwähnt. Es muss sich dabei natürlich nicht um einen Fall vom Zum-Affen-Machen handeln. Zufälligerweise waren die involvierten Personen aber gerade Forscher, die sich auf tierische Gentransplantation verstanden.«
»Wer hat diesen Artikel geschrieben?«
Ein raschelndes Geräusch ertönte, als der Zoologe nachschlug. »Ein gewisser Hermann Stolzer… Ist das dieser Politiker, von dem alle Welt spricht?«